28. Jahrgang | Nummer 13 | 28. Juli 2025

Dante und Mozarts Librettist da Ponte

von Gerhard Müller

Ich begegnete Dante im Frühjahr 1974 in Florenz, als die Berliner Staatsoper dort mit Paul Dessaus gerade uraufgeführter Oper „Einstein“ gastierte. Mit Karl Mickel, dem Librettisten, schlenderte ich durch die Stadt, und plötzlich fanden wir uns vor einen ärmlichen Häuslein, geduckt und versteckt zwischen Palästen, an der gelb getünchten Wand eine Marmorplatte: „Casa di Dante“. Uns stockte der Atem. „Wir gehen auf heiligem Boden“, sagte Mickel. Hier wurden die unsterblichen Terzinen der „Divina Comedia“ gedichtet, mit denen Dante sein wüstes Zeitalter verfluchte und sein Vaterland pries.

An den Kirchentüren verkündigen Anschläge sonntägliche „Dante-Vorlesungen“. Von dem Dichter Ossip Mandelstam, der mit Dante das Schicksal der Verbannung teilte, wird erzählt, dass er in den eisigen sibirischen Gulag-Nächten am Lagerfeuer Dantes „Divina Comedia“ rezitierte und Stalin verfluchte:

 

„Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum […]

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten […].“

(Übersetzung: Karl Witte)

 

Lied und Fluch sind die beiden Pole in Dantes Dichtung. ihre fiktive Musik ist das Lied der provençalischen Troubadoure.. Die jenseitige Welt, die Dante schildert, ist von korrupten Politikern und betrügerischen Bankiers bevölkert. In der Hölle finden sie sich wieder und werden mit Namen genannt. Den Verlust der florentinischen Bürger- und Volksherrschaft im 14. Jahrhundert beschreibt Dante als Verbrechen wider die kosmische Gottesordnung. Doch das Ziel der Höllen- und Himmelswanderung Dantes heißt Beatrice. Dante begegnete ihr zuerst in einer Kirche, dem klassischen Ort für Rendezvous und Liebeshändel. „Ein Weib ist droben, das uns Gnad erwirkt. Ihr ist alles zu verdanken“, ruft er einer Schar von Büßern im „Fegefeuer“ zu. Wenn am Ende der Wanderung durch das Fegefeuer Beatrice wirklich vor ihm erscheint, empfindet er wieder „der alten Liebe mächtige Gewalt“ und erkennt in der Wallung seines Blutes „der alten Flammen Spuren“. Beatrice ist in Grün, Weiß und Rot und gekleidet, den italienischen Nationalfarben.

Die erste Begegnung zwischen Beatrice und Dante ereignet sich in einer Szenerie, die an Mozarts „Zauberflöte“ erinnert. Dante muß, bevor er in das irdische Paradies gelangt, die Feuerprobe bestehen und das Fegefeuer durchschreiten. Das gleiche wird Tamino auferlegt: Mozarts Theater ist nach dem 27. Gesang des „Purgatorio“ gebildet: „Das Theater verwandelt sich in zwey große Berge; in dem einen ist ein Wasserfall, worin man sausen und brausen hört; der andre speyt Feuer aus; jeder Berg hat ein durchbrochenes Gegitter, worin man Feuer und Wasser sieht; da, wo das Feuer brennt, muß der Horizont hellroth seyn, und wo das Wasser ist, liegt schwarzer Nebel“, heißt es beim Librettisten Lorenzo da Ponte.

Danach öffnet sich dem Blick eine wundervolle Landschaft, aus der Dante die Liebesmusik des „dolce stil nuovo“ entgegentönt, des „süßen neuen Gesangs“, wie ihn die Romanisten nennen. Doch der Jubel geht in eine Klage über. „Der Engel Chor begann den Psalm ‚Auf dich, Herr, traue ich zu singen, doch weiter nicht, als bis ‚stellest meine Füße‘“. Das ist der 31. Psalm Davids, ein Notschrei des Dichters, der aus Florenz verbannt, seiner Güter beraubt und dreimal zum Tode verurteilt wurde. In dem angedeuteten Psalm heißt es: „Herr, auf dich traue ich, laß mich nimmermehr zuschanden werden! Eilends hilf mir! Ich bin fröhlich und freue mich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst […] und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes. Und stellest meine Füße auf weiten Raum.“

Das kannte die Renaissance-Musik noch nicht – die Polyphonie gegensätzlicher Gefühle, wie Freude und Trauer, Liebe und Verzweiflung, Angst und Hoffnung. Musik verstanden die antiken Philosophen anders, als eine mathematische Gotteswissenschaft. Bei Dante wird daraus eine wirkliche, auf Gefühlen und Leidenschaften dahinschwebende religiöse Klanggestalt, an der alle Menschen teilhaben und mitwirken. Der Kirchengesang, der Tanz, die Lieder kommen auf die Straßen und Märkte. Als erster begegnet uns in seinem „Inferno“ der Franzose Bertran de Born, der seinen abgeschlagenen Kopf wie eine Lampe vor sich hertragen muss, weil er die ritterliche Kriegstüchtigkeit und die blutige Schlacht, nicht aber die Liebe und den Frieden gerühmt hatte. Wir begegnen Guido Guinizelli aus Bologna, den Begründer des „süßen neuen Stils“, und Arnaut Daniel, der sich in provençalischer Sprache vorstellt – „Ieu sui Arnautz que plor e vau cantan“. („Ich bin Arnaut, der weint und singend geht.“) Karl Mickel zitiert das in seinem „Gegensonett“ von 1965: „Ich war der Mann, der weint und singend geht“ und setzt fort: „Singend was? Der Finsternis Geschichte […]“, die Geschichte unserer Zeit. Im 24. Gesang des „Purgatorio“ trifft Dante auf eine andere verdammte Seele, die fragt ihn, ob er der Dichter der berühmten Kavatine Donne, ch’avete inteletto d’amore („Frauen, ihr, die ihr den Verstand der Liebe habt“) sei, die mit den Worten beginne

 

„Frauen, die ihr von der Liebe Kenntnis habt,

Ich will mit euch von meiner Herrin singen […].“

 

Was Dante bejaht. Wir kennen das allzu gut aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“, als die Cavatine des verliebten Cherubino. Der Librettist da Ponte hat diese Worte „zitiert“:

 

„Sagt, holde Frauen,die ihr sie kennt,

sagt, ist es Liebe, was hier so brennt […].“

 

Da Ponte war ein profunder Dante-Kenner, der die „Divina Comedia“ auf dem Schreibtisch liegen hatte, als er seine Libretti für Mozart schrieb. Dantesche Motive finden sich in mehreren Mozart-Opern: die Höllenfahrt im „Don Giovanni“, die Boccaccio verpflichtete Novelle vom Frauentausch in „Cosi fan tutte“ und schließlich die Wasser- und Feuerprobe und die Sonnen-Symbolik in der „Zauberflöte“. „Das ganze Theater verwandelt sich in eine Sonne“, verlangt das Libretto, „die „Strahlen der Sonne […] zernichten der Heuchler erschlichene Macht.“ Das war unmißverständlich – Robespierre in Wien. Unsere Theater aber spielen das blindlings weiter als eine private Love Story.

Die „Göttliche Komödie“ schließt mit den Worten:

 

„[…] Schon aber folgten Will‘ und Wünschen gerne

der Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.“

 

In verwegener Auslegung ließen sich die drei da-Ponte-Opern als eine Theatralisierung der „Göttlichen Komödie“ lesen: „Don Giovanni“ als das „Inferno“, „Cosi fan tutte“ als das „Purgatorio“, „Die Zauberflöte“ als das „Paradiso“.

Nicht nur Dantes „süßer Stil“ ist in Mozarts Musik wieder erstanden, sondern auch das demokratische Pathos der Renaissance. Die Sonne ist das Zentralgestirn der Humanität, und die „Kriegstüchtigkeit“ wurde, anders als heute, nirgends gerühmt.