28. Jahrgang | Nummer 4 | 24. Februar 2025

Rilke im Fokus

von Mathias Iven

Zu den für die deutschsprachige Literaturwelt wichtigen Jubiläen von Thomas Mann (150. Geburtstag), Anna Seghers (125. Geburtstag) oder Mascha Kaléko (50. Todestag), um nur ein paar herauszugreifen, gehört in diesem Jahr ohne Zweifel der sich am 4. Dezember zum 150. Mal jährende Geburtstag von Rainer Maria Rilke. Grund genug, dessen Leben und Werk einer neuerlichen kritischen Betrachtung zu unterziehen. Empfohlen seien in diesem Zusammenhang zwei soeben veröffentlichte Biographien, die beide, jede in ihrer Art, unbedingt lesenswert sind.

Da ist zum einen die Darstellung von Sandra Richter, amtierende Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, das seit Ende 2022 Rilkes Nachlass beherbergt. Neben biographischen Materialien, Fotografien und bisher unbekannten Zeichnungen gehören dazu unter anderem mehr als 10.000 handschriftliche Seiten mit Werkentwürfen und Notizen und etwa 8.800 Briefe von und an Rilke. Schon eine erste Sichtung dieses umfangreichen Konvoluts hat gezeigt, dass sich durch die Erschließung einige neue beziehungsweise bislang nicht genügend ausgelotete Forschungsfelder auftun werden. So verweist Richter auf die wenig bekannte Beziehung zum „Prager Kreis“ um Brod, Werfel und Kafka. Dass Rilke, wie es Lou Andreas-Salomé ausgedrückt hat, von einem Gefühl „beirrender Doppelgeschlechtlichkeit“ beherrscht wurde, dürfte vor allem für die Genderforschung von Interesse sein. Danach gefragt, erklärte Richter in einem Interview: „Er selbst nahm sich – auch – als doppelgeschlechtlich wahr und begriff diesen Zustand als Kreativitätsimpuls.“

Der Literaturhistoriker Manfred Koch geht in seiner Biographie gleichfalls auf diese Empfindung „der verunsichernden Nicht-Identität“, respektive der „fluiden Geschlechtlichkeit“ ein. Anders als Richter, damit aber nicht weniger aufschlussreich, orientiert sich Koch vorrangig an Rilkes umfangreicher, bereits gedruckt vorliegender Korrespondenz. Die biographische Erzählung wird dabei regelmäßig mit exemplarischen Interpretationen und Kommentaren zu einzelnen Gedichten und Prosastücken verknüpft.

Schauen wir uns die beiden Biographien etwas genauer an.

Richter nähert sich, wie sie selbst sagt, Rilkes Leben und Werk zwar mit Respekt, aber ohne jegliche Ehrfurcht. Mit einer gelegentlich aufscheinenden, „ironisch gebrochenen Distanz“ versucht sie, „das vom Autor und von seinem Verleger errichtete Dichtermonument Rilke in ein neues Licht zu rücken und zugleich das Eigensinnige wie das Fragwürdige an Rilkes Werk zu erörtern“. Rilke, so Richter an anderer Stelle, empfand sich „als Mängelwesen, krank, überempfindlich, unterprivilegiert“. Und so schuf er sein Werk letztendlich aus dem Bedürfnis heraus, sich selbst und der Welt etwas zu beweisen. Ohne eine entsprechende Unterstützung wäre das allerdings nicht möglich gewesen.

Schon früh traten für Rilkes seelischen Halt so wichtige „Wahlmütter“ und Lehrerinnen wie Lou Andreas-Salomé und die schwedische Schriftstellerin Ellen Key in sein Leben, denen er vorbehaltlos seine Ängste und Probleme offenbarte. Der Berliner Bankier Karl von der Heydt und die Fürstin Marie von Thurn und Taxis gehörten zu einer ganzen Reihe von Mäzeninnen und Mäzenen, die nicht nur an Rilke glaubten und sich für seine Dichtkunst begeisterten. Durch ihre finanziellen und materiellen Zuwendungen schufen sie ihm den Freiraum für eine unbeschwerte Existenz und hatten zugleich Anteil am Werk. Wobei, das darf man nicht vergessen, Rilke seine Bedürfnisse nach dem schönen, seine schriftstellerische Produktivität fördernden Ambiente über alles stellte und seine Gönnerinnen und Gönner in diesem Sinne durchaus für sich instrumentalisierte. Auch der Philosoph Ludwig Wittgenstein gehörte zu Rilkes Förderern. Ließ er ihm doch im Oktober 1914 – ungenannt und vermittelt durch Ludwig von Ficker, den Herausgeber der Innsbrucker Zeitschrift Der Brenner – 20.000 Mark zukommen. In ihrem Nachwort verweist Sandra Richter im Übrigen auf die unbewusste Nähe zu Wittgensteins Werk, erkennt sie doch zu Recht: „Bei Rilke ist das Nicht-Geschriebene, Ausgelassene ebenso bedeutsam wie das Geschriebene und Überdeutliche, das Verschweigen ebenso lautstark wie das Sagen, Rufen oder Rühmen, der Nicht-Bezug so wichtig wie der Bezug.“

Mit Anton Kippenberg fand der dreißigjährige Dichter schließlich einen umsichtigen Verleger, der ihn nicht nur immer wieder finanziell entlastete, sondern zuvorderst dessen Werk ermöglichte und es der Öffentlichkeit auf eine Weise präsentierte, dass es seine besondere Wirkung entfalten konnte. Man denke nur an Rilkes erfolgreichstes, erstmals 1906 veröffentlichtes Buch Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke. Entstanden in Berlin-Schmargendorf, in der Nacht vom 5. November 1899, verkaufte sich der seit 1912 als Nr. 1 der Insel-Bücherei immer wieder neu aufgelegte Cornet allein zu Rilkes Lebzeiten 320.000 Mal.

Dem gegenüber stand Rilkes Meinung zum Wert seiner Arbeit. Im April 1903 schrieb er an Ellen Key: „Und im Innersten ist dabei etwas in mir, was gar nicht will, daß diese Bücher bekannt werden sollen; eine Sehnsucht nach dem Namenlosbleiben füllt mich aus, und ich möchte gerne verloren gehen hinter meinen Liedern wie irgendein vergangenes Volk.“ Solch ein Standpunkt war, folgt man Manfred Kochs Interpretation, keine Koketterie. Wohl eher haben wir es bei Rilke mit dem besonderen Fall eines „nicht-ichbezogenen Narzissmus“ zu tun. „Er wollte nichts für sich, sein Wohlergehen, seine Eitelkeit. Er wollte im Gegenteil die Person Rilke mit ihren privaten Glücksansprüchen geradezu auslöschen.“

Aus heutiger Sicht wäre Rilke mit dieser Einstellung ein geeignetes Objekt der psychoanalytischen Forschung, trotz oder gerade wegen der Vorbehalte, die er gegenüber dieser damals noch jungen Wissenschaft hegte. Immerhin kam es zu mehreren Begegnungen mit Sigmund Freud, dem er im Februar 1915 schlussendlich erklärte: „Öfters war ich daran, mir durch eine Aussprache mit Ihnen aus der Verschüttung zu helfen. Aber schließlich überwog der Entschluß, die Sache allein durchzumachen.“ (Näheres dazu im jüngsten Heft von Sinn und Form.)

Neben zahllosen Gedichten, Erzählungen und Briefen gehörte zu Rilkes Werk auch sein einziger, an die Biographie des norwegischen Schriftstellers Sigbjørn Obstfelder angelehnte Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Entstanden zwischen dem 8. Februar 1904 und dem 27. Januar 1910 handelt es sich nach Auffassung von Manfred Koch dabei „unübersehbar [um] ein Angst-Buch“. Koch, der seiner Biographie den Untertitel „Dichter der Angst“ gegeben hat, kommt immer wieder auf Rilkes Pariser Jahre und damit auf die Entstehungszeit des Malte zurück. Sei dies doch die Periode gewesen, in der Rilke zu einem Autor von weltliterarischer Bedeutung wurde. „Vieles, was in seinem Spätwerk nach gängiger Einschätzung ,befremdlich‘, ,dunkel‘, ,hermetisch‘ anmutet“, so Koch, „lässt sich von den Pariser Texten aus besser verstehen.“ Die Geschichte des dänischen Landedelmannes Malte Laurids Brigge, der an Paris beinahe zugrunde geht, war ein erster Versuch Rilkes, „die Angst als Grundstimmung nicht nur seines, sondern des menschlichen Daseins überhaupt zu beschwören“. Bereits im Juli 1903 hatte er gegenüber Lou Andreas-Salomé davon gesprochen, dass seine eigentliche Aufgabe das „Dinge machen aus Angst“ sei. Dem konnte Lou mit der Autorität der mütterlichen Freundin nur zustimmen: „der Dichter in Dir dichtet aus des Menschen Ängsten“.

In Paris begann Rilke zudem zu begreifen, dass das „umstandslos Gefühlige“ das Hauptproblem seiner bisherigen Lyrik war. Es war die Beziehung zu Auguste Rodin, die ihn zu einer an der Plastik orientierten Neuausrichtung seiner Poesie führte. Von nun an begriff sich Rilke, schreibt Koch, „als eine Art Bildhauer mit Worten“.

 

Nachsatz. Ein biographisch äußerst interessantes Forschungsfeld wird sich zukünftig durch die Auswertung der bislang nur in Teilen veröffentlichten Korrespondenzen Rilkes mit der Mutter und mit seiner Ehefrau Clara Westhoff eröffnen. Sandra Richter, die sich bereits eingehender mit dem Briefwechsel zwischen Rilke und seiner Frau befasst hat, schreibt dazu: „Der berühmte Mann bestritt die Bedeutung der Frau, die ihn stärker prägte, als er nachträglich wahrhaben wollte.“ Und sie führt weiter aus: „Noch 1923, nach der Fertigstellung der Duineser Elegien, galt Rilke-Westhoffs Urteil Rilke viel, und zwar, anders als üblicherweise vermutet wird: bis zum Tod.“

Rilke und die aus einer Bremer Kaufmannsfamilie stammende Westhoff lernten sich im August 1900 in Worpswede kennen. Bereits sieben Monate darauf fand die Hochzeit statt. Was den genauen Termin betrifft, so geben einige Biographen bis heute ein falsches Datum an (so auch Decker und Richter), hat doch offenbar kaum jemand Einblick in die im Staatsarchiv Bremen vorhandenen Quellen genommen.

Ende März 1901 war Rilke an Scharlach erkrankt. Clara und ihre Mutter pflegten den Bettlägerigen im Bremer Stadthaus der Familie Westhoff. In der Hoffnung auf baldige Besserung wurde am 6. April das Aufgebot bestellt, die Vermählung sollte drei Wochen später in der Lilienthaler St.-Jürgens-Kirche stattfinden. Doch aus Rücksicht auf Rilkes Gesundheit wurde die Zeremonie in Claras Elternhaus verlegt. In Anwesenheit des Standesbeamten Major a. D. Paul Wilhelm Merleker unterschrieb das Paar am Sonnabend, dem 27. April 1901, zunächst die amtlichen Papiere. Tags darauf kündigte Rilke seiner Mutter telegrafisch an: „Trauung Montag halb 4“. An diesem Nachmittag erteilte schließlich Domprediger Pastor Primarius Bernhard David Schenkel vom Bremer St. Petri Dom der Verbindung seinen Segen.

Doch das Zusammenleben gestaltete sich schwierig. Schon 1902, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, verließ Rilke Frau und Kind. Mehrmals dachte das Paar über eine Auflösung der Ehe nach. Im September 1911 schrieb Rilke an seinen Prager Anwalt: „Die Sache selbst ist nicht so schlimm wie sie sich anhört: der Wunsch ging von meiner Frau aus, und wir haben uns über denselben nicht nur auf das Freundschaftlichste geeinigt, sondern geradezu im Gefühl, daß eben dieser Schritt uns in den Stand setzen wird, einander diejenige Freundschaft zu bewahren und zu beweisen, die wir von Anfang an füreinander gehabt haben.“ Am Ende erschwerten kirchenrechtlich komplizierte Hürden die Trennung. Hinzu kam, so Sandra Richter, dass Rilke an der Familie und der Ehe festhielt, da sie ihn, „anders als oft behauptet wird, stabilisierte, jedenfalls der Idee nach“. Bis zu seinem Tod im Dezember 1926 wurde die Scheidung nie offiziell vollzogen.

 

Sandra Richter: Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben. Eine Biographie, Insel Verlag, Berlin 2025, 478 Seiten, 28,00 Euro.

 

Manfred Koch: Rilke – Dichter der Angst. Eine Biographie, Verlag C. H. Beck Verlag, München 2025, 560 Seiten, 34,00 Euro.