Bayreuth diesmal anders 

von Joachim Lange

Spätestens als die Bayreuther Festspiele 2020 abgesagt wurden, war klar, dass die Lage ernst ist. Einen Monat lang in einem zwar fabelhaft klingenden, aber altmodischen Festspielhaus ohne Klimaanlage, mit der wohl abstandsärmsten Sitzordnung, mit einem Orchestergraben, der schon unter normalen Umständen zumindest als klimatische Vorhölle gilt, und ein internationales Publikum, das schon wegen seines Durchschnittsalters überwiegend zur Corona-Risikogruppe gehört. Wenn man sich nur einen Moment lang vorstellt, es hätten sich genügend mutige oder leichtsinnige Wagnerianer gefunden, um zu solchen Festspielen anzureisen, dann wäre das wohl der Super-Hotspot schlechthin geworden. Zwar ist der 25. Juli der einzige Traditionstermin im Lande, bei dem die Kulturnation ganz bei sich selbst ist und das große Protokoll entfaltet, doch mitten im ersten Corona-Sommer war diese seit 1951 lückenlos zelebrierte Tradition der Festspieleröffnung mit Kanzlerin und ausgesuchten Staatsgästen, mit bayerischer Regierungsspitze und Promis aller Kategorien (sofern sie nicht an Wagner-Allergie leiden) und mit den treuen Fans des deutschen Großkomponisten einfach nicht aufrechtzuerhalten.

Nun sind die Richard-Wagner-Festspiele im Laufe ihrer Geschichte schon öfter ausgefallen, sogar für mehrere Jahre in Folge. Weil Richard Wagner und seine Erben das Geld nicht zusammenbekamen. Und weil der Erste und der Zweite Weltkrieg und deren Folgen es einfach nicht zuließen.

Aber seit 1951 gab es kein Wanken. Allen Querelen zum Trotz. Dass in einem ZDF-Beitrag immer noch von einstigen Familienquerelen die Rede war, sagt mehr über die abnehmende Kulturkompetenz dieses Senders als über die Wagners. Katharina Wagner ist schon längst nicht mehr nur die Nachfolgerin ihres Vaters Wolfgang, sondern die zunehmend souverän agierende, junge und für Neuerungen angemessen offene Chefin des Wagner-Unternehmens. Dass die 41-Jährige kurz vor der Premiere ihrer (nach Budapest) zweiten, mit Leipzig koproduzierten „Lohengrin“-Inszenierung in Barcelona schwer erkrankte und so das digitale Ersatz-Bayreuth nicht selbst managen konnte, ist zwar bedauerlich, hat aber nichts mit einer Krise der Festspiele zu tun, wie bei Katastrophen-Auguren zu lesen oder hören war.

Die Erwartung, während des erzwungenen Pausenjahres doch einfach die Sanierung des Festspielhauses durchzuziehen, weist der aus dem Ruhestand als zeitweiliger Geschäftsführer reaktivierte Hans Dieter Sense beim Gespräch auf dem Grünen Hügel als naiv zurück. Der in Sachen Verwaltung und diverser Baumaßnahmen versierte alte Hase der Branche verweist auf die Bausumme, die ein großes Ausschreibungsverfahren zwingend macht. In Sachen Rekonstruktion des Festspielhauses geht es planmäßig voran. Die sichtbare Erneuerung der Fassade und die unsichtbaren, aber notwendigen Brandschutzmaßnahmen sind schon realisiert. Sense sagt, dass das Publikum aus dem Parkett des vollbesetzten Festspielhauses schneller ins Freie gelangt als in der Deutschen Oper. Er muss es wissen, denn er war auch schon Intendant des Berliner Opernhauses. Auch für die Ränge habe man eine Lösung gefunden. Aber die Elektrik auf dem Grünen Hügel hat Museumswert und auch die Lüftung muss erneuert werden. Wohlgemerkt: die Belüftung. Eine Klimaanlage kommt für das Haus schon deshalb nicht infrage, weil bei einem Saal dieser Größe eine Anlage ohne Nebengeräusche nicht möglich wäre. Aber das erwartet hier eh niemand, ist doch die einzigartige Akustik eins der Alleinstellungsmerkmale.

Ängstlich wirkt Sense im Gespräch nicht – eher verhalten optimistisch, was den Umgang mit der Pandemie betrifft. Der Einnahmeverlust durch den Ausfall 2020 ist zwar erheblich, aber nur deutlich weniger als ein Drittel der Kartenbesitzer haben sich ihr Geld zurückgeben lassen. Ein Teil hat das Geld gespendet, der Rest hat sich seine Karten für später gutschreiben lassen. Dem Saisonbetrieb Bayreuth sind aber nicht nur Einnahmen weggebrochen, es entstehen ihm auf der anderen Seite auch keine Kosten. Orchester, Chor und Künstler werden eh auf Zeit engagiert. Die fixen Kosten kann man stemmen.

Bleibt der Corona-Ausnahmezustand vom alljährlichen Ausnahmezustand für den Grünen Hügel, Bayreuth und die Wagnerwelt. Als Sense sich entschloss, der Bitte zu Katharinas Vertretung nachzukommen, habe für ihn festgestanden, dass es zur eigentlich vorgesehenen Eröffnung mit den „Meistersingern“ am 25. Juli um 16 Uhr trotz allem irgendetwas live geben müsse.

Heraus kam ein Konzert mit Wagnerhäppchen bei Richard daheim. Musiziert wurde im Salon, am Wagnerflügel und mit einem 14-köpfigen Festspielorchester unter Leitung von Musikdirektor Christian Thielemann. Für 400 Gäste hatte man auf den Wiesen neben der Zufahrt zur Eingangspforte der Villa Wahnfried in sicherer Distanz Klappstühle aufgebaut. Auf zwei Großleinwände wurde übertragen, was drinnen in Wagners Salon musiziert wurde. Es begann genau 16 Uhr – so wie sonst die Vorstellung oben auf dem Grünen Hügel – mit dem durchaus doppelsinnig gemeinten „Fanget an“ des Ritters Stolzing aus den „Meistersingern“. Natürlich mit dem seit Jahren amtierenden Bayreuther Stolzing Klaus Florian Vogt. Zu ihm gesellte sich bei dieser kurzen Reminiszenz an die eigentlich geplante Eröffnungsvorstellung Camilla Nylund. Sie ist dort wie hier seine Eva. Begleitet wurde die Szene aus dem II. Aufzug von Jobst Schneiderat am Klavier. Irgendwann bemerkten die Tontechniker, dass Vogt im Freien viel zu leise rüberkam. Beim folgenden Siegfried-Idyll ging es in die genau andere Richtung. Was man jetzt im Garten zu hören bekam, war schlichtweg rekordverdächtig. Mehr ein Auferstehungsidyll, das in Richtung Götterdämmerung driftete und vielleicht Tote erwecken sollte, als das liebevolle Ständchen Richards zur Geburt seines Sohnes Siegfried, das er seiner Cosima zum 33. Geburtstag darbrachte. Eine Leistungsschau für Übertragungstechnik ins Freie war das jedenfalls nicht.

Im Saal muss und wird das anders geklungen haben. Denn das Mini-Festspielorchester dirigierte Thielemann, der bekanntlich genau weiß, wie Wagner geht. Bei den Wesendonck-Liedern, mit denen Camilla Nylund das Konzert abrundete, ließ man sich den Freiluftklang in seiner opulenten Pracht dann gerne gefallen. Vogt und Nylund dürften selbst nicht bemerkt haben, dass sie auf der Leinwand meist eine Stange vorm Gesicht hatten. Auch dass ausgerechnet einer der Übertragungswagen neben dem Wahnfried-Garten ein nerviges Störgeräusch beisteuerte, gehört wohl in die Rubrik „wenn wir die Spitzentechnik schon nicht haben, dann soll man sie wenigstens hören“.

Sei’s drum – hier ging es eh nicht zuallererst um die große Kunst. Es war ein sonniger Nachmittag, der mit seinem guten Willen gleichwohl den Phantomschmerz ins Bewusstsein hob, unter dem die Wagnergemeinde in diesem Sommer leidet. Das „Fanget an“ war also mehr ein „Wir sind noch da und uns fehlt etwas“! Das gilt für alle Beteiligten. Und sicher auch für die, die gar nicht erst nach Bayreuth kamen.

Für die gibt es immerhin das eine oder andere digitale Trostpflaster. Allerdings mit einem Wermutstropfen. Im Jahr, in dem eigentlich der neue „Ring“ von Jungregisseur Valentin Schwarz vorgesehen war, wäre Frank Castorfs Ring-Version als Stream der Clou gewesen. Doch diesen viel diskutierten Ring gab es „nur“ akustisch im Hörfunk auf BR-KLASSIK in einer bisher unveröffentlichten Aufnahme aus dem Jahr 2015. Allerdings mit Kirill Petrenko am Pult samt der fabelhaften Besetzung. Szenisch ist er in Kooperation mit der Deutschen Grammophon (im Bezahlmodus – 4,90 Euro pro Vorstellung) am 8., 9., 12. und 13. August in einer Aufzeichnung von 2016 unter Leitung von Marek Janowski über https://bayreuth.dg-stage.com zu sehen. Frei zugänglich ist der über dreißig Jahre alte Kupfer/Barenboim-Ring (in der Mediathek von 3sat, auf br-klassik.de und im Webauftritt der Bayreuther Festspiele). Zum Glück ist der „Jahrhundertring“ von Patrice Chéreau und Pierre Boulez als Streaming-Angebot bei BR-KLASSIK Concert (am 7. August ab 20.15 Uhr in der großen „Ring-Nacht”) zu sehen. Auch sonst lohnt der Blick auf die Homepage der Festspiele, um eine Reihe anderer Erinnerungen aufleben zu lassen und einen Einblick in die Diskussionen des „Diskurs Bayreuth“ zu bekommen.