23. Jahrgang | Nummer 7 | 30. März 2020

Wintergäste. Nachrichten von der Vogelwelt

von Erhard Weinholz

Unser Balkon, im Sommer Quelle mancher Freuden, stimmte zu Jahresbeginn eher trübselig: In den Pflanzkästen welkte dahin, was von Grün und Blüten geblieben war, in den Ecken am Hause sammelte sich dürres Laub, und vom bunten Sonnenschirm standen nur noch Fuß und Stange. Unser hölzernes Vogelhaus haben wir schon seit Jahren nicht mehr aufs Geländer gestellt, denn es wurde als Futterplatz nicht so richtig angenommen. Jetzt aber hatte meine Freundin B. eine Idee: Sie kaufte Meisenknödel, legte einen in ein Schälchen auf dem Boden, hängte einen zweiten an die Schirmstange, und seitdem ist Leben an diesem Ort.

Meisenknödel? Ja … hin und wieder schaut auch eine Meise vorbei. Ansonsten sind von früh bis spät die Spatzen am Werk. Oft sammeln sie sich in einem der Büsche nahebei und erscheinen dann scharenweise. Das Angebot reicht für alle, wir hatten also gehofft, dass sie den Menschen ein Vorbild sind und sich am Futternapf vertragen, doch es herrscht dort fast immer Streit: Spätzin B. landet neben dem Knödel am Boden, Spatz A., am weißen Kragen als solcher zu erkennen, gesellt sich ihr zu, sie pickt von links, er von rechts, doch bald passt ihm das nicht mehr, er verjagt sie mit einigen Schnabelhieben, will nun weiterfressen, wird jedoch gleich anschließend von C. weggehackt, der zeigt, wer hier die Macht hat, und sich oben auf den Knödel stellt, kurz darauf aber weiterfliegt – anscheinend hat er doch keinen richtigen Hunger … Meine Freundin B. will beobachtet haben, dass es immer die Männer sind, die die Frauen vertreiben, aber das kann ich nicht bestätigen. Spatzen leben in festen Paarbeziehungen, doch die Spätzinnen sind wählerisch, nehmen nicht jeden, und so sah ich unlängst, wie eine von ihnen einen hartnäckigen Bewerber in die Flucht schlug. Der plusterte sich zwar auf, breitete die Flügel aus, tschilpte kämpferisch, das typische Imponiergehabe also, wie man es auch von manchen Mitmenschen kennt – es half aber nichts, er musste weichen.

Trotz ihrer Streitlust lassen sich Spatzen leicht zähmen. Bei armen Leuten wurden sie früher statt des Kanari als Stubenvogel gehalten. In Gefangenschaft werden sie zehn, zwölf Jahre alt, in der freien Natur dagegen oft nur drei oder vier: Sie werden von Falken gejagt, fallen allerlei Krankheiten zum Opfer oder werden auf der Straße überfahren – es geht den Spatzen also in vielem wie den Menschen. Gemeinsam haben wir, wie uns die Vogelkundler sagen, ebenso manches bei den Hochzeitsbräuchen und beim Verhalten in der Ehe: Beim Einzug in das erste gemeinsame Nest wird die Spätzin zum Beispiel vom Spatzen mit einem dicken Regenwurm, ein paar weichen Federn oder ähnlichem Luxusgut beschenkt. Mit der auch hier üblichen Treue übertreibt man es aber nicht, ein Teil der Nachkommenschaft wird, so hat man herausgefunden, außerehelich gezeugt.

Meist bekommen wir also Spatzen zu sehen, selten eine Meise, gelegentlich mal eine Taube. Im Vergleich zu den anderen hier hat sie etwas von einer Dampfwalze an sich; die Spatzen verschwinden bei ihrem Erscheinen auch umgehend, können aber meist schon nach kurzer Zeit zurückkehren. Denn an diesen Knödeln herumzuhacken bringt den Tauben nicht viel, und spezielle Taubenknödel gibt es nicht, man soll sie ja nicht füttern. Lange Zeit haben sie von ihrem guten Ruf als Friedenssymbol gezehrt, in jedem Kindergarten lernte man das Lied von der kleinen weißen Friedenstaube. Inzwischen gelten sie als Plage, als fliegende Ratten und dergleichen. Konservative Geister finden immerhin ihr Familienleben vorbildlich. Vor vielen Jahren habe ich einmal ein Taubenpaar bei seinen morgendlichen Verrichtungen beobachtet: Er, ein stattlicher älterer Herr, trippelte steifbeinig hin und her, seine vermutlich erheblich jüngere Gattin zupfte hier, da und dort an seinem Federkleid herum – die klassische Rollenverteilung.

Noch anderen Vogelarten bin ich in dem großen Hof hinter unserem Haus begegnet, dem Rotkehlchen, dem Hausrotschwanz; an der Futterstelle ließen sie sich jedoch nicht blicken, vielleicht waren sie auf der Durchreise und in Eile. Auf einem der großen Bäume weit hinten nisteten einige Zeit Krähen. Die Krähen sind mit den Spatzen weitläufig verwandt, im Gegensatz zu ihnen jedoch bei ihren Artgenossen höchst unbeliebt, denn sie plündern fremde Nester, fressen Jungvögel und Gelege. Einmal sah ich, wie eine Schar Elstern, ebenfalls eine Krähenart übrigens, sie mit lautem Geschacker vom Hof vertrieb. Allerdings sind die Elstern auch selber Nesträuber, vielleicht war dieser Streit also ein Konkurrenzkampf. Ein anderes Mal kam ich dazu, wie zwei Krähen auf einen am Boden liegenden Star einhackten. An einem der Flügel hatten sie ihn schon schwer verletzt, der arme Star schrie vor Schmerz und Angst. Ich verjagte die beiden, aber dem Star war wohl nicht mehr zu helfen, zumal ich auswärts unterwegs war; in Berlin hätte ich ihn in die Tierarztpraxis schräg gegenüber unserem Hause bringen können, und er wäre vielleicht noch gerettet worden. In dem Falle hätte ich ihn zuletzt am Alex ausgesetzt, wo sich Dutzende von Staren fröhlich pfeifend mit den Spatzen um allerlei Krümel balgen.

Wir wissen also viel über die Vögel, erfahren durch sie auch manches über uns, doch ganz verstehen werden wir sie wohl nie. Man sieht manchmal, wie sieben, acht Spatzen nach dem Motto Jeder gegen jeden aufeinander einhacken, oft nur eine halbe Minute, um dann rasch in alle Richtungen fortzufliegen. Warum sie das tun, wissen selbst die klügsten Ornithologen nicht. Ein Ritual, sagen sie. Ebenso fällt mir manchmal auf, wie exakt große Vogelschwärme am Himmel manövrieren, ohne irgendein Kommando. Ich frage mich, wie sie das machen – und bin zugleich froh, dass ich mich an Manövern aller Art schon seit langem nicht mehr beteiligen muss.