23. Jahrgang | Nummer 4 | 17. Februar 2020

Des Sängers Flüche

von Alfons Markuske

I hate writing,
but I love having written.

Dorothy Parker oder Robert Louis Stevenson oder …

Dieses Bonmot findet sich gleich in der Vorweg-Bemerkung des hier zu besprechenden Buches, und der Autor liefert die Begründung dafür mit – „weil ich nicht gern schreibe“.

Das dürfte unmittelbar auch damit zusammenhängen, dass ihm während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn seine Texte, Reime und Melodien – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – nie zugeflogen sind, sondern er immer um sie, mit ihnen und mit sich ringen musste. Er wird im Verlaufe des Buches zahlreiche Beispiele dafür Revue passieren lassen. Es ist dies allerdings bei Weitem nicht der einzige Fluch seines Lebens.

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Meine persönliche Beziehung zu Hannes Wader ist die eines Rezipienten und Wertschätzers seines Œuvres, und sie währt seit nunmehr immerhin 47 Jahren.

Als ich 1973 nach 18 Monaten von „der Fahne“, wie die NVA landläufig genannt wurde, also vom Grundwehrdienst, heimkehrte, hatte ein Schulfreund, dem diese Lebenszeitvergeudung erspart geblieben war, dank seines polnischen Lizenz-Tonbandgerätes vom Typ Grundig jede Menge neuer Westmusikaufnahmen parat. Darunter neben Pop-Genies des Höheren Blödsinns wie Schobert & Black, Horst Koch und Ulrich Roski, die mich aus dem Stand begeisterten. Vor allem jedoch einen Liedermacher, der sang „[…] Das Bier in dieser Kneipe schmeckt mir nicht mehr […]“, „[…] Langeweile ist ausgebrochen in der Stadt […]“ und „Ich kam von Frankfurt nach Berlin / drei Koffer voll mit Kokain […]“.

Ich war hin und weg. Von den Texten, von der Stimme, vom virtuosen Gitarrenspiel. Seither bin ich Wader-Fan und blieb es, als er seine Bürgerschreckphase hinter sich ließ und später erst Volks-, dann Arbeiter-, auch Liebeslieder sang. Seine mir liebste Interpretation ist bis heute „Die Ballade von der Hanna Cash“ (Text: Bert Brecht, Komposition: Ernst Busch).

Nach dem Untergang der DDR wurde möglich, was mir während Waders weniger Ostauftritte zuvor nicht gelungen war, nämlich den Barden auch manches Mal live zu erleben. Ich freute mich sehr, als er es im Jahre 2012, nach 40 Jahren auf der Bühne und gerade ins siebte Lebensjahrzehnt getreten, mit seinem Album „Nah dran“ doch noch in die Charts, in die Top 20, schaffte.

Und dann jenes Wader-Konzert in der Berliner Universität der Künste, an dessen Datum ich mich nicht mehr genau erinnere. Doch es muss nach 2012 gewesen sein. Natürlich hatten sich Stimme und Stil des Künstlers im Laufe der Jahre verändert. Aber dieses Mal saß ich zunehmend fassungslos im Saal, denn Waders Darbietung und dadurch auch die Botschaften der Songs elektrisierten mich nicht mehr. Waders Live-Zauber auf mich – wie weggeblasen.

Traurig verließ ich in der Pause das Konzert – und kramte zu Hause die alten Scheiben wieder raus. Das tue ich von Zeit zu Zeit nach wie vor.

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Nun also: „Trotz alledem. Mein Leben“. Auf knapp 600 Seiten – Waders Autobiographie. Durchsetzt mit gewichtigen Songtexten und versehen mit zahlreichen Fotos.

Schon die Einordnung seines Geburtsjahres auf der ersten Seite seines ersten Kapitels verdeutlicht denen, die ihn nicht kennen, wes Geistes Kind der Barde ist: „Mein Geburtsjahr 1942 beginnt mit der Wannseekonferenz im Januar, auf der Nazi-Politiker festlegen, wie die totale Vernichtung des Judentums im gesamten Herrschaftsbereich ihres Regimes im Einzelnen erfolgen soll. (Die Begriffskoppelung ‚National-Sozialismus‘ gebrauche ich, wenn ich Faschismus meine, nur ungern. Obwohl in der Geschichte immer wieder desavouiert und missbraucht, verbinde ich das Wort ‚Sozialismus‘ immer noch mit den Ideen humanitären Fortschritts.)“

Wen dieses Bekenntnis nicht für Wader einnimmt – ein Churchill wahrscheinlich nur nachgesagtes Bonmot besagt bekanntlich, wer mit 40 noch Sozialist sei, habe kein Hirn; Wader ist 77 –, dem könnte das Buch gleichwohl trotzdem empfohlen werden. Es ist, wie Max Florian Kühlem in der Rheinischen Post völlig zutreffend zusammenfasste, „ein großartiges Zeitdokument, die harte Schilderung einer Nachkriegskindheit in armen Verhältnissen, irrlichternde Selbstfindung eines ‚desorientierten Losers‘, erhellender Einblick in die Szene der ersten deutschen Folk-Freiluft-Festivals bei Burg Waldeck und schonungslose Selbstbefragung: Was machte mich zum orthodoxen Kommunist?“

Und die Flüche in Waders Leben? Über die berichtet und reflektiert er sehr offen, ohne Effekthascherei oder gar Larmoyanz, wenn auch vielleicht nicht ganz frei von einem Hauch an Koketterie. Einige dieser Flüche seien – ohne Gewichtung gegeneinander – noch genannt: Bettnässer und Daumenlutscher bis knapp an die Pubertät. Weitere persönliche Eigenheiten, die persönlichem Lebensglück, nun ja, nicht eben den Weg bereiten: „Mangel an Anpassungskompetenz. Ich will unbedingt und gern geben, was andere von mir wollen, kann es aber nicht.“ Und: „Bin ich meist erfolgreich in der Umsetzung banaler Vorhaben, wie einen Hut oder Ohrring zu tragen, scheitere […] an ehrgeizigeren Traumzielen, wie zum Beispiel die Welt zu retten.“ Und: „Ebenso wenig […] bin ich zur Sparsamkeit fähig. Ich muss alles Geld noch am selben Tag ausgeben, an dem ich in seinen Besitz gelange.“ Und: „Noch heute bringe ich Menschen mit der Fähigkeit, sich beim Essen nicht zu bekleckern, eine gewisse Hochachtung entgegen.“ Oder: „Ich kann mich – wenn überhaupt – mir weniger nahestehenden Menschen leichter öffnen als den mir Liebsten und Nächsten.“ Und so weiter und so ähnlich …

Schließlich zehn Jahre staatliche Ermittlungsverfahren, weil Wader der (von ihm nicht erkannten) RAF-Terroristin Gudrun Ensslin seinen Wohnungsschlüssel überließ und weil ein zum Kronzeugen umgepolter Polizistenmörder ihn (fälschlicherweise) als Waffenlieferanten der RAF denunzierte, und daraus resultierende jahrzehnlange Medienboykotte.

Um eines keinesfalls zu vergessen: Mit seinem Schreibstil trifft Wader ein ums andere Mal die betörende Lakonie seiner frühen Songtexte.

Fazit: Lesen!

Hannes Wader: Trotz alledem: Mein Leben. Penguin Verlag, München 2019, 592 Seiten, 28,00 Euro.