23. Jahrgang | Nummer 1 | 6. Januar 2020

Zukunft Asien

von Erhard Crome

Die Verlagerung des Schwerpunktes der Weltwirtschaft nach Asien im 21. Jahrhundert ist der prägende Prozess der Entwicklung der internationalen Beziehungen. Genau besehen geht es nicht nur um die Erosion der Macht der USA, sondern um den Abstieg des Westens insgesamt. EU-Europa ist Teil dessen. Der Politikwissenschaftler Parag Khanna meinte vor über zehn Jahren, es gäbe in der Welt drei imperiale Zentren: die USA, China und die EU. Die weitere Entwicklung in der Welt hänge davon ab, wie es diesen gelingt, die übrigen Teile der Welt an sich zu binden, Einflusszonen zu schaffen und diese dauerhaft zu dominieren (Parag Khanna: Der Kampf um die Zweite Welt). Das ist nur eine andere Gestalt der Idee, dass in der Welt von heute ein „Konzert der Mächte“ existiert. Hier wären dann mindestens Russland, Indien, Brasilien und Südafrika hinzuzurechnen, die in ihren respektiven Regionen ebenfalls mehr oder weniger nachdrücklich Einfluss ausüben.
Damals lebte Khanna in den USA. Inzwischen ist er nach Singapur umgezogen, das er als die „inoffizielle Hauptstadt Asiens“ ansieht, die „Asiens Potenzial versinnbildlicht“. Sein Thema ist jetzt die „asiatische Zukunft“ der Welt. Aus seiner Sicht ist der Aufstieg Asiens nicht identisch mit einer chinesischen Vorherrschaft. So sollten Russen und Australier aufhören, nur weil sie von „europäischen Ethnien abstammen“, sich nicht als „weiße Asiaten“ anzusehen. Asien erstreckt sich vom Mittelmeer und dem Roten Meer über zwei Drittel des eurasischen Großkontinents bis zum Pazifik – es umfasst 53 Länder und hat 4,5 Milliarden Einwohner, von denen nur 1,4 Milliarden Chinesen sind. Gleichwohl datiert Khanna „den Grundstein für eine von Asien angeführte Weltordnung“ auf das Jahr 2017, als sich die Staats- und Regierungschefs von 68 Ländern aus Asien, Europa und Afrika – die zwei Drittel der Weltbevölkerung und die Hälfte des weltweiten BIP vertraten – zum ersten Gipfel der von China angeregten „Belt and Road Initiative“ trafen. Dieses Gipfeltreffen nennt er „den Start des größten koordinierten infrastrukturellen Investitionsplanes der Menschheitsgeschichte“, nur vergleichbar mit der Gründung der Vereinten Nationen und dem Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch weder die Welt als Ganze noch Asien treibe in Richtung einer chinesischen Vorherrschaft. Historisch war China – im Unterschied zu den europäischen Mächten – keine Kolonialmacht. Und die Belt and Road Initiative ziele nicht darauf, dass China Asien beherrscht, sondern dass es in Asien verwurzelt ist und es die Abhängigkeit von außer-asiatischen Lieferanten verringern will.
Entscheidend für die derzeitige geistig-politische Situation in der Welt sind die gegensätzlichen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte. Die westlichen Eliten sehen ihre politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Werte infrage gestellt. Dazu gehören: „Das Scheitern der Kriege in Afghanistan und im Irak, das Missverhältnis zwischen Finanzwirtschaft und realer Volkswirtschaft, die Unfähigkeit, Russland und die Türkei in den Westen einzubinden, und von Populisten gekaperte demokratische Gesellschaften“. Das heißt: „Die amerikanische Generation Y ist mit einem Krieg gegen den Terror, sinkenden mittleren Einkommen, zunehmenden Rassenkonflikten, willkürlicher Waffengewalt und politischer Demagogie aufgewachsen. Europäische Jugendliche haben mit wirtschaftlicher Austeritätspolitik zu kämpfen, mit hoher Arbeitslosigkeit und Politikern, die den Kontakt mit den Bürgern verloren haben.“ In Asien dagegen haben Milliarden Menschen, „die in den letzten zwei Jahrzehnten aufgewachsen sind, […] geopolitische Stabilität, rasch steigenden Wohlstand und anschwellenden Nationalstolz erlebt. Die Welt, die sie kennen, hat nichts mit westlicher Dominanz zu tun, sondern mit einer asiatischen Vormachtstellung.“
Das bedeutet, dass Asien ohne ein Macht-Zentrum, ohne ein verdichtetes gesamt-kontinentales Vertragsnetz, ohne eine einheitliche Kultur und ohne gemeinsame Werte zu einem System von Ländern geworden ist, „die nicht nur geographisch, sondern auch durch Kräfte der Diplomatie, des Konflikts und des Handels miteinander verbunden sind“. Seine Mitglieder „sind allesamt souverän und unabhängig, zugleich aber in wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen stark aufeinander angewiesen“. Es „wird durch Bündnisse, Einrichtungen, Infrastruktur, Handel, Investitionen, Kultur und andere Muster gebildet“. Die „Kombination aus Wirtschaftswachstum, geopolitischer Stabilität und technokratischem Pragmatismus [hat] eigene asiatische Vorstellungen zur Weltordnung aufkommen lassen“. Die „wichtigsten Mächte Asiens haben trotz historischer Spannungen stabile Beziehungen zueinander bewahrt“.
Vor diesem Hintergrund ist denn auch die Rolle der USA zu betrachten. Deren Eliten meinen nach wie vor, Asien warte nur darauf, dass sie ihnen sagen, was zu tun sei. „Doch aus asiatischer Sicht waren die vergangenen Jahrzehnte von George W. Bushs Inkompetenz, Barack Obamas halbherzigen Maßnahmen und Donald Trumps Unberechenbarkeit geprägt.“ Die USA haben es nicht vermocht, eine umfassende Strategie gegenüber Asien zu entwickeln. Es wird eine „indo-pazifische Seestrategie“ als Gegenmittel gegen Chinas Belt and Road Initiative angesehen, dabei aber werden die asiatischen Realitäten ausgeblendet. „Bei allen Unterschieden haben die asiatischen Länder erkannt, dass ihre gemeinsame Geographie eine weit beständigere Wirklichkeit darstellt als die unzuverlässigen Versprechen der Vereinigten Staaten. Die Lehre daraus: Die USA sind eine Pazifikmacht mit einer starken Präsenz in den asiatischen Meeren, aber keine asiatische Macht.“
Khannas Fazit aus dieser Lagebeurteilung lautet daher: „Je weiter man in die Zukunft blickt, desto deutlicher erscheint Asien als das, was es während des größten Teils seiner Geschichte war: eine multipolare Region mit unzähligen selbstbewussten Kulturen, die sich weitgehend unabhängig von der westlichen Politik entwickeln, während sie konstruktiv miteinander koexistieren.“ Ein Westen mit Selbstvertrauen und Vitalität „würde Asiens Wiederauferstehung nicht beeinträchtigen“, sondern die beiderseitige Zusammenarbeit befördern. Das würde allerdings auch von der äußeren Politik der EU und Deutschlands fordern, sachbezogen, interessengeleitet und pragmatisch zu agieren und das belehrende abendländische „Werte“-Geschwafel endlich zu unterlassen.
Es entsteht eine „globale Gesellschaft“, die sich jedoch nicht „an den Anschauungen einer absolut nicht repräsentativen Gruppe“ moralisch orientieren darf: „westlicher, gebildeter, industrialisierter und reicher Demokratien“. „Europa bezog aus der Kolonialisierung Asiens große Macht und riesige Profite, Asien ist aufgrund des amerikanischen und europäischen Outsourcings erstaunlich gewachsen, und jetzt werden die Vereinigten Staaten und Europa von Infusionen asiatischer Investitionen und Talente gestützt. Das ist das wahre Wesen des globalen Systems, nicht der multipolare Wettbewerb.“ Wer die Welt von heute verstehen will, sollte dieses Buch sehr aufmerksam lesen.

Parag Khanna: Unsere asiatische Zukunft, Rowohlt Verlag, Berlin 2019, 494 Seiten, 24,00 Euro.