23. Jahrgang | Nummer 1 | 6. Januar 2020

Von Anbiederungs- bis Wichtigsprech. Schröderdeutsch inklusive

von Hannes Herbst

Die alten und die neuen Bundesländer
haben heute alles gemeinsam,
die Sprache natürlich ausgenommen.

Frei nach Oscar Wilde

Niemand wird ernsthaft behaupten, dass man Wörterbücher lesen könne wie Belletristik oder auch nur wie Fach- oder Sachbücher.
Soweit die Regel.
Die bedarf allerdings zu ihrer Bestätigung, landläufigem Konsens zufolge, der Ausnahme, was im Deutschen eher umschreibend zur Kenntnis gegeben („keine Regel ohne Ausnahme“), im Englischen hingegen pointiert auf den Punkt gebracht wird („exception makes the rule“).
Eine solche Ausnahme liegt mit „Die Sprache der Einheit. Ein Fremdwörterbuch“ von Jürgen Große zweifelsfrei vor.
Was auf den nachfolgenden über 500 Seiten von a wie abartig bis z wie zwischenzeitlich zu erwarten ist, macht der Autor gleich in seinem Vorwort deutlich – unter anderem mit diesen Generalbefunden:
„Modernes Westdeutsch umfaßt weniger Wörter und somit geistige Artikulationsmöglichkeiten als das Hochdeutsche. Dafür weist es mehr Schrumpf- und Fehlformen auf sowie – durch die im Westen strenger gegeneinander abgeschlossenen Milieus – mehr Sozialdialekte.“
Und: „Was im Westen publiziert wird, ist grammatikalisch und orthographisch weitaus häufiger fehlerhaft als im Osten Deutschlands (man vergleiche die Produkte ostdeutscher Verlage vor und nach dem Aufkauf!). Daran konnten auch die westdeutschen Versuche nichts ändern, dieses Defizit durch sogenannte Rechtschreibreformen zu verschleiern.“
Sowie: „Westdeutsche Mittelklassigkeit ist längst von einem sozialökonomischen zu einem kollektivseelischen Phänomen mutiert […]. Sie bekundet sich politik- und verwaltungssprachlich im Verniedlichen, Verhübschen, Verkitschen, intellektuell und moralisch dagegen im Gratisradikalismus, in der Leichtfertigkeit des Superlativs.“
Schließlich: „Das Westdeutsche markiert einen historisch-kulturellen, nicht notwendig einen geistig-moralischen Rückstand, so daß es sachgerechter wäre, statt beispielsweise von Ost- und Westdeutschen einfach von hochdeutsch und westdeutsch Sprechenden zu reden.“
Der Autor geht zwar alphabetisch vor, weist viele seiner Zufallsfunde – Motto: „finden, ohne zu suchen“, aufgenommen worden sei „nur, was entgegenquoll von allen Seiten“ – jedoch ordnenden Kategorien zu. Als da sind unter anderen:
– Anbiederungssprech („ins Boot holen“);
– Antragsdeutsch („in Arbeit“, „Projektkultur“);
– Bekennersprech („Rückerinnerung“, „Signal setzen“);
– Betreuungssprech („kommunizieren“);
– Blähsprech („Kundenreaktionsmanagement“ statt Beschwerdestelle, „Narrativ“);
– Dünkelsprech („Mensch ohne Auferstehung“ statt Atheist);
– Femininsprech („dynamischer Unterstrich“, „gegendert“);
– Habermassprech („hinterfragen“);
– Jovialsprech („Landsleute“, „rüberbringen“);
– Käsmanndeutsch („ich sag mal“);
– Lehramtssprech („die Demokratie“);
– Schmähsprech („linksintellektuell“);
– Schnöselsprech („Herkunftsheimat“, „landlebig“);
– Schönsprech („Kernkompetenz“, „Verschlankung“).
– Spreizsprech („Latenz“, „Konstrukt“);
– Schröderdeutsch („klare Kante“);
– Wächtersprech („Antiamerikanismus“, „Europafeind“);
– Wichtigsprech („fokussieren“, „Herrschaftsregime“).
Als eine für das Westdeutsche zentrale Kategorie identifiziert Große darüber hinaus die der Klemmwörter: „Das →verdruckste und verklemmte Verhältnis zu eigenen →Modernisierungsdefiziten erlaubt westdeutschen Sprachbildnern keine schlichte Übernahme von hoch- oder ostdeutschen Wörtern, sondern führt sie zu verbalen Umgehungsversuchen. […] ‚Finnland‘ statt ,DDR‘.“ Oder – Kita statt Kindergarten.
Fazit: Ein Wörterbuch für alle, die an der Sprache unserer Zeit oder auch nur des Zeitgeistes verzweifeln, aber mehr ahnen als wissen – warum.
Zur Exemplifizierung hier noch ein kurzes Potpourri aus dem opulent bestückten Füllhorn des Buchstabens n:
nachhaltig Unwort der möchtegernökologischen Ära, zu dem eigentlich alles gesagt ist. […]
Nachrichtenmagazine sollen oder wollen DER SPIEGEL, Stern, Focus & Co. sein. Besagte Organe dürften inzwischen Jubiläen des Obskurantismus gefeiert haben: Welche Nachricht überlebte jemals ihre Magazinierung? […]
Nationale nennen sich in jeder Sprache gern auch jene, die sie nicht gut sprechen. […]
natürlich →jovialsprachlicher Lückenfüller des →hochmögenden Stils; im Werk manch nimmermüder Plaudermaultasche inflationär und nur übertroffen durch →‚gleichsam‘. […]
ne? Einverständnis heischendes, oft auch voraussetzendes Nachfragewort, stark verbreitet im →Jovialsprech, dessen Genese aus dem Zusammenfließen von Seminardeutsch und Therapiegruppenidiom hier →eindrücklich zum Ausdruck kommt. […]
Nehmerqualitäten →Schönsprech für Anforderungen von Erwerbs- und Erniedrigungsbiographien. Wie fast alle westdeutschen Ironieversuche von plattem Zynismus kaum zu unterscheiden. Herkunft: →die Politik, aber auch Sport und →die Wirtschaft.“
An mindestens einer Stelle allerdings irrt Jürgen Große. Er vermerkt zum Begriff Metrobus: „Einfalt oder Arglist ließ aus untergrundloser Provinz eingewanderte Berlinvermarkter auf diesen Hybridunsinn verfallen, durch den Besucher aus Weltstädten mit U-Bahn-Anbindung regelmäßig in die Irre geführt werden.“ Das mag im Hinblick auf Berlinbesucher trefflich beobachtet sein, den Hybridunsinn allerdings haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nicht erfunden, sondern aus Hamburg importiert.
So weit, so ernsthaft – wäre womöglich die Rezension eines pur akademischen Besprechers ausgefallen, dem, da humorfern, der subversive satirische Grundsound des Groß‘schen Wörterbuches entgangen wäre und dem es überdies an philologischer Expertise mangelte. Denn natürlich müsste dem Autor wegen seiner Methodik, wegen etlicher seiner Befunde im Detail wie auch im Grundsätzlichen teils heftig widersprochen werden. Etwa im Hinblick darauf, dass es auch in 40 Jahren DDR nicht gelungen war, das Hochdeutsche als durchgängiges Idiom zwischen Elbe und Oder zu etablieren. Wer schon mal im Mansfeldischen war, wird dies spontan bestätigen.
Im Hinblick auf Großes Wörterbuch sei daher als ergänzende, am besten einleitende Lektüre Tucholskys Essay „Was darf Satire?“ empfohlen.

Jürgen Große: Die Sprache der Einheit. Ein Fremdwörterbuch, Vergangenheitsverlag, Berlin 2019, 571 Seiten, 24,99 Euro.