23. Jahrgang | Nummer 1 | 6. Januar 2020

Hannah Arendt, eine politische Denkerin

von Mathias Iven

Im Jahre 1952 schrieb Hannah Arendt an ihren Lehrer Karl Jaspers: „Ich war von Hause aus einfach naiv; die sogenannte Judenfrage fand ich langweilig.“ Es war der in der Zeit der Weimarer Republik aufkommende Antisemitismus, der ihre Aufmerksamkeit schließlich doch auf dieses Thema lenkte. Über die nächsten Jahrzehnte hinweg veröffentlichte sie zahlreiche Artikel und Aufsätze, die in gesammelter Form jetzt unter dem Titel „Wir Juden“ erschienen sind. Thematisch-inhaltlich stehen diese Texte neben Arendts bereits früher in Buchform veröffentlichten Beiträgen für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung Der Aufbau. Als Dokumente für das „Erwachsenwerden der politischen Denkerin“, so Ursula Ludz in ihrem Nachwort, verdienen sie besondere Beachtung.
Am Anfang von Arendts Beschäftigung mit der Judenfrage stand ihr erst nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossenes Buch über Rahel Varnhagen. Parallel zu dieser, wie es im Untertitel heißt, „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“ arbeitete sie an dem 1932 publizierten, den vorliegenden Band eröffnenden Aufsatz „Aufklärung und Judenfrage“. In dieser umfangreichen Abhandlung – der einzigen, die vor ihrer Flucht aus Deutschland gedruckt wurde – stellte sie unmissverständlich fest: „Die moderne Judenfrage datiert aus der Aufklärung; die Aufklärung, d.h. die nichtjüdische Welt hat sie gestellt. Ihre Formulierungen und ihre Antworten haben das Verhalten der Juden, haben die Assimilation der Juden bestimmt.“
Insgesamt haben Marie Luise Knott und Ursula Ludz – beide seit Jahrzehnten als Herausgeber mit Arendts Werk und Nachlass bestens vertraut – 21 Texte ausgewählt und sachkundig kommentiert. Fünf dieser Arbeiten erscheinen zum ersten Mal in Deutschland. „Martin Buber – ein ,leader‘ der Jugend“ ist eine davon. In dem im Mai 1935 im Journal Juif des Jeunes veröffentlichten Artikel stellte sie Buber als den „unangefochtene[n] Anführer des deutschen Judentums“ heraus. Er sei „der offizielle und tatsächliche Kopf aller wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen“, dessen Persönlichkeit „von allen Parteien und Gruppierungen anerkannt“ werde. Sein wichtigstes Verdienst bestehe darin, unermüdlich verkündet zu haben, „dass das Wiedererstehen des jüdischen Volkes sich nur vollenden kann durch eine radikale Rückkehr zu seiner großartigen Vergangenheit und zu seinen lebendigen religiösen Werten“.
Ein weiterer, in Deutschland bisher nicht publizierter Text, trägt den Titel „Privilegierte Juden“. In diesem 1946 erschienenen Aufsatz, auf den Arendt ein paar Jahre später während der Arbeit an in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ zurückgreifen sollte, geht es zum einen um die sogenannten „Hofjuden“, die „Privilegierten des Reichtums“. Zum anderen befasst sie sich darin mit den „Privilegierten der Bildung“, also mit den Juden, die aufgrund ihrer Kultur und ihres Wissens in früheren Zeiten eine Ausnahme darstellten, man denke an Moses Mendelssohn als Prototyp dieser Gruppe. Was die beiden Fraktionen verband, so Arendt, war der Umstand, „dass sie ihren außergewöhnlichen Aufstieg nur sich selbst und ihren außergewöhnlichen individuellen Talenten verdankten“.

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Viele von Arendts Artikeln haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Nehmen wir nur den aus dem Jahre 1943 stammenden und in jüngster Zeit mehrfach nachgedruckten Text „Wir Flüchtlinge“ oder den zwei Jahre danach erschienenen Aufsatz „Die Saat einer faschistischen Internationale“, in dem es hieß: „Tatsächlich ist der Antisemitismus eine der gefährlichsten politischen Bewegungen unserer Zeit. Der Kampf gegen ihn gehört zu den lebenswichtigsten Aufgaben der Demokratien, und wenn er überlebt, dann liegt darin eines der bedeutsamsten Anzeichen für künftige Bedrohungen.“ Ursprünglich hatte Arendt diesen Text für eine Veröffentlichung in der von Dolf Sternberger mit herausgegebenen, im Oktober 1945 von den amerikanischen Militärbehörden als erste Nachkriegszeitschrift lizensierten Monatsschrift Die Wandlung vorgesehen. Im unlängst von Sternbergers ehemaligem Studenten, dem Hamburger Wagner-Forscher Udo Bermbach, edierten Briefwechsel findet sich leider kein Hinweis darauf, warum der Artikel dort nicht erschienen ist (da muss man Arendts Briefwechsel mit Karl Jaspers zu Rate ziehen), er wirft aber ein Licht auf das Verhältnis zweier ehemaliger Kommilitonen.
Der älteste überlieferte Brief dieser nicht sehr umfangreichen, sich allerdings über knapp drei Jahrzehnte erstreckenden Korrespondenz datiert vom 31. Mai 1946. Sternberger, der in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren gemeinsam mit Arendt in Heidelberg bei Jaspers studiert hatte und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Mitbegründer der deutschen Politikwissenschaft wurde, suchte in seiner Eigenschaft als Redakteur der Wandlung den Kontakt zu seiner früheren Mitstudentin. Nach der Ablehnung ihres Aufsatzes „Die Saat einer faschistischen Internationale“ hatte Arendt ihm zwischenzeitlich das Manuskript eines weiteren Artikels übersandt. Der Jaspers gewidmete, im Anhang des Buches wiedergegebene Text „Organisierte Schuld“ erschien kurz darauf im vierten Heft des ersten Jahrgangs der Wandlung. Es war der erste auf Deutsch geschriebene und für eine deutsche Zeitschrift bestimmte Aufsatz, den Arendt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfasste. Darin nahm sie bereits die später in ihrem Eichmann-Buch aufgestellte Hauptthese von der Kollektivschuld der Deutschen vorweg. Mit dem achten Heft wurde Die Wandlung 1949 eingestellt. Bis dahin hatte Arendt insgesamt sechs Essays beigesteuert, die von ihr in einem kleinen Bändchen zusammengefasst wurden – ihr erstes „deutsches“ Buch nach dem Krieg.
Betrachtet man den Briefwechsel in seiner Gesamtheit, so verwundert es, dass die Briefpartner offenbar nie über die eigene Vergangenheit reflektierten, weder Arendts Emigrationsschicksal noch Sternbergers Überlebensschwierigkeiten im nationalsozialistischen Deutschland wurden zur Sprache gebracht. Zumeist suchte man sich in späteren Jahren terminlich aufeinander abzustimmen: wann und wo war ein Treffen möglich, um die Probleme der jeweils eigenen Arbeiten zu besprechen.
Für Dolf Sternberger war Hannah Arendt die „liebste Denkerin“, diejenige, so der Herausgeber des Briefwechsels, „der er sich wissenschaftlich und vor allem menschlich am meisten verbunden wusste“. Im Oktober 1966 umschrieb er ihre Freundschaft als eine Verbindung „mit Koinzidenzen und Konvergenzen und gelegentlichem Drink und Gelächter“. Arendt ihrerseits erklärte am 9. Dezember 1971: „Du bist mir halt ein bisschen zu konservativ und ich Dir halt ein bisschen zu revolutionär, und das war ja vermutlich immer schon so und hat unserer Freundschaft nichts geschadet.“
An dieser Stelle muss nicht noch einmal auf die von anderen Rezensenten zu Recht geäußerte Kritik an der editorisch unsauberen Arbeit des Herausgebers eingegangen werden (siehe Süddeutsche Zeitung vom 15.10.2019 beziehungsweise Frankfurter Allgemeine vom 25.10.2019). Vielleicht kann ja bei einer möglichen Neuauflage entsprechend nachgebessert werden – lohnen würde es sich allemal!

Hannah Arendt: Wir Juden – Schriften 1932 bis 1966. Zusammengestellt und herausgegeben von Marie Luise Knott und Ursula Ludz, Piper Verlag, München 2019, 464 Seiten, 34,00 Euro.
Hannah Arendt und Dolf Sternberger: „Ich bin Dir halt ein bißchen zu revolutionär“ – Briefwechsel 1946 bis 1975. Herausgegeben von Udo Bermbach, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019, 477 Seiten, 38,00 Euro.