16. Jahrgang | Nummer 10 | 13. Mai 2013

Brecht, Graf und die Bücherverbrennungen 1933

von Ulrich Kaufmann

Im Gedenken an die Bücherverbrennungen vom Mai 1933 erschien ein halbes Jahrhundert später im Leipziger Kiepenheuer Verlag eine gründliche Dokumentation: Das seinerzeit auch in der „alten“ Bundesrepublik geschätzte Buch trägt den Titel „In jenen Tagen – Schriftsteller zwischen Reichstagsbrand und Bücherverbrennung“. Auf knapp 600 Seiten werden weit über hundert bekannte und vergessene Autoren vorgestellt, die von den neuen Herrschern verboten, verbrannt und verfolgt wurden. Im Fettdruck wird dokumentiert, wie der politische Gegner auf das Verhalten der verjagten Dichter reagierte.
Im folgendenden soll betrachtet werden, wie sich Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf, stellvertretend für viele andere, mit der größten Bücherverbrennung in der deutschen Geschichte auseinandersetzten. Keineswegs handelte es sich bei diesem Ereignis lediglich um einen symbolischen Akt, wie man oft liest und wie es die Brandstifter selbst behaupteten, sondern um eine systematisch vorbereitete, materielle Vernichtung unliebsamer Schriften. Allein in Berlin wurden am 10. Mai circa 10.000 Zentner „undeutscher“ Bücher den Flammen übergeben.
Nicht in allen deutschen Universitätsstädten hat es im Mai 1933 Bücherverbrennungen gegeben. Für Heidelberg und Tübingen gibt es keine Belege für derartige nächtliche Inszenierungen mit Fackeln und Feuersprüchen. Auf dem Jenaer Marktplatz verschlangen die Flammen „erst“ im August 1933 Publikationen mit „undeutschem Gedankengut“. Anlass war der Tag der Machtübernahme durch den thüringischen Gauleiter Fritz Saukel.
Die Nationalsozialisten hatten 1933 anscheinend „vergessen“, Oskar Maria Grafs Werke auf die „schwarze Liste“ der verbotenen Bücher zu setzen. Münchens einstmals „lautester Dichter“ reagierte von Österreich aus mit seinem offen Protestbrief „Verbrennt mich!“, der am 12. Mai auf der Titelseite der Wiener „Arbeiter-Zeitung“, dem „Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschösterreichs“, stand. Dieser erste spontane Protest eines namhaften deutschen Literaten gegen die Bücherverbrennung wurde 1933 in vielen Teilen der Welt nachgedruckt. In einem Satz, der dem Text in Klammern nachgestellt ist, drückt Graf selbst den Wunsch aus, dass „alle anständigen Zeitungen“ diesen Protest drucken mögen.
Grafs Text „brachte nicht nur ihm weite Beachtung – vermutlich wurde er sein meistgelesenes ‚Werk‘ –  , er schuf auch ein publizistisches Gegengewicht zu den zwei Tage zuvor gemeldeten Bücherverbrennungen“, schreibt der Graf-Biograf Gerhard Bauer. In seiner Studie „Die Bücherverbrennung“ hebt Gerhard Sauder gleichermaßen den herausragenden Platz von Grafs Protestbrief für die Literaturgeschichte hervor. „Kein anderer Text eines deutschen Exilschriftstellers hielt die Erinnerung an die Verbrennung der Bücher am 10. Mai 1933 so intensiv wach wie Grafs ‚Protest‘… Wenn es überhaupt sinnvoll wäre, im Zusammenhang mit der Bücherverbrennung von einem ‚klassischen Text‘ zu sprechen, dann müsste Grafs ‚Protest‘ an erster Stelle genannt werden.“
Grafs entschiedene öffentliche Zurückweisung der nationalsozialistischen Anbiederungsversuche verliert nicht an Gewicht, wenn man heute weiß, dass sie auf einem „Irrtum“ basiert. Die „schwarze Liste“ der zu verbrennenden Bücher, ein Machwerk des Berliner Bibliothekars Dr. Wolfgang Herrmann, hat ihre eigene Geschichte. Grafs Bücher standen zunächst nicht auf der „Vorläufigen Liste der Deutschen Studentenschaft“ vom April. Auf der „ersten amtlichen Liste“ des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, die am 16. Mai 1933 im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ zu finden ist, steht Grafs Name sehr wohl. Dies könnte bereits eine Reaktion auf Grafs Protestbrief vom 12. Mai gewesen sein. In diesem heißt es: „Die schönste Überraschung aber ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut ‚Berliner Börsencourier’ stehe ich auf der ‚weißen Autorenliste’ des neuen Deutschlands, und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes ‚Wir sind Gefangene’, werden empfohlen.“ Die vorliegenden Dokumentationen enthalten die von Graf genannte „weiße Liste“ nicht und so lässt sich auch quellenmäßig die Streichung von „Wir sind Gefangene“ nicht belegen. Dass dieses revolutionär-pazifistische Bekenntnisbuch aus dem Jahre 1927 den neuen Machthabern nicht passte, ist gut nachvollziehbar.Die Tatsache, dass Herrmann und die Seinen das Grafsche Werk nunmehr, mit Ausnahme von „Wunderbare Menschen“ und den „Kalendergeschichten“, den Flammen übergaben, zeigt, dass sie beide Titel unmöglich gelesen haben können.Bertolt Brecht und Graf waren sich bereits in den frühen zwanziger Jahren, übrigens an besagter Münchner Bühne, erstmals begegnet. Sie meldeten sich in jenen Jahren zu wesentlichen Ereignissen gemeinsam zu Wort – so im Komitee zur Befreiung von Max Hoelz (1928). Im antifaschistischen Exil erreichte ihre Beziehung eine neue Qualität. Tief beeindruckt zeigte sich Brecht noch fünf Jahre nach Grafs entschiedenem Protestbrief.
Auf dieses „Ehrendokument deutscher Literatur“ (Weiskopf) bezieht sich das Brechtsche Gedicht „Die Bücherverbrennung“. Es gehört zu den seltenen Beispielen, bei denen die Bücherverbrennung einen Text ganz bestimmt. Es entstand im Juli 1938 und wurde 1939 in Kopenhagen erstmals gedruckt:
„Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, […]“
Vielfach ist belegt, dass sich deutsche Studenten als „Ochsen“ missbrauchen ließen. In Frankfurt am Main hatte man indessen auf dem historischen Römerberg, um an mittelalterliche Rituale zu erinnern, tatsächlich den Bücherwagen von Ochsen ziehen lassen. Weiter heißt es:
„[entdeckte]
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.
[…]”
Brecht dreht am Ende des Gedichts die reale Machtkonstellation um, indem er, ohne Grafs Namen zu nennen, einen scheinbar machtlosen, bereits geflohenen Dichter zeigt, der den braunen Befehlsgebern nicht nur widersteht, sondern ihnen gar einen Befehl erteilt:
„Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt? Ich befehle euch:
Verbrennt mich!“
Die nationalsozialsozialistische Presse, namentlich in Grafs Heimatstadt München, reagierte entschieden auf den Wiener Protestbrief. In der Naziglosse „Einer, der auch mitverbrannt werden will“, die in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ stand, heißt es abschließend: „Wir haben bisher die Bücher Oskar Maria Grafs, abgesehen von gewissen edelkommunistischen Tendenzen und urderben Schweinigeleien für viel zu unbedeutend gehalten, als dass wir ihn deshalb auf die schwarze Liste gesetzt hätten. Aber wenn der Herr Dichter durchaus will, nun wir sind gar nicht so und pflegen Privatwünsche in diesem Falle sehr wohl zu berücksichtigen.“ Diese und andere nationalsozialistische Reaktionen auf seinen Protestbrief ließen den emigrierten Autor vermuten, seine Bücher seien nachträglich in München verbrannt worden. In seiner „Nachschrift zu diesem Protest 1960“ heißt es gleich zu Beginn: „Der Inhalt dieses Protests, […], berichtet über die Fakten, die dazu Anlass gaben. Die Folge davon war, dass die Münchner Studenten im Beisein der Professorenschaft meine Bücher in der Aula der Universität verbrannten.“ Diese Aussage ist vielfach zitiert worden und gehört indessen fast zum „Allgemeinwissen“ über Graf. Abgesehen davon, dass eine Bücherverbrennung in einer Aula eher unwahrscheinlich ist, gibt es für Grafs Vermutung keinen Beleg.
Graf nimmt im Titel seines Protestbriefes indirekt den Heineschen Gedanken auf, wonach in der Geschichte auf eine Gefährdung für Bücher oft eine Gefahr für ihre Verfasser und die Menschen generell folgte:
„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Heine hatte dies in seinem frühen, wenig bekannten Drama „Almansor“ (1823) geschrieben und sich auf spanische Autodafés um 1500 bezogen. Seine Worte wurden, wie Erich Kästner, ein Zeitzeuge der Bücherverbrennungen, 1958 anmerkte, „dennoch zur Prophezeiung“.