15. Jahrgang | Nummer 13 | 25. Juni 2012

Vorwärts, es geht zurück

von Horst Jakob

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in jenem rasanten Tempo, in dem die Internationalisierung von jedem und allem vorangetrieben wird, auch die ängstliche Sehnsucht der Menschen nach einer überschaubaren Beheimatung und Verwurzelung aktiviert wird. Und es wäre auch fahrlässig, diesen besorgnisgetragenen Hang lediglich als Engstirnigkeit zu etikettieren. Man hätte in diesem Falle nicht eben viel verstanden vom Menschen. Dass das immer stärkere Abhandenkommen vertrauter und in der Übersichtlichkeit eines Nationalstaates geltender Werte und Regularien auch die Sehnsucht nach eben dieser Vertrautheit neu belebt, gelegentlich sogar erstmals, kann eigentlich ebenfalls nicht überraschen. Die Suche nach Bindung und Gebundenheit in einer Gemeinschaft dürfte – von Ausnahmen auch dann abgesehen, wenn diese nicht selten sind – eine anthropologische Konstante sein; ihre Aufgabe zugunsten einer kosmopolitischen Universalität dürfte, sofern überhaupt erstrebenswert, noch immer eine Jahrtausendaufgabe sein.
Dass unter den skizzierten Umständen immer auch politische Akteure auf dem Plan stehen, die diese Gemengelage für höchst reaktionäre Zwecke samt machtpolitischem Eigennutz nutzen, gehört zu den Tatsachen, die vermutlich am wenigsten überraschen. Wann war das nicht so? Ein höchst anschauliches Beispiel für die moderne „Gegenreformation“ des europäischen Selbstverständnisses bietet derzeit Ungarn. Seit Victor Orban und seine FIDESZ in Budapest das Zepter schwingen, wird – nebst diverser Demokratiebeschneidung – die Historienuhr auf einen restaurativen Rückwärtsgang eingependelt. Die neue, autokratische und nationalistische Verfassung, die Orban zum Jahresanfang gegen Proteste im In- und Ausland durchgedrückt hatte, ließ bereits Unerfreuliches vermuten, und obskure Vorgänge seither bestätigen dies.
Dazu gehört nicht zuletzt die Renaissance, die der ehemalige Reichverweser Miklos Hórthy derzeit in Ungarn erlebt. Nach der Umbenennung eines Platzes in der Budapest-nahen Gemeinde Gyömrő sowie der Enthüllung eines lebensgroßen Hórthy-Denkmals in Kereki ist nun an der Calvinisten-Universität von Debrecen, wo Hórthy einst studiert hatte, eine Gedenktafel eingeweiht worden; „geweiht“ darf dabei wörtlich genommen werden, war sich für diesen Akt doch ein leibhaftiger Bischof nicht zu schade. Und damit keiner meine, dass es sich hier um Provinzpossen handele, liegt der Plan für ein Reiterstandbild Hórthys in Budapest bereits auf dem Tisch.
Zumindest für jüngere Leser muss hier komprimiert (!) werden, um wen es bei Hórthy geht. Der bekennende Antisemit gehörte zu jenen Kräften, die 1919 die Räterepublik Bela Kuns niederschlugen und Sozialisten, Kommunisten und Juden mit einem blutigen „Weißen Terror“ überzogen. In dessen Gefolge errichtete Hórthy als „Reichsverweser“ ein autokratisches Regime und schloss mit Hitler einen Pakt. Hórthy stellte den deutschen Faschisten 1941 mehrere ungarische Divisionen zur Verfügung, die im „Russlandfeldzug“ gnadenlos verheizt wurden. Im Gegenzug zu solcher Gefolgstreue gestattete Hitler Hórthy, sich im Gefolge des 1. Weltkriegs mit dem Vertrag von Trianon verloren gegangene Gebiete in der Slowakei, Rumänien und Serbien erneut einzuverleiben. Ein erstes antijüdisches Gesetz erließ Hórthys Ungarn bereits 1920. 1938 folgten diverse weitere, die nun die Züge der Nürnberger Rassengesetze trugen.
Ungarns Hórthy-Jünger lässt dies alles kalt. Sie verweisen vielmehr darauf, dass unter Hórthy keine Deportationen von Juden in die deutschen Vernichtungslager vorgenommen wurden, sondern dies erst der Fall war, als die Nazis 1944 den nun bereits auf die Alliierten spekulierenden Hórthy durch die noch willfährigere Marionette Sztójay ersetzten. Dass am Massenmorden dann auch jede Menge Ungarn, allen voran die berüchtigten „Pfeilkreuzler“, mörderisch mitwirkten, sei hier nur angemerkt. Wenn nun auch nicht in direkter Linie für den Holocaust mitverantwortlich, so hat Hórthys Reichsverweserschaft samt seines rigiden Antisemitismus auf jeden Fall den Boden dafür mitbereitet.
Das nun ehrt das offizielle Ungarn wieder?! „Gott segne den Ungarn mit Frohsinn und mit Überfluss an allen Gütern. Halte Deine schützende Hand über ihn, wenn er mit dem Feinde kämpft. Ein schweres Schicksal bedrückt ihn schon lange. Schenke ihm jetzt frohe Zeiten. Genug gebüßt hat dieses Volk für Vergangenes und für die Zukunft.“ – Ungarns Nationalhymne hält sich ziemlich im Pathetisch-Unbestimmten; das eint sie freilich mit den meisten Nationalhymnen dieser Welt. Nicht dass auch den Ungarn frohe Zeiten zu gönnen wären, aber was nun gehörte zum „schweren Schicksal“? Für welche Vergangenheit hat es gebüßt und gar für welche Zukunft?
P.S.: Grade wurde bekannt, dass ein rechtsradikaler Parlamentarier seine Gene auf „rassische Reinheit“ hat untersuchen lassen. Sein Erbgut weise keine Merkmale auf, die „für Roma oder jüdische Volksgruppen typisch“ seien. – Die Äpfel fallen halt auch in Ungarn nicht weit vom Stamm …