15. Jahrgang | Nummer 9 | 30. April 2012

Der Mohn ist ausgegangen oder: Wie man 1945 Mohkließla machte

von Dieter Hildebrandt

Man muss, ob Mann ob Frau, kochen können in diesen genussfreudigen Zeiten. Spitzenköche beherrschen die Prominentenszene. Wer etwas auf sich hält, kocht mit Berti, Bruni, Bio oder schreibt Kochbücher, wird Menu-Referent in Großkonzernen, Juryteilnehmer bei Kochmeisterschaften oder eröffnet Agenturen für internationale Meisterköche.
Gaumenfestivals und Gipfeltreffen der Superköche werden vorbereitet und sehr bald werden wir die so lange schmerzlich vermisste Lukulliade besuchen können.
Wunderschöne Preise sind bereits zu gewinnen:
Der Goldene Tiegel von Aix en Provence – die Siegespfanne von Vilsbiebichstein – der Krummenreuther Kochlöffel und die Lederzunge der Uckermark.
Der deutsche Spitzenpreisenverzehrer mit dem sensiblen Gaumen, der Weinkenner mit dem überlegenen Wissen um die Genealogie jeder einzelnen Rebe hat die Szene betreten.
Der deutsche Festmahl-Trampel hat ausgedient. Er befindet sich in der Champions League der Topgourmets. Seine Kritikfähigkeit hat erstaunlich zugenommen. Aber auch seine Kritikwilligkeit.
Ich glaube gehört zu haben, dass eine Dame in einem teuren Restaurant spitz bemerkte: “Probier doch mal Detlev, findest Du nicht, dass der Kaffee korkt?”
Vielleicht habe ich mich verhört.
Dies alles bedenkend, meine ich, dass es an der Zeit wäre, sich an historische Rezepte aus hungrigen Zeiten zu erinnern, solange man als Zeuge dieser Jahre noch Auskunft geben kann.
Als meine Mutter uns am Weihnachtsabend 1945 zu Tisch bat, hatten wir gar keinen Tisch.
Vater, Mutter und Bruder (3) waren kurze Zeit vorher, im März des letzten Kriegsjahres vom Pferdewagen heruntergestiegen und notdürftig in einem Zimmer untergekommen, das unmöbliert aber heizbar war.
Im Oktober war ich zu ihnen gestoßen, hatte ihre Adresse in den Flüchtlingskarteien gefunden und bereicherte die Wohngemeinschaft, die nun trotzig Weihnachten feirn wollte.
Mutter sagte: “Vor ein paar Jahren noch hätte ich mir eines von diesen Kochbüchern genommen, in denen Rezepte vermerkt waren, die gewöhnlich so begannen: ‘Man nehme sieben bis acht Kilo Rindfleisch…’ und würde zwei bis drei Tage gekocht, gebruzelt und gebacken haben, jetzt habe ich nicht einmal die Kochbücher mit auf die Flucht nehmen können.”
Dass wir nun keinen Tisch hatten, auf dem etwas zu essen kommen sollte, war halb so schlimm, denn mein Vater hatte eine alte Tür aus einer Hausruine geschenkt bekommen und die auf zwei Baumstümpfe gelegt, die er irgendwoher hatte.
Erstaunlicherweise ist im Familienrat beschlossen worden, trotz aller Widrigkeiten die traditionellen schlesischen Mohnklöße zu essen.
Tja, was nehme man denn da?
Mutter meinte, da nehme man Mohn – Milch – Zucker – Semmel und streue darüber Puderzucker.
Im Oktober hatte diese Besprechung schon stattgefunden und die Nennung der nötigen Zutaten bewirkte ein großes Gelächter.
Es war noch alles so, wie es bei Anbruch des Friedens schon gewesen ist. Was es da alles nicht gegeben hatte, gab es ein paar Monate später nicht nur nicht, sondern noch viel weniger. Das einzige, was als Verbesserung der Lage anzusehen war; Es wurde nicht mehr geschossen.
Und nun sollte in einer Zeit, in der man bayrische Bauern um stecken gelassene Kartoffeln im Acker bestehlen musste, Mohnklöße auf die Tür!
Auf den Tisch meine ich, der eine Tür war.
Wir überlegten, besahen die Reste unseres Besitzes, Dinge, die in Panik auf den Pferdewagen geworfen wurden und nun nutzlos in den Ecken herumlagen und verwandelten sie in unserer Phantasie in Lebensmittel.
Hier nun das Rezept, nach dem meine Mutter die Mohnklöße in gewohnter Friedensqualität hergestellt hat.
Man nehme … die Erinnerung zur Hilfe, die einem sagt ‘DÜNNE SCHEIBEN VON SEMMELN GEMACHT, WERDEN ZUERST IN SÜSSLICHER MILCH GEBRÜHT!!!’
Woher nehme man sie? Die Milch?
Da nehme man den 6 Uhr-Zug, es fährt nur ein einziger früh am Morgen und einer spät am Abend, steige in Weiden (Oberpfalz) aus, versuche einen Zug nach Nabburg zu bekommen und, wenn das gelingt, gehe man in südwestlicher Richtung zwei-ein-halb Stunden in ein Dorf, denn dort wohnt ein guter Bekannter aus der Gegend von Hirschberg, der bei einem grossen Bauern arbeitet, zwar ein Beamter des Reichsnährstandes gewesen ist, aber der von diesem Bauern geduldet wird, weil er ein guter Kühemelker zu sein schein.
Natürlich war nicht daran gedacht, die Milch für die Mohnklöße auf diesem Hof zu erhalten. Es wäre auch zu gefährlich gewesen, weil der Bauer auf bettelnde Fremde in der Regel seinen Hofhund hetzte.
Nein, meine Mutter hatte sich das viel geschickter ausgedacht. Nach zwei Tagen kehrte sie zurück und meinte, für die zu nehmende Milch wäre nun gesorgt. Mehr verriet sie nicht.
Eine Woche später hielt ein klappriger Lastwagen vor dem Haus und holte unseren Teppich ab, der zu Hause unser ‘Herrenzimmer’ geschmückt hatte.
Dafür liess er uns eine Ziege da. Für die Milch war gesorgt.
Woher sollten aber die ‘DÜNNEN SCHEIBEN VON SEMMELN GEMACHT’ kommen?
Sie kamen auf folgende Weise:
Unsere kostbaren zwei Pferde durften im Kuhstall des Müllers stehen, wofür Vater natürlich Gespanndienste leisten musste. Auf die schüchtern vorgetragene Frage, ob da nicht auch ein bisschen Mehl dabei herausspränge, kam von seitens des Müllers ein Kopfschütteln.
Zwei Tage später klopfte er an unserer Tür und machte einen Vorschlag, den der Vater ohne lange zu überlegen, annahm.
Es stellte sich heraus, dass der Müller auch Probleme hatte. Er wollte seiner Frau unbedingt ein neues Porzellanservice zu Weihnachten schenken, wusste aber nicht, wie er zu einer Tankladung Benzin kommen sollte, die der Abteilungsleiter der ortsansässigen Porzellanfabrik für das Service forderte. Er kannte aber einen Mann, der im Motor-Pool der US-Army arbeitete, der Benzin in alle Richtungen laufen lassen konnte, dafür aber große Mengen erstklassiges Holz für den Winter forderte.
Der Müller besaß ein ansehnliches Stück Wald und bot meinem Vater an, mit seinen zwei Pferden das geschlagene Holz aus dem Holz abzufahren und vor dem Haus des Benzinvermittlers aufzuschichten.
Der Preis sollte ein Säckchen unbezahlbares Weizenmehl sein.
Nun aber verlangen die Mohnklöße folgendes:
‘JEGLICHE SCHICHT (der Semmelscheiben, die aus Porzellan, Benzin und Feuerholz entstanden sind) WERDEN ZUERST IN SÜSSLICHER MILCH GEBRÜHT (die, wir erinnern uns, aus dem Teppich entstanden ist) UND IN SCHICHTEN SAUBER GETÜRMT, INDES FÜR ZWISCHENRÄUME DER LAGE JEGLICHE SCHICHT DURCHNETZT GESCHMOLZENER ZUCKER …’
Man nehme also Zucker.
Woher?
Da nehme man wieder den Sechsuhrzug nach Weiden, steige in den Zug nach Regensburg und versuche von dort aus in ein nahegelegenes Obstanbaugebiet zu kommen. Nach ein, zwei Tagen könnte man dort angekommen sein. Mit ziemlicher Sicherheit trifft man auf dem Bahnhof Menschen, die auf dem Land Obst pflücken durften, das schon ein wenig angeschlagen war. Um ihnen einen Teil der Äpfel abzuschwatzen, hatte meine Mutter Ziegenkäse gemacht und tauschte nun die Milch der Ziege, die eigentlich unser Teppich gewesen ist, in Fallobst ein. Das nun schleppte sie nach Hause und gab es einer Lebensmittelhändlerin die darüber klagte, dass ihre Kinder zu wenig Obst bekämen.
Nun hatten wir auch Zucker.
Aber keinen Mohn.
Woher soll man den in Bayern nehmen? Schlesien war ein Mohnanbaugebiet. Vor Christi Geburt schon gab es bei uns Mohn. Wer es nicht glauben mag, der sei daran erinnert, dass im schlesischen Dialekt das Wort ‘Moohgootl’ vorkommt.
Es bezeichnet einen Menschen, der ein bisschen dösig wirkt, verschlafen eben oder verträumt.
Mohn macht dumm, hatte man uns als Kinder beigebracht. Damit ist vermutlich der Schlafmohn gemeint, oder vielleicht gar der Mohn-Sirup Sirupus Papaverdis, der schon bei den Römern als Schlafmittel galt.
Es gibt Theorien die einen Zusammenhang zwischen Mohn, den Goten und den Römern vermuten.
Dass die Goten ein paar hundert Jahre in Schlesien verbracht haben, bevor sie sich entschlossen, den Untergang Roms zu beschleunigen und mit roher Gewalt ganz Italien heimzusuchen, muss ich nicht mehr erwähnen, denn das haben wir schon in der Schule gelernt.
Hinzugelernt habe ich, dass ein Teil dieser Goten, es waren übrigens Süd-Goten, also ein Stamm, von dem man nie gesprochen hat, immer nur von den Ost und Westgoten, die Mohnsüchtigen unter den Goten an der Oder ausgesetzt hat, und dieses sind nun die bereits erwähnten ‘Mohgotl’
Ein solches muss der Mensch gewesen sein, der seinen Mohnvorrat verkaufen wollte für eine Packung Chesterfield.
Für diese Packung haben wir schwere Opfer bringen müssen. Besonders unsere Ziege musste herhalten. 2 Liter Milch und Mutters schönster Ring für ein paar Schuhe (Secondfoot), die an einen Mitarbeiter der PX in der Patton-Kaserne gingen. Der hatte die Cigaretten völlig phantasielos einfach geklaut.
Es war geschafft. Am 24.Mai aßen wir Mohnklöße! Schlesier müssen an diesem Tag Mohnklöße essen, weil ihnen damit garantiert wird, dass das Geld nicht ausgeht. Nach dem Essen haben wir sehr gelacht, denn wir stellten fest, dass wir gar keins hatten.
Aber wir hatten sehr, sehr gute Laune.