17. Jahrgang | Nummer 25 | 8. Dezember 2014

Die DDR, von Westen aus betrachtet

von Bernhard Mankwald

Die einfachen Leute sprachen von der „Ostzone“, und die Politiker des Staates, der in den westlichen Besatzungszonen nicht zuletzt zu dem Zweck gegründet worden war, recht bald ein Dutzend Divisionen für das westliche Militärbündnis zu stellen, gaben sich kaum mehr Mühe. Wenn sie nicht gerade über „Pankoff“ orakelten, redeten sie über die „Sowjetische Besatzungszone“ oder gebrauchten die Abkürzung SBZ – auch als sich dort längst ein Staat etabliert hatte, der sich, mit welcher Berechtigung auch immer, Deutsche Demokratische Republik nannte und im Übrigen sehr gelassen mit dem Kürzel DDR umging. Die Bonner Republik dagegen wollte sich auf keinen Fall als BRD bezeichnen lassen.
Später wurden dann die semantischen Verrenkungen in der BRD immer grotesker: Die DDR wurde als „Phänomen“ oder „Gebilde“ bezeichnet. Der Versuch von Bundeskanzler Willy Brandt, die Beziehungen zu diesem Staat zu normalisieren – auch wenn von einer förmlichen Anerkennung nie die Rede war – fand deshalb in meiner Umgebung sehr viel Zustimmung. Ich erinnere mich, mit welcher Spannung meine Klasse die Fernsehübertragung der Bundestagssitzung verfolgte, auf der Rainer Barzel Brandt sein Amt streitig machte – und mit welchem Jubel wir das Abstimmungsergebnis aufnahmen, wonach er die sicher geglaubte Mehrheit doch verfehlt hatte. Ein besonderer Genuss waren dabei die süßsauren Mienen unseres unbeliebten Schuldirektors und des gestrengen Französisch- und Lateinlehrers, die als aktive Vertreter der CDU bekannt waren.
Beliebt war die DDR trotzdem nicht. Im Jahr 1968 hatte es nicht nur in unserem Lande und besonders in Frankreich allerhand Unruhe unter der studentischen Bevölkerung gegeben, sondern auch einen durch die Sowjetunion initiierten militärischen Einmarsch mehrerer Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, der jäh den dortigen vielversprechenden Versuch beendete, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu errichten.
Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), die um diese Zeit nach Jahren der Illegalität neu gegründet worden war, verteidigte diesen Schritt und hatte daher einen schweren Stand. Trotzkistische und maoistische Gruppen, die sie von ihren jeweiligen Standpunkten aus kritisierten, fanden für einige Zeit recht viel Zuspruch. Während meiner Studienzeit wich dann das linke Sektierertum allmählich einer vage spontaneistischen Basisorientierung, deren politisches Programm anscheinend vor allem darin bestand, möglichst viele der wirklich sehr amüsanten Zeichnungen von Gerhard Seyfried für die eigenen Wahlplakate zu klauen.
Mit Bezug auf die DDR und die Nachbarstaaten blieb die vage Hoffnung, dass es irgendwann auch einmal in der Sowjetunion zu einem Generationswechsel käme, der neuen Spielraum für eine freie Entwicklung schaffen würde. Ideen dafür verbreitete zu jener Zeit als prominentester Kritiker der bestehenden Verhältnisse der Naturwissenschaftler Robert Havemann. Anlässlich seines Todes im Jahr 1982 verdichtete sich mein Interesse an Havemann zu einem gewissen Maß an Engagement: Als Redakteur der Bochumer Studentenzeitung stellte ich eine Doppelseite mit Auszügen aus seinen Texten zusammen, die allerdings keinerlei Reaktion der Leserschaft hervorrief.
In der Zwischenzeit war eine jüngere Generation von Kommilitonen herangewachsen, die nichts dabei fand, auf der Liste des MSB Spartakus, der Hochschulorganisation der DKP, zu kandidieren; zwei von ihnen hörte ich beiläufig über ihren Aufenthalt in der „Täterä“ sprechen. Mich als Vertreter der „Basisgruppen“ erreichten keine derartigen Angebote. Bald war ich auch recht intensiv mit meiner Dissertation beschäftigt; mit Hilfe eines Computers erforschte ich die Lösungsprozesse bei einem bestimmten Aufgabentyp, der in Intelligenztests verwendet wird.
Im Februar 1988 gab mir ein Vorstellungsgespräch an der „Freien Universität“ in Berlin dann doch die Gelegenheit, die Elbe bei Magdeburg und die Havelseen wenigstens vom Zugfenster aus kennenzulernen. Landschaftlich nicht ganz so reizvoll waren zwei von Mauern umgebene Bahnhofsgelände, in denen der Zug zu Beginn und Ende der Durchfahrt durch die DDR jeweils zehn bis fünfzehn Minuten verweilte.
Der Aufenthalt gab Gelegenheit, mich den Gremien einer modernen Hochschule zu präsentieren, einem außergewöhnlich unfreundlichen Busfahrer zu begegnen, mehrere interessante Museen im Westen der Stadt zu besuchen – und zu einer Stadtrundfahrt der besonderen Art, deren ebenfalls musealer Charakter mir erst nachträglich klar wurde.
Der Westen ragte damals im Süden Berlins besonders weit in den Osten hinein. Von dort aus fuhr die S-Bahn ohne Halt mit mäßigem Tempo durch mehrere unterirdische Bahnhöfe. Bei schwacher Beleuchtung hätte man ohne weiteres erwarten können, das Gespenst des Kommunismus auf den leeren Bahnsteigen zu erblicken – oder doch wenigstens Bahnpersonal oder Angehörige der Grenztruppen. Aber die Passage zeigte sich an diesem Tag wie eine Geisterbahn, die von wirklich allen Geistern verlassen war. Am Bahnhof Friedrichstraße gab es dann die Möglichkeit, in eine andere S-Bahn-Linie umzusteigen; wenn ich mich recht entsinne, auch in die U-Bahn und in Fernzüge. Irgendwo im Gewirr der Treppen und Gänge kam ich an der Tür vorbei, die in die „richtige“ DDR führte. Aber es hätte 25,00 D-Mark gekostet. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich meinen Pass bei mir hatte, und West-Berlin war mir um die Jahreszeit schon fremd und kalt genug.
Die Bahnsteige waren durch Sichtblenden von der Umgebung getrennt, auf jedem gab es zwei Verkaufsstellen der Marke Intershop – und vor jeder derselben eine Schlange von Leuten aus dem Westen, die den Weg durch den Osten dazu nutzten, schnell mal billig an eine Stange „West“ zu kommen. Ich muss gestehen, dass ich mich ebenfalls einreihte, wenn auch aus rein geistigen Interessen; der georgische Weinbrand war dann auch nicht im mindesten so schrecklich wie ein oder zwei Politiker, die dieses Land hervorgebracht hat.
Der vorgeblich reale Sozialismus zeigte sich mir also eher von einer surrealen Seite, und der abschließende Höhepunkt war die mühelose Fahrt in der gut besetzten S-Bahn auf einem Weg, der zu Fuß gänzlich unmöglich gewesen wäre: am Reichstagsgebäude vorbei, über die Sperranlagen hinweg. Und wenn jemand mir gesagt hätte, dass diese bald der Vergangenheit angehören würden, hätte ich sicher gelacht.
Seitdem habe ich einiges von der früheren DDR gesehen und mich recht intensiv mit ihrer Geschichte befasst. Einen Wunsch aber habe ich mir erst im April dieses Jahres erfüllt: mit dem Zug zum Bahnhof Friedrichstraße zu fahren und dann zu Fuß die Gegend bis zum Brandenburger Tor zu erkunden. Es war herrlich: niemand machte auch nur den geringsten Versuch, mich anzuschnauzen, herumzuschubsen oder gar auf mich zu schießen. Endlich war auch ich im vereinigten Deutschland angekommen.