16. Jahrgang | Nummer 17 | 19. August 2013

Somnambule Winterreise in die Schizophrenie

DER AUGENBLICK DER WAHRHEIT WENN IM SPIEGEL
DAS FEINDBILD AUFTAUCHT…
(Heiner Müller „Wolokolamsker Chaussee V“)

von Erik Baron

„Dichter sein heißt aufs Ganze aus sein, was voraussetzt, sich selbst ganz zu haben, genauer: sich selbst finden zu wollen“, schreibt Franz Fühmann 1980 in einer imaginären Rede („Praxis und Dialek der Abwesenheit“) über den Gedichtband „abwesenheit“ seines jungen Dichterkollegen Wolfgang Hilbig. – „Denn man ist als Dichter ja nicht teilbar.“ Fühmann beklagt hier den unbefriedigenden gesellschaftlichen Zustand von Bevormundung und Maßregelung, der allzu häufig die Schere im Dichterkopf anwachsen lässt und ein ewiges Zwitterdasein zwischen ungewollter Abwesenheit und ungewollter Anwesenheit zur Folge hat. In diesem Kontext ist Fühmann unbestritten zuzustimmen. Doch lässt sich gerade im Zusammenhang mit Wolfgang Hilbig dieser These auch vehement widersprechen. Als Dichter ist man nicht teilbar? Wer Hilbigs Erzählungen gelesen hat, wird eines Besseren belehrt: Hilbig ist vor allem deswegen Dichter, weil er sein Aufgespaltensein, seine Schizophrenie in Form doppelter Ichs auf dem Papier zu bändigen versuchte. Fühmanns These ließe sich dann ganz dialektisch mit meinem Widerspruch vereinen: Nur in seiner Aufspaltung war Wolfgang Hilbig ganz bei sich selbst. Nur mittels ihrer doppelten Ichs bewegten sich Hilbigs Protagonisten durch den scheinbar antagonistischen Widerspruch von Fiktion und Realität. Nur durch die fiktionale Erschaffung von Figuren ist es Hilbig gelungen, zu sich selbst zu finden, sein doppeltes Dasein als Heizer und Schriftsteller unter einen Hut zu bringen.
Immer wieder taucht er auf, der Heizer (mal mit dem Kürzel C., dann wieder unmissverständlich als H.), der zurückgezogen in seinem „schmutz- und glutdurchlohten Keller“ haust, dort die Öfen am Brennen hält und sich gedankenversunken an der Realität reibt. So entstehen im Kopf die Geschichten, die der Heizer, zum Schriftsteller mutiert, nachts bei trübem Licht am Schreibtisch zu Papier bringt, um am nächsten Tag, verquollen und übermüdet wieder im Heizhaus zu erscheinen. Der Heizer scheint der einzige Protagonist zu sein, den Hilbig in seinen Prosawerken erschaffen hat, der Heizer, umgeben von seinen vielen Ichs. Durch das aufgespaltene Dasein als Heizer und Schriftsteller und die damit einhergehende Schizophrenie seiner Protagonisten erzeugt Hilbig immer wieder jene kafkaesken Situationen aus dem Arbeitsleben der realsozialistischen Gesellschaft, die ihn so unverwechselbar machen: Hilbigs Bitterfelder Weg ist ein Weg durch nebeldurchzogene Dunkelheit, ein Weg durch die gespenstische Landschaft einer Gesellschaft, in der „der bloße Gebrauch des Wörtchens ich schon als eine subversive Handlung aufgefasst“ wird. Diese Reibung am doppelten Dasein ist der Katalysator für Hilbigs einzigartige Erzählungen. Nicht von ungefähr findet sich Franz Kafka unter den literarischen Vorbildern Hilbigs, lesen sich viele Hilbig-Geschichten wie Variationen auf dessen fiktionale Alpträume.
In der Erzählung mit dem unscheinbaren Titel „Beschreibung II“ (1980) begibt sich der Protagonist, natürlich Heizer, auf Empfehlung eines nichtexistenten Bekannten auf einen Elbdampfer für die Nomenklatura, um sich als Kellner und Informant etwas hinzuverdienen zu können und gleichzeitig als Schriftsteller „eine Beschreibung der Macht aus eigener Anschauung“ vorzunehmen, gerät aber, wie der Protagonist in Kafkas Romanfragment „Amerika“, in die Fänge des Oberkellners, der ihn als Vertreter der Macht sein Marionettendasein zu spüren gibt: „Du glaubst mit der Realität zu handeln, aber sie handelt längst mit dir“, wirft ihm sein zweites Ich vor. Ein Schlüsselsatz für Hilbigs Werk! So wurde der schreibende Protagonist aus Hilbigs Geschichte selbst zur Figur seiner die Macht beschreibenden Geschichte.
Ein wahrer Alptraum in kafkaesker Subjekt-Objekt-Verwirbelung, eine ewiger Kreislauf zwischen Ich und Er, ein Hase-und-Igel-Spiel zwischen Realität und Fiktion – wie in der Hilbig-typischen Erzählung „Er, nicht ich“ (1991), in der der Protagonist am Ende nicht mehr unterscheiden kann, wer denn eigentlich das Original und wer sein Schatten ist, wer der Protagonist und wer die von ihm geschaffene Figur ist. Aus allen Ecken drohen die Spiegelbilder das eigene Feindbild aufzuzeigen. Hilbigs fiktionale Realität wird zum Spiegelkabinett seiner Doppelexistenz, sein Gang durch die Erinnerungen gleicht einem Abstieg ins Schattenreich der eigenen Vergangenheit, in dem er mit den untoten Gespenstern seiner doppelten Ichs konfrontiert wird. Da nützt es auch nichts, den ihn verfolgenden Schattenmann, wie in der Erzählung „Der dunkle Mann“ (2002), zu töten oder aus Furcht vor der Verselbständigung der von ihm aufs Papier gebrachten Figuren die Manuskripte zu verbrennen („Die Angst vor Beethoven“, 1981). Seit Bulgakow wissen wir: Manuskripte brennen nicht! In dieser Erzählung will der Protagonist seine „Aufzeichnungshefte nicht mehr anrühren: solange das, was ich schrieb, von einem Fünkchen Wirklichkeit beeinträchtigt wurde“.
Was also tun mit der Wirklichkeit, wenn ihr Einbruch in die Literatur zur existentiellen Bedrohung wird? Schaffen wir sie einfach ab! Wie der Protagonist aus „Er, nicht ich“ in einem Brief an die Innere Verwaltung einklagte: „ich fordere die zuständigen Organe auf zur endlichen und durchgreifenden Abschaffung der Realität“. Denn die wahre Wirklichkeit, so Hilbigs Erfahrung, entsteht nur durch die Fiktion. Nur sie kann das, was gemeinhin als Realität wahrgenommen wird, tatsächlich abbilden. So wird auch dieser Brief, den der Protagonist noch schnell zum Briefkasten bringen will, obwohl er ihn wahrscheinlich schon seit einem Jahr oder länger mit sich herumträgt, gleichsam zum Schlüssel für Hilbigs Werk, taucht er, in abgewandelter Form, doch immer wieder auf: als ein an sich selbst adressierter Brief, den er voller Ungeduld erwartet, wegen dem er die Postbotin, auch eine immer wiederkehrende Figur, bedrängt und, wie wir aus Hilbigs Roman „Eine Übertragung“ wissen, offensichtlich getötet hat. Wie einzelne Traumsegmente eines sich ständig wiederholenden Alptraumes tauchen die immer gleichen Figuren in immer gleichen Situationen auf. Als Leser schwebt man wie durch Nebelschwaden durch Hilbigs Erzählungen, Nebelschwaden, die sich mal als dichter Herbstnebel, häufig aber als weißer Ascheregen über toter Landschaft niederlassen. Nebel und Gras als häufig wiederkehrende Intarsien von Hilbigs Traumlandschaften. Gras als Symbol ewigen Lebens, das nicht altert, sondern immer wieder nachwächst, wie Hilbig in der Erzählung „Grünes grünes Grab“ (1992) ausführt.
So verwundert es nicht, dass sich gerade mit diesem Symbol die allererste Erzählung von 1968 („Schläfriges Gras“) und die letzte, fragmentarische aus dem Jahr 2005 („Die Nacht am Ende der Straße“) wie eine Klammer um das Gesamtwerk schließen. Im Erstlingswerk wogt es satt und grün in der Ebene, lädt es zum Ausruhen ein (wie auch in der 1970 geschriebenen Erzählung Idylle) und verführt zum Träumen. Es ist „die Zärtlichkeit des warmen Grases im Sommer“, die für Hilbig zur Brücke zwischen Realität und Fiktion wird. Man spürt es regelrecht, wie er, benommen vom Rauschen des hohen Grases allmählich davon schwebt und in anderen Sphären auftaucht, in seiner schizophrenen Parallelwelt. Und wenn er dann in der letzten Erzählung, am Ende seiner Tage seit Jahren nichts mehr aufs Papier gebracht in seinem Weddinger Kietz, erneut in gleißender Sommerhitze, feststellt, dass „auch das Gras auf dem Platz … von einem sonderbaren Grün (war), mit dem es zu Ende ging, ganz als wolle es braun werden, um danach in Schwarz oder weiß überzugehen“, schließt sich der Kreis des Grases um Hilbigs Leben. In „Die Nacht am Ende der Straße“ verbleibt Hilbig nur, sein Scheitern zu konstatieren, seine innere Leere, seine Sprachlosigkeit. Hier ist das Gras offensichtliche gründlich ausgetreten worden und droht zum Gras des Vergessens zu werden. Den Zeitpunkt des Beginns dieser Sprachlosigkeit kann der Protagonist exakt beziffern: Es war der 11. September des Jahres 2001.
Natürlich ist man als Leser geneigt, dem Protagonisten aus Hilbigs letzter Erzählung zu widersprechen, wenn dieser voller Ekel und Hass auf sein eigenes Werk zurückblickt, aber das Scheitern, das er für sich konstatiert, ist weiter zu fassen als auf sein Werk begrenzt – gleichsam wie das Scheitern seines großen Förderers Franz Fühmann. Fremd waren sie ausgezogen, fremd kehren sie wieder heim: Hilbigs Werk ist die somnambule Winterreise in die Schizophrenie, eine Flucht vor der durch die gesellschaftliche Spaltung geprägten Realität.

Wolfgang Hilbig: Werke. Band II. Erzählungen und Kurzprosa, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 768 Seiten, 26,95 Euro.