Wissen und Fortschritt in dieser Zeit

von Karl Berndt

Aus dem Nachlass von Dr. Helmut Reinhardt, des letzten Herausgebers und Chefredakteurs der Weltbühne, ist die Blättchen-Redaktion in den Besitz der 14-bändigen Reprintausgabe der Wochenschrift Die Neue Weltbühne gelangt, die im Exil – von 1933 bis 1939 erst in Prag, später in Paris – erschien. Die Reprintausgabe wurde vom Verlag K.G. Saur (München, London, New York, Paris 1992) editiert.
In der Ausgabe 7/1934 fanden wir den nachfolgenden Beitrag.
Die Schreibweise des Originals wurde beibehalten.

 Die Redaktion

Der menschliche Erfindungsgeist hats scheinbar noch immer nicht zustandegebracht, ordentlichen Schutz vor Gruben- und Eisenbahnkatastrophen zu konstruieren; aber in der andern Richtung überschlägt er sich.

In England ist ein Buch erschienen, das sich mit dem Wesen des kommenden Kriegs und seinen technischen Möglichkeiten beschäftigt. Es heißt: „What would be the charakter of a new war?“ und ist von achtzehn sehr bedeutenden militärischen und chemischen Sachverständigen Europas, Amerikas und Japans herausgegeben. In diesem Buch wird nichts verschwiegen.

Der englische General Füller, Mitglied des Generalstabs, weist auf die Bedeutung des Tanks hin, den er als die ausschlaggebende Waffe der Zukunft beurteilt; deshalb nennt er auch jede weitere Ausgabe für Infanterie eine Verschwendung. Aus seiner Erfahrung im letzten Weltkrieg beschreibt er, wie die deutsche Frühjahrsoffensive im Jahre 1918 gebrochen wurde: Am 24. April 1918 schlugen sieben englische Tanks mit 21 Mann Besatzung die drei entscheidenden deutschen Bataillone in die Flucht.

Den Wert der generellen Motorisierung eines Heers behandelt der englische Major Bratt; er meint, eine Armee, die sich nicht vollständig vorn Transport durch Eisenbahnen unabhängig gemacht hat, sei auf dem Kontinent kriegsuntauglich: Angesichts der Entwicklung des Flugwesens bringt im Kriegsfall die Gefährdung der Eisenbahntransporte, der Bahnhöfe und Knotenpunkte den Generalstab eines Lands mit nichtmotorisierter Armee von Anfang an in einen schweren Nachteil. (Mit dem Bau seiner „Reichsautobahnen“, der großzügigen Anlage von modernen Betonchausseen nach strategischen Gesichtspunkten, zeigt Deutschland, daß es die Wahrheit dieser Theorie erkannt hat.)

Über den Luftkrieg informiert der englische General Growes aus der Fülle seiner Erfahrungen. Er beschreibt die letzten Nachtmanöver über London: Von 250 mit einem neuartigen Anstrich versehnen Flugzeugen wurden unter dem Einsatz der stärksten Scheinwerfer nur 16 entdeckt; trotz der niedrigen Flughöhe von nur 600 Metern konnten die übrigen 234 Flugzeuge vollständig ungehindert ihre Scheinbomben abwerfen. General Growes kommt zu dem Schluß, daß eine Verteidigung von Städten wie Paris, Berlin oder London gegen einen Luftangriff überhaupt unmöglich ist.

Die schweizer Kriegschemikerin Doktor Gertrud Woker berichtet über die neuesten Erfindungen auf dem Gebiet der Gas- und Brandbomben: Eine neuartige Brandbombe entwickelt bei ihrer Explosion eine Hitze von über 2000 Grad; so wird sie mit ihrem schmelzenden und zerfließenden Stahl zu „flüssigem Feuer“. Andre neukonstruierte Bomben durchschlagen alles und graben sich 40 Meter tief in die Erde ein. (Diese Brandbomben haben übrigens in der Fachsprache den verdienten Namen „Berliner Bomben“ erhalten.) Ein neuerfundenes Gas ist das rasante „Grüngas“, das ein „trockenes Ertrinken“ der Einatmenden bewirkt. Dringt dieses Gas – wovor keine Maske schützt – in die Atmungswege ein, so ziehn die Gewebe und Kapillaren der Lunge das Blutwasser an sich; dadurch wird der Zustand des Ertrinkens herbeigeführt: Der Mensch ertrinkt in seinem eignen Blut.

Der Leiter der Sprengstoffabteilung im englischen Kriegsministerium, Lord Halsbury, erörtert die „Vorzüge“ des neuen Difenylzyanarsins. Von diesem Gas würden 40 Tonnen genügen, um London vollständig auszurotten. Nach dem neuesten Stand der Kriegstechnik bedeutet das: Es muß nur 40 bis 50 Flugzeugen gelingen, die Hauptstadt eines feindlichen Lands zu erreichen.

Für gewöhnlich .wird von den Kriegstreibern erklärt, die „Fortschritte“ der Flugtechnik und die Schrecken des Gaskriegs seien lediglich Erfindungen manischer Pazifisten und Landesverräter. Die Existenz dieser Vernichtungsmittel wird vor Millionenmassen einfach in Abrede gestellt. Bestenfalls wird darauf hingewiesen, daß unsre alarmierenden Schilderungen eines Flug- und Gaskriegs maßlos übertrieben und ja noch nie erprobt worden sind.

General Mitchell, der Oberbefehlshaber der amerikanischen Luftstreitkräfte im Weltkrieg, beweist das Gegenteil. In einem Aufsatz in der chicagoer Zeitschrift ‚Populär Aviatio‘‘ beschreibt er die Erfahrungen, die auf dem Gebiet der Flugtechnik schon praktisch gemacht worden sind. Amerikas Luftflotte ist mit neuartigen Gleitbomben ausgerüstet, die in der Art eines Torpedos mittels Gyroskop und Radiopeller [sic! Gemeint sein könnte Radiopeiler – die Redaktion] ferngesteuert werden. General Mitchell beschreibt seine Manöver, die er mit diesen Gleitbomben bereits im Jahre 1922 durchgeführt hat: Über Garden City auf Long Island wurden die Torpedos auf das 110 Kilometer entfernte Trenton, die Hauptstadt von New-Jersey, abgefeuert; sämtliche Bomben erreichten ihr Ziel. Nach Ansicht des Generals Mitchell können derartige Geschosse auch den atlantischen Ozean überqueren. Gleichzeitig berichtet der General über neue Unterseetorpedos; die – mit magnetischer Spitze versehn – sich selbsttätig ihr Ziel suchen und auf 6 bis 8 Kilometer wirksam sind.

Der amerikanische Erfinder Eric S. Milton, der mit dem Kriegsdepartement der USA zusammenarbeitet, hat eine Aufstellung der neusten Erfindungen auf dem Gebiet der Kriegstechnik angefertigt. Er führt an: ein vom amerikanischen General Goddard konstruiertes Geschütz, dessen Reichweite 400 Kilometer beträgt; Granaten im Gewicht von 2 Tonnen; unsichtbare Explosion; geräuschlose und unsichtbar gemachte Flugzeuge mit Geschwindigkeiten bis 500 Kilometer; größte Steigerung der Tragfähigkeit. Ferner: Tanks, die tauchen und schwimmen können, mit Giftgas- und Flammenwurfapparaten ausgerüstet sind; Giftgase, die durch die Kleider dringen, so daß die Verwendung von Gasmasken nichts mehr nützt. Andrerseits gibts Luftabwehrgeschütze, die 70 Schrapnells pro Minute abfeuern, und Hörapparate, die auf 70 Kilometer Umkreis das Herannahen von Flugzeugen abhorchen können. Bei all diesen Erfindungen handelt sichs um Konstruktionen, die das Stadium der Laboratoriumsversuche bereits passiert haben und von allen weltkriegsfähigen Mächten schon serienweise fabriziert werden.

Also auch in Deutschland, wo man natürlich besonders tüchtig ist. In der augsburger Zeitschrift ‚Wissen und Fortschritt‘ nimmt ein Ingenieur Werner Stolze das vom Professor der Wehrwissenschaft, Banse, bearbeitete Thema des Bazillenkriegs wieder auf. Stolze zitiert die Ausführungen des amerikanischen Militärarztes Leon A. Fox über die verheerenden Folgen der Seuchen im Krieg und versichert dann beruhigend, daß alles, was über die Schrecken eines Bazillenkriegs und einer künstlichen Seuchenverbreitung geschrieben worden ist, eine gewaltige Übertreibung darstelle. Gleich drauf gibt Stolze die Möglichkeit zu, Cholera, Typhus, Ruhr und Paratyphus durch bazillentragende Ratten ins feindliche Land zu jagen und Teile des feindlichen Heeres zu infizieren. Er teilt mit, daß es möglich sei, Flecktyphus, Milzbrand, Starrkrampf, ja auch Pest durch infizierte Flöhe und andre Bazilienherde zu verbreiten. Aber er dämpft seine Freude mit dem Hinweis, eine Massenverbreitung sei unwahrscheinlich und überdies sei eine wirksame Seuchenbekämpfung durch die moderne Hygiene durchaus möglich.

Wünschen wir also mit dem Ingenieur Stolze, daß es nicht gelingen wird, das von ihm selbst erwähnte Botulin zu aktivieren, ein Bakteriengift, von dem ein halbes Milligramm zur Tötung eines Menschen und wovon ein Eßlöffel genügt, um mit den Anzeichen der Fleischvergiftung eine Großstadt auszurotten; wünschen wir das, damit, wie Stolze schreibt, das Feld den „eigentlichen Kampfstoffen“ überlassen bleibt. Mehr zu hoffen, bleibt einer Menschheit nicht übrig, die stur, hypnotisiert und tatenlos zugafft, wie ihr eine staatlich organisierte Verschwörung den Untergang bereitet.