Die vom Ullstein-Verlag besorgte Reihe „kürzeste Geschichten“ ist im Bereich populärwissenschaftlicher Geschichtsbücher besonders anregend. So gibt es eine „kürzeste Geschichte Englands“, eine „kürzeste Geschichte Europas“ und eine „kürzeste Geschichte Deutschlands“. Nicht immer hält alles kritischer Prüfung stand. So verwendet in Letzterer der britische Autor James Hawes lediglich fünf Seiten auf die Geschichte der DDR, nur die BRD sei deutsche Geschichte nach 1945, und er warnt, nach der deutschen Vereinigung dürfe „Ostelbien“ nicht – wie unter Bismarck – die deutschen Geschicke bestimmen.
In diesem Jahr ist eine „kürzeste Geschichte Japans“ dazugekommen. Der Verfasser Christopher Harding ist britischer Kulturhistoriker mit einem Schwerpunkt Japan. Er lehrt an der Universität Edinburgh Asiatische Geschichte. Durch den nicht nur historischen, sondern auch kulturwissenschaftlichen Zugriff auf das Thema ist dieser Band sehr unterhaltsam zu lesen. Die Palette reicht von Verweisen auf Mangas und Animes, die japanischen Zeichentrickfilme, die auf Mangas beruhen, bis zum Drama und zur japanischen Küche.
Der Autor beginnt damit, dass ein japanischer Reisepass es seinem Inhaber ermöglicht, visafrei in 194 Länder der Welt zu reisen. Nur der Reisepass von Singapur hat eine noch größere Reichweite: 195 Länder. Zugleich verweist Harding auf eine paradoxe Situation: In Japan besitzen nur 20 Prozent der Einwohner überhaupt einen Pass, während es in Großbritannien 85 Prozent seien. Einen Hauptgrund sieht er darin, dass der japanische Archipel 3000 Kilometer lang ist, vom sibirischen Norden bis zum subtropischen Süden. So kann der Japaner vom Skilaufen im Schnee bis zum Tauchen im subtropischen Meer alles im eigenen Land tun. Hinzu komme eine Inselmentalität. Das Japanische Meer trenne das Land vom östlichen Ende der eurasischen Landmasse, der Pazifische Ozean von Amerika. Beide Meere seien nicht unüberwindlich, ermöglichten den Herrschern Japans aber über lange Zeit, Menschen und Ideen zu kontrollieren.
In den frühen Jahrhunderten seiner Geschichte brachten China und Koreas Königreiche die Eisenverarbeitung und den Reisanbau nach Japan sowie den Buddhismus und den Konfuzianismus, die sich mit dem Shintoismus, der ursprünglichen Religion Japans, verbanden. Vom Buddhismus kommt die Vorstellung von einer zyklischen Zeit, vom Shintoismus die Betonung von Erneuerung und vom Konfuzianismus der Respekt vor den anderen und den Vorfahren. Der Einfluss des Christentums, trotz des Eifers von Missionaren seit Beginn der Neuzeit, blieb begrenzt.
Die Besiedlung der Inseln begann 35.000 vor Christus wohl zu Fuß, wie man heute meint, da es ursprünglich Landbrücken nach Sibirien und Korea gab, bis vor 13.000 Jahren der Meeresspiegel stieg. Seit dem sechsten Jahrhundert fanden immer wieder Kämpfe um die Einheit Japans statt. Großkönig Temmu (672-686 nach Christus) nahm als erster den Kaisertitel (Tennō) an. Von den Höflingen wurde verlangt, dass sie lesen und schreiben konnten, neben den sich herausbildenden schriftlichen Versionen des Japanischen mussten sie auch Chinesisch lernen. Die folgenden Jahrhunderte waren Zeiten von Kämpfen zwischen Kaiser und Adel, zwischen hochadligen Familien, Warlords und buddhistischen Sekten, beeinflusst auch von außen. Die Mongolen wollten 1274 von China aus Japan erobern und scheiterten, 1592 und 1597 versuchten die Japaner, Korea zu erobern, und scheiterten unter riesigen Verlusten ebenfalls. Portugiesen landeten in Japan 1543 und versuchten sich im Zwischenhandel mit China, schickten aber auch christliche Missionare, die Einfluss nehmen sollten.
Seit dem zwölften Jahrhundert wurde das Shogunat geschaffen, als ein feudales und militärisches Regierungssystem in Japan. In diesem lag die tatsächliche politische und militärische Macht bei einem Militärherrscher, dem Shogun. Er stützte sich auf mächtige Feudalherren, denen er im Austausch für Treue und militärische Gefolgschaft Landlehen überließ, und er war Oberbefehlshaber der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, die im 16. Jahrhundert etwa acht Prozent der Bevölkerung ausmachte. Der Shogun lenkte die weltliche Verwaltung und das Militär, während der Tennō zwar offiziell das Oberhaupt blieb und spirituelle Autorität besaß, seine Rolle sich aber weitgehend auf Zeremonielles beschränkte. Prägend blieb das Tokugawa-Shogunat (1603–1868) mit Erlassen zum „geschlossenen Land“. Begründet von Tokugawa Ieyasu brachte es über 250 Jahre inneren Frieden. Es steuerte den Kontakt zum Ausland streng. Die Maßnahmen gegen Christen wurden verschärft, portugiesische und spanische Missionare und Handelsreisende wurden nicht mehr ins Land gelassen, die Einfuhr europäischer, besonders christlicher Bücher wurde verboten. Japanern war es unter Androhung der Todesstrafe untersagt, das Land ohne Genehmigung zu verlassen. Nur die Niederländer durften noch mit Japan Handel treiben, von einer kleinen Insel vor Nagasaki aus, deren Zugang vom Shogunat kontrolliert wurde.
Diese Zeit endete mit der Meiji-Restauration 1868. Bereits seit längerem wurde in Japan diskutiert, das Zeitalter der Kaiserherrschaft zurückzugewinnen, so dass der Tennō neben der zeremoniellen auch die politische Führungsrolle wieder übernehmen sollte. Das wurde dadurch beschleunigt, dass im Juli 1853 vier schwarz lackierte Dampfschiffe der US-Flotte in der Bucht von Edo (heute Tokio) landeten. Commodore Perry hatte einen Brief des US-Präsidenten an den japanischen Kaiser zu übergeben, in dem um „Freundschaft, Handel und die Versorgung mit Kohle und Proviant“ für amerikanische Dampfschiffe gebeten wurde. Faktisch war es keine Bitte, sondern eine Forderung, das Land zu öffnen – im Grunde nach dem Muster des Opiumkrieges Großbritanniens gegen China zwölf Jahre zuvor. Bei Ablehnung hätte auch hier die Feuerkraft der Kriegsschiffe ausgereicht, die ganze Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Japan reagierte jedoch geschickt und ließ die Öffnung zu. Bereits 1860 reisten 77 Samurai auf einem US-Schiff in die Vereinigten Staaten, um die erste Botschaft Japans in den USA zu eröffnen. 1867 reiste eine Delegation nach Europa.
1868 wurde dann die „Meiji“-Ära ausgerufen. Der Tennō bestieg den Thron, der Adel wurde entmachtet, der Samurai-Stand abgeschafft. Rasch wurden ein neues Bank-, Post- und Bildungssystem eingeführt, ferner eine Armee aus wehrpflichtigen Männern geschaffen. Die Armee wurde nach preußischem, die Marine nach britischem Vorbild aufgebaut. 1889 wurde eine neue Verfassung verkündet. Der Kaiser wurde an die Spitze der Streitkräfte gestellt und erhielt die Verantwortung für die Justiz, das Oberhaus und die Ernennungen in die Regierung. Das gewählte Unterhaus hatte nur begrenzten Einfluss, die Macht lag im Kabinett und bei den Ministerien.
Japan erreichte als einzige nicht-weiße Macht bereits Ende des 19. Jahrhunderts den Status, in der imperialistischen Mächtekonkurrenz mitzuspielen. Gegen China eroberten japanische Truppen 1894/95 Korea und fielen in die Mandschurei ein. 1905 besiegte Japan im Fernen Osten Russland. Die gesamte Mandschurei wurde 1932 erobert und ab 1937 der blutige Krieg gegen China fortgesetzt. Im Zweiten Weltkrieg eroberte Japan weite Teile Asiens, so Indonesien, Indochina, Malaya und die Philippinen. Mit dem Angriff auf den Hafen Pearl Harbor (Hawaii) am 7. Dezember 1941 begann der Krieg gegen die USA, der mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sowie mit der bedingungslosen Kapitulation Japans 1945 endete.
Nach USA-Besatzung und Friedensvertrag 1951 erholte sich Japan rasch und wurde eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt. Im 21. Jahrhundert entwickelt sich im Innern des Landes eine demografische Krise, die nur durch Zuwanderung, vor allem aus Südostasien zu bewältigen ist. Das jedoch erfordert „einen Wandel vom ethnischen Nationalismus der Vergangenheit hin zu einem staatsbürgerlichen Nationalismus […], der die Einwanderer vollständig integriert“, so Harding.
Noch schwieriger könnten die internationalen Umstände werden. „Die Angst vor China, Russland und Nordkorea wächst, und die Forderungen werden lauter, den Selbstverteidigungsstreitkräften die präventive Zerstörung von Raketenstartanlagen im Ausland zu erlauben, statt sich allein auf die Raketenabwehr zu verlassen“. Die Sicherheitsallianz Japans mit den USA drohe auszufallen, „wenn sie am dringendsten gebraucht wird: Wenn die militärischen Kapazitäten Chinas so groß geworden sind und das Interesse Amerikas an Taiwan so sehr geschrumpft ist, dass ein Versuch Chinas, die Insel mit Gewalt einzunehmen, Erfolg versprechend erscheint“.
Am Ende misstraut Harding aber diesem im Westen verbreiteten Bedrohungs-Szenario. China und Japan könnten „zu einer mächtigen, kooperierenden Kraft in der Welt werden“. Das wiederum ist am Ende des sehr lesenswerten Buches fast eine frohe Botschaft. Ein Sprichwort aus dem globalen Süden besagt: „Wo Elefanten kämpfen, leidet das Gras.“ Doch wie man weiß: Wo sie Liebe machen, ist es womöglich noch schlimmer …
Christopher Harding: Die kürzeste Geschichte Japans, Ullstein Verlag, Berlin 2026, 272 Seiten, 14,99 Euro.
Schlagwörter: Christopher Harding, Erhard Crome, Japans


