Diesmal: „Ich bin stark – Gitte Haenning“ – Tipi am Kanzleramt / „Die Nibelungen“ – Hans-Otto-Theater Potsdam / „House of Hopes“ – Neu-Start Volksbühne
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Tipi: Mutmacherin, Kraftspenderin
Eine Wolke aus weißem Leinen – ganz skandinavisch – schwebt auf die Bühne und entfesselt einen Sturm begeisterter Zuneigung. Gitte Haenning wird geliebt, bewundert, verehrt. Und gilt so manchen im proppenvollen Zelt wohl nicht allein mit ihren Gesängen als trotzig Selbstbestimmte, als Mutmacherin und Kraftspenderin für Lebenslagen, in denen es nicht gut läuft. Auch im Gästebuch im Foyer ist davon die Rede.
Aber natürlich ist Gitte Haenning ein Star, schon seit Jahrzehnten (als Teenager galt sie als berühmtester Kinderstar Skandinaviens). Im Sommer wurde die Dänin aus Aarhus, die seit langem in Berlin lebt, achtzig. Und was wäre da passender als eine Jubiläumstour. Jetzt die Wiederholung vom 28. bis zum 30. Oktober im großen Zelt am Kanzleramt. Mit stolzem und eben mutmachendem Motto „Ich bin stark“.
Die weiße Wolke wedelt also herein, hockt sich auf einen Barhocker an der Rampe hinter Notenständern und plaudert ein bisschen zum Warmwerden mit dem Publikum, derweil sie, offensichtlich arg zerstreut (noch immer Lampenfieber?), sich durch mehrere Notenmappen wühlt. Der Mann am Kontrabass, Andreas Lang, traktiert derweil die Saiten. Die Haenning witzelt selbstironisch, kichert koboldhaft, fährt sich nervös durchs Wuschelhaar. Nun macht sich Christian Lohr, musikalischer Chef der Show und Klasse-Pianist, am Flügel zu schaffen, gibt dem Gitarristen Joe Kuttler Zeichen und der Gitte endlich einen tiefen Blick. Unversehens fängt sie an. Aufregend zögerlich, ganz zart: „Wieder auf der Erde / Aus – der Wolken Flug… / Ich stieg zu den Sternen bis die Leiter brach… / Abgestürzt und aufgewacht… / Risse in der Seele…/ Doch ich ball’ meine Faust…/ Und sag: Ich bin stark. Ich bin stark…“
Was für ein Einstieg! Der Superhit von 1982 ohne Breitwandorchester, sondern kammermusikalisch. Das überhaupt ist das Überraschende dieser Show: Der raffinierte Neu-Klang der gesammelten Gitte-Klassiker durch die grandiosen Arrangements des genialen Christian Lohr. Unerhört! Das dröhnt nicht, das summt, flüstert, swingt. Oft virtuos angejazzt. Und ja, es schreit. Wuchtet gelegentlich; auch das muss sein. Und rockt. Zum Mitsingen und Mitklatschen. Aber die intimen, wundersam feinsinnig instrumentierten Strecken, die betören. Nochmal: Unerhört!
Das Schlagerhafte verschoben hin zum Lied, zum Song. Das passt bestens zu den poetischen Texten, die unterschiedlichste Lebenswirklichkeiten und Seelenzustände auf den Schmerz- oder Lustpunkt bringen. – Und noch eine Besonderheit der Show: Sie inszeniert sich lässig als eine Art kollektive Werkstatt, wie improvisiert. Locker hingeworfen. Mit kessen Zwischenbemerkungen aus dem Ärmel geschüttelt. Gitte, der Frechdachs. Das hat Chuzpe! Höchst sympathisch. Und alles frei von Stardust oder Diven-Pomp. Cool und doch zu Herzen gehend. Mitreißend. Eben: Stark!
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Hans-Otto-Theater Potsdam: Auf der Rutschbahn, im Sandkasten
Das Nibelungenlied, wurzelnd im himmelweit gespannten altnordischen Sagenkreis und wuchtig wie Homersche Epen – für Friedrich Hebbel (1813-1863) sind das Gründe genug, innerhalb eines Jahrzehnts „diesen dramatischen Schatz für die reale Bühne flüssig zu machen“. Der Mythen-Hintergrund, die psychologische Grundierung der so radikal auf Zerstörungswut und Untergangslust gepolten Figuren, das war ihm dabei weniger wichtig. Und so spitzte der geniale Großdramatiker die „Adlerfeder“ für die heute noch frisch und scharf klingenden Jamben seines „Deutschen Trauerspiels“. Ein Mehrteiler, 1861 in Weimar uraufgeführt. Mit insgesamt zehn Stunden Spieldauer.
Ein bisschen viel, meinte zu Recht die Regisseurin Alice Buddeberg. Und strich die immerhin zwei ganze Völkerschaften ausrottende Sex-and-Crime-Story einer königlichen Familie auf drei Stunden (einschließlich Pause) zusammen. Doch mit dem Verknappen des dramatischen Schatzes verfolgte sie weniger die flüssige Verdeutlichung der Anatomien menschlicher Gewaltexplosionen, sondern vor allem eine feministische Belichtung der „Nibelungen“ „nach Hebbel“. Unter Zusatz von Texten der bewundernswerten Dichterin Inge Müller (frühe Gattin Heiner Müllers), die einst schwer unter männlicher Dominanz litt.
Zurück zum Set. Es treten auf: eine ältere und eine jüngere Kriemhild (Janine Kreß, Ronni Rath), eine ältere und eine jüngere Brunhild (Katja Zinsmeister, Mia Reinprechter); Hagen von Tronje (Arne Lenk), König Gunther (Jan Hallmann) und Giselher (Paul Wilms). Siegfried-Superman kommt nur symbolisch als Kampfschwert vor. Seinen Text spricht, verkopfte Regie-Idee, wer gerade das Mordwerkzeug in der Hand hält. Ansonsten wird – im grauen, durchsichtigen Unisex-Look von Philipp Basener – geknutscht, vergewaltigt, geheult. Gelegentlich schwingt man die Theaterwaffen. Dann sind alle tot. Dann stehen sie wieder auf zum finalen Katzenjammer an der Rampe.
Der Anfang der arg verschlungenen Veranstaltung im höfischen Intrigenstadel: Kriemhild (die ältere) schleppt sich müden Blicks auf die Bühne, das schwere Siegfried-Schwert mit sich ziehend. Und sagt mit blasser Stimme: „Ich lebe, mein Mann ist tot.“ Dann wird vom Restpersonal durcheinander und in Bruchstücken erzählt, wie es dazu kam. Freilich, die übrig gebliebenen Jamben funkeln noch immer. Und die Müller-Passagen berühren. Doch das so Bestürzende von Hebbels „Nibelungen“, das zwanghafte Morden, der Mechanismus Verbrechen und Rache, das fanatische Zahn-um-Zahn-Verkrampfen bis zur allgemeinen hasserfüllten Vernichtung, das interessiert hier nicht wirklich. Und die zeitgeistige Idee mit dem Feminismus verkrümelt sich zwischen Momenten schwesterlicher Solidarität und hingerotzt sexistischem Männer-Bashing. Und als Kontrast gibt’s – o Gott! – eine Portion Stutenbissigkeit.
Und weil die vielen Monologe alles sehr statisch machen, sorgt ein Sandkasten für Ausgleichssport, eine steil ansteigende Spielfläche für Rutschen, Klettern, Kopulieren (Bühne: Cora Saller). Da stehen die Signale auf Klamauk. Dabei wäre die wirklich existenzielle Frage nicht Feminismus. Sondern wie es geht, dass der hochmögende Mensch in Wahn stürzt und ins Destruktive.
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Volksbühne: Kopfsprung und Bauchklatscher
Das war der Riesenkracher: Das Schwimmbecken. Volksbad für alle. Kostenlos. Draußen vor der Volksbühne; schon im Sommer, vor Beginn des Spielbetriebs. – Ein gigantischer PR-Gag, der als Meldung mindestens um die halbe Welt ging. Und selbst Theaterfremdlingen den Amtsantritt des Neu-Intendanten Matthias Lilienthal, Erfinder der temporären teuren Badeanstalt (400.000 Euro), nahebrachte.
Also Werbung auch in eigener Sache, das passt zu Lilienthal. Der Mann hat, was ein Theaterdirektor braucht: Fantasie, Frechheit, Durchsetzungskraft, (internationale) Vernetzung. Und er kann Populismus, kann Aktivismus, namentlich den linken. Ein Meister im Rhetorischen. Manipulativ jubelte er seinen Badespaß noch als Kunstaktion hoch und instrumentalisierte ihn obendrein politisch.
Ein tolldreister Kerl, stets im Schlabber-Look, seinem Markenzeichen. Signal seiner Unangepasstheit und Eitelkeit – die vermeintlich unvergänglich coole Jugendlichkeit. Der 66-Jährige begann in den 90ern an der Volksbühne bei Castorf als Chefdramaturg, erfand später das „Hau eins, zwei, drei“ avantgardistisch neu (vormals Hebbel Theater), machte in Südamerika Theater, mischte als Bürgerschreck die Münchner Kammerspiele auf. Dort vergraulte er Publikum, lockte er Publikum. – MT immer spektakulär zwischen Buh und Bravo. Tauglich nur für Metropolen. Seine Art Theater – keine „Stücke“, kaum Dramen, sondern Dekonstruktionen, hybride Projekte, performative Großaktionen –, das geht nur mit Großstadt-Spezies. Volksbad ja, das hat geklappt. Aber Volkstheater…?
Schauen wir auf seinen Neustart. Den Anfang nach Schließung des Wasserbeckens machten die nackten Nixen der Performerin Florentina Holzinger. Sie baumelten an der Volksbühnenfassade, um die kolossalen Säulen zu putzen, sich an ihnen zu reiben. Und um anschließend ins Wasser zu plumpsen. Abbaden der besonderen Art vor johlendem Publikum. Volkszirkus.
Dann ein sinniger Start im Haus, das sämtliche Räume öffnet für einen zweistündigen Parcours durch Flure, Bühnen, Salons, Foyers. Dort hält das in Gruppen aufgeteilte Publikum jeweils Station für einen Kurzvortrag (gestützt durch Dokumente, Filmeinspieler) über historische Aufbrüche aus diktatorischen Systemen in zehn Ländern. Konzentrierte Blicke ins Geschichtliche, eingebunden in aufregende Lebensgeschichten mutiger Menschen von dort. Heute leben sie alle in Berlin, haben unterschiedliche Berufe (keine Künstler), stammen aus China, Südkorea, Namibia, Afghanistan, Iran, Ungarn, Rumänien, Polen, China, USA.
Sie umkreisen 1989 und fragen nach den Kosten der Umbrüche. Wohin ging die Reise seither? In den Fortschritt, in den Rückschritt, in beide Richtungen? Das ist nicht nur informativ, sondern durch das Subjektive des Erzählten sehr berührend, verstörend, nachdenklich machend. Glück und Schmerzen dicht beisammen. Das Ganze heißt passenderweise „House of Hopes“ und ist ein Projekt der historiographisch arbeitenden Künstlergruppe namens Rimini Protokoll, die auf packende Art brisante politische Ereignisse dokumentiert und sie verbindet mit den Erlebnissen Betroffener, die leibhaftig auftreten. Alles sehr aufwändig (Logistik, Archivarbeit), aber wirkungsvoll durch Authentizität.
Origineller Einstand, berlinisch, welten- und zeitenumspannend. Über den Einstand Nummer zwei in der nach jahrelanger Schließung endlich wiedereröffneten, legendären und frisch herausgeputzten Spielstätte Prater hier nur kurz: Es ist die peinliche, schamlos banale, hilflose Theatralisierung des abenteuerlichen, dabei feinnervig insistierenden, philosophisch witzelnden Romans „Perfection“ von Vincenzo Latronico. Ein saftiger Text über das brodelnde, späte Nachwende-Berlin, da Heerscharen junger Leute aus vieler Herren Länder als digitale Boheme kreativ aufgeschäumt durch Prenzlberg zogen. Passt prima in die Location an der Kastanienallee. Doch leider: vertane Chance der Regisseurin Anta Recke. – Unser Fazit: Zwiespältiger Start. Kopfsprung und Bauchklatscher.
Schlagwörter: Christian Lohr, Gitte Haenning, Hans-Otto-Theater Potsdam, Hebbel, Matthias Lilienthal, Nibelungen, Reinhard Wengierek, Tipi, Volksbühne



