26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

Rote Socken

von Jutta Grieser

Gunnar Schupelius kam nicht. Zum zweiten oder dritten Mal hatte der rechte Meinungstrompeter (früher B.Z., jetzt Nius) sein Kommen abgesagt. Holger Friedrich, der sich mit ihm im Theater Ost ein Wortgefecht liefern wollte, versicherte, dass es einsehbare Gründe für das Aus- und Fernbleiben gebe. Welche das waren, sagte er nicht. Wohl aber, dass dieses Gespräch nachgeholt werden würde. Wir werden sehen.

Statt Schupelius präsentierte der Verleger der Berliner Zeitung Professor Maik Hosang. Nun heißt die Gesprächsreihe „Perspektivwechsel“: Der Ossi Friedrich kreuzt dort die verbale Klinge mit Wessis. Er tat’s bisher mit Jakob Augstein, mit Matthias Döpfner, mit Wolfgang Kubicki. Einmal saßen auch die beiden Herausgeber der im Hause Friedrich erscheinenden Weltbühne mit ihm auf der Bühne (Blättchen vom 6. April 2026), aber diese Runde zählte wohl nicht mit, denn die Veranstalter kündigten das Treffen mit Schupelius als viertes in dieser Reihe an, wo es doch eigentlich bereits das fünfte war.

Hosang (bald 65) wurde von Friedrich (zwei Tage zuvor 60 geworden) als „Super-Ossi“ vorgestellt, womit auch der „Perspektivwechsel“ ausfiel. Zwei bekennende, zumal gebildete Ossis unterscheiden sich kaum in ihren Perspektiven. Wer einmal vom dialektischen und historischen Materialismus infiziert worden ist, kann nur eine Anschauung von der Welt besitzen. Die Unterschiede bestehen in Nuancen, nicht im Grundsätzlichen.

Der promovierte Philosoph und Zukunftsforscher Maik Hosang kommt aus Bautzen und lehrt an der Hochschule Zittau/Görlitz, einer mit etwa dreitausend Studenten vergleichsweise kleinen Universität. Dort ist er Professor für Kultur- und Sozialökologie. Einst studierte Hosang an der Berliner Humboldt-Universität und gründete dort im Frühjahr 1990 mit Rudolf Bahro das Institut für Sozialökologie, das aber schon bald abgewickelt wurde. So endete ziemlich rasch die Freiheit der Forschung im Osten, denn was man im Westen in der Wissenschaft nicht kannte, wurde radikal plattgemacht. Bei Bahro, dem einst ausgewiesenen DDR-Dissidenten, konnte man schlechterdings nicht die übliche Keule der Staatsnähe schwingen, außerdem war das Institut erst kurz nach dem sogenannten Mauerfall gegründet worden – also wickelte man die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät ab, an der das Institut angebunden war. Maßgeblich dafür war das Urteil einer Kommission, die von Friedhelm Neidhardt geleitet wurde, einem Professor am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Es lag nicht nur an der Konkurrenz, sondern vornehmlich daran, dass die Westkollegen keinen Zugang fanden zum seinerzeit noch ungewöhnlichen inter- und transdisziplinären ökologischen Denkansatz des Instituts. So Hosang, womit eigentlich das Generalthema des Abends im Theater Ost angeschlagen war. Nämlich: Wie überwinden wir die verkrusteten Verhältnisse im Denken, in der Politik, in Wirtschaft und Wissenschaft, die im westdeutsch dominierten Deutschland herrschen?

Der einstige Akademiker Biedenkopf, inzwischen „König Kurt“ in Sachsen, überließ Bahro, Hosang & Co. damals ein ehemaliges und darum leerstehendes volkseigenes Gut zwischen Bautzen und Görlitz. Dort entwickelten die aus Berlin Vertriebenen ein sozial-ökologisches Modellprojekt, das „LebensGut Pommritz“. Auf den 80 Hektar wurden „nachhaltiges Wirtschaften und dörfliches Leben im 21. Jahrhundert“ praktiziert, Kultur geboten und diskutiert, Kinder gezeugt und über die Welt philosophiert. Und da Hosang als langjähriger Vorsitzender des Trägervereins es auch vermochte, betuchte Mäzene für das Projekt zu gewinnen, gibt es die Einrichtung nach diversen Aufs und Abs noch immer: ein vormaliges Rittergut aus dem 17. Jahrhundert, ein eingetragenes Kulturdenkmal und eine kreative Denkwerkstatt, ein „Reallabor einer nachhaltigen Kultur“.

Damit knüpfte man an die „Forschungsanstalt für ländliche Werkarbeit“ an, die am gleichen Ort wirkte, bis es die Nazis schlossen. Sie war 1870 durch den Freistaat Sachsen als eine der weltweit ersten Forschungseinrichtungen mit ökologischen und sozialökologischen Fragestellungen gegründet worden, um moderne Methoden der Landwirtschaft und Ernährung zu konzipieren. Und man untersuchte dort bereits die Wirkung von Rauchabgasen auf Natur und Mensch – das Industriezeitalter war angebrochen. In Pommritz wurden Wasser- und Abwasserstandards entwickelt wie auch die Organisation von Arbeits- und Lebensbedingungen im ländlichen Raum untersucht und konstruktiv verändert. Um 1900 war die Forschungsanstalt bereits berühmt, Wissenschaftler aus vielen Ländern schauten in Pommritz vorbei.

Hört, hört, konnte man da nur ausrufen, als Hosang die Geschichte der Einrichtung kurz skizzierte: In Sachsen begann man also vor anderthalb Jahrhunderten nicht nur in die Zukunft zu schauen, sondern auch tatsächlich – weltweit beachtet – fortzuschreiten. Fortschritt und Innovation aus dem Osten, soso. Darauf berichtete Friedrich über seine Münchener Begegnung mit einem bayerischen Unternehmer. Einem sehr vermögenden und durchaus klugen Zeitgenossen, der – von Friedrich gewiss pointiert formuliert – ihn geradezu angefleht habe: Es sei an den Ossis, dieses untergehende System zu retten, indem sie es veränderten, es transformierten und fit für die Zukunft machten. Das westdeutsche System habe politisch wie ökonomisch seine Grenzen erreicht, was nicht erst die Landtagswahlen eindrucksvoll gezeigt hätten. Noch mehr die folgenden hektischen, kopflosen Reaktionen des politischen Establishments und ihrer Medien. Das einstige Versprechen von Erhards sozialer Marktwirtschaft „Wohlstand für alle“ hat sich endgültig erledigt, der Wohlstand ist alle. Und das intellektuelle Vermögen der Regierenden, damit umzugehen, offensichtlich auch. Dafür gibt es viele Ursachen, die wohl wesentlichste ist der Unwillen, etwas zu verändern. Vielleicht auch die Unfähigkeit. Doch sollte man dieses „System“ überhaupt retten?

So diskutierten Hosang und Friedrich über Hemmnisse und Notwendigkeiten innerhalb und außerhalb unserer Grenzen und über den Beginn eines globalen Transformationsprozesses, der in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist. Er bestehe in einem grundlegenden Strukturwandel in der Gesellschaft, der alle Bereiche und deren Zusammenspiel erfasse: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Technologien, Kultur, Ethik … Fundamental, also mehr als nur die Anpassung an die Veränderungen des Klimas, das Schwinden von Ressourcen, die Überalterung, die Abnahme von Industriearbeitsplätzen und die Zunahme von Konflikten und Kriegen. Ob wir es wahrnehmen oder verdrängen wollen: Objektiv wird eine Revolution stattfinden, keine Evolution mit Reformen und Kompromissen. Die beiden auf der Bühne sprachen vom Kampf und der Einheit der Gegensätze und vom Umschlagen der Quantität in eine neue Qualität und demonstrierten, dass sie Hegel und Engels (mit Vornamen Friedrich und einem ebenso langen Bart wie einer seiner Jünger auf dem Podium) sehr wohl verstanden hatten.

Es machte Spaß, Hosang und Friedrich denken zu hören. Der eine wand sich dabei ganz unprofessoral auf seinem Stühlchen. Unkonventionell verknotete er die Beine, lachte oft laut wie ein Pennäler und hielt sich vom Mikrofon fern, als sei es ihm überflüssig und lästig, dass er immer wieder vom aufmerksamen Publikum aufgefordert werden musste, in dieses Ding zu sprechen, sonst verstehe man ihn nicht. Der andere wippte allenfalls mit seinem Fuß, wie immer strumpflos, und fuhr sich über den haarlosen Schädel, als würden die Gedanken dann schneller fließen, als sie es ohnehin taten.

Am Ende überreichte ihm Kathrin Schülein, Chefin des Hauses, nachträglich zum runden Geburtstag eine Kiste mit etlichen Wein- und Whiskyflaschen und einem Paar roter Socken. Die sorgten für eine gewisse Ratlosigkeit beim solcherart Beschenkten. Einer aus dem Publikum riet, er könne es ja wie Joschka Fischer 1994 machen: Als Pfarrer Hinze als Generalsekretär der CDU seine Rote-Socken-Kampagne gegen die PDS fuhr, die Partei aus dem Osten, ließ der grüne Hesse provokativ eine rote Socke aus der linken Brusttasche seines Jacketts baumeln. Naja, sagte Friedrich höflich, wie es in der Tiefe seines Herzens aussehe, müsse er ja nicht nach außen kehren. Und machte das, was ihm die Parole auf der Kiste auftrug: „Saufen für den Frieden“. Den Spruch hatte ein Künstler kreiert, als dieser zur Pause rief. Mit dem Umsatz an der Hausbar finanziere sich das Antikriegs-Theater Ost, sagte er, deshalb tue man auf diese Weise etwas für den Frieden. Zum Wohl, sagte auch Friedrich und griff zur Flasche.