26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

Zweig und Castellio  

von Hermann-Peter Eberlein

Vor neunzig Jahren, im Mai 1936, erschien ein neues Buch von Stefan Zweig – bei Herbert Reichner in Wien, denn in Deutschland waren Zweigs Werke verboten: „Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt“. Angeregt durch einen Brief des freisinnigen Genfer Pfarrers Jean Schorer, des Nachfolgers von Calvin auf der Kanzel der Genfer Kathedrale St. Pierre, hatte sich Zweig in den ihm zuvor unbekannten Stoff aus dem Jahrhundert der Reformation vertieft und daraus ein Gleichnis auf das unveräußerliche Recht jedes Individuums gegen die Gewalt totalitärer Ideologien geformt: „Denn mit jedem neuen Menschen wird ein neues Gewissen geboren und immer wird eines sich besinnen seiner geistigen Pflicht, den alten Kampf aufzunehmen um die unveräußerlichen Rechte der Menschheit und der Menschlichkeit, immer wieder wird ein Castellio aufstehen gegen jeden Calvin und die souveräne Selbständigkeit der Gesinnung verteidigen gegen alle Gewalten der Gewalt.“ Damit wird Zweigs Buch, das im historischen Gewande auf Hitler und die anderen kleinen und großen Diktatoren des Jahrhunderts zielt, zu einem großen literarischen Denkmal des Humanismus, ja der Humanität selbst.

Wer war nun dieser Sebastian Castellio, dessen geistigen Kampf gegen den Reformator Jean Calvin Stefan Zweig zum Exempel geistigen Freiheitsstrebens wählt? Ein 1515 im savoyischen Bugey geborener Bauernsohn, der als Zwanzigjähriger nach Lyon zieht – seinerzeit einem Zentrum humanistischer Studien – und sich in die alten Sprachen vertieft. Als es 1540 durch die Inquisition in Lyon zu ersten Verbrennungen von Hugenotten kommt, wendet er sich der Reformation zu und geht nach Straßburg, wo er den aus Genf vertriebenen Reformator Jean Calvin kennenlernt. Die beiden finden Gefallen aneinander und noch bevor Calvin mit großen Ehren nach Genf zurückberufen wird, verschafft er Castellio die Stelle des Rektors der dortigen Lateinschule und des Predigers in einem Vorort. Castellios 1543 erschienenes Schulbuch „Dialogi sacri“, eine Bearbeitung biblischer Geschichten für den Lateinunterricht, wird auf lange Zeit sein größter Bucherfolg. Doch das Verhältnis zu Calvin kühlt sich schnell ab: Castellio ist auch Theologe und vertritt in einzelnen Punkten von Calvin abweichende Ansichten. Deswegen aus dem Dienst entlassen, kommt er 1545 nach Basel, wo er als Korrektor, bald auch als Herausgeber, Übersetzer und Autor bei dem Drucker Johannes Oporin eine Anstellung findet. Basel, durch den Humanisten Erasmus von Rotterdam geprägt und seit 1553 unter der kirchlichen Leitung des liberalen, mit dem Luthertum sympathisierenden reformierten Münsterpfarrers Simon Sulzer stehend, wird für Castellio zur neuen Heimat. Er verfasst eine lateinische und eine französische Bibelübersetzung, gibt antike Autoren heraus, unterrichtet den Sohn seines Freundes Bonifacius Amerbach, wird schließlich 1553 Professor für Griechisch an der Universität – doch die finanzielle Lage seiner immer größer werdenden Familie bleibt dürftig.

Castellios Stunde, die ihm auf alle Zeiten seinen festen Platz in der Geschichte des europäischen Geistes sichern wird, schlägt nach der Verbrennung des spanischen Arztes Michael Servet in Genf im Oktober 1553. Servet leugnete die kirchliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes als Vater, Sohn und Geist, die seit der späten Antike Staatsgesetz war, und Calvin, um die Einheit seiner reformierten Kirche bemüht, hatte darauf gedrängt, dass der Magistrat das Todesurteil über Servet, der als Asylant nach Genf gekommen war, aussprach. Castellio, wie andere entsetzt über diese Tat, stellt eine Anthologie zusammen aus Zitaten von Theologen aller Jahrhunderte (darunter auch von Calvin!), dass Ketzer nicht von staatlichen Stellen verfolgt werden dürfen. Es entspinnt sich ein literarischer Streit zwischen dem Basler Humanisten und dem Genfer Reformator sowie dessen späterem Nachfolger Theodor Beza, der an Schärfe kaum zu überbieten ist und bei dem Castellio mit dem lapidaren Satz „Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten“ eine Formulierung gelingt, die für alle Zeit Bestand hat.

In der Folge kommt es zu immer massiveren Angriffen der Genfer gegen den Basler – doch der Magistrat akzeptiert seine Verteidigungsschriften und schützt ihn zunächst; so kann Castellio noch große Texteditionen (Homer, Thukydides, Thomas von Kempen) fertigstellen.

Verhängnisvoll für ihn werden jedoch zunehmend seine Beziehungen zu italienischen Exulanten mit häretischen Ansichten wie Celio Secondo Curione und Bernardino Ochino sowie zu dem Täufer David Joris, der in Basel unter falschem Namen gelebt hatte und dessen Leichnam drei Jahre nach seinem Tode dem Feuer übergeben wird. Anfang November 1563 wird Castellio selbst wegen Ketzerei angeklagt – vor Beginn seines Prozesses, am 29. Dezember desselben Jahres, stirbt er. Sein letztes, unvollendetes Werk, „Über die Kunst des Zweifelns und des Glaubens, des Nichtwissens und des Wissens“ – eine Art biblischer Hermeneutik, in der Castellio unterscheidet zwischen göttlichen Offenbarungen einerseits, die hinzunehmen, und historischen Darstellungen wie persönlichen Meinungen andererseits, die nach Vernunftmaßstäben zu beurteilen sind – wurde erst 1981 im lateinischen Text und 2015 in deutscher Übersetzung gedruckt, wie denn überhaupt die Rezeption Castellios über die Jahrhunderte gering blieb. Einer weiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat ihn erst – Stefan Zweig.

Zweigs Castellio trägt viel Schiller in sich („Geben Sie Gedankenfreiheit!“). Zweig war Erbe der Aufklärung und des Idealismus und, so sorgfältig er auch recherchiert hat, kein Kirchenhistoriker. Ein Schriftsteller darf das: einen historischen Sachverhalt aus seiner Perspektive, der des Nachgeborenen, gestalten und auf ein Sachthema fokussieren – darin gerade liegt seine Kunst und seine Freiheit. Der historische Castellio war viel mehr Theologe, als er von Zweig dargestellt wird: Seine Argumentation ist immer biblisch und sein Toleranzgebot gilt nicht für Atheisten („Wenn jemand leugnet, dass es einen Gott gibt …, dann soll die Obrigkeit ihn mit dem Tode bestrafen.“). Den doppelten Freiheitsbegriff Luthers versteht Zweig nicht und ersetzt ihn durch den einer Gewissensfreiheit, die nicht mehr theologisch und biblisch verortet ist; dass Religion Privatsache sei, liegt nicht im Horizont eines Menschen des 16. Jahrhunderts, der selbstverständlich vom Corpus Christianum, von der Identität von Gesellschaft und Kirche (mit Ausnahme der tolerierten Juden) ausgeht.

Noch bis Mitte März 2027 kann man in der Universitätsbibliothek Basel eine kleine Ausstellung zu Castellio betrachten. In einer Vitrine werden Autographen – Briefe an Basilius Amerbach und den Mediziner Felix Platter oder das Manuskript der zu Lebzeiten des Autors nicht gedruckten Schrift „De calumnia“ (Über die Verleumdung) von 1557 – und frühe Drucke gezeigt wie das Psalterium aus der Werkstatt Oporins von 1547, das den Beginn der Tätigkeit Castellios als Bibelphilologe und Übersetzer markiert. In der Basler Papiermühle, dem Schweizerischen Museum für Papier, Schrift und Druck, findet sich bis zum 18. Dezember dieses Jahres eine kleine Vitrine zu Castellio mit einigen Erstausgaben, darunter dem 1562 erschienenen „Conseil à la France désolée“, in dem Castellio mit seiner These, Frieden brauche keine Glaubenseinheit, sondern könne nur durch die Achtung der Glaubensfreiheit verwirklicht werden, wohl am weitesten die Tür zum modernen liberalen Staat aufstößt. Im kommenden November schließlich veranstaltet die Internationale Castellio-Gesellschaft in Basel eine Reihe Diskussionsveranstaltungen und Vorträgen – darunter einen von Aleida Assmann zu Toleranz als dynamischem Prozess.

Freiheit des Denkens – Castellio in Basel. Eine Veranstaltungsreihe der Internationalen Castellio-Gesellschaft, 4. November bis 8. Dezember 2026. Die meisten Veranstaltungen finden im Kollegienhaus der Universität am Petersplatz statt.