Die Französische Revolution: Zeitläufte, Akteure, Nachwehen
– oder: Le grand panorama de Johannes Willms

von Wolfgang Schwarz

Das Literarische Quartett im ZDF war zu Lebzeiten seines prägenden Protagonisten, des ebenso legendären wie bisweilen umstrittenen Marcel Reich-Ranicki, ein gesetzter TV-Termin nicht nur für Menschen mit Interesse für zeitgenössische Literatur.

Wer aber wusste schon, von wem dieses Format, das erstmals 1988 ausgestrahlt wurde, konzipiert worden war?

Federführend von Johannes Willms, einem Historiker und Kulturpublizisten, seinerzeit Redaktionsleiter beim TV-Magazin aspekte. Die Entstehung der Idee zum Literarischen Quartett schilderte Willms so: „Das war die übliche Sache: Ein Dichter wurde befragt oder schritt stumm um einen See herum, darunter wurde dann ein Text von ihm gelegt. Das wollten die Leute nicht mehr sehen […]: Das muss man aufmischen. Dann ging Reich-Ranicki, wurde bei der FAZ als Literaturchef verabschiedet, und da sagte ich: Das ist die Gelegenheit. Ich kannte ihn schon vorher, wir waren gewissermaßen Nachbarn, wohnten nur zwei Straßen entfernt voneinander in Frankfurt. Also ging ich mit einem Kollegen zusammen zu ihm […].“

Später war Willms sieben Jahre lang Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, bevor er 2009 als deren Frankreich-Korrespondent nach Paris ging. 2022 ist Willms, 74-jährig, verstorben.

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Die intellektuelle Lebensliebe des Johannes Willms gehörte zweifellos Frankreich. Dazu recherchierte er auf eine vorbildlich penible Art und Weise, bevor er seine Bücher schrieb, die er jeweils mit ausführlichen Quellennachweisen versah. Das war dem Rezensenten bereits aufgefallen, nachdem er eher zufällig – der Name Willms war ihm bis dato nicht geläufig – auf dessen postum erschienene Biographie über Ludwig XIV., den Sonnenkönig, gestoßen war und diese mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen hatte (dazu Blättchen 20/2023). Allein der wissenschaftliche Apparat des sehr lebendig geschriebenen Buches umfasst knapp 75 Seiten.

Nachträgliches Googeln ergab, dass Willms nicht bloß ein oder zwei, nein, ein ganzes Konvolut an Sachbüchern zur Vorgeschichte, zum Verlauf, zu einigen maßgeblichen Akteuren und zu den Nachwehen der Großen Revolution der Franzosen von 1879 geschrieben hat. Diesem Teil von Willms‘ Œuvre widmet sich die nachfolgende Besprechung.

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Die Französische Revolution, die nach offizieller Lesart am 14. Juli 1789 – mit dem Sturm auf die Bastille – ihren Anfang nahm, war ein radikaler politischer und gesellschaftlicher Umbruch, der den Absolutismus zu Grabe trug, das monarchische Feudalsystem zerschlug und die modernen Menschen- und Bürgerrechte erstmals in einer staatlichen Verfassung verankerte. Nach Johannes Willms war sie „ein Drama mit vielen Handlungsträgern, die buchstäblich bis aufs Messer miteinander konkurrierten. Gleichzeitig bekannten sich ihre Akteure selbstlos zum Fortschritt der Menschheit und glaubten, ihre wohlmeinenden Absichten erfüllten ihre Mitbürger mit der nämlichen Begeisterung. So entfesselten sie eine Dynamik, die rasch ihrer Kontrolle entglitt und in Chaos, Gewalt und Zerstörung einmündete.“ Um die führende Rolle der Parteiung der sogenannten Jakobiner in der Revolution abzusichern, erhob Maximilien de Robespierre, der Mann an der Spitze dieser Parteiung, am 5. Februar 1794 Tugend und Terror zu sich einander gegenseitig bedingenden Notwendigkeiten und zum Programm: „Wenn die Tugend zu Friedenszeiten allein die Kraft der demokratischen Regierung ausmacht, so gilt für eine Revolution, dass sich diese Kraft gleichermaßen aus der Tugend und dem Terror speist: Ohne die Tugend ist der Terror verderblich und ohne Terror ist die Tugend ohnmächtig. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge und unbeirrbare Justiz. Der Terror ist damit ein Ausfluss der Tugend.“ Zum Zeitpunkt dieser Verkündung war das blutige Symbol dieses Ausflusses, die Guillotine, freilich längst im Dauereinsatz und machte noch im selben Jahr schließlich auch vor Robespierre nicht Halt.

Im französischen, über Jahrhunderte gewachsene Ständestaat, Ancien Regime genannt, herrschten Klerus (Erster Stand) und Adel (Zweiter Stand) und zahlten praktisch keine Steuern. Alle Lasten wurden vielmehr dem Dritten Stand aufgebürdet – den Bauern, Handwerkern und Bürgern, also der mit 98 Prozent der Bevölkerung übergroßen Mehrheit. Von der überdies „rund ein Drittel […], also über neun Millionen Menschen, […] selbst in guten Zeiten in Armut“[1] lebte. Am Vorabend der Revolution war das Ancien Régime ein verfilztes, komplexes Gebilde, dass sich jeglicher Veränderung stur verweigerte: „Diese strukturelle Reformunfähigkeit glich einem Gordischen Knoten und konnte nur überwunden werden, indem man das Ganze zerstörte.“

Ende der 1780er Jahre war die Staatsverschuldung dermaßen extrem angewachsen, dass ein Staatsbankrott drohte. Der König berief daher die sogenannten Generalstände ein. (Das war letztmalig 1614 geschehen, also 175 Jahre zuvor.) Die Generalstände waren eine historische Reichsversammlung von gewählten Vertretern aller drei Stände. Sie wurden vom König einberufen, um in Krisenzeiten neue Steuern zu bewilligen. Am 5. Mai 1789 traten die Generalstände in Paris zusammen. Rasch entwickelte sich ein Streit um das Abstimmungsverfahren: jeder Stand hatte nur eine Stimme. Wenn Klerus und Adel also zusammengingen, konnten sie jeden Vorstoß der Repräsentanten der Bevölkerungsmehrheit blockieren. Jetzt forderten deren Vertreter eine Abstimmung nach Köpfen. Der König lehnte ab, woraufhin sich der Dritte Stand am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung erklärte. Dieser Schritt gilt Experten als der eigentliche Beginn der Französischen Revolution. Es folgte der sogenannte Ballhausschwur am 20. Juni 1789, mit dem die Abgeordneten vereinbarten, nicht eher auseinanderzugehen, bis eine Verfassung erarbeitet war – „ein symbolischer Akt revolutionären Selbstbewusstseins“. Doch im öffentlichen Geschichtsbild fällt der Revolutionsbeginn bis heute auf den 14. Juli 1789; der alljährlich als französischer Nationalfeiertag begangen wird.

Das Land glich seinerzeit einem Pulverfass; schon im Frühjahr 1789 war es regional zu Unruhen gekommen. Und als am 14. Juli die seit längerem unaufhörlich ansteigenden Mehl- und Brotpreise – für dieses „wichtigste Nahrungsmittel der untersten Bevölkerungsschichten“ musste „ein vergleichsweise gut verdienender Lohnabhängiger in den Städten zwischen einem Drittel und der Hälfte seines verfügbaren Einkommens aufwenden“ – in Paris einen Höchststand erreichten, wurde das zum Funken, der die Explosion auslöste. Als Ludwig XVI. vom erfolgreichen Sturm auf die (als bis dato uneinnehmbar geltende) Bastille erfuhr, soll er die Mitteilung mit der Frage quittiert haben: „Das ist also eine Revolte?“ Darauf soll der Überbringer der Nachricht, der Duc de La Rochefoucault-Liancourt, geantwortet haben: „Sire, das ist eine Revolution.“

Bereits am 26. August 1789 verabschiedete die Nationalversammlung die 17 Artikel der Menschen- und Bürgerrechte.

Die Abschaffung der Monarchie zugunsten einer republikanisch verfassten Staatsordnung hingegen zählte anfänglich nicht zu den Zielen der meisten revolutionären Parteiungen. Doch zwei Jahre später änderte sich dies, als die königliche Familie einen Versuch unternahm, ins Ausland zu fliehen. In der Nacht des 20. Juni 1791 gelang es Ludwig XVI., als Kammerdiener verkleidet, samt den Seinen aus dem Pariser Tuilerien-Schloss zu entweichen. Doch bereits am nächsten Tag endete das Unterfangen mit der Festsetzung der Flüchtigen. Im Ergebnis nachfolgender Auseinandersetzungen innerhalb der revolutionären Kräfte wurde Ludwig XVI. aus dem Hause Bourbon zum Tode verurteilt und am 21. Januar 1793 öffentlich hingerichtet. Mit diesem Akt, so Willms, „begann eine neue Etappe [der Revolution – W.S.], die mit unaufhaltsamer Konsequenz ihre Selbstzerstörung einleiten sollte“. Die Revolution artete in eine „Mord- und Zerstörungsorgie“ kaum vorstellbarer Dimension aus. Exemplarisch dafür war unter anderem der Aufstand der Landbevölkerung der Vendée im Westen Frankreichs – die längste und opferreichste antirevolutionäre Rebellion, die ausbrach, als das Pariser Revolutionsregime im März 1793 seine Entscheidung öffentlich machte, eine Wehrpflicht einzuführen. Es kam zu einem regelrechten  (regionalen) Bürgerkrieg, dem „bis zur endgültigen Befriedung der Region durch Bonaparte 1802 […] über 117.000 Menschen […] zum Opfer fallen“ sollten. Auch Lyon, damals das zweitgrößte Gemeinwesen Frankreichs, rebellierte gegen das Pariser Regime, das daraufhin den Beschluss fasste, die Stadt weitgehend dem Erdboden gleichzumachen. Als dort die Guillotine mit der Vollstreckung von Todesurteilen nicht mehr nachkam, verfiel man auf eine „effektivere“ Methode: Am 4. Dezember 1793 wurden „sechzig […] zum Tod Bestimmte dichtgedrängt in zwei Reihen vor einem frisch ausgehobenen Graben aufgestellt […]. Drei mit Eisenschrott (mitraille) geladene Kanonen […] verursachten ein grässliches Blutbad“. Am folgenden Tag wurden weitere 208 Verurteilte auf diese Weise massakriert.

Die Kämpfe der Revolutionäre gegen immer öfter aufbrechenden Widerstand im Lande, gegen wechselnde, auf Frankreichs Grenzen vorrückende Bündnisse europäischer Monarchien, vor allem aber gegeneinander[2] zogen sich bekanntlich noch eine Reihe von Jahren hin, bevor sich Napoleon schließlich am 9. und 10. November 1799 (nach dem damaligen französischen Revolutionskalender der 18. und 19. Brumaire des Jahres VIII) an die Macht putschte, um wenig später anzutreten, um „das in Frankreich überwundene Ancien Régime auch in ganz Europa zu beseitigen“ und Frankreich so „die unanfechtbare politische und kulturelle Hegemonie über das restliche Europa“ zu verschaffen.

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Honoré-Gabriel de Riquetti, Comte de Mirabeau – geboren am 9. März 1749; Adeliger; Royalist, nichtsdestotrotz intellektueller Vorbereiter der Französischen Revolution; gewiefter, wenn auch häufig glückloser Karrierist, Intrigant und Filou; Hallodri gegenüber Frauen; nahezu lebenslanger Schuldenmacher und Bankrotteur; in einem entscheidenden Moment Weichensteller für den Verlauf der Revolution. Die dann jedoch auf eine vollständige Negation aller seiner eigenen Intentionen und konzeptionellen Vorstellungen hinauslief. „Schillers Einsicht“, so Willms, „gegen die Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens, bezeichnet die Tragik Mirabeaus.“

Der gehörte wahrscheinlich nur deswegen nicht zu den Hekatomben an Hingerichteten, die La Grande Révolution auch und gerade unter deren führenden Köpfen fordern sollte, weil ein insofern gnädiges Schicksal ihn eines natürlichen Todes sterben ließ, bevor der terroristische Furor der Revolution sich voll entfaltet hatte. Mirabeau starb bereits 1791; er wurde nur 42 Jahre alt und mutmaßlich ein Opfer seines ausschweifenden Lebenswandels und der seiner Gesundheit nicht zuträglichen Bedingungen während langer Haftjahre.

Sein Erzeuger nämlich hatte gegen den ewig unbotmäßigen Filius – Willms vermerkt unter anderem „Spott, den der Sohn unermüdlich über den Vater in Briefen und Flugschriften ausgoss“; auch des erst 22-Jährigen öffentliche Kritik am „‚Despotismus‘ von Krone und Regierung“ missfiel dem Vater – über die Jahre insgesamt viermal einen Lettre de chacet erwirkt, durch den Mirabeau auf direkte Anweisung des Königs jeweils arretiert wurde (der längste Gefängnisaufenthalt währte drei Jahre und fünf Monate, von 1977 bis 1780). Diese Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren waren damals in gehobenen Kreisen durchaus Usus. Weitere Widrigkeiten wurden zu ständigen Begleitern Mirabeaus: „Mit der Hochzeit am 23. Juni 1772 begann das Elend drückender Schulden, das Mirabeau bis ans Ende seines Lebens plagte.“ 1774 standen „Schulden zwischen 188 000 und 200 000 livres“ lediglich jährliche Einnahmen von „rund 9000 livres“ gegenüber

Den ganz persönlichen Zorn von Ludwig XVI. zog sich Mirabeau 1775 mit seiner ersten (zunächst anonymen) Veröffentlichung zu, die „reißenden Absatz“ fand; Titel der Schrift: „Essai sur le Despotisme“ („Abhandlung über den Despotismus“). Darin verkündete der Youngster unverblümt: Wenn ein Herrscher „sich eine willkürliche Gesetzgebung anmaßt, dann liegt der Schluss auf der Hand, dass den Bürgern das Recht zukommt, ihn abzusetzen“. Willms hebt hervor: „Für sein von Moden unabhängiges Denken spricht auch, dass er sich die unerhörte Kühnheit herausnahm, den Einsichten des nahezu sakrosankten Rousseau zu widersprechen. So hielt er etwa dessen zentraler Behauptung, der Mensch sei von Natur aus gut, den Einwand entgegen, das Verlangen, Macht auszuüben, sei eine der mächtigsten Triebfedern menschlichen Handelns. Genau deshalb komme es vor allem darauf an, diesen starken Impuls durch eine kluge Politik zu zähmen und zu lenken.“

Was hat das Multitalent Mirabeau sonst noch so getrieben in seinem Leben vor der Französischen Revolution?

Er hielt sich jeweils längere Zeit in England, Holland und Preußen auf. In Berlin war er 1786/87 als Geheimagent des französischen Finanzministeriums – vermittelt durch den Diplomaten und Staatsmann Talleyrand, an den seine chiffrierten Depeschen auch abgingen – unterwegs, konnte F II, Friedrich dem Großen, seine Aufwartung machen, und sammelte zugleich Material für ein immerhin vierbändiges Werk über „La monarchie prussienne“ („Die preußische Monarchie“).

Nicht zuletzt verfasste Mirbeau (vor allem im Gefängnis) erotische Schriften – etwa das „Erotika Biblion“, eine antiklerikale libidinöse Auslegung der Bibel. Seine Bemühungen hingegen, finanziell tragfähigen Boden unter die Füße zu bekommen, waren nicht von Erfolg gekrönt: „Was immer Mirabeau anstellte, um endlich einen gut dotierten Posten zu ergattern, war vergebens.“

Nach Einberufung der Generalstände gelang es Mirabeau, in Aix-en-Provence vom Dritten Stand als Abgeordneter gewählt zu werden. Als der König der Nationalversammlung kurz nach dem Ballhausschwur befahl, eine laufende Sitzung sofort zu beenden und auseinanderzugehen und sich viele Abgeordnete „noch immer tief beeindruckt von der Ehrfurcht gebietenden Aura des Königs davonschleichen wollten, war es Mirabeau der den Überbringer des Befehls beschied: ‚Sie […] haben keinerlei Recht, sich in seinem [des Königs – W.S.] Auftrag an die Generalstände zu wenden, Sie haben hier weder Sitz oder Stimme noch das Recht zu sprechen, Sie sind nicht einmal qualifiziert dafür, uns seiner Worte zu erinnern. Um jedoch alle Missverständnisse und jegliche Zeitverschwendung zu vermeiden, erkläre ich Ihnen, dass, wenn Sie den Auftrag erhalten haben, uns zum Aufbruch von hier zu veranlassen, Sie sich Befehle erbitten müssen, um Gewalt anzuwenden, denn wir werden unsere Plätze nur verlassen, wenn wir von Bajonetten dazu gezwungen werden.‘“ Damit entschied Mirabeau „nicht nur die Situation“, wie Willms einschätzt, sondern in bestimmtem Maße auch den Fortgang der Revolution. Und am „29. Januar 1791 erreichte er endlich auch das schon seit Beginn der Nationalversammlung von ihm erstrebte Ziel, für vierzehn Tage zu deren Präsident gewählt zu werden“.

Dabei machte Mirabeau zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus, dass er strikt gegen eine Abschaffung der Monarchie war. Seiner Auffassung nach sollte die Revolution den König läutern und zu einer letztlich konstitutionellen Monarchie führen, in der Klerus und  Adel ihrer gesellschaftlichen Vorrangstellungen enthoben waren. Mirabeau: „Krieg allen Privilegierten und Privilegien! Das ist mein Wahlspruch.“ Insofern war der Comte kein Revolutionär; er war ein pragmatischer Reformer, den „sein eingefleischter Monarchismus“ leitete. Allerdings einer mit hochgestochenem eigenen Machtanspruch: Neben einem weitgehend aufs Repräsentative gestutzten König sah er für sich als „Regisseur eines gleitenden Übergangs von der absoluten zur parlamentarischen, konstitutionell eingehegte Monarchie“ formell die Rolle des zweiten Mannes im Staate vor. „Mit dem Gelingen dieses Planes wäre Mirabeau in die Rolle Richelieus geschlüpft.“ Der allerdings war bekanntlich zur Zeit Ludwig XIII. defacto erster Mann im Staate. Mirabeau freilich scheiterte auch diesbezüglich auf ganzer Linie.

„Kein Franzose des achtzehnten Jahrhunderts wurde gleichermaßen so geliebt und gehasst, bewundert und verachtet, verspottet und geehrt, vergöttert und gefürchtet, bejubelt und bespuckt wie Mirabeau“, so fasste Bernhard Thieme[3] dessen Leben in seiner ganzen Ambiguität zusammen.

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Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord – geboren am 2. Februar 1754; Repräsentant der französischen Hocharistokratie (seine Familie „erhob Anspruch darauf, als eine der vornehmsten im Frankreich der alten Monarchie zu gelten“); geprägt von der letzten Phase des Ancien Régime. Zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Revolution war er bereits 35 Jahre alt und seit Januar 1789 gesalbter Bischof von Autun. Talleyrand war einer der bekanntesten französischen Staatsmänner vor, während und nach der Revolution sowie (zeitweise) Kleriker und Diplomat. Ihm gelang es nicht nur, fünf aufeinander folgenden Regimes in Spitzenstellungen zu Diensten zu sein, sondern er war auch „jeweils maßgeblich daran beteiligt […], diese erst an die Macht und dann wieder zu Fall zu bringen. Das vor allem hat ihn als gewissenlosen Opportunisten in Verruf gebracht.“ Talleyrand „legte in seinem Leben vierzehn Loyalitätsschwüre und Gelöbnisse ab, die er alle brach“. Dass er dabei „nie reinlich zwischen privaten Geschäftsinteressen und öffentlichen Pflichten unterschied“, versteht sich nahezu von selbst.

Typisch für die Art und Weise von Talleyrands häufigen machtpolitischen Seitenwechseln ist folgende Geschichte: Die Kirche besaß in Frankreich vor der Revolution rund ein Viertel des bewirtschafteten Grund und Bodens. Als Talleyrand nach Ausbruch der Revolution den Vorschlag machte, den Kirchenbesitz zu verkaufen, um so dessen entschädigungsloser Enteignung durch den Dritten Stand zuvorzukommen, verweigerten ihm die Abgeordneten des Klerus in der Nationalversammlung die Gefolgschaft. Anschließend war bis zum Oktober 1789 im Plenum der Nationalversammlung zwar wiederholt über die desolate Finanzlage des Staates, derentwegen die Generalstände ja einberufen worden waren, palavert worden, doch an zündenden Ideen, das Problem zu lösen, mangelte es nach wie vor. Am 10. Oktober ergriff Talleyrand das Wort im Plenum und zündete einen Sprengsatz: „Es gibt […] eine riesige und bis jetzt noch nicht angezapfte Einnahmequelle, die […] genutzt werden kann […]. Diese Quelle, so meine ich, ist der Kirchenbesitz.“ Ein Drittel davon, so Talleyrand konkret, sollte konfisziert werden, um die Staatsschulden zu tilgen. Sein Bischofsamt hatte Talleyrand übrigens zu diesem Zeitpunkt noch nicht niedergelegt, obwohl er bereits im Juni jenes Jahres in die Reihen des Dritten Standes übergetreten war.

Im Verlaufe des Jahres 1792 verschärfte sich die innenpolitische Lage in Frankreich, das bekam auch Talleyrand zu spüren. „Wollte er nicht auch ‚aufgefressen‘ werden, musste er schleunigst vor der Revolution Reißaus nehmen.“ Am 15. September 1792 traf Talleyrand daher in London ein. Obwohl ihn ein offizieller französischer Pass dazu berechtigte, befand er sich nunmehr in Wirklichkeit – im Exil.

Wenig später verfasste er ein ausführliches Memorandum über die Perspektiven der französischen Außenpolitik, das er der Nationalversammlung am 25. November 1792 übermittelte. Laut Willms handelte es sich „um ein Dokument aller ersten Ranges, das eine außenpolitische Doktrin darlegt, der Talleyrand trotz manchen Irr- und Abwege sein Leben lang die Treue hielt“. Als Leitgedanken identifiziert Willms: „Die einzig wahre, nützliche und vernünftige Voraussetzung, wie auch die, die allein freien und aufgeklärten Menschen entspricht, formuliert das Gebot, im eigenen Haus der Herr zu sein, und niemals die lächerliche Ambition zu hegen, andere seiner Gewalt zu unterwerfen. (…) Alle Annexionen, alle mit Gewalt oder List betriebenen Usurpationen […] sind nichts anderes als grausame Spiele politischer Unvernunft, falsche Machtkalküle, deren tatsächliche Wirkung nur darin besteht, der Politik Kosten und Verlegenheiten anzuschaffen und die andererseits das Glück und die Sicherheit des Volkes wegen flüchtiger Interessen oder Eitelkeiten der Regierenden verringern.“

Dem Aufenthalt in London folgten weitere zwei Jahre und vier Monate Exil in den USA. Doch schon damals waren jähe Wendungen nie ausgeschlossen: Am 20. September 1796 konnte sich Talleyrand wieder nach Paris wagen, und schon ein dreiviertel Jahr später, am 16. Juli 1797, erhielt er seine Bestallung zum elften Außenminister seit Ausbruch der Revolution. Als großes Ziel schwebte ihm dabei „der dauerhafte Frieden in Europa vor, der sich auf der Koexistenz des republikanischen Frankreich mit den monarchischen Staaten gründete“. Trotzdem (oder dank seines sprichwörtlichen Opportunismus) wurde er nach dem Staatsstreich Napoleons dessen „engste[r] Mitarbeiter“ und wirkte „als Mentor des 15 Jahre jüngeren Bonaparte“. Auch sehr viel später bekannte er: „Ich liebte Napoleon.“

Doch bereits Talleyrands nächste Volte war einmal mehr eine Rolle rückwärts: „Er musste […] gewahren, dass Bonaparte in außenpolitischer Hinsicht Vorstellungen hatte, die seinen eigenen diametral zuwiderliefen.“ Auf Napoleons Panier standen „Eroberungen als notwendige Voraussetzung für eine zügellose Expansion der französischen Macht“. Talleyrand zog die Konsequenz: „Binnen drei Jahren wandte er sich von seinem Idol ab und suchte Frankreich vor dessen Ehrgeiz zu schützen.“ Mit ähnlich Gesinnten sah er sich nach Ersatz für den Kaiser um und intrigierte hinter dessen Rücken auch mit dem Ausland. Mindestens Letzteres erfüllte bereits damals den Tatbestand des Hochverrats. Einiges davon kam Napoleon zu Ohren. Am 28. Januar 1809 kanzelte er in seinem Pariser Arbeitszimmer Talleyrand vor Zeugen lautstark ab; die Szene gipfelte in der wüsten Beschimpfung: „Sie sind nichts anderes als Scheiße in einem Seidenstrumpf.“ Talleyrand, der sich nach Aussage von Zeitzeugen immer unter Kontrolle hatte und nie preisgab, was in seinem Innersten vorging, kommentierte den Eklat gegenüber Dritten mit den Worten: „Wie schade, dass ein so bedeutender Mann derart schlecht erzogen ist.“[4] Bei der Absetzung Napoleons Anfang 1814 zog Talleyrand die Fäden. Am 1. April ging die Macht auf eine provisorische Regierung mit fünf Mitgliedern über, der Talleyrand präsidierte. Und im Zusammenspiel mit Metternich, dem Strippenzieher des Habsburger Reiches, und dem russischen Zar Alexander I. fädelte er als Nachfolgeregime Napoleons die Restauration der Monarchie durch Re-Inthronisierung der Bourbonen ein; bis Ludwig XVIII. am 3. Mai 1814 in Paris erschien „war Talleyrand das interemistische Oberhaupt Frankreichs“.

Anschließend zeigte der König dem Mit-Protagonisten der Revolution und Mit-Hinrichter von Ludwig XVI. zwar persönlich die kalte Schulter, berief ihn am 13. Mai allerdings trotzdem zum Außenminister.

Beim Wiener Kongress spielte Talleyrand „nur die zweite Geige“. Als in den Kongress die Nachricht von der Flucht Napoleons von Elba platze, „zeigte Talleyrand geistreiche Gelassenheit: ‚Dieser Mann, der nicht mit einer Tragödien enden wollte, wird nun mit einer Farce sein Ende finden.‘“[5] Dasselbe ließ sich allerdings später auch über ihn sagen, als er im September 1815 – durch den König und durch öffentlichen Druck genötigt – zurück trat. An den Bettelstab geriet er deswegen nicht, denn wenige Tage später berief ihn der König in das Hofamt eines Ersten Kämmerers, was mit jährlichen Einkünften von 100.000 Franc verbunden war. Bei Willms heißt es: „Doch auch diese versöhnlich gemeinte Geste bewirkte nichts, denn Talleyrand litt bald an der ‚maladie du ministere‘, am unbezwingbaren Verlangen, erneut die Politik zu bestimmen. Statt also, wie Molé[6] schreibt, ‚seinen Ruhestand und seine ungeheuren Reichtümer in ruhiger Würde zu genießen, seine Muße und sein Alter dazu zu nutzen, seine Erinnerungen aufzuschreiben, wurde er zum Zentrum aller Intrigen und diente sich nacheinander allen Parteien an‘.“

15 Jahre später sollte Talleyrand den erneuten Sturz der Bourbonenherrschaft, deren Restrauration sich ganz wesentlich ihm verdankte, in der Juli-Revolution von 1830 noch erleben. Doch da war er mit inzwischen 76 Jahren kein die Entwicklung treibender Akteur mehr, sondern allenfalls, wie Willms einschätzt, „Souffleur“ …

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Napoleone Buonaparte – geboren am 15. August 1769; Spross einer italienischstämmigen Familie auf Korsika; zweitältester von fünf Brüdern (von denen er später drei in von ihm eroberten Ländern als Könige einsetzte – Bruder Louis in Holland, Bruder Joseph erst in Neapel, dann in Spanien und Bruder Jérȏme in Westphalen). Da hatte er seinen Namen längst zu Napoleon Bonaparte französisiert. Er wurde zum Schrecken Europas und letzten Endes zum Totengräber der Französischen Revolution, denn auf ihn folgte die Wiederherstellung der Monarchie und der Herrschaft der Bourbonen.

In einem Brief vom 24. Juni 1792 gab Lucien, der jüngste der Brüder und gerade mal 17-jährig, in einem Brief an Joseph, den ältesten, eine „realistische Charakterisierung Napoleons“, der zu jenem Zeitpunkt auch erst knapp 23 Lenze zählte: „Ich lasse Dich im Anfall meiner Vertraulichkeit […] wissen, dass ich bei Napoleone […] stets einen keineswegs egoistischen Ehrgeiz bemerkt habe, aber doch einen solchen, der bei ihm seine Liebe für das allgemeine Wohl weit übersteigt. Ich bin gerne geneigt, ihn in einem wirklich freien Staat für einen gefährlichen Menschen zu halten […] Er scheint mir einen ausgeprägten Hang zum Tyrannen zu haben und ich könnte mir vorstellen, dass es ihm gut anstünde, wenn er König wäre, aber dass dann sein bloßer Name für die Nachwelt wie für einen sensiblen Patrioten ein Name des Schreckens würde.“

Durchaus eine Schlüsselrolle für die fulminante Karriere Napoleons spielte der blutige Terror der Französischen Revolution, der sich ab Mitte 1793 unter Federführung von Robespierre entfaltet hatte. Willms unterstreicht, dass „die brutale Eliminierung der alten Eliten […] die Bahn frei [machte] für eine Fülle neuer Talente, die mit skrupellosem Opportunismus die Gelegenheit, die sich ihnen bot, erkannten und entschlossen zupackten.“ Napoleon sollte sich rasch als der Entschlossenste erweisen.

Bei der Belagerung der aufständischen Stadt Toulon, „deren Erfolg ganz wesentlich Napoleon zu verdanken war“, blitzte erstmals das militärische Genie des Korsen auf. Die Stadt war Frankreichs wichtigster Kriegshafen. Am 17. November 1793 führte Napoleon selbst den entscheidenden Sturmangriff an und wurde dabei durch die Pike eines Verteidigers so schwer verletzt, das die Amputation eines Unterschenkels in Erwägung gezogen wurde, um dem gefürchteten Wundbrand vorzubeugen. Doch Napoleon hatte, wie nicht selten in seinem Leben, Glück: Die Meinung eines zweiten Feldchirurgen verhinderte die OP und damit ein vorzeitiges Karriereende. Willms hebt hervor: Napoleons „unzweifelhafter persönlicher Mut, seine stete Bereitschaft, selbst bis zur völligen Erschöpfung Hand anzulegen, wo und wann es notwendig war, sein Talent zur Menschenführung und sein Gespür für die psychologische Wirkung der Propaganda machten ihn in den Wochen der Belagerung von Toulon zu einem soldiers soldier, zu einem Truppenführer, dem seine Soldaten blindlings ergeben waren.[7] Toulon war ein Markstein […].“ Im Ergebnis des Sieges wurde Napoleon, 24-jährig, am 22. Dezember 1793 zum Brigadegeneral befördert.

„Napoleons Bild in der Geschichte“, so Willms völlig zu Recht, „wird vor allem von seinen Erfolgen als Feldherr beherrscht. Fraglos steht er als Heerführer und Stratege in einer Reihe mit Alexander, Hannibal und Caesar.“ Doch dann gehen die Pferde etwas mit dem Autor durch: „Zwischen 1796 und 1815 lenkte er [Napoleon – W.S.] über sechzig Schlachten, von den er bis zum furchtbaren Gemetzel von Eylau 1807 alle für sich entschied.“ Wirklich alle? Auch Borodino 1812, wo die Grande Armée allein 47 Genräle und insgesamt rund 28.000 Mann verlor? Und die Völkerschlacht bei Leipzig 1813? Selbst Eylau (extreme Verluste auf beiden Seiten, insgesamt 50.000 Mann) gilt einschlägigen Experten eher als blutiges Patt.

Nicht zuletzt wurde Napoleons Aufstieg anfänglich dadurch begünstigt, dass man ihn jenseits der Schlachtfelder gern unterschätzte: „Der wenig bekannte, kleinwüchsige Artillerieoffizier mit dem lächerlichen Namen und dem linkischen Auftreten mochte vielen […] als […] Pappfigur [gelten], der man sich zu gegebener Zeit mühelos entledigen würde.“ Da war die Rechnung, wie man weiß, komplett ohne den Wirt gemacht. Zu spüren bekam dies als einer der ersten Paul Barras, mächtigster Mann im Dreierdirektorium der Republik und Napoleons Hauptmitstreiter beim erfolgreichen, unblutigen Staatsstreich vom November 1799 (18. Brumaire), den er anschließend zum Rücktritt zwang und politisch kaltstellte. Der alleinige Diktator nach dem 18. Brumaire hieß Napoleon, der sich 1804 dann selbst zum Kaiser krönte …

Doch wenn Hochmut vor dem Fall kommt, dann war ein solches Schicksal letztlich auch Napoleon beschieden. 1798 während seines (gescheiterten) Feldzuges nach Ägypten und erneut nach dem 18. Brumaire hatte er öffentlich seine Überzeugung geäußert, dass er „in Begleitung des Kriegs- wie des Glücksgottes voranschreite“. Doch das Blatt wendete sich bekanntlich: „Am Ende steht Napoleon so da, wie er begonnen hatte: als Hasardeur“. Davon zeugt nicht zuletzt das Ausmaß, das Napoleons persönliche Verblendung zum Zeitpunkt der Schlacht von Waterloo erreicht hatte; nach der Niederlage schrieb er an seinen Bruder Joseph: „Alles ist noch keineswegs verloren.“

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Waterloo, die belgische Stadt, wurde bekanntlich zum Synonym für Napoleons letzte Schlacht samt Niederlage am 18. Juni 1815 – nicht weil der Kampf dort getobt hätte, sondern weil der Sieger, der Herzog von Wellington, Oberkommandierender der gegnerischen Koalitionsarmee von Engländern, Niederländern und Preußen (unter Marschall Blücher) sowie von Truppen anderer deutscher Staaten, dort sein Quartier bezogen hatte und nach dem Sieg auf dieser Namensgebung für die Schlacht bestand. Deren eigentlicher Austragungsort lag etwa vier Kilometer weiter südlich. In Preußen hingegen und später im Deutschen Reich war lange von der Schlacht bei Belle Alliance (Name eines Gasthauses) die Rede, wo zwar ebenfalls nicht gekämpft worden war, wo jedoch Napoleon seine Zelte aufgeschlagen hatte und wo nach der Schlacht Wellington mit Blücher zusammentraf. Die Preußen hatten maßgeblichen Anteil am Sieg. Überliefert (oder zumindest gut erfunden; aber von Willms nicht erwähnt ) ist Wellingtons Stoßgebet in einer kritischen Phase der Kämpfe, die durch taktische Fehler seinerseits mit verursacht worden war: „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen.“ Später, so zumindest ist dokumentiert, schrieb Wellington an seinen Bruder: „Ich gab gegen 7.30 Uhr die Schlacht für verloren, als zu unserer Rettung Blücher in meiner linken Flanke erschien.“ Nach dem Sieg jedoch bestand der Brite auf „Waterloo“ und verweigerte dem Verbündeten so die Anerkennung.

Ein begnadeter Stratege war Blücher übrigens mitnichten. Doch auf dem Schlachtfeld am 18. Juni 1815 brachte er, der am Vortage seinerseits ein erstes Treffen der Preußen allein gegen Napoleon verloren hatte, mit, was in diesem Moment dort benötigt wurde – schnörkellos dumpfe Schlagkraft. Willms hält fest: „Das Motto, mit dem er [Blücher – W.S.] in Ausübung des Kriegshandwerks für Preußens König ein Leben lang erfolgreich gewesen war, lautete ganz simpel ‚immer feste druff‘. Ebendeshalb hieß er auch ‚Marschall Vorwärts‘, ein Spitzname, der ihn in taktischer wie strategischer Hinsicht als geistesschlichten Husarengeneral auswies, dem gleichsam als Generalstabsgouvernante ein Gneisenau zur Seite gestellt wurde mit der Aufgabe, das Schlimmste zu verhüten.“ Dazu passt: Beim Gefecht am Vortage hatte Blücher, wiewohl bereits 72-jährig, erneut selbst „an der Spitze von 32 Kavallerieschwadronen eine schneidige Attacke gegen die kaiserlichen Garden“ geritten und war dabei einer Gefangennahme nur knapp entgangen.

Nach dem Frühstück am Morgen des entscheidenden Tages hatte Napoleon überzeugt geäußert: „Die gegnerische Armee ist uns rund um ein Viertel überlegen; dennoch haben wir eine Chance von 90 für und allenfalls 10 gegen uns.“ Es kam bekanntlich anders. Doch das lag natürlich nicht an Napoleon, wie dieser im Nachhinein fest überzeugt war. Er schob die Hauptschuld seinen Marschällen, insbesondere Grouchy und Ney, in die Schuhe. Und – dem Regen, der Napoleon veranlasst hatte, den geplanten Zeitpunkt für den Beginn der Schlacht am 18. Juni 1815 zweimal stundenweise zu verschieben. So konnte Blücher schlussendlich doch noch rechtzeitig auf der Kampfstatt erscheinen. Der Autor Hans Kasper ließ Napoleon daher (in einem Hörspiel im Jahre 1978) räsonieren: „Es ist nicht wahr, dass Waterloo verloren ging, weil mir die Hämorrhoiden wehtaten. Die Schlacht ging daneben, weil […]. Grouchy war zu langsam, Guihut griff zu früh an, Ney hörte auch nicht auf mich. – Und Blücher und Wellington. – Der besonders! – Lauter falsche Leute! – Und der Regen!“

Was im unmittelbaren Vorfeld geschah und welchen Verlauf die Schlacht tatsächlich nahm, wer welche Entscheidungen traf und wer mit welchen Folgen welche krassen Fehler beging – Johannes Willms rekonstruiert im Detail. Am Ende war das Schlachtfeld „dicht bedeckt mit über 45.000 toten und verwundeten Soldaten und mehr als 15.000 toten oder sterbenden Pferden“.

 

PS: „Dulce et decorum est pro patria mori.“ („Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“) So meinte Horaz vor 2000 Jahren und ist seither unzählige Male wörtlich oder sinngemäß herangezogen worden, um die Hirne des für Kriege unabdingbaren Kanonenfutters und seiner Hinterbliebenen zu vernebeln.

Das Schicksal der Toten von Waterloo offenbart dabei auf Abscheu erregende Weise, dass „süß“ durchaus ganz wörtlich verstanden werden konnte. Darüber berichtete Lorenz Hemicker in der FAZ am 18.08.2022 unter der Überschrift „Das grausige Ende der Gefallenen von Waterloo“: „Wo ihre sterblichen Überreste geblieben sind, gilt als eines der großen Geheimnisse rund um die Schlacht von Waterloo.“ In den vergangenen zehn Jahren hätte Archäologen selbst mit den modernen Mitteln des 21. Jahrhunderts lediglich ganze zwei Skelette gefunden. (Das erste 2012, das zweite 2022 – W.S.) Kürzlich hätten nun der belgische Historiker Bernard Wilkin, sein deutscher Kollege Robin Schäfer und der britische Schlachtfeldarchäologe Tony Pollard einen Forschungsbericht vorgelegt, demzufolge wohl rund 20 Jahre nach der Schlacht damit begonnen wurde, die Totenruhe der meisten Gefallenen zu stören, ihre Gebeine auszugraben, zu verkaufen und zur Produktion von Zucker zu missbrauchen“, konkret zur Herstellung von Knochenkohle, die seinerzeit in großen Mengen als Filter zum Entfärben von Zucker benötigt worden sei.

Und zwar von Zucker, der aus Zuckerrüben gewonnen wurde. Dass es überhaupt dazu kam, verdankt sich wiederum Napoleon. Der hatte in seinem andauernden Bestreben, England in die Knie zu zwingen, die Seewege dorthin blockieren lassen, wodurch die Zuckerimporte speziell aus der Karibik stark zurückgegangen waren. Zum dadurch bedingten Höhenflug der Rübe schrieb L’Indépendance belge am 17. Dezember 1838: „Das ist die Frucht eurer Kontinentalsperre, oh großer Napoleon.“

Der Aufstieg der Zuckerindustrie konkret in Belgien, so Hemicker weiter, habe 1833 begonnen. Die Zuckerrübe habe Getreide und Kartoffeln auch in der Gegend um Waterloo von den Feldern verdrängt. „Mit dem Anbau der Zuckerrüben seien die Bauern zwangsläufig auf menschliche Überreste und Massengräber gestoßen, weil der Boden besonders tief gepflügt werden musste. Die Forscher […] zitieren […] aus einem Artikel des ‚L’Indépendant‘ vom 23. August 1835, in dem es heißt, eine Gesellschaft von Industriellen habe die Erlaubnis erhalten, das Schlachtfeld auszuheben, um ‚die Knochen der Tapferen, die tot auf dem Feld der Ehre liegen, zu entfernen, um Knochenkohle zu machen‘“. Mit Knochen von Gefallenen und Pferden mit einem Gesamtgewicht von mindestens 1700 Tonnen hätten sich 238.000 Franc verdienen lassen.

Das belgische Blatt kommentierte seinerzeit: „Eine einzige Tatsache dieser Art genügt, um eine Epoche zu charakterisieren.“

„Dulce et decorum …“

*

Marie-Henri Beyle – geboren am 23. Januar 1783; legte mit 34 Jahren sich als Schriftsteller das Pseudonym Stendhal zu. Und charakterisierte sich in seiner sechseinhalb Jahre vor seinem Tode (1842) begonnenen Autobiographie „Vie de Henry Brulard“, die eigentlich nur seine ersten 17 Lebensjahre umfasst, selbst so: „Ich gelte als ein sehr geistreicher und zynischer Mann, schier als ein Wüstling und ich muss gestehen, dass ich immer in unglückliche Liebschaften verstrickt war.“

Willms‘ Biographie belegt dies erschöpfend minutiös, durchgängig einmal mehr gestützt auf vielfältige historische Quellen. Zitiert wird auch, was Beyle in „Souvenirs d’egotisme“, einem anderen (Bruchstück gebliebenen) Erinnerungswerk, fast leitmotivisch zu Papier gebracht hat: „In der Welt kommt man nur dank der Frauen voran.“

Wohingegen dem Verfasser des vorliegenden Beitrages leider nicht restlos klar geworden ist, was einen vergleichsweise niederen Staatsbeamten mit des Öfteren wechselndem Dienstort (von Deutschland bis Italien), der Beyle die längste Zeit seines Erwerbslebens war[8], überhaupt zur Schriftstellerei brachte, geschweige denn befähigt hat, mit „Rot und Schwarz“ (1830) und mit „Die Kartause von Parma“ („wie im Rausch zwischen dem 4. November und dem 22. Dezember [1838 – W.S.] auf seinem Zimmer […] einem Schreiber in die Feder diktiert“, erschienen 1839) gleich zwei dickleibige Romane zu hinterlassen, die bis heute zum Kanon der Weltliteratur zählen. Zumal Willms ihm eine „rein affektive Wahrnehmung von Kunst“ bescheinigt. Hinweise immerhin finden sich in der Biographie – etwa auf Beyles „stupende[…] Belesenheit, die bei weitem wichtigste Quelle seiner Bildung“, oder den Sachverhalt, dass Beyle „damit begann, […] Romane zu schreiben, und sich im Schicksal von deren Protagonisten jene Träume erfüllte, denen er unablässig nachjagte“.

Besonders nachhaltige literarische Wirkung entwickelte dabei Beyles Augenzeugenbericht eines auf französischer Seite Beteiligten über die Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo. Darauf verweist Willms befremdlicherweise allerdings nur äußerst knapp – mit dem lapidaren Hinweis auf „das berühmte, die Schlacht bei Waterloo evozierende Kapitel in der Chartreuse de Parme“. Weiterführende Kenntnis bei seinen Lesern setzt Willms offenbar voraus – insbesondere, dass Beyles Augenzeuge kein alles überblickender, das Geschehen dirigierender Stratege ist, sondern ein junger Mann, der direkt am und im Kampfgeschehen die Niederlage, das ihr vorausgehende Chaos und massenhaftes Sterben hautnah miterlebt, und dass Beyles Stilmittel statt des nicht nur damals bei der Darstellung großer Schlachten üblichen euphemistischen Heroismus ungeschminkter Realismus ist.

In Nachwort der in der DDR in der Reihe „Taschenbibliothek der Weltliteratur“ erschienenen zweibändigen Ausgabe der Kartause hielt Manfred Naumann fest: „[…] das heroische Kolorit des kriegerischen Abenteuers verliert sich in der Tatsächlichkeit der demoralisierenden Vorgänge […].“ Und: „Diese Technik der episodenhaften Schlachtschilderung […] hat außerdem den Weg gewiesen, wie die literarisch unergiebige Allgemeinheit eines kriegerischen Ereignisses künstlerisch umgesetzt werden kann. Das allgemeine Geschehen wird in individuellen Schicksalen und Gestalten konkretisiert. Der Krieger erscheint nicht in seiner abstrakten Qualität als Faktor der Strategie, sondern in seiner konkreten Qualität als Mensch […]. Der Realismus dieser Methode zeigt sich darin, daß der Krieg sein romantisches wie sein abstrakt-mathematisches Aussehen verliert: er wird von innen, vom Standort der Beteiligten aus geschildert […]. Mit Recht wurde diese Technik zum Muster für realistische Kriegsschilderung: von Tolstoi bis zu Barbusse, Arnold Zweig […].“

Dieses literarische Verdienst Beyles mag erstaunen, weil diesen, so Willms, „das Kriegswesen keinen Deut interessierte“ und die Umstände wie auch eigene Bemühungen es ihm ersparten, das seine Teilnahme an napoleonischen Kriegszügen etwa nach Italien und gegen Russland je in Abkommandierungen zur kämpfenden Truppe ausartete. Mit dem Grauen des Krieges war der spätere Schriftsteller gleichwohl wiederholt in Berührung gekommen – in Gestalt leichenbedeckter Schlachtfelder mit zerfetzten menschlichen und tierischen Körpern. So findet sich in Beyles „Œuvres intimes“ die Schilderung des Einzuges französischer Truppen in Ebersberg an der Traun (heute ein Stadtteil von Linz), das am 3. Mai 1809 nach erbitterten Gefechten eingenommen worden war: „Die Straße, die wir passierten, war mit Leichen übersät, […] fast alle verbrannt. Einige von ihnen waren derart verkohlt […], das man Mühe hatte, die Skelette als menschliche zu erkennen.“ Und nicht zuletzt war Beyle durch seine Teilnahme am katastrophalen Russlandfeldzug, dem auf französischer Seite bis zu 500.000 Mann zum Opfer fielen, mit dessen von den Russen erzwungenem Rückzugs aus Moskau durch den russischen Winter 1812/1813 (mit völlig unzulänglicher Bekleidung, Verpflegung und medizinischer Versorgung der Truppen) geprägt.

Im Übrigen war Beyle zwar Parteigänger Napoleons, aber kein verblendeter, wie Willms hervorhebt. Er habe vielmehr „die intellektuelle Unabhängigkeit“ besessen, „den grundlegenden Fehler seines Idols zu durchschauen“: „Was mich anbelangt, so bin ich überzeugt davon, dass Bonaparte über keinerlei politisches Talent verfügte; anderenfalls hätte er nicht nur in Italien eine freiheitliche Verfassung gestiftet, sondern überall, und statt der illegitimen Könige wie auch er einer war, hätte er diese aus den jeweils herrschenden Familien ausgesucht.“ So zwar erst 1817 niedergeschrieben, als sich der Kaiser längst auf Sankt Helena langweilte, aber immerhin.

Von seinen literarischen Werken leben konnte Henry Beyle nie. In den 22 Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit sollten sich die Nettoerlöse bloß auf schmale 5700 Franc summieren. Willms: „Als Schriftsteller, das hat er häufig selber über sich gesagt, würde er erst lange nach seinem Ableben geschätzt werden. So ist es gekommen.“ Und das begann schon mit seiner erwähnten Autobiographie „Vie de Henry Brulard“. Das Buch ist erst 1890, fast ein halbes Jahrhundert nach Beyles Tode, überhaupt erschienen.

Und dann ist da noch das Pseudonym – Stendhal. Selbst während seiner Jahre als napoleonischer Besatzungsbeamter in Braunschweig – eine Zeit unendlicher Langeweile – war Beyle nachweislich niemals in Stendal. Das Geheimnis, warum er ein Pseudonym wählte, das klanglich mit dem Namen dieser anhaltinischen Kleinstadt in der Altmark übereinstimmt, vermochte Johannes Willms ebenso wenig zu lüften wie andere vor ihm. Seine Vermutung allerdings teilt er mit: „Wahrscheinlich war es einfach eine Caprice ohne jede tiefere Bedeutung […].“

 

PS: Mit einer voluminösen Biographie „Charles de Gaulle und sein Jahrhundert“ ist Johannes Willms übrigens auch bis in die jüngere französische Geschichte vorgestoßen.

 

Johannes Willms: Tugend und Terror. Geschichte der Französischen Revolution, Verlag C. H. Beck, München 2024, 831 Seiten, 42,00 Euro.

 

Derselbe: Mirabeau oder: Die Morgenröte der Revolution, Verlag C. H. Beck, München 2027, 397 Seite, 9,95 Euro.

 

Derselbe: Talleyrand. Virtuose der Macht 1754 – 1838, Verlag C. H. Beck, München 2013, 384 Seite, 18,00 Euro.

 

Derselbe: Napoleon. Eine Biographie, Verlag C. H. Beck, München 2005, 839 Seiten, 23,00 Euro.

 

Derselbe: Waterloo. Napoleons letzte Schlacht, Verlag C. H. Beck, München 2015, 288 Seiten, 24,00 Euro.

 

Derselbe: Stendhal. Biographie, Carl Hanser Verlag, München 2010, 333 Seiten, 24,90 Euro.

 

[1] – Dieses wie alle weiteren namentlich nicht konkret zugeordneten Zitate stammen von Johannes Willms und sind seinen am Ende dieses Beitrages aufgelisteten Büchern entnommen.

 

[2] – Eine an historischen Details äußerst reichhaltige Darstellung des gemeinsamen oder in wechselnden Bündnissen gegeneinander gerichteten Agierens der führenden Männer der Französischen Revolution (Robespierre, Danton, Desmoulins) und ihres Umfeldes (unter anderem Hebert, Marat, Saint-Just) liefert Hillary Mantel: Brüder, DuMont Buchverlag, Köln 2013, 1102 Seiten, 17,00 Euro.

 

[3] – Übersetzer und Herausgeber von „Ma conversion ou le libertin de qualité“ (deutscher Titel: „Meine Bekehrung oder Der Lebemann von Format. Eine amouröse Beichte“), eines weiteren erotischen Buches aus der Feder von Mirabeau.

 

[4] – Napoleon wird am 5. Mai 1821 in der Verbannung auf Sankt Helena sterben. Die Nachricht wird Paris im Juli erreichen und Talleyrand einen seiner bekanntesten Aussprüche entlocken: „Das ist kein Ereignis, sondern bloß eine Neuigkeit.“ – Von Sankt Helena ist glaubhaft überliefert, dass Napoleon sich „verschiedentlich gegenüber seinen Begleitern zu Talleyrand vernehmen ließ“. So am 17. Dezember 1817: „Was mich überzeugt, dass es weder einen strafenden noch einen belohnenden Gott gibt, ist der Umstand, dass die anständigen Menschen immer unglücklich und die Schufte immer glücklich sind. Sie werden es erleben, dass ein Talleyrand in seinem Bett sterben wird […]“. Napoleon sollte Recht behalten: Talleyrand, der kurz zuvor noch den amtierenden König samt seiner Schwester empfangen hatte, „die sich von dem Sterbenden wider alle Usancen monarchistischer Etikette verabschieden wollten“, schloss am 17. Mai 1838 um 15:35 Uhr für immer seine Augen; er wurde 83 Jahre, drei Monate und 15 Tage alt.

 

[5] -Talleyrands Bonmot fand 1852 Eingang in Marx‘ Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, in der sich Marx mit Charles-Louis-Napoléon Bonaparte befasste, dem Neffen Napoleons und von 1848 bis 1851 erster und einziger gewählter Präsident der Zweiten Republik, bevor er sich zum Kaiser Napoleon III. putschte. Marx: „Die Geschichte wiederholt sich zweimal: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“ Wer Weiteres zu Napoleon III. wissen will, wird einmal mehr fündig bei Johannes Willms: Napoléon III.: Frankreichs letzter Kaiser, C.H. Beck Verlag, München 2015, 311 Seiten, 24;00 Euro.

 

[6] – Louis-Mathieu Molé (1781–1855), Adeliger, war ein führender konservativer Staatsmann, der unter Napoleon Justizminister und unter König Louis-Philippe I. Außenminister sowie Premierminister Frankreichs war.

 

[7] – Das verwundert umso mehr, als Willms an anderer Stelle vermerkt: „Es ist auffallend, dass Napoleon so gut wie alles unterließ, das Los der Truppen, die für seine immer ausgreifenderen Ziele Leib und Leben in die Schanze schlagen mussten, fürsorglich zu erleichtern. Seine Soldaten, so wird häufig gesagt, galten ihm nur als Kanonenfutter, deren Wohl und Wehe ihm ansonsten gleichgültig war. Dem lässt sich nicht widersprechen, denn die medizinische Versorgung der Truppen, das Sanitäts- und Lazarettwesen spielten in den napoleonischen Kriegen so gut wie keine Rolle. Die Folgen dieser Vernachlässigung waren fürchterlich, denn vermutlich starben weit mehr Soldaten an Epidemien und sonstigen Krankheiten, an den Folgen ihrer höchst unzulänglich versorgten Verwundungen als auf den Schlachtfeldern.“

 

[8] – Und dabei immer auf der Jagd, seinen am Bedarf seines dandyhaften Lebensstils gemessen unzureichenden Einkünften (persönlicher Schuldenstand 1814: 37.000 Francs; Kommentar in der „Vie de Henry Brulard“: „Ich stürzte mit Napoleon im April 1814.“) Stetigkeit und Zuwachs zu verschaffen, sowie seiner heftig ausgeprägten Libido hinreichende Betätigung.