Eigentlich dachte man, das Sammelgebiet DDR-Rockmusik sei abgeschlossen. Der ganze Zinnober von den Puhdys, Karat und City auf CD gepresst und für ganz Versessenen, die weitere Hits immer noch hören wollten, einige Sampler nachgeschoben … Doch irgendwie finden Unverbesserliche in den Hinterlassenschaften der einstigen DDR-Schallplattenfirma Amiga oder in den Studios älterer Musiker ein ums andere Mal Aufnahmen, die überraschen und die Musikwelt Kopf stehen lassen. Das kleine Label Sound Essence präsentiert nun zwei Langspielplatten, die sogar dem Heavy Metal Pabst Frank Schäfer gefallen dürften.
Von der einzigen Soul-Combo der DDR, der Modern Soul Band (MSB), gibt es den „Soul Komplex“. – Gegründet wurde diese Wunderbunteband des Souls 1968, als Gerhard Hugo Laartz und seine Beatnics, die Music Stromers, mit einem Auftrittsverbot belegt wurden. Nach vielen Jamsession im Jugendklub in der Berliner Fredersdorfer Straße sammelte Laartz die Creme de la Creme der musikalischen Studentenschaft um sich. Nach mehreren Umstellungen standen von 1968 bis 1970 im Studio und auf den Bühnen des Landes neben Laartz (org, Piano) Eugen Hahn (b, git), Charly Rath (dr), der bald zum Bluesgott aufsteigende Hansi Biebl (g), die später im Free Jazz wildernden Jochen Gleichmann (tr), Caspar Hansmann (sax) und Conny Bauer (Posaune) sowie schließlich Klaus Nowodworski als Sänger. Durch das Jugendradio DT 64 gefördert, konnte MSB einige Lieder in den Studios des Senders einspielen, die man auch im Radio hörte.
Das nun vorliegende Album enthält zwölf Songs, die bisher noch nicht auf Tonträger erschienen sind, aber unbedingt gehört werden sollten. Es ist richtige „Tanzmusik für junge Leute“. Ob nun das unerhört kreative und phantasievolle „Sie konnte nicht verstehen“ oder das progressive „Isolata Natale“, alles klingt bis heute unverbraucht, funkig und voller Groove. Die Bläsersätze bohren sich aus den Boxen, dass es eine Freude ist. So hatten die DDR-Bürger im Radio oder bei Live-Konzerten noch nie Musik gehört: Da war nichts mit stumpfem Rock wie bei den einfallslosen Puhdys, und es gab auch keine Balladen, bei denen man regelmäßig Brechreiz empfand. Die MSB schuf rohen Funk mit überbordenden Soulmomenten, und Klaus Nowodworskis raue, bluesgetränkte Stimme passte hervorragend dazu.
Ein besonderer Höhepunkt ist das von Ulrich Gumpert komponierte Lied „Dein Lächeln“, das er eigentlich für den Sänger, Schauspieler und Musicalstar Reiner Schöne und für die Klaus Lenz Combo geschaffen hatte. Schöne ging in den bösen Westen und Laartz konnte den Song, den Amiga ablehnte, für seine Band kraftvoller und moderner produzieren. Nowodworski röhrt und singt mit voller Breitseite, so dass man dazu nur noch schonungslos tanzen muss.
Wer nach „Soul Komplex“ weiter die MSB hören möchte, der sollte sich das live in Gotha aufgenommene Album „MSB“ besorgen, das dem Jazzrock frönt und an die englische Band Colosseum heranreicht.
Album Nummer zwei – „So einfach ist das“ – stammt direkt von Ulrich Gumpert und enthält bisher unveröffentlichte Stücke. Im ersten Hörmoment dachte ich an Booker T. & The M.G.s, denn alle acht instrumentalen Songs sind mit ungewöhnlicher Power gesegnet, progressiv angelegt, manchmal musikalisch leicht und intensiv, eben jazzy funkiness. Durch Gumperts Hammondorgelspiel kommen psychedelische Momente dazu.
Bei „Hallo Ulli“ ist Günther Fischer dabei, der Gumperts Förderer war. Fischer bringt die Flöte zum Tanzen und reicht noch mehr Groove weiter, an die sich musikalisch völlig verausgabende Rhythmusgruppe.
Neben Gumpert und Fischer wirkten an dem Album mit: der renommierte Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer; der beste Jazz Bassist dieser Zeit, Gerd Lübke, und der Modern Soul Gitarrist Günter Dobrowolski.
Nach diesen begeisternden Aufnahmen, die eigentlich als Pausenmusik für DT 64 gedacht waren, änderte Gumpert seinen Musikstil und gründete mit Ernst Ludwig Petrowsky und Conny Bauer Synopsis, um in den Free Jazz einzutauchen.
MSB und Gumpert nahmen absolute Meilensteine auf, die die progressivste Zeit der ostdeutschen Musikgeschichte in Sachen Jazz und Rock aufzeigen. Beide Alben sollte man unbedingt hören und sich dabei an Uli Gumperts Spruch erinnern: „Gut Ohr Musikfreunde“.
Modern Soul Band: „Soul Komplex“, Label: Sound Essence, 34,95 Euro bei Buschfunk.
Ulrich-Gumpert-Quartett: „So einfach ist das“, Label: Sound Essence, 34,95 Euro bei Buschfunk.
Schlagwörter: Günther Fischer, Modern Soul Band, Thomas Behlert, Ulrich Gumpert



