Oskar Maria Graf als Autor des Aufbau

von Mathias Iven

Nach Exilstationen in Österreich, der Tschechoslowakei und den Niederlanden traf Oskar Maria Graf am 26. Juli 1938 in New York ein. Schon kurz nach seiner Ankunft war er an der Gründung der „German American Writers Association“ (GAWA) beteiligt, der er gemeinsam mit Ferdinand Bruckner vorstand. In dieser Funktion versuchte er nicht nur notleidenden Kollegen zu helfen. Ein Ziel der GAWA war es unter anderem, die Exil-Autoren mit den im Deutschen Reich ansässigen oppositionellen Schriftstellern in Kontakt zu bringen. Doch bereits 1941 löste sich die als „unpolitische Berufs-Organisation“ gegründete GAWA nach Richtungsstreitigkeiten wieder auf.

In den kommenden Jahren wurde Graf zum Organisator und Mittelpunkt eines Stammtisches im deutschen Viertel von New York. Bereits in jungen Jahren hatte er vor allem in Wirtshäusern Stoffe für seine Geschichten gefunden. Als begnadeter Erzähler trug er in seinem Freundeskreis häufig eigene Arbeiten vor, nicht selten waren es Gedichte. Um den Lebensunterhalt zu sichern, pflegte er Kontakt zu zahlreichen Zeitschriften. Zu denen, die Grafs Artikel in dieser Zeit veröffentlichten, gehörten unter anderem The German American, das von Stefan Heym redaktionell betreute Deutsche Volksecho, die beiden von Moskauer Verlagen herausgegebenen Monatsschriften Internationale Literatur und Das Wort sowie Maß und Wert in Zürich, die Neue Weltbühne und die Wiener Arbeiter-Zeitung.

Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von immerhin 164 Texten wurde in der in New York erscheinenden Exilzeitschrift Aufbau abgedruckt. Als Publikationsorgan des German Jewish Club hatte sich der Aufbau das Ziel gesetzt, die „Amerikanisierung der Immigranten zu fördern“. Schätzungen gehen davon aus, dass die Mitte der Vierzigerjahre in 45 Ländern vertriebene Zeitschrift circa eine Viertelmillion Leser erreichte. Die aus mehr als zwanzig Mitarbeitern bestehende New Yorker Aufbau-Redaktion wurde seit April 1939 von Manfred George geleitet, einem Halbbruder von Grafs Ehefrau Mirjam, die als Redaktionssekretärin das Archiv betreute und ein Register der geretteten Kollegen führte.

Erstmals liegen Grafs Beiträge für den Aufbau jetzt in einem mit einem aufschlussreichen Vorwort und umfangreichen Anmerkungen versehenen Band vor. Die Vielfalt seiner zwischen 1939 bis 1964 entstandenen und auch heute noch lesenswerten Texte zeigt einen unvermutet weiten Horizont von Interessen. Äußerungen zum Exil standen neben Rezensionen, Graf schrieb über Filme und Ausstellungen. Großen Wert legte er dabei auf eine individuelle Note, wobei er sich nicht scheute, auch kritische Positionen zu vertreten. Zudem publizierte er regelmäßig eigene, oftmals autobiographische Arbeiten. Angefangen bei seinem ersten, am 1. August 1939 erschienenen Beitrag, einer Erinnerung an das Kriegsjahr 1917, bis hin zu seiner letzten Veröffentlichung, den Bemerkungen zu Münchens „Antlitz“ vom Sommer 1964.

Als regelmäßiger Galeriebesucher wies er im April 1941 auf die Exposition seines Münchner Freundes Josef Scharl hin. Dessen Entwicklung verfolgend, schrieb er im Mai 1946: „Ich kenne wenige Maler, die so sehr vom Geist der Farbe bestimmt werden wie dieser unruhige Bayer, dem es gar nicht aufs rasche, eigene ,Fertigsein‘, aber stets auf das kühne Experiment ankommt.“ Als unbedingt sehenswert und „eindringlicher als jede Goebbels’sche Phrase“ beschrieb Graf die Fotomontagen von John Heartfield, sie seien „die beste Waffe im Kampf gegen Faschismus und Barbarei“.

Bücher von heute vergessenen Autoren, wie Adolf Borstendörfer, Otto Schrag, Gerhard Simson, Lotte Päpcke, Mela Hartwig, Lessie Sachs oder Heinz Zucker, besprach Graf ebenso wie die Neuerscheinungen von Lion Feuchtwanger, Hans Marchwitza oder Anna Seghers, deren „Siebtes Kreuz“ nicht nur ein „vollendetes Bild des schauerlich gejagten, geknebelten deutschen Volkes“ zeichnete, sondern ein unsterblicher Roman sei. Äußerst kritisch urteilte er hingegen über Friderike Zweigs Buch „Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte“: „Im zu Nahesein des Erlebten verliert die Berichtende die Distanz.“ Allein schon aus diesem Grund wäre das Ganze „nur teilweise erträglich“.

Unter Grafs Artikeln fanden sich auch immer wieder Glückwünsche, so zum 60. Geburtstag von Egon Erwin Kisch oder zur Verleihung des Nobelpreises an Hermann Hesse, wurde mit ihm doch „das Unvergänglichste des wesenhaft Deutschen, der Geist unserer mächtigen, reichen deutschen Sprache, ausgezeichnet“. Daneben standen Nekrologe. Im Mai 1945 gedachte er des Todes von Alexander Roda Roda, ein halbes Jahr darauf erinnerte Graf an Theodore Dreiser, für ihn „der unamerikanischste unter den amerikanischen Schriftstellern“. Und anlässlich des Todes von Thomas Mann schrieb er: „War er denn nicht gleichsam die Zusammenfassung, die Inkarnation seines Jahrhunderts, die vollendete Krönung all jener ganz großen Geister, die es hervorgebracht hat?“

Bereits am 7. Mai 1943 hatte Oskar Maria Graf den Lesern des Aufbau einen weitreichenden Vorschlag unterbreitet. Unter der Überschrift „Nie wieder vergessen!“ konnten sie lesen: „Während einst an diesem Tag Bücher in Flammen aufgingen, die einem geistfeindlichen Regime gefährlich erschienen, müsste in allen Ländern der Welt die breiteste Öffentlichkeit einen internationalen Tag des freien Buches feiern!“ Grafs Wunsch wurde Wirklichkeit. Vor Vertretern der vier Besatzungsmächte und aller Parteien erklärte der spätere Verleger Peter Suhrkamp am 10. Mai 1947 im Vorhof der Berliner Universität: „Wenn heute der Tag des Freien Buches proklamiert wird, ist das die Proklamation einer Forderung: das geistige Leben in allen Formen jedem Menschen zugänglich zu machen! Jedem Menschen! In jeder Form!“

Abschließend sei auf den äußerst inhaltsreichen Anhang des Buches verwiesen. Zum einen finden sich dort die im Aufbau veröffentlichten Besprechungen zu Grafs Werken, zum anderen sind die Glückwünsche von Kollegen und Freunden anlässlich von Grafs 50., 60., 65. und 70. Geburtstag versammelt. Und schließlich gibt es eine Zusammenstellung all derjenigen Texte, die im Gedenken an Oskar Maria Graf in mehreren Nummern des Aufbau nach dessen Tod erschienen, darunter Auszüge aus seinem 1961 erschienenen Essay-Band „An manchen Tagen“. Mit einem Satz daraus wollen wir schließen: „Selbst dort, wo Wort und Sprache nur Kommunikationsmittel sind, bleiben sie im Humanen. Solange mit Worten argumentiert wird, schießen Menschen einander nicht tot.“ – Darüber sollte man einmal mehr nachdenken!

Oskar Maria Graf: Texte für den New Yorker „Aufbau“ 1938–1967, hrsg. von Ulrich Dittman (†) und Ulrich Kaufmann unter Mitarbeit von Joachim Moisel und Katrin Schüler, Allitera Verlag, München 2026, 404 Seiten, 34,00 Euro.