Wie Bundesregierungen jeglicher Couleur seit fast dreißig Jahren, so macht auch die jetzige Koalition in ihren Steuervorschlägen einen weiten Bogen um die verfassungsrechtlich gebotene Vermögensteuer. Mit ihr ließen sich Haushaltsprobleme der öffentlichen Hand wenigstens etwas mildern; auch die weitere Öffnung der Schere in der Vermögensverteilung ließe sich bremsen. Zwar hatte sich die Schlagseite in der Verteilung auch bis 1997 – vor dem Aussetzen der Vermögensteuer – immer weiter ausgeprägt, aber seitdem hat sich dieser Prozess verstärkt. Laut dem von der Schweizer UBS-Bank veröffentlichten Global Wealth Report 2026 sind im vergangenen Jahr die weltweiten Privatvermögen um 10,8 Prozent – mehr als dreimal so schnell wie die globale Wirtschaft – gestiegen, in Deutschland sogar um 14,8 Prozent. Das gilt in noch höherem Maße für die besonders großen Vermögen. „Die Konzentration des Vermögens an der Spitze nimmt weiter zu – wer mehr hat, kann breiter streuen und in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity investieren,“ heißt es in einem Kommentar.
Vermögen ist nicht gleich Kapital. Eine selbstgenutzte Immobilie ist zwar Vermögen, aber kein Kapital. Und ein Teil des Vermögenszuwachses geht natürlich auf die höheren Bewertungen von Wohneigentum und Wertpapieren zurück. Aber Aktien und Beteiligungskapital (private equity) sind sich „verwertende Werte“, also Kapital. Und das produktive Kapital in Form von Betriebs- oder Unternehmensvermögen konzentriert sich zu fast 100 Prozent bei den 10 Prozent der reichsten Deutschen; die 5 Prozent der Allerreichsten besitzen die Hälfte des gesamten Unternehmensvermögens.
Thomas Piketty und sein Team hatten mit Untersuchungen zu den langfristigen Tendenzen der Einkommens- und Vermögensverteilung den internationalen Forschungen auf diesem Gebiet einen kräftigen Schub gegeben. Der Zugang zu entsprechenden Datenmassiven und deren Analyse mittels moderner statistischer, computergestützter Methoden hat sich erheblich verbessert. Piketty titelte sein Werk 2013 zwar mit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, aber er konzentrierte sich vor allem auf Einkommen und Vermögen und weniger auf das Eigentum an Produktionsmitteln und Kapital im ursprünglichen Sinne. Aber genau darauf beruhen die Klassen- und Machtverhältnisse und deren beständige Reproduktion im Kapitalismus. Und kein unwichtiger Aspekt dieses Problemkreises ist die Konzentration und Zentralisation des Kapitals, das heißt die Ballung ökonomischer Macht bei immer größeren Unternehmen, Konzernen, Oligopolen und Monopolunternehmen im Vergleich zur Masse der übrigen Betriebe. Ein internationales Forscherkollektiv hat jetzt beim US-amerikanischen National Bureau of Economic Research eine Untersuchung veröffentlicht, die genau dieser Frage für den Zeitraum seit 1900 in internationalen Dimensionen nachgeht („Business Concentration Around the World 1900 – 2010“). Die Autoren beziehen sich explizit auf die Theorien und Hypothesen von Marx, Lenin, Hayek, Galbraith und anderen. Sie fragten sich, ob die These von der Kapitalkonzentration und einer Kontrolle der Wirtschaft durch eine „visible hand“ auch in der langen Frist stichhaltig ist.
Um es kurz zu machen: Ja, die historischen Daten bestätigen diese These sowohl für die Wirtschaft der untersuchten Länder generell wie auch für einzelne Wirtschaftszweige über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg. Viele Wirtschaftswissenschaftler und Interessierte dürften von diesem Befund nicht überrascht sein, aber weithin wird eher Adam Smiths These von der „unsichtbaren Hand“, einer rein marktwirtschaftlichen Steuerung der Wirtschaft propagiert. In Deutschland gelten Klein- und Mittelbetriebe als „Rückgrat“ der Wirtschaft und den Forderungen nach einer Vermögensbesteuerung wird das Schreckgespenst vom „Tod der Familienbetriebe“ entgegengehalten. Die Tatsache, dass vor allem die globale Plattformökonomie durch weniger als ein Dutzend großer Firmen und deren Netzwerke beherrscht wird, wird zwar kritisiert, erfährt aber keine historische Einordnung. Demgegenüber zeigen die Autoren der Studie mittels mehrerer Konzentrationsmaße, dass sich dieser Prozess mindestens seit Beginn des vorigen Jahrhunderts mehr oder weniger beständig vollzogen hat. Dies betrifft den zunehmenden Anteil der größten Firmen an Umsatz, Gewinnen und Kapital. Es betrifft weit weniger den Anteil an der Beschäftigung. Die offizielle Statistik für Deutschland bestätigt diese Ergebnisse: Der Anteil der Großunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten (nur 0,7 Prozent aller 3,5 Millionen Unternehmen) am Nettoumsatz beträgt 74 und an den Sachanlageinvestitionen knapp 60 Prozent. In ihnen sind aber aufgrund der im Vergleich zu Klein- und Mittelbetrieben höheren technischen Niveaus, der Skaleneffekte, der Kapitalintensität und Produktivität nur rund 47 Prozent aller Beschäftigten tätig.
Die politisch-ökonomische Durchschlagskraft des Big Business wird noch dadurch erhöht, dass sie infolge der überschaubaren Anzahl in besonderem Maße Unternehmensverbünde und Netzwerke bilden können und weit besseren Zugang zu finanziellen, ökonomischen und technologischen Ressourcen und zu politischen Entscheidungsträgern haben.
Die Vorteile von Größe und Einfluss lassen sich im Einzelfall allerdings nicht ewig und kontinuierlich fortschreiben. Die größten Unternehmen von heute sind nicht dieselben wie vor hundert Jahren. Abgesehen von politischen und ökonomischen Erschütterungen führen das Innovationsgeschehen, das Entstehen neuer Güter und Wirtschaftszweige zu Strukturveränderungen, in denen „ältere Große“ unter die Räder geraten und sich neue Riesen in neuen Geschäftsfeldern herauskristallisieren. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die großen Rohstoff- und Handelskonzerne durch Big-Tech-Konzerne der Digitalbranche von den Spitzenplätzen der Unternehmensranglisten verdrängt; zunehmend dringen diese auch in Märkte vor, die bislang von Unternehmen mit traditionellen Technologien beherrscht wurden. Die schiere Größe von VW als Weltkonzern wurde durch die asiatischen Newcomer dank neuer Technologien (wohl auch infolge der Starrheit des VW-Managements und seiner Fehlentscheidungen) unterlaufen. So nimmt die „Zahl der Kapitalmagnaten“ keineswegs beständig ab, wie Marx meinte; vielmehr verhindert die von ihm andererseits so weitsichtig konstatierte, durch gelegentliche Phasen der Repulsion unterbrochene Tendenz zu Konzentration und Zentralisation des Kapitals unter den Bedingungen globalen Wirtschaftswachstums keineswegs, dass deren Zahl steigt.
Der Perpetuierung dieser Tendenz setzt die Politik trotz aller Bekenntnisse zur Rolle von Klein- und Mittelbetrieben keine wirksamen Mittel entgegen. Die Monopol- und Kartellgesetzgebung bleibt ein Papiertiger und die Strafen für „missbräuchlichen“ Gebrauch der Marktmacht sind lächerlich. Obwohl sich die deutsche Politik- und Wirtschaftselite gerne auf Ludwig Erhard und seine These von einer „sozialen Marktwirtschaft“ beruft, so hat sie den ordoliberalen Ruf nach einer Bekämpfung von wirtschaftlich-politischer Macht in den Händen von Großkonzernen komplett ignoriert. Ein solcher Kampf müsste die kräftige Besteuerung von großen Erbschaften und Vermögen, darunter natürlich auch Betriebsvermögen, und eine weit striktere Kontrolle und Begrenzung von Produktions- und Marktmacht einschließen. Die Bundesregierung marschiert hingegen in die entgegengesetzte Richtung. Anstatt dem Mehrheitsentscheid der Berliner Bevölkerung zur Vergesellschaftung zu groß und mächtig gewordener Immobilienkonzerne Rechnung zu tragen, will sie die im Artikel 15 Grundgesetz verbriefte Vergesellschaftung per Gesetz verhindern.
Wie die oben zitierte Studie und ältere Untersuchungen zu diesem Gegenstand aber auch zeigen, ist gegen die Tendenz der Konzentration und Zentralisation kein politisches Kraut gewachsen. Sie ist „systemisch“ bedingt; sie vollzieht sich gesetzmäßig. Hier wirkt also doch so etwas wie eine „unsichtbare Hand“, wenn auch in ganz anderer Weise, als das Adam Smith vor zweihundertfünfzig Jahren meinte. Die Berliner Regierung und die Spitze der Commerzbank konnten sich noch so stark gegen die italienische Unicredit zur Wehr setzen, letztlich siegten Stärke und harte Fakten. Eine große deutsche Zeitung kommentierte: „Die Übernahmeschlacht zwischen der Commerzbank und Unicredit ist entschieden. Das ist nicht so schlimm, wie es klingt.“ Dann ist wohl auch die Übernahme großer Berliner Immobilienbestände durch ausländische Investoren nicht so schlimm; schlimm wäre es aus dieser Sicht wohl nur, wenn die Berliner Bevölkerung sie übernehmen würde.
Schlagwörter: Jürgen Leibiger, Kapitalkonzentration, Marktmacht, Vermögensteuer

