29. Jahrgang | Nummer 10 | 8. Juni 2026

Lärm und Leerlauf im bunten ESC-Zirkus

von Walter Thomas Heyn

Einst sang der Leipziger Kabarettist Jürgen Hart in seiner damals berühmten Hymne über die Sachsen: „Bis nunter nach Bulgarchen tut er die Welt beschnarrchn“. Nun stellt der deutliche Sieg von „Bangaranga“ im Eurovision Song Contest 2026 dieses kleine Land kurz in den Mittelpunkt der europäischen Chanson-Schlager-Pop-Medien-Welt.

Der Pop-Song ist mittlerweile der nahezu alles dominierende Prototyp auf dem Gebiet der Musik. Der Song als Einzelwesen ist zwar wie eine Eintagsfliege, also klein, schwach und unbedeutend. Nur die menschliche Resonanz, der Zufall und der Markt entscheiden über die Dauer seines Lebens. Aber der Song als industrielles Massenprodukt hat alle Alltagsnischen der Gegenwart siegreich durchdrungen. Wenn meine Musikschulkinder sagen, dass sie in einem Konzert waren, dann weiß ich, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99 Prozent in einem Konzert mit Popsongs waren. Alle anderen Arten der Musik wie zum Beispiel Klassik, Jazz, Neue Musik haben diese Song-Knöteriche bis an den Zaun des Musikgartens zurückgedrängt. Das ist schade und es ist bedenklich.

Dabei war die Gründungs-Idee für den ESC gut: Zwölf Jahre nach dem großen zweiten Krieg sollten sich die Völker mit Hilfe unterhaltender Musik näherkommen. Ich kann mich als Kind erinnern, wie dutzende Menschen in kleinen Räumen ehrfürchtig vor kleinen, in massiven Schrankmöbeln eingebauten Fernsehern hockten und voller Spannung mitfieberten, wer das Rennen macht und wie weit die Wessis (also auch wir Zonenkinder) kamen. Es war gesamtdeutsche Familienunterhaltung wie der „Blaue Bock“ und ähnliche Sendungen.

Der Song Contest gilt als eines der zentralen Ereignisse Europas seit 1957, damals noch unter dem Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Was ursprünglich in einem kleinen Rahmen begann, hat sich zu einem bedeutenden kulturellen Großereignis entwickelt, der von der EBU, der europäischen Rundfunk-Union veranstaltet wird. Diesmal haben 35 Länder am Wettbewerb teilgenommen. Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien zogen sich aufgrund der Teilnahme Israels zurück. Assoziierte Mitglieder der EBU können auf Einladung teilnehmen. Beim ESC gilt dies seit 2015 für Australien. Auch Kanada und Kasachstan, sowie zehn asiatische Staaten unter der Führung von Thailand möchten teilnehmen. Es wird dann wohl Achtelfinales geben müssen oder kontinentale Vorrunden. Die Handelsmarke ESC boomt.

Der deutschen Beitrag hatte die Startnummer zwei gezogen. „Einen erfolgreichen Auftritt beim ESC würde ich gar nicht so sehr über die Platzierung definieren“, sagte die Sängerin Sarah Engels über ihre Dance-Pop-Hymne im Interview bei Köln online später. „Für mich ist es ein erfolgreicher Auftritt, wenn ich damit viele Frauen erreichen kann und es nur ein junges Mädchen gibt, das sagt: Jetzt will auch ich mein inneres Feuer entfachen.“

Warum der deutsche Beitrag so abschnitt, wie er abschnitt, dass erklärte Hape Kerkeling in der ARD-Dokumentation „70 Jahre ESC – More than Music“ schon einige Tage vorher so: „Wenn der Lette auftritt, kriegt er Punkte aus Estland und Litauen. Wenn der Schwede singt, freut er sich über Punkte aus Finnland, Dänemark und Island. Singt der Deutsche, dann kriegt er nicht mal einen Punkt aus Österreich.“ Diesmal hat Old Germany von Italien und Portugal je vier und von Belgien und Bulgarien (!) je zwei Punkte spendiert bekommen. Deutschland vergab seine zwölf Punkte an Israel.

Die Länder des Baltikum gingen und gehen dabei seit jeher eigene und oft kreative Wege. Das begann schon mit ABBA aus Schweden und setzte sich fort in dem aktuellen finnischen Beitrag, einem mitreißenden Duett zwischen einer Geigensolistin und einem Sänger, welcher den größten Beifall des Abends bekam. Warum man später in den Meldungen lesen musste, die beiden von den Wettbüros hoch gehandelten Interpreten hätten Publikum und Jurys dann doch nicht so ganz überzeugt, blieb unklar und schwer verständlich. Gerade solche Experimente hin zu einer eher klassisch definierten Musikhaltung und an der Grenze zu einer Musiktheaterszene sind es doch, die das Genre Song aufbrechen und beleben könnten. Deshalb sind für mich alle Länder Osteuropas die eigentlichen Sieger. Ihnen gelingt es, ihre Volksmusik einzubeziehen (Kroatien) und ihre historischen Wurzeln und musikalischen Traditionen anklingen zu lassen (Albanien). Die „großen“ Stimmen aus dem Osten (und dem Süden Europas) faszinieren bis heute. Und auch der typische Balkan-Flair ist lebendig wie eh und je.

Trotzdem müssen sehr kritische Worte zu den Kompositionen insgesamt gesagt werden. Es fehlen die zündenden Melodien, obwohl fast jedes Lied drei, vier und mehr Komponisten und Textdichter hat. Dazu kommt die rhythmische Armut: Von 25 Songs waren 24 im 4/4-Takt. Alle waren ungefähr im gleichen Tempo und es wurden nur wenige verschiedene Rhythmusmodelle verwendet, Es dominierte eine Melange aus Samba, Salsa und Milonga in der Aufteilung 3+3+2 Achtel. Das ist der „Sommer-Hüpf-Rhythmus“ mit Latino-feeling, den man aus unzähligen Songs z. B. aus „Sophia“ von Alberto Soler, Mamba Nr. 5 und vielen anderen kennt. Beim Rhythmus Nr. 2 geht die große Trommel, meist elektronisch gedoppelt, in vier gleichlauten Viertelschlägen durch den gesamten Song hindurch. Das ist der Hiphop-Rhythmus der Tanzschuppen, in denen die jungen Leute mit Hilfe kleiner Pillen viele Stunden durchtanzen und die Nacht zum Tag machen. Der dritte Rhythmus ist eine Art Disko-Fox wie im italienischen Beitrag. Manchmal werden die Rhythmen kombiniert, oder durch A-Cappella-Stellen unterbrochen.

Es gab nur im bulgarischer Beitrag deutlich hörbare Tempowechsel innerhalb der kurzen, mehrfach wechselnden Teile. Aber diese wurden beziehungslos aneinander gestellt wie Filmschnitte.

Lediglich der israelische Beitrag spielte mit den Möglichkeiten von Rhythmus und Tempo. Denn dieser Song war im 6/8 Takt, die später zu Triolen in einem sehr schnellen 4/4-Beat wurden. Und dann sang der Mann noch gut. Deutschland vergab seine 12 Punkte richtigerweise an Israel.

Wenn man das Gedankenexperiment unternimmt, so zu denken wie Entscheider oder BWL-Menschen denken würden, also den Mitteleinsatz mit den erzielten Ergebnissen vergleicht, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die beiden Gastländer Israel und Australien erreichen zusammen 630 Punkte also im Durchschnitt 315 Punkte. Sie sind damit deutlich erfolgreicher und effektiver als die 10 osteuropäischen Länder (Gesamtpunktzahl 1897, Durchschnitt 189,7) und als die vier skandinavischen Länder (Gesamtpunktzahl 707, Schnitt 176 Punkte). Weit abgehängt folgen die sechs westeuropäischen Länder, die „Big Five“ plus Belgien, die auf jammervolle 494 Gesamtpunkte kommen, im Schnitt also auf 83 Punkte und auch als Gruppe den letzten Platz belegen. Das reiche Westeuropa hatte weder Einfälle noch Erfolge vorzuweisen. Und das sollte uns sehr nachdenklich machen.

Theodor W. Adorno schrieb 1962 über die Wirkung des Schlagers und seine gesellschaftliche Funktion: „Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben. […] Was immerzu als exzeptionell sich anpreist, stumpft ab: die Feste, zu welchen die leichte Musik ihre Anhänger unter dem Namen des Ohrenschmauses permanent einlädt, sind der triste Alltag. In den fortgeschrittenen Industrieländern wird sie definiert von Standardisierung: ihr Prototyp ist der Schlager. […] Auf der einen Seite muss sie (die leichte Musik) die Aufmerksamkeit des Hörers aufstacheln, von anderen Schlagern sich unterscheiden, wenn sie sich verkaufen lassen, den Hörer überhaupt erreichen will. Andererseits darf sie über das Gewohnte nicht hinausgehen, wenn sie ihn nicht zurückstoßen will […]. Die Schwierigkeit, vor welcher der Hersteller leichter Musik steht, ist die, jenen Widerspruch auszugleichen, etwas zu schreiben, was einprägsam ist und allbekannt-banal zugleich.“

In der schier unüberschaubaren Medienwelt von heute und von Algorithmen kuratierten Feeds auf unendliche vielen Kanälen verschwimmen die Grenzen zwischen Inspiration und Beeinflussung, von Mensch und Maschine zusehends. Man sollte darüber nachdenken, wie subtile digitale Mechanismen unsere ästhetischen Vorlieben prägen. Doch ich wünsche mir mehr Präsenz von Persönlichkeiten, die echte Individualität verkörpern und Rückgrat zeigen.

Denn diese Form der Unterhaltungskunst könnte schon ein bisschen mehr sein als ein bunter, farbenfroher Zirkus. Dazu braucht es neue Komponisten mit neuen Ideen, die aus der Musik selbst entwickelt sind und nicht von Marketing-Strategien dominiert oder gleich ganz verhindert werden. Passiert das nicht, wird es auch in den nächsten Jahren immer mal wieder heißen: Germany, zero points. Und das wäre doch traurig.