Über Schlangen gibt es in der Menschheitsgeschichte viele, teils sich widersprechende Redewendungen. Von der Klugheit der Schlange und ihrer Fähigkeit zu sprechen ist bereits im Alten Testament (1. Buch Mose) die Rede, und im Neuen Testament (Evangelium des Matthäus) rät Jesus seinen Jüngern sogar: „Seid klug wie die Schlangen“. Auf der anderen Seite wird die Schlange wegen ihrer Verführerrolle beim Paradies-Sündenfall – sie überredete Eva trotz Gottes Verbots, Früchte vom „Baum der Erkenntnis“ zu essen – als „listig und falsch“ eingeschätzt, so dass man zuweilen für eine heimtückische und verräterische Person die Bezeichnung „falsche Schlange“ im Munde führt. Und die Schlangengrube wird als ein Ort definiert, an dem Gefahren lauern. Entweder geht man unberührt durch, oder die Schlangenbrut beißt zu. Der eine hat Glück und der andere Pech …
Der Vatermord war in der alten römischen Kultur lange Zeit das einzige Verbrechen, deren Verfolgung und Bestrafung vom Staat unternommen wurde. Auf Vatermord stand die Todesstrafe durch Säckung. Der Verurteilte wurde mit einigen lebenden Tieren (einer Schlange, einem Hund und anderen Kreaturen) in einen Sack eingenäht und in den Tiber geworfen – ein wirklich qualvolles Ende für den Vatermörder und seine Begleiter.
Ein ganz anderes Kapitel der Kriminalgeschichte ist es, wenn Tiere als Mordwerkzeuge benutzt werden. Im Grazer Kriminalmuseum von Hans Gross war eine Kreuzotter zu sehen, die eine Landschöne ihrem ungetreuen Schatz ins Bett gelegt hatte: Tod durch Schlangenbiss. Und unter amerikanischen Mördern soll Anfang vorigen Jahrhunderts der „Kobratod“ eine beliebte Tötungsart gewesen sein.
Im feudalen China galt die Frau nicht sehr viel. Es war allgemein verbreitet, neugeborene Mädchen zu ermorden. In einer Korrespondenz aus dem Jahre 1913 wird der grassierende Mädchenmord in den Chinesenvierteln von New York und San Francisco beklagt. Es soll zur Gewohnheit geworden sein, unbequeme Kinder durch Skorpione stechen oder durch giftige Hausschlangen beißen zu lassen.
Aber auch Kurioses passiert mit diesen nicht immer gefährlichen Schlangen. Im März 1999 stürmte ein Mann mit fiesen Absichten in Paris in einen Blumenladen, griff in seine Tasche, holte eine 80 Zentimeter lange Schlange heraus und bedrohte den Verkäufer: „Geld her, oder du stirbst!“ Der griff hastig in seine Kasse – der Räuber flüchtete mit umgerechnet 54 Mark Beute.
Nicht schlecht staunten im Februar 2002 die Ordnungshüter in Göttingen, nachdem sie ein Auto gestoppt hatten, bei dem sie wegen der unsicheren Fahrweise einen Betrunkenen hinter dem Steuer vermuteten. Wie sich herausstellte, kam der 21-jährige Fahrzeugführer jedoch nicht aus der Kneipe, sondern war mit einer 60 Zentimeter langen Erdnatter auf dem Weg zum Tierarzt. Das ungiftige, aber wärmebedürftige Reptil hatte er in die Hose gesteckt, wo es sich um das Bein wickelte und dem kitzeligen Fahrer zusetzte.
Nach einem mysteriösen Schlangenbiss in München war bis zuletzt unklar, wo sich das hochgefährliche Reptil befunden hatte – berichtete der Deutsche Depeschendienst im August 2002. Eine 36-jährige Frau war außerhalb ihrer Wohnung gebissen worden und ins Koma gefallen. Experten waren übereinstimmend der Meinung, dass eine exotische Viper und keine heimische Schlange die Frau gebissen hatte. Wo sich die Schlange aufhielt, konnte nicht ermittelt werden. Der Reptilien-Facharzt Markus Baur erklärte, dass er sich schon Sorgen um die Münchener mache. Nach seiner Einschätzung könne sich das Tier an Orten versteckt halten, die auch von Menschen aufgesucht werden – im Sandkasten eingegraben oder in einem Fahrradständer liegend. Die Polizei sah die Lage weniger dramatisch und brach die Suche nach dem Tier ab. Sie schloss aber nicht aus, dass die Frau außerhalb ihrer Wohnung gebissen wurde. Ob sie den Schlangenbiss überlebte, ist nicht bekannt.
Im Mai 2013 wurde in Straubing (Bayern) durch die Feuerwehr ein 40-jähriger Mann tot vor einem geöffneten Terrarium gefunden, nachdem sein Arbeitgeber Alarm geschlagen hatte. Mehrere Würgeschlagen krochen durch das Haus; 46 Schlangen konnten insgesamt geborgen und in ein Tierheim gebracht werden. Sie waren aber ganz friedlich und hatten dem Mann, der einen natürlichen Tod starb, überhaupt nichts angetan.
Wie die Nachrichtenagentur dpa im Juni 2022 berichtete, war in Indien ein elfjähriger Junge in einen 24 Meter tiefen Bohrbrunnen gefallen und erst nach viereinhalb Tagen gerettet worden. Unter großen Anstrengungen des Rettungsteams sei der Junge in Sicherheit gebracht worden, teilte der Regierungschef des Bundesstaates Chhattisgarh mit. Der Junge habe in dem Bohrbrunnen mit einer Schlange und einem Frosch ausgeharrt.
Eine 35-jährige Schlangenbesitzerin schwebte im Juni 2022 nach dem Biss einer Klapperschlange in Lebensgefahr. Wie die Polizei mitteilte, war die Frau in ihrer Wohnung in Sehlde (bei Wolfenbüttel in Niedersachsen) von ihrer eigenen Klapperschlange in den Finger gebissen worden. Die Frau kam zunächst in ein Krankenhaus nach Salzgitter, doch ihr Zustand verschlechtert sich, so dass sie in die Medizinische Hochschule Hannover verlegt werden musste. Dort wurde ein Gegenserum aus dem Tropeninstitut in Hamburg angeliefert, das ihr das Leben rettete. Die Frau hielt mehr als 110 Schlangen unter katastrophalen Bedingungen, was zu Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz führte.
Das Schlusswort gebührt dem deutschen Dramatiker, Lyriker und Erzähler Friedrich Hebbel: „Der Utopist sieht das Paradies, der Realist das Paradies plus Schlange.“ Diese vorzügliche Lebensweisheit schrieb er 1838 in sein Tagebuch.
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