29. Jahrgang | Nummer 4 | 23. Februar 2026

Ariadnes Faden

von Renate Hoffmann

Eine wilde Geschichte aus der griechischen Mythologie. Hauptfiguren: Ariadne und Theseus. Im Umkreis der Handlung: König Minos von Kreta, Minotauros, ein Unwesen, halb Mensch, halb Stier, neun Jünglinge und neun Jungfrauen aus Athen. Handlungsorte: Kreta, Athen, Naxos (größte Insel der Kykladen), das „Kretische Labyrinth“.

Die Handlung: Athen lag mit Kreta im Krieg. König Minos gewann die unseligen Auseinandersetzungen und forderte von den Besiegten einen grausamen Tribut: In neunjährigem Wechsel (nach anderen Angaben jährlich) sollte Athen neun junge Männer und ebenso viele junge Frauen an Kreta ausliefern, um dort dem Minotauros, den man im Labyrinth gefangen hielt, geopfert zu werden. König Aigeus von Athen weigerte sich, dem Folge zu leisten. Sein Sohn Theseus erklärte sich bereit, gemeinsam mit den ausgewählten jungen Athenern nach Kreta zu ziehen und dort dem Minotauros den Garaus zu machen.

Auf der Insel eingetroffen, begegnen sich die Königstochter Ariadne, selbst eine Schönheit, und der junge, schöne, kräftige, tapfere Theseus. Es ist Liebe auf den ersten Blick. – Zum Problem wird das Labyrinth. Sogar Daidalos, der Erbauer, hatte Mühe, aus dem verwinkeltem System wieder herauszufinden. Ariadne will den geliebten Mann nicht verlieren und hilft mit einem klugen Gedanken. Sie übergibt Theseus ein „Garnknäuel“, dessen Ende am Eingang zum Labyrinth befestigt wurde, um durch Abrollen des Fadens den späteren Ausstieg zu sichern. Das Unternehmen gelang, und das Untier erhielt den Todesstoß. Die Welt war wieder heil. Doch nur für kurze Zeit.

Theseus versprach Ariadne die Ehe und ein erfülltes Leben in Athen. Das bedeutete Flucht. Sie verließen, zusammen mit den geretteten jungen Leuten, zu Schiff Kreta. Ein Sturm kam auf und verschlug die Schicksalsgemeinschaft auf die Insel Naxos. In der Nacht änderte Theseus seine Pläne, verschwand und ließ die schlafende Ariadne zurück. Sie war untröstlich. Hatte er Bindungsängste? Fürchtete er die Rache seines Schwiegervaters in spe?

Dionysos fand die Verzweifelte, war von ihrer Schönheit bezaubert und nahm sie zur Frau. Es gab eine „göttliche Hochzeit“. Als Geschenk bekam die Braut eine Krone, die der kunstsinnige Schmied Hephaistos für sie gefertigt hatte. Nach ihrem Tod versetzte Dionysos Ariadnes Krone als Sternbild an den Himmel. Und die Götter hoben die schöne Königstocher auf den Olymp.

Seither wünschte sich so mancher im Stillen einen „Ariadnefaden“, um mit seiner Hilfe aus einer schwierigen Situation zu finden. – Könnte dabei der „Rote Faden“ ebenfalls von Nutzen sein? Oder sind die beiden Fäden gar in ihrem Sinngehalt identisch? Mitnichten! Führte der „Ariadnefaden“ glücklich aus einer baulichen Anlage heraus, so steht der „Rote Faden“ für einen Leitgedanken oder ein Leitmotiv, die sich im Verlauf einer Handlung, Entwicklung oder ähnlichem stets wiederholen.

Großmeister Goethe nahm den Begriff des „Roten Fadens“ sinngemäß in sein Werk „Die Wahlverwandtschaften“ auf und gab gleichzeitig eine glaubwürdige Erklärung: „Sämtliche Tauwerke der königlichen (britischen) Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.“

Nun wäre zu überlegen, von wem der Herr Geheimrat diese Informationen erhielt? Waren es englische Reisende, die ihn in Weimar aufsuchten? Oder war es sein langjähriger Brieffreund Thomas … Thomas … Man möge mir verzeihen, ich habe den Faden verloren.