NATO, Fossil aus dem ersten Kalten Krieg – Wenn nicht immer wieder mal der Bock zum Gärtner gemacht würde, dann kennten wir diese hübsche Metapher womöglich gar nicht mehr. Doch manchmal ist es wirklich zu viel des Schlechten. Etwa, wenn die NATO – wie soeben von einer Jury aus Politik und Wirtschaft, federführend dabei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, beschlossen – nicht nur den Westfälischen Friedenspreis 2026 erhält, sondern auch noch mit dieser Begründung: „Die NATO steht seit mehr als sieben Jahrzehnten als Bündnis für eine regelbasierte Sicherheitsarchitektur, die Konflikte eindämmt, Eskalation vorbeugt und Zusammenarbeit stärkt.“ Und was war, respektive ist, um nur an Fälle seit der Jahrtausendwende zu erinnern, in Serbien? In Afghanistan? Im Irak? In Libyen? In der Ukraine?
Der Politologe Johannes Varwick hat es auf den Punkt gebracht: „Dass die NATO den Preis des Westfälischen Friedens 2026 bekommt, ist nach dem Friedenspreis für Schlögel und Applebaum ein weiterer Tiefpunkt politischer Kultur. What‘s next? Rheinmetall?“
Kaja Kallas, quasi EU-Außenministerin – Nicht etwa im stillen Kämmerlein und somit unhörbar für den Rest der Welt vor sich hingemurmelt, sondern mit Aplomb in aller Öffentlichkeit – auf einer Konferenz des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien – haben Sie erklärt: „China und Russland haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Nazis besiegt? Das ist etwas Neues.“
Da fragen wir uns doch unwillkürlich, ob inzwischen nicht doch nachgewiesene Blödheit einfach ein maßgebliches Kriterium dafür ist, zur Außenbeauftragten der EU avancieren zu dürfen …
Christian Lindner, vom FDP-Politiker zum Gebrauchtwagenhändler – Sie treten ab 1. Januar beim großen Autohändler Autoland AG aufs Gaspedal. 1990 gegründet, expandierte Autoland seitdem vor allem in den östlichen Bundesländern.
Wir erinnern uns lebhaft an Rostlauben, die die zukünftigen blühenden Landschaften überschwemmten, Trabant und Co. verdrängten, und an denen windige Verkäufer sich eine goldene Nase verdienten.
Als bekennender Porschefan wollen Sie nun, „wo das Herz der deutschen Wirtschaft schlägt“, das Ansehen des Autohändlers steigern. Nach aktuellen Umfragen haben nur noch elf Prozent der Befragten Vertrauen in Politiker. In der Kürze der Zeit konnten wir nicht herausfinden, ob Ihr zukünftiger Job besser bewertet wird, halten Ihnen aber zugute, dass Sie nicht in die Rüstungsindustrie, wo man sich heutzutage die goldenen Nasen verdient, wechseln.
Judka Strittmatter, Kollegin von der Berliner Zeitung – Sie haben „nur noch wenig Hoffnung für die Menschheit. Nach und nach kündigen wir zivilisatorische Agreements auf, Narzissmus und Egoismus erleben Hochkonjunktur, und die Kälte, die […] gesellschaftlich floriert, lässt viele von uns schon jetzt innerlich erfrieren.“
Ihre womöglich finale Desillusionierung erlebten Sie gerade im Kino.
Der Film: „Das Verschwinden des Josef Mengele“.
Im Publikum: Geräuschvoll und olfaktorisch durchdringend Chips und Popcorn mampfende Zeitgenossen – „im Angesicht des Menschenquälers Mengele wird gestopft, als habe man selbst seit Wochen nichts zwischen die Zähne bekommen“.
Ihr Aufschrei: „Ihr Asis, die ihr keine Stunde warten könnt, euren wohlstandsverelendeten Appetit zu befrieden. Ihr Barbaren, die ihr im Anblick schlimmster Grausamkeit den anderen im Kino ihre Empathie versaut. Ihr Hohlköpfe ohne Feingefühl! Nichts ist schlimmer, als wenn in einem Moment der Stille und des Angefasstseins, der Gewahrwerdung und der Trauer Deppen wie ihr mit einem lauten Happs dazwischen grätschen.“
Da sind wir ganz bei Ihnen. Obwohl sich diese ganz normalen Kinogänger spielend noch übertreffen lassen – etwa von Selfies schießenden Touristen, wie wir sie vor wenigen Jahren an der Rampe von Auschwitz-Birkenau erleben mussten, wo Mengele einst seinem Tagwerk nachging: Der Selektion von zig-tausenden von Juden für den direkten Weg in die Gaskammern …
Neil Young, ewiger Hippie mit der Stimme eines rostigen Engels – Sie sind eine lebende Legende – und vermutlich der einzige Mensch, der gleichzeitig aussieht, als hätte er gerade ein Scheunentor repariert und ein Jahrhundertalbum aufgenommen. Sie können Gitarren zum Weinen bringen, Traktoren zum Schnurren und Fans dazu, bei jedem „Hey hey, my my / Rock and roll can never die“ kollektiv in die 1970er zurückzuwandern. Würdigungen zum 80. Geburtstag hin oder her: Sie sind der Beweis, dass man niemals zu alt ist, um rebellisch, genial und ein bisschen verpeilt zu sein. In Kanada geboren und in den USA lebend, wurden Sie mit „Rockin in the free world“ weltweit bekannt und engagieren sich für eine sozial gerechte und umweltverträgliche Welt. Zudem sind Sie ein scharfer Kritiker von US-Präsident Trump und feuern auf Ihrem aktuellen Album Breitseiten gegen Elon Musk. Bei fast 50 Studioalben haben Sie lediglich einen Nummer-Eins-Hit, „Heart of Gold“, aber was sagt das schon. Wir erinnern uns begeistert an Ihre wunderbaren Konzerte in der Berliner Waldbühne.
Postillon, mediales Flaggschiff des höheren, aber durchaus auch des flachen Blödsinns – Sie haben gerade eine ganz erstaunliche Marschrichtung eingeschlagen: Während gedruckte Zeitungen seit langem als Auslaufmodell gelten und die inzwischen auch schon fast altehrwürdige taz sich soeben in eine werktäglich bloß noch Online-Existenz verkrümelt hat, haben Sie nach 17 virtuellen Jahren angefangen zu printen: Einmal im Monat gibt es nun eine Druckausgabe. Ihr Gründer und Hauptbetreiber Stefan Sichermann hatte ausgerechnet, dass das Projekt mit 3000 zahlenden Abonnenten zu stemmen wäre. Drei Tage nach Verkündung waren bereits 2000 Abos abgeschlossen; inzwischen sollen es 5000 sein.
Das hängt natürlich damit zusammen, auf welche Weise Sie den Leuten in den zunehmend unübersichtlicheren Zeitläuften die Welt erklären – etwa am Tag eins nach Merzens Stadtbild-Äußerung mit der Headline: „Ziel vier Jahre vor dem Zeitplan erreicht: AfD stellt Bundeskanzler“. Galgenhumor als Therapie gegen allenthalben drohende Alltagsdepression: „Regierung erhöht Flaschenpfand, um Altersarmut zu bekämpfen“ oder „Studie: Abschiebung aller Männer würde Gewaltkriminalität um 85 % reduzieren“. Sie übertreffen laut Wikipedia inzwischen die Social-Media-Reichweite solcher Nachrichtenportale wie Focus Online, Süddeutsche.de oder Frankfurter Allgemeine.
Wir wünschen Ihnen und Ihren Machern weiterhin viel Erfolg!
Schlagwörter: Der Postillion, Friedenspreis, Judka Strittmatter, Kaja Kallas, Mengele, NATO, Neil Young, Popcorn

