Mehr als einmal hat Kurt Tucholsky beklagt, daß er Erfolg, aber keine Wirkung gehabt habe. Mehr als einmal ist ihm das von Rezensenten, mehr oder minder mißgünstigen Kollegen und von Vertretern unterschiedlicher politischer Parteien und Gruppierungen bestätigt worden. Mehr als einmal widersprachen sich die damit verbundenen Begründungen. Nur in einem Punkt waren sich alle einig. Sie warfen ihm vor, nicht wirklich „dabei“ zu sein. Stereotyp ist die Meinung, als Pariser Korrespondent der Weltbühne und Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung“ sei Kurt Tucholsky in Deutschland nur noch Zaungast gewesen und habe zwangslaufig nur·noch von oben herab und oben her urteilen können …
In diesem verfestigten Vorurteil werden, von unterschiedlichen Standpunkten aus, Ursache und Wirkung verwechselt. Konstatiert wird eine tatsächlich vorhandene, tatsächlich nicht zu übersehende Distanz. Von ihr wird falsch rückgeschlossen …
Mannesmut vor Königsthronen – in dieser altpreußischen Tradition hat Kurt Tucholsky in den Schaubühnenjahren vor dem ersten Weltkrieg zu propagieren und zu leben versucht. Selbstverwirklichung des Individuums stand auf seinem Panier und die Begegnung freier Individuen auch in der Liebe. Die Formel wird auf den letzten Seiten von „Rheinsberg“ geliefert. Einmal: „Da-sein, voraussetzungsloses Da-sein und immerfort wissen, daß eine ist, die gleich fühlt, gleich denkt …“ Dann: „Und das Erlebnis und ich und sie – das gibt einen Klang, einen guten Dreiklang.“
Sein Leben lang hat Kurt Tucholsky mit diesem Ziel den deutschen Untertanen, der ohne einen Herrscher, Führer oder auch nur einen Vorgesetzten nicht auskommen kann, verspottet. Auch sein politischer Kampf ist diesem Dreiklang menschlicher Souveränität, menschlicher Gemeinschaft, menschlicher Erlebnisfähigkeit verpflichtet. Wessen Programm solche Eigenschaften ausschloß, der war sein Gegner; wer sie ermöglichen wollte, und sei es auch nur in einer besseren Zukunft, konnte mit ihm als Bündnispartner rechnen.
In Siegfried Jacobsohn hatte der dreiundzwanzigjährige Tucholsky einen Partner, Mentor und geistigen Erzieher gefunden, dem er gerne folgte, denn dessen Ansichten und Absichten entsprachen dem, was er selbst in der Auseinandersetzung mit dem Elternhaus, mit der Schule und der Öffentlichkeit des Kaiserreiches als Überzeugung gewonnen hatte.
Gleich Jacobsohn lehnte er die Bourgeoisie, in deren Bereich er groß geworden war, wegen ihres Bündnisses mit der Aristokratie und diesem Kaiser und wegen ihres nackten Gewinnstrebens ab. Für das Kleinbürgertum, das sich tagtäglich abstrampeln mußte, um sich ökonomisch zu behaupten und den gesellschaftlichen Schein zu wahren, hatte er nur Verachtung übrig. Wohl traute er dem Proletariat unverbildete Individualität mit Erlebnisfähigkeit zu, aber als Klasse war es ihm so unzugänglich wie das Bauerntum oder die Schicht der Handwerker. So nahm er nur zu gerne die Gelegenheit wahr, für seinesgleichen zu schreiben, für „Geistige“, die sich keiner gesellschaftlichen Gruppe zugehörig fühlten, nach·Idealen ihr Leben einzurichten versuchten, im Theater, im Museum, bei Gesprächen als Kunstsammler oder einfach nur als Leser und Betrachter einen Lebenssinn zu verwirklichen trachteten, der sich nicht im ökonomischen Existenzkampf erschöpfte.
Daß diese Geisteshaltung im Weltkrieg erschüttert werden mußte, ist logisch. Nicht zufällig entstanden in diesen Jahren Tucholskys Grotesken und bösen Märchen, in denen er – sie verspottend – einer unbehaglich gewordenen Wirklichkeit zu entfliehen suchte. Den Höhepunkt der Ernüchterung und die Peripetie signalisiert 1917 der Aufsatz „Meinen Freunden, den ldealisten“. Was in diesem selbstkritischen Rückblick wie Resignation anmutet, erweist sich schließlich als Besinnung, die zu neuen Haltungen führt. Tucholsky erkennt im eigenen Idealismus auch die Mitschuld, die ihm viele Jahre später das Eingeständnis ermöglicht: „Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Krieg gedrückt, wo ich nur konnte – und ich bedaure, daß ich nicht, wie der große Karl Liebknecht den Mut aufgebracht habe, Nein zu sagen … Dessen schäme ich mich.“
Diese Scham, die vorausgegangene Ernüchterung und der nun mehr klare Wille zum politischen Kampf sind die lngredienzien des bis heute anhaltenden außergewöhnlichen Erfolges der Texte von Kurt Tucholsky. Warum sich in die Wirkung so viele teilen, daß letztlich niemand ganz auf seine Rechnung kommt und jede Richtung, der Kurt Tucholsky jemals seine Stimme geliehen hat, bei ihm auch auf Widerspruch stößt, ist nicht schwer auszumachen. Kurt Tucholsky war in seinem bewußt geführten politischen Kampf auf der Suche nach Bündnispartnern, mit denen er, Ziele verfolgen konnte, nicht in erster Linie die der Verbündeten. Diese, seine Ziele griffen so weit über die Zeit hinaus, daß sie in sich das Scheitern aller Bemühungen einschlossen. Sie tendierten zum Absoluten und wurden im Absoluten zum Maß, dem gegenüber alles Irdische unzulänglich wurde. Jedem verlangte Kurt Tucholsky den Willen zur Vollendung ab. Jedem Menschen, jeder Institution, jeder Gesellschaft. Weil er sich selbst dabei nicht ausnahm, überhob er sich nicht, vielmehr löste er das eigentlich tragische Erlebnis der unaufhebbaren allgemeinen Unzulänglichkeit ins Komische auf. Je nach Maß seiner Selbstsicherheit geriet ihm Komik zur überlegenen Satire, zur ambivalenten Groteske, zum versöhnlichen Humor; zuweilen auch zu dem, was Walter Benjamin ihm, Erich Kästner und Walter Mehring vorwarf – zum Zerrbild, zur Maske, zur „proletarischen Mimikry des zerfallenden Bürgertums“ …
Zwischen Dezember 1935, als Kurt Tucholsky seinem Leben ein Ende setzte, und der Absage an die Ideale von gestern im Jahre 1917 lagen achtzehn Jahre Kampf um die Vernunft und die Herzen des deutschen Publikums. Zu den Höhepunkten gehörten die Versammlungen des „Friedensbundes der Kriegsteilnehmer“. Auf der ersten, die am 14. Dezember 1919 im Lehrervereinshaus in Berlin stattfand, sprach u. a. Tucholsky über den Geist des Offizierskorps, gewann die Zustimmung der anwesenden Soldaten und spaltete die Masse der Reichswehrleute. Sein eigener Bericht, unter dem Titel „Der Tag der Wahrheit“ am 17. Dezember 1919 in der „Berliner Volkszeitung“ veröffentlicht, ist in Ton und Gebärde der Gegenpol zu seinen Abschiedsbriefen: „Auf diesen Augenblick hatte ich mich vier Jahre lang gefreut. Endlich, endlich einmal laut und offen die Wahrheit sagen zu dürfen – endlich einmal sagen zu können, wie es wirklich draußen zugegangen ist.“ So beginnt Tucholsky. Er endet: „Unten stand ein lehmgrau gekleideter schwarzer Mann, er schwenkte seine Mütze, und in seinen Augen war viel Dankbarkeit. Er hörte nicht mich – er hörte sich. Kamerad, ich grüße dich. Es ist schön zu fühlen, daß man nicht allein steht.“ Lange hielt dieses Gefühl nicht an. Die Oberhand gewann, als Grundgefühl seines Lebens, eben dies, das Alleinsein …
Übernahme mit freundlicher Genehmigung von Christoph Links.
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