Unter jenen Kinoliebhabern, bei denen Abgründiges, Skurriles, Makabres besonders hoch im Kurs stehen, dürfte die internationale Fangemeinde der US-amerikanischen Gebrüder Ethan und Joel Coen, absoluter Meister des genannten Dreiklangs, unübersehbar sein und der Streifen „Fargo“ von 1996 unter denen rangieren, die im Allzeitranking führen.
In einer Besprechung, der hier ausdrücklich zugestimmt werden soll, heißt es, „Fargo“ sei „ein Meilenstein des modernen Kinos und ein Meisterwerk des skurrilen Kriminalfilms. Mit einer perfekten Mischung aus tiefschwarzem Humor, bitterer Brutalität und einer tiefen Menschlichkeit fesselt der Film von der ersten bis zur letzten Minute.“ Der Streifen sei „weit mehr als ein Thriller. Es ist eine brillante Studie über die menschliche Gier und die verheerenden Folgen von Dummheit. Die Behauptung zu Beginn des Films, es handle sich um eine wahre Geschichte, ist zwar eine reine Fiktion der Coen-Brüder, verleiht dem Geschehen aber eine zusätzliche, bittersüße Note von Realismus. Ein feinsinnig geschriebenes, hervorragend besetztes und handwerklich makelloses Meisterwerk, das auch nach Jahrzehnten nichts von seiner Faszination verloren hat.“
Die Hauptdarstellerin Frances McDormand gewann seinerzeit völlig zu Recht den Oscar als beste Schauspielerin und die Brüder Coen gemeinsam jenen für das beste Originaldrehbuch. Regie geführt hatte Joel Coen, der Gatte der Hauptdarstellerin.
Fast 20 Jahre später, nämlich seit 2014, folgte eine gleichnamige Serienproduktion, deren fünfte und voraussichtlich letzte Staffel nunmehr (zusammen mit den anderen vier) auf Netflix zu sehen ist. Die Coens sind außer ihrem inspirierenden Film und der Namensgebung an Entwicklung und Produktion der Serie nicht beteiligt.
Die Storys des Films wie der jeweiligen Staffeln, in denen zu Beginn die Behauptung der Coens wiederholt wird, es handele sich um wahre Geschichten, spielen in unterschiedlichen Jahrzehnten alle in derselben fiktiven Welt – in einer „Ecke“ der USA, die mehr provinziell denn prominent ist: Minnesota, North Dakota und Nevada. Diese Storys sind inhaltlich allenfalls lose miteinander verknüpft. Durchgängig bemüht allerdings haben sich die Serienmacher, das cineastische Niveau der Coen-Vorlage nicht allzu weit zu verfehlen. Das ist ihnen in den Staffeln eins und zwei recht gut und in Nummer fünf in hohem Maße gelungen.
Durchgängig langweilig sind die anderen beiden Staffeln deswegen aber noch längst nicht.
„Fargo“, Staffel 1 bis 5, Regie: wechselnd; auf Netflix.
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Im Zusammenhang mit seiner Amtseinführung als 34. Präsident der USA ist Dwight D. Eisenhower 1953 gefragt worden, welchen entscheidenden Vorteil die Westalliierten am D-Day an der Küste der Normandie auf ihrer Seite gehabt hätten. Eisenhowers Antwort: „Wir hatten die besseren Meteorologen.“ So ist es dem Abspann des britisch-französischen Films „Pressure“ zu entnehmen.
Der Titel spielt damit, dass pressure unter anderem sowohl für psychologischen als auch für Luftdruck stehen kann. Letzterer hat mit Wetter zu tun, und das setzte die Organisatoren der größten kombinierten See- und Luftlandeoperation der Militärgeschichte – das war der D-Day am 6. Juni 1944, den Eisenhower befehligte – erheblich unter Druck. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, der Zeitpunkt für den Start der Operation war festgelegt, breit angelegte Aktivitäten zur Täuschung des Feindes liefen, doch Stürme über dem Nordatlantik und ein Hoch über den Azoren beschworen die Gefahr herauf, dass die alliierte Invasion infolge zu hohen Seegangs für Landungsboote und ungenügender Sicht für Begleitschutz durch Jagdflugzeuge und für Luftlandetruppen wegen tiefhängender Wolken in einer gigantischen Katastrophe hätte enden können. Die Prognosen der leitenden Meteorologen, im Film eines Briten und eines US-Amerikaners, hätten unterschiedlicher nicht sein können … Aus dieser Konstellation hat der Australier Anthony Maras in seinem überhaupt erst zweiten Spielfilm ein packendes Kammerspiel gemacht. Keine der 100 Filmminuten ist langweilig. Dass dabei der tatsächliche historische Ablauf etwas auf der Strecke blieb – der eigentliche „Held“ in Eisenhowers Meteorologenteam war nicht der Brite James Stagg wie im Film, sondern der Norweger Sverre Petterssen, der in der Story gar nicht vorkommt –, das hat es im Kino schon des Öfteren gegeben. Und Norwegen ist unter Filmvermarktungsgesichtspunkten ja auch wirklich keine Größe.
Dem Abspann des Films ist darüber hinaus zu entnehmen, dass Eisenhower nach dem erfolgreichen D-Day die Alliierten binnen eines Jahres zum Sieg über Nazideutschland führte. Der Hauptanteil, den die sowjetischen Streitkräfte an diesem Sieg hatten, wird im Westen üblicherweise längst wieder unterschlagen …
„Pressure“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor) Anthony Maras; derzeit in den Kinos.
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Ebenfalls derzeit in den Kinos läuft „Digger“, der neueste Streifen mit Tom Cruise. Die Kulturpresseschau des Deutschlandfunks fasste die Kritik von Hanna Pilacik im Spiegel folgendermaßen zusammen: „Die schrecklichsten 128 Filmminuten des Jahres bislang […]. Das Interessanteste für Hanna Pilacik ist die Performance von […] Tom Cruise als Ölmagnat. Als Digger Rockwell springt und schreit Cruise herum, trägt graues Zottelhaar […] und einen beachtlichen Schwabbelbauch. Alles im Dienste einer Rolle, die um das Adjektiv unvergesslich bettelt. Alles in allem jedoch ist […] Pilacik schwer angewidert. Auf alt und unansehnlich gestaltete Darsteller wie John Goodman werden unvorteilhaft von unten gefilmt und krakeelen von kleinen Schwänzen und Arschkrebs herum, es wird gefurzt, gepinkelt und gekotzt. Sandra Hüller in einer Kleinstrolle macht nichts davon, ist aber genauso unerträglich.“ Und Jan Küveler ätzte sekundierend in der Welt: „Offiziell dauert der Film zwei Stunden, gefühlt eher sechs. Auf YouTube kann man Videos in zweifacher Geschwindigkeit abspielen. Im Kino geht das leider noch nicht. Dabei hätte das den weiteren Vorteil, dass das pausenlose Geschrei, das in ‚Digger‘ auf einen einplärrt, charmant ins Teletubbige gezogen würde. Vielleicht wären dann auch ein paar Gags lustiger.“
Diese formidablen Verdikte durch eigene Inaugenscheinnahme zu veri-, respektive zu falsifizieren, hat der Besprecher sich allerdings vorsichtshalber versagt: Das Leben ist nicht nur für schlechten Rotwein einfach viel zu kurz, sondern auch für zweifelhafte Filme.
„Digger“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Alejandro González Iñárritu; derzeit in den Kinos.
Schlagwörter: Clemens Fischer, Digger, Fargo, Pressure



