Heimweh nach früher hab ich keins
nach alten Kümmernissen
Deutschland Deutschland ist wieder eins
nur ich bin noch zerrissen …
Wolf Biermann
Dieser wundervolle Vers steht in Biermanns Autobiographie mit dem Titel “Warte nicht auf bessre Zeiten“ (Prophylaen-Verlag).
Auf Biermann war und ist immer Verlass. Er ergänzt seit sechzig Jahren zuverlässig dasjenige, was nicht in den Zeitungen stand, und lieferte unsereinem Argumente für alle möglichen Diskussionen gleich mit. Damals in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war er mein Vorbild. Er träumte laut auf der Bühne oder grummelte leise auf in den Osten geschmuggelten CDs und Tonkassetten den Traum vom besseren Gemeinwesen ohne Bonzen, ohne Bürokraten und ohne Stasispitzel. Er lieferte und liefert bis heute „Klartext im Getümmel“, wie auch eines seiner Bücher betitelt ist.
Die Medien fanden und finden in ihm den geborenen Publikumsunterhalter, den tiefsinnigen Denker und gleichzeitig den ewigen Spötter, der er immer war und bleiben wird, und noch dazu altersweise, altersmüde, listig, wach und angriffslustig wie eh und je. Der „Drachentöter wider Willen“ feiert nicht nur seinen 90. Geburtstag, sondern auch den 50. Jahrestag seiner Ausbürgerung aus der DDR am 16.11.1976, drei Tage nach seinem epochalen Auftritt in Köln. Das Ausbürgern möge sich nicht einbürgern, riet damals Stefan Heim der Regierung in einem offenen Brief. Es ist alles ganz anders gekommen.
Da das legendäre Konzert bei der IG Metall in Essen 1976 – der vorgeschobene Grund der Ausbürgerung – in den Weiten des Internets gut zu finden ist, habe ich noch mal hineingeschaut und -gehört. In dem Lied „So oder so, die Erde wird rot“ besteht der Refrain aus drei sich steigernden Verszeilen: „so soll es sein, so muss es sein, so wird es sein“. Und diese Zeilen haben von Biermann eine Musik bekommen, die genau das Gegenteil des Textes aussagt. Nach einer kräftigen Dominante wird leuchtendes C-Dur erreicht, die zweite Zeile wiederholt das Ganze in tieferem Moll, die dritte Zeile wird von einer nahezu kraftlosen harmonischen Wendung aus einer alten Kirchentonart begleitet. Dazu fällt die Gesangstimme um eine Oktave. Das hatte, in ästhetischen Kategorien gemessen, durchaus die dialektische Dimensionen der Arbeiten von Brecht und Eisler. In politischen Kategorien gedacht, war Biermann damit wieder einmal „viel zu weit zu weit“ gegangen.
Biermann übertitelt die sechste Vorlesung seines lesenswerten Buches „Wie man Verse macht und Lieder“ (KiWi 1997) mit einem Zitat von Ernst Bloch, das da lautet: „Musik ist eine Hure, die mit jedem Text geht“. Auf seine Schlussfolgerungen daraus komme ich später zurück, verweise aber zunächst auf seine Analyse der „Kinderhymne“ von Eisler auf den bekannten Text von Brecht. Biermann findet nämlich in der Begleitung der zweiten Strophe mit den Tönen E-E-D-C-F-F-E-D-G-E-C-G-G-A-F Eislers eigene Melodie der Nationalhymne der DDR wieder und schreibt dazu: „Nun weiß man, dass jeder pathetisch geschimpft wird, der sich selbst zu gern zitiert. In diesem Falle aber war es kein Akt der Eitelkeit. Es kam auch nicht daher, weil dem alten Eisler nichts anderes eingefallen wäre. Ein Akt edler Einfalt war es schon gar nicht – nicht bei einem, der mit allen musikalischen und politischen Wassern gewaschen war. In klares Deutsch übersetzt, heißt nämlich diese Notenlinie: nicht der bombastische Becherkitsch, sondern Brechts kleines Lied […] sollte eure Hymne sein!“
Die historisch kurze Zeit der Biermann‘schen Illegalität, das große Köln-Konzert und die Ausbürgerung waren kostbare Erlebnisse für meine Generation: danach wussten wir, was wir kulturpolitisch von unseren Oberen zu halten und zu erwarten hatten. Das Tischtusch war zerschnitten. Man redete darüber nicht, nicht untereinander und nicht mit „denen“, aber uns allen war klar, dass dieser Rauswurf eines eindeutig linken Künstlers der Sündenfall schlechthin war, und es dauerte dann auch nur noch wenige zwölf Jahre, bis „die da oben“ an ihr Ende gekommen waren und die Mauer fiel.
Sonderbarerweise habe ich seit der Ausbürgerung, also fünf Jahrzehnte lang, Biermann kaum gehört, wenig gesehen und gar nicht gelesen. Er war eine historische Figur für mich und damit abgegolten. Erst seit dem Erscheinen des Buches: „Der Osten, eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann, also zu dem Zeitpunkt, da der „Kampf um das zukünftige Bild der Vergangenheit“ (Biermann) wieder neu eskaliert ist, rückte der Meister erneut in mein Blickfeld, ich las und hörte und beschäftigte mich und fiel von einer Entdeckung in die andere: Keine schwache Zeile, kein veralteter Gedanke, kein schnell für den Tag geschriebener Text, sondern ein Werk erschloss sich nach und nach. Einem solchen Künstler sollte /muss man lebenslang folgen, so wie ich Peter Sloterdijk seit Jahrzehnten folge oder Dimitri Schostakowitsch oder Hans Werner Henze. Bis zum heutigen Tag. Jetzt, da er 90 wird und omnipräsent ist, wo seine alten und neuen Bücher, CDs und Liedersammlungen angepriesen werden, fand ich den Mitschnitt einer Fernsehsendungen des NDR vom 19.11.2006 mit der Selbstbezichtigung Biermanns: „Auf dem Gebiet des Dichtens bin ich ein hochgebildeter Nicht-Dichter, auf dem Gebiet der Musik ein ungebildeter Alleskönner“. In diesem dialektisch in sich verdrehten Spruch steckt der Anknüpfungspunkt, über seine Bedeutung wieder neu nachzudenken. Denn er selbst gibt den Autoren der Musik und der Worte in der oben erwähnten Poetik in acht Gängen eine Bewertungstabelle in die schreibenden Hände: „Folgende funktionale Beziehungen zwischen Text und Musik können wir unterscheiden […]. Erstens: Die Musik serviert den Text. Das sind Lieder, in denen die Beziehung zwischen Text und Musik beziehungslos und verludert beliebig bleibt. Philosophisch gesprochen: Der schlechte, der flüchtige Zufall, an dem sich kein Element der Notwendigkeit findet, bindet Text und Musik aneinander. Zweitens: Die Musik kopiert den Text; sie ist die lineare Funktion des lyrischen Wortmaterials. Die Melodie folgt dem Text servil als Sklavin ihren Herrn – ein ästhetische Parallelismus. Drittens: Die Musik interpretiert den Text im Sinne der psychologischen Vertiefung. Das kann von der seichte Illustration bis zur psychologisch vertiefenden Deutung gehen. Viertens: Die Musik kontrapunktiert den Text und komplettiert damit das Gesamtkunstwerk: Sie setzt den Widerspruch, sie formuliert eine Haltung, die der Text selbst nicht hat, genauer: die er nur latent, als Möglichkeit in sich trug.“
Biermanns Meinung über die Avantgarde-Musik seiner und unserer Zeit fällt allerdings eher negativ aus: „Manchmal denke ich: das neue Licht in der Musik dieses Jahrhunderts wurde von den Jazzmusikern angezündet. Die wirkliche schöpferische Weiterentwicklung wurde von den schwarzen und ein paar genialen weißen Negern im Modern Jazz geleistet. Die Beatles und die Rolling Stones rechne ich zu den erfreulicheren Nutznießern dieser lebendigen Tradition. Die allermeiste Popmusik ist freilich ein ordinäres Abfallprodukt, ein scharf gewürztes Hundefutter für die medial alimentierten Menschenmassen. Die Musik der altbackenen Avantgarde halte ich dagegen für ein Hüsteln unterm subventionierten Sauerstoffzelt.“
Das kann man natürlich auch ganz anders sehen. Aber dieser treffsichere Humor sowie die hochentwickelte Wort-Kunst, jeden Satz sofort zu relativieren, Alternativen anzudeuten und dabei scheinbar unverrückbare „Wahrheiten“ mit der Andeutung eines Lächelns anzuzweifeln, sollte wieder in die Welt der Kunst einziehen.
Unbedingt zu empfehlen wäre vor allem die innere Haltung des Jubilars, sich selbst nicht als fertig, wissend oder gar weise zu empfinden, sondern in jeder neuen Situation neu nachzudenken. „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er könnte auch erkennen, das A falsch war“, formulierte Brecht diese dialektische Art des Denkens. Biermann weiß um das allzu flotte Vergessen: „Mag sein, dass ich einmal, wenn alles erreicht ist / erreicht habe nichts – als ein Anfang von vorn“ und schreibt trotz alledem über seine Autobiographie die Worte: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.
Nachtrag: Auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung stehen etliche Videos, Interwies von und über Wolf Biermann, auch ausführliches Textmaterial, Kommentare und Analysen für alle Interessenten, die diese Zeit und diesen ewig sich wandelnden, und sich dabei immer treu bleibenden Künstler besser und tiefer verstehen wollen.
Schlagwörter: Walter Thomas Heyn, Wolf Biermann


