29. Jahrgang | Nummer 15 | 14. September 2026

Theaterberlin

von Reinhard Wengierek

Diesmal: „Schnee von gestern, Schnee von morgen. Das Lautwerden des einen Kreuz-und-quer-Gehenden Zeit seines jeweiligen Innehaltens“ – Berliner Ensemble / „Fünf Minuten Stille“ – Deutsches Theater, Studio Box

***

BE: Oder auch nicht?!

Seit biblischer Zeit gibt es eine – leider nur mäßig befolgte – Gebrauchsanweisung fürs Leben: die zehn Gebote. Der Dichter Peter Handke hat ihnen nun ein elftes hinzugefügt: „Unwillkürlich beteiligt sein.“ Also immer. So steht es in seinem neuen Stück: „Schnee von gestern, Schnee von morgen. Das Lautwerden des einen Kreuz-und-quer-Gehenden Zeit seines jeweiligen Innehaltens“.

Der raffiniert gedrechselte Titel stellt auf den zweiten Blick klar: Es geht um ständige Bewegung und Auflösung. Ums permanent Doppelbödige, Vielfachbödige von allem. Und um einen Menschen, natürlich den Dichter selbst. Der immerzu kreuz und quer unterwegs ist in seinem „Wirrsal“. Und in den unzähligen Momenten innerer Einkehr laut mit sich selbst diskutiert, was er dann flugs für uns aufschreibt. Es sind 74 verrückte Buchseiten geworden (im Suhrkamp Verlag, 2025), die jetzt auf die Bühne gebracht wurden. Erst zu den Festspielen in Salzburg, jetzt im Berliner Ensemble.

Der Autor, Nobelpreisträger, (sensationeller Karrierestart 1966 mit „Publikumsbeschimpfung“), blickt im 83. Lebensjahr gelassen auf die Marken seiner Tage, belauscht den „flimmernden Nachhall“ aus Jahrzehnten und bringt all die Klänge kunstvoll gesampelt in ein großes Gedicht vom Menschen. Da ist auf unvergleichlich pointierte Art das Persönliche ins Allgemeine getrieben; werden Weltliteratur und Popkultur ikonisch gestreift für ein – alles in allem – melancholisch-sarkastisches, höchst unterhaltsames Lebensauskunftsbuch.

Dass da ein Nobelpreisträger auch auf Goethe blickt, mag passend sein: „Im Weltspiel mittun, wenn auch nicht à la ‚Faust‘“, heißt es ironisch. Ein „Wahrspiel“ ohne Scheu vor Schrecknissen soll es sein: „Die Wette auf ein gelungenes Leben kannst du nur verlieren.“ – „Oder auch nicht? Noch nicht! Nicht mehr? Nie mehr? Oder doch? Nur nichts wissen. Dann schon eher, dann und wann, Weisheiten, kleine, die können wenigstens nichts schaden …“ – Der typisch vertrackte Handke-Sound. Und Mephisto mischt immer mit. Der Zweifel ist allem eingeschrieben. Das Elende oder Tröstende, das „dauernde anderseits“. – Also „kein Ideal, nirgends“.

Wie nun bringt der gleichfalls welt-, lebens- und kunsterfahrene Regisseur Jossi Wieler Peter Handkes so gallige wie verspielte Daseinsbilanz ins Theater? Weil der große philosophische Alleingeher ja immerzu mit sich hadert, wettert, witzelt, treten zwei Diskutanten an auf der von Anja Rabes mit Wohnraum-Trümmern zerklüfteten Bühne – dem Sinnbild einer chaotischen Welt. Das namenlose Figuren-Doppel geben Marina Galic und Jens Harzer, auch privat ein Paar, schwarz gewandet und – einziger Farbfleck als vielsagendes Signal – mit gelegentlich knallroten clownesken Pudelmützen.

Beide im Clinch, im Duett oder einzeln. So mäandern sie durch den kostbar rhetorischen Goldstaub des Knapp-Zweistunden-Wortkonzerts. Hin und wieder wird theatralisch Krach entfacht mit den Zivilisationsresten auf der Sperrmüllbühne – natürlich dem Geist des Textes entsprechend. Und auch zum Luftholen im Sog seiner atemberaubenden Längen, aber eben doch Längen.

Uns aber bleibt das Staunen über die grandiosen Sänger; betörend oder verstörend wie das schlimm-schöne Leben. Hellwach geerdet, nüchtern, kaltschnäuzig oder träumerisch entrückt. Innig miteinander, schmerzlich auseinander. Bestürzende Brusttöne gellen, Herztöne schweben – wundersam, lange noch nachwehend. So wie das: „Im Mundschwung des Kindes schimmert der Friede …“

Zwei Hinweise: Das große Jens-Harzer-Solo „Profundis“ im BE; Text: Oscar Wilde, Regie: Oliver Reese (Blättchen, 15/2025). Und nebenan im Deutschen Theater am 30. Oktober die 50. Vorstellung von „Angabe der Person“ von Elfriede Jelinek. Vielfach ausgezeichnet, mit dem Star-Trio Fritzi Haberlandt, Linn Reusse, Susanne Wolf; Regie: Jossi Wieler.

***

DT BOX: Keiner kann die Klappe halten

Die Welt ist ein Schreihaus. Das mag getrost man meinen. Laut, aggressiv, dissonant. Da sehnt man sich, endlich einmal, nach Entspannung, nach Ruhe, nach Stille. So wie die drei Protagonisten im höchst unterhaltsamen Redestück von Leo Meier. Allein der Titel sagt alles: „Fünf Minuten Stille“, und selbstredend kommt es dazu eben nicht.

Denn immerzu wird Schweigen verabredet aber sofort wieder gebrochen. Immerzu kriegen sich Frieder Langenberger, Katrija Lehmann und Natali Seelig in die hoch zu Berge stehenden Haare. Immerzu werden sie schrill, giftig, böse oder unduldsam gegenüber sich selbst und den anderen. Immerzu rauschen ihnen Probleme und Problemchen ihres Daseins in der Welt durch die Rübe, dazu ihre Ängste, ihre Schmerzen, ihre Wut. Und so können sie, überrumpelt von Erregung, einfach nicht die Klappe halten. Müssen sich andauernd aufregen. Unmöglich, auch nur für 300 Sekunden mal keine Meinung haben zu allem und jedem, mal keine Problematisierung der Probleme, mal die Füße stillhalten und stumm Einkehr halten.

Mit Leichtigkeit und Witz entwirft der Autor ein kleines rasendes Drama, lustvoll gefüllt mit hintergründiger Kakophonie. Sein absurdes Kabinettstück fragt – und das ganz nebenbei –, ob es überhaupt noch ein richtiges Leben geben kann heutzutage. Und wie das vielleicht aussehen könnte.

Die geistreiche Chose im Pointen-Rausch ist natürlich ein Fressen für die drei Akteure, die – dickes Bravo! – aus dem Slapstick gar nicht mehr herauskommen. Was wiederum mit der schier überbordenden Fantasie der vielversprechenden Regie-Debütantin Giulia Lancellotti zu tun hat (mein Votum Sparte „Regienachwuchs“ für die Jahresumfrage 2026 des Fachmagazins Theater heute). Sie, bislang DT-Regieassistentin, lässt die geschliffene Sprache funkeln, setzt furiose Spielwut frei und geschickt Atem- und Denkpausen ein. So wird, alles in allem, mit Grips und Spaß ein großes Schauspielfest befeuert. – In der kleinen DT-Spielstätte Box. Riesenbeifall.