Küssen verboten?!

von Dieter Naumann

Fast auf das Jahr genau 100 Jahre vor dem Erscheinen des Ohrwurms „Küssen verboten“ der „Prinzen“ (1992) war das Küssen Gegenstand einer kurzen Notiz in einer Ausgabe des Rügenschen Kreis- und Anzeigeblatts von 1893: Unter „Lokales und Provinzielles“ befasste sich das Blatt mit einem „Urtheil“, das ein namentlich nicht benannter Arzt aus Ohio über das Küssen gefällt habe, und das in letzter Zeit „durch die Blätter gegangen“ sei. Der Mann war von seiner Ansicht, der Kuss sei eine „böse, ungesunde, unreinliche Sache“ und eine ständige Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, derartig überzeugt, dass er in einer Petition an das US-Parlament in Washington ein Verbot des Küssens forderte.

Obwohl es nie zu einem derartigen Gesetz kam, schwappte die in den USA bereits seit 1890 verbreitete Kampagne von Hygiene-Aktivisten und einzelnen Ärzten bald auch auf Europa über. Hintergrund waren die sich im Zuge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts radikal veränderten Lebensbedingungen der Bevölkerung. Vor allem wachsende Bevölkerungsdichte und Enge der Bebauung in Verbindung mit mangelhaften hygienischen Zuständen führten zunehmend zu Ausbrüchen von Infektionskrankheiten. Zu den kontrovers diskutierten Übertragungswegen gehörte auch der über das Küssen. Die in Wien erscheinende Deutsche Zeitung nahm sich deshalb des Themas an und bat fünf namhafte Wiener Mediziner um Stellungnahme, ob sie das Küssen für gefährlich hielten. Angefragt wurden Prof. Dr. Moriz Kohn Kaposi, bedeutender österreichisch-ungarischer Dermatologe und Venerologe, Prof. Alois Monti, italienisch-österreichischer Kinderarzt, Prof. Isidor Neumann, Edler von Heilwart, Dermatologe und Syphilidologe, Prof. Johann Schnitzler, Laryngologe (Kehlkopfspezialist), und Hofrat Hermann Freiherr von Widerhofer, Kinderarzt.

Professor Kaposi meinte, es sei ganz vernünftig, wenn man das Küssen nicht zu sehr „einreißen“ lasse, da der Mund ganz besonders geeignet sei, ansteckende Stoffe aufzunehmen. Andererseits solle man aber das Küssen aber auch nicht allzu sehr verschreien, schließlich sei es ein Symbol inniger Sympathie und habe „in unserer Auffassung einen ästhetischen Werth“. Ähnlich äußerte sich Professor Monti, der die Meinungen von der Gefährlichkeit des Küssens für „entschieden übertrieben“ hielt. Es sei noch nicht festgestellt, ob der Kuss eines Kranken schade, „möglich ist es freilich“, die Ansteckung werde aber verhältnismäßig selten eintreten. „Wer Lust zum Küssen hat, möge es thun.“ Professor Neumann war anderer Meinung. Mund und Hände seien diejenigen Teile des Körpers, welche zur Übermittlung ansteckender Stoffe am meisten beitrügen. Die gefährlichste Art des Küssens sei die auf den Mund, es gäbe hier keinen Fall, in dem dabei keine Gefahr bestünde, selbst wenn bei dem Übertragenden die betreffende Krankheit noch nicht ausgebrochen sei. Es seien Fälle bekannt, bei denen ein von einem chronischen Leiden vermeintlich Geheilter noch nach mehr als zehn Jahren Giftstoffe durch einen Kuss übertragen habe. Niemand solle deshalb aus dem Glas eines anderen trinken. Ein infektiös Erkrankter handle gewissenlos, wenn er jemanden küsse. „Man schränke aus diesen Gründen das Küssen so viel wie möglich ein; den Kuß auf den Mund unterlasse man auf jeden Fall als etwas höchst Gefährliches!“ Von Professor Schnitzler ist nur die folgende Frage vermerkt: „Es ist eine alte Geschichte, daß durch den Kuß Krankheiten übertragen werden können?“ Hofrat von Widerhofer meinte, ähnlich wie Professor Monti, es sei „nicht so weit her“ mit der Gefahr, als manche glaubten. Vernünftige und anständige Leute würden ohnehin, wenn sie krank wären, niemanden küssen, „ebenso wie einsichtige Eltern nicht erlauben werden, daß ihre Kinder den Nächstbesten küssen oder sich küssen lassen“.

Bereits 1877 war vom Hamburger Verlag von Bernhard Salomon Berendsohn ein Sachbuch des polnischen Schriftstellers und Historikers Zygmunt Librowicz herausgegeben worden: „Der Kuss und das Küssen. Eine Studie für Gebildete und andere“. Im Kapitel „Die Unannehmlichkeit der Küsse“ verweist Librowicz zunächst beispielhaft auf den Kuss eines Rauchers, eines Schnupfers („der immer einen Tropfen unter der Nase hat“), eines Knoblauch- oder Zwiebelessers, eines Bier- oder Schnapstrinkers und eines bärtigen Mannes („dessen Bart oft sticht“). Dies seien Küsse, von denen man nicht sagen könne, dass sie himmlische Wonne verbreiten würden. Wichtiger sei jedoch, dass Küsse als Ursache einer Ansteckung für den Menschen auch gefährlich werden könnten. So bestünde die Möglichkeit der Übertragung „chronischer Übel“ bei der gegenseitigen Berührung des Mundes. Nicht umsonst habe Hufeland empfohlen, niemanden auf die Lippen zu küssen, von dessen physischen Zustand man keine genaue Kenntnis habe.

Die Palette der Blickwinkel, aus denen das Thema in dieser Studie amüsant und fern jeder Prüderie behandelt wird, umfasst unter anderem die Arten der Küsse im Altertum und in der „Jetztzeit“, Ehren-, Liebes-, Höflichkeits- und „verrätherische“ Küsse, Erben-, Pantoffel-, Hände- und Wangenküsse. Ausführlich werden der „Liebeskuss“, sein Gefühl, Geschmack und seine Bedeutung behandelt. Dabei geht der Autor allerdings nicht so weit wie elf Jahre später Rudolf Kleinpaul, der den Kuss als „Probe und Vorgeschmack des Beischlafs“ bezeichnet („Sprache ohne Worte …“, Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig 1888). Eher skurril ist unter anderem, was Librowicz über die Statistik der Küsse (laut Berechnung eines „lustigen Franzosen“ sei 1871 in Deutschland 20 Millionen Mal geküsst worden) und über Vorschriften für richtiges Küssen oder den „pecuniären Werth“ des Kusses ausführt. Hier ist auch die amüsante Mutmaßung einzuordnen, der Kuss könne entstanden sein, weil Adam und Eva in Ermangelung eines Taschenmessers den Apfel mit dem Mund zerteilten und Adam sich des Apfelstückes in Evas Mund bemächtigen wollte. Bei der Berührung beider Lippen sei ihm so süß, so wonnig, so göttlich geworden … Natürlich wird auch der Kuss selbst erklärt: Aus medizinischer Sicht sei er diejenige Bewegung der mimischen Muskulatur, durch welche die Lippen zunächst gepresst und dann plötzlich losgelassen würden. Der Kuss sei daher „eigentlich eine Art von Krampf“, meint Librowicz.

Am Ende seiner Abhandlungen bedauert der Autor, dass „diese losen Blätter“ weder eine wissenschaftliche Studie, noch ein humoristischer Essay, sondern vielmehr eine enzyklopädische Skizze darstellten und damit vielleicht die Hoffnungen mancher Leser getäuscht hätten. Jedenfalls sei es der Kuss, „diese eigenthümliche und immer noch so unerklärliche Sitte“, wert, näher ausgeforscht zu werden.

1896 erschien im Leipziger Verlag von Ludwig Hamann eine ähnliche Publikation: „Der Kuß. Eine poetische Anthologie“, in der David Haek auf rund 170 Seiten vor allem Gedichte unkommentiert aufführt.

Ein weiteres Buch gibt noch immer Rätsel auf: Laut Anzeigen im „Intelligenzblatt“ der Zeitung für die elegante Welt vom 31. Oktober 1825 und in der Münchener Allgemeinen Zeitung vom 5. Dezember 1825 sei „soeben erschienen“ im Verlag von Gottfried Basse in Quedlinburg und in allen Buchhandlungen für zwölf Groschen zu haben: „Der Kuß und das Küssen, den Gebildeten beiderlei Geschlechts gewidmet“.  Das „Allgemeine Bücher-Lexikon …“ von Wilhelm Heinsius verzeichnet diese Publikation im Band für die Bucherscheinungen in den Jahren von 1822 bis 1827 ebenfalls. Doch weder ein Autor, noch eine Bibliothek, in der die Publikation aufzufinden wäre, waren recherchierbar. Möglicherweise wurde das Buch kurz nach seinem Erscheinen von der Zensur vom Markt genommen – wegen vermeintlicher Sittenverstöße, Moralwidrigkeit, Unzüchtigkeit und Gefahr für die weibliche Jugend. Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum Librowicz diese Schrift mit keinem Wort erwähnt, obwohl er sich ansonsten auf vergleichbare Quellen bezieht, deren Entstehung teilweise bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreicht.