Immortellen – Nina de Villard

von Frank Stückemann

Édouard Manet gestaltete ihre Ikone als „Dame mit Fächern“; er stellte das Bild nie aus, welches sich heute im Besitz des Musée d’Orsay befindet. Zehn Jahre später schrieb Camille de Polignac einen Nachruf auf sie in der sozialistischen Tageszeitung Le Cri du Peuple. Diese war 1870 durch den Kommunarden Jules Vallès in Paris gegründet worden, wie Polignac auch er ein Stammgast ihres Salons. Unter der Überschrift „Immortelles“ – das französische Wort bezeichnet sowohl die Friedhofsblumen als auch die Unsterblichen – hieß es dort am 26. Juli 1884: „Ich möchte von einer Frau sprechen, die unsere gemeinsame Freundin war – uns Armen, Träumern und Rebellen. – Ich möchte von der poetischen Gastgeberin der Kommune in den belagerten Tuilerien sprechen, die inmitten der Besiegten, voller mitreißender Kühnheit und weiblichen Charmes, mit Liedern der Provokation und künftiger Siege sowie mit Liebesgedichten auf die Bomben aus Versailles antwortete, die im beleuchteten Garten explodierten. – Ich möchte von einer Frau sprechen, die ans Fenster stürzte, die rote Fahne schwenkte und schrie: Es lebe die Kommune! während die Armee nebenan ein Massaker anrichtete. – Sie hieß Gräfin von Callias und verfügte dennoch über eine Rente von fünfzigtausend Livres! Als sie sich von ihrem Mann trennte, legte sie sich folgenden Künstler- und Kriegsnamen wie einen Schutzpanzer zu: Nina de Villard.“ Geboren 1843, wurde sie nur 41 Jahre alt.

Der Artikel beschreibt die Gastgeberin als Freundin der Armen, die mit löchrigen Kleidern und schiefgelaufenen Absätzen bei ihr vorstellig werden durften, der verkrachten Genies und der oppositionellen Künstler, der Demokraten, Sozialisten und späteren Revolutionäre, denen sie lächelnd die Tür und Tafel ihres Hauses öffnete, nicht als affektierte Gastgeberin mit Schutzinstinkt, sondern mit selbstverständlicher Offenheit: „Mein Herr, die Regel hier lautet, jeden Tag vorbeizukommen und sich wie zu Hause zu fühlen.“

Anschließend werden ihr exquisites Taktgefühl, ihre Feinfühligkeit und ihre Klugheit gerühmt: „Wenn sie so an ihrem Tisch empfing, gab sie nicht, sondern tauschte die Freuden ihres Vermögens gegen jene ein, die Talent und Inspiration schenken. Ich wüsste kein Vermögen besser angewendet. Das gilt auch in künstlerischer, philosophischer und politischer Hinsicht. […] Dort wurde nur Charakter gefragt. Lediglich Mittelmäßigkeit, Plattitüden und oberflächlicher Witz wurden gnadenlos geahndet.“

Polignac skizzierte die Salonnière zutreffend, ließ jedoch einen wesentlichen Gesichtspunkt außer Acht: Ihre hugenottische Prägung durch den Theologen Edmond de Pressensé – er wurde 1864 ihr Trauzeuge – und dessen Ehefrau Élise, die mit Johann Christoph Blumhardt korrespondierte und den religiösen Sozialismus in Frankreich einführte. Francis de Pressensé, der Sohn der beiden, sollte Émile Zola später als Anwalt in der Dreyfus-Affäre verteidigen und Präsident der französischen Liga für Menschenrechte werden.

Entsprechend folgte ihr Salon dem protestantischen Prinzip einer Kirche in der (Kultur-)Wüste zur Generierung einer vom verordneten Zentralismus unabhängigen Moderne. Hinter verschlossenen Türen bot sich nicht nur ein Forum für Geselligkeit und ein unzensiertes, offenes Wort, sondern auch für den Vortrag, die Aufführung und die Diskussion von Kunstwerken nebst publizistischem Netzwerk für deren Verbreitung und Kritik. Erst nach der politischen Zäsur von 1870/71, die Nina de Villard als aktive Teilnehmerin der Pariser Kommune bis 1873 ins Genfer Exil trieb, konnte diese Rolle durch Künstlerzirkel wie die Zutistes, die Vivants oder die Hydropathes übernommen werden; sie verwiesen bereits auf Le Chat noir, cabaret artistique.

Nina de Villard sah in den französischen Akademien und ihren klassischen Regelwerken ein kulturpolitisches Pendant zur Aufhebung des Ediktes von Nantes im Jahr 1685. Sie dienten der Ausmerzung der „alten Marotten“; die antiprotestantische Spitze dieses Begriffes richtet sich gegen den Dichter des Genfer Psalters Clément Marot. Entsprechend propagierte die Salonnière, Konzertpianistin, Komponistin, Dichterin, Satirikerin und Kunstkritikerin eine unabhängige Republik aus Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten.

Es verwundert keineswegs, dass die französische Lyrik der Vorklassik in ihrem Salon eine Renaissance erlebten und ihre Rezepte durch den poetischen Ziehvater der Dame, Théodore de Banville, für die Moderne wieder salonfähig gemacht wurden. Und auch nicht, dass im Umfeld ihres Salons gleich zwei Übersetzungen von Heines Intermezzo entstanden. Und dass die politische Dichtung unter ihren Salongästen als Gesellschaftsspiel betrieben wurde.

Ihre eigene Lyrik, die sie unter diversen Pseudonymen veröffentlichte, zeichnet sich durch gezielte Verstöße gegen das Regelwerk der gebundenen Sprache aus. Die französische Ballade etwa besteht traditionell aus drei Strophen mit dem durchgängigen Reimschema ababbcbc und dem Zusatz bcbc. In der letzten Strophe der „Ballade des gens arrivés“ aus der Zeitschrift La nouvelle Lune vom 21. August 1881 wird die vorgeschriebene Abfolge der Reime abgewandelt (ababcbbc), ohne den Schwierigkeitsgrad des aus nur drei Reimen bestehenden Gedichts herabzusetzen. Dieser „Webfehler“ wurde in untenstehender Übersetzung nicht nachvollzogen.

 

LA BALLADE DES GENS ARRIVÉS

 

… Autrefois ils se faisaient vieux !

Muse, rappelle-toi leurs peines,

Rappelle-toi leurs ventres creux,

Leur pain mouillé de l’eau des Seines.

O Finance, dans tes arènes,

Aujourd’hui le sort inconstant

Leur a fait oublier leurs gênes,

Et leurs vieilles dèches d’Antan.

 

Chacun les prend au sérieux !

Capitalistes tire-laines,

Tous ils brassent à qui mieux mieux

Des masses des affaires malsaines.

Le public, voilà leurs domaines !

Ils l’exploitent tout palpitant,

Et l’or dont leurs poches sont pleines

Efface les dèches d’Antan.

 

Ils sont les rois, ils sont les dieux !

Leurs volontés sont souveraines,

Tout semble plier devant eux.

Nulle chance ne vaut leurs veines.

Ils forment un groupe important.

Luttes contre eux sont choses vaines,

Ils ont des millions par douzaines :

– Où diable est la dèche d’Antan ?

 

ENVOI

 

Public qui ris à perdre haleines

De leur succès exorbitant,

Prends garde ! sinon leurs fredaines

Te vaudront leurs dèches d’Antan.

Phranssois Villon.

 

 

BALLADE DER ERFOLGREICHEN

 

… Alt machten sie sich zu Beginn!

Muse, gedenk’ ihrer Malessen:

Vor Hunger tauchten Brot sie in

Die Seineflut, um was zu essen!

In der Finanzarena messen

Sie sich nunmehr, und ihr Schicksal

Hat sich gewandelt. Sie vergessen

Der Not von Anno dazumal.

 

Ernst nimmt sie jeder! Steht ihr Sinn

Doch danach, Leute auszupressen,

Und der unlautere Gewinn

Hat sie mit aller Macht besessen.

Gemeinwohl dient ihnen zum Fressen!

Voll Gier scheffeln sie überall;

Wenn Taschen vor Gold überflössen,

Wen scherte Anno dazumal!

 

Als König und als Gott erschien

Der souveräne Wille dessen,

Vor welchem alle Leute knien.

Kein Glück wird einen Geldsack stressen.

Man bildet Lobbys für Interessen.

Sie zu bekämpfen ist fatal,

Ihr Reichtum sprengt sämtliche Größen:

– Klamm war man Anno dazumal?

 

Zusatz

 

Publikum, spottest du indessen

Ihrer erfolgreichen Moral,

Hüte dich vor ihren Exzessen

An Hass für Anno dazumal.

Phranssois Villon.