Film ab

von Clemens Fischer

Hiddensee“, der über zweistündige Dokumentarfilm der in Berlin-Biesdorf aufgewachsenen Produzentin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Bühnenbildnerin Annekatrin Hendel, die ursprünglich eine Schuhmacherlehre absolviert hatte, scheint sich großen Publikumszuspruchs zu erfreuen. Denn in meinem Stammkino, dem Union in Berlin-Friedrichshagen, waren etliche Vorstellungen online bereits ausgebucht, bevor es mir gelang, Tickets zu schießen. Für eine Vorstellung um 12:15 Uhr.

Zu DDR-Zeiten hatte die Insel einen etwas geheimnisvollen, untergründig auch leicht ins Verruchte spielenden und Freiheit raunenden Ruf. „Dort galten die Regeln der DDR nicht. Ein sorgloser Ort, ein Spaßparadies“, so die Regisseurin im Interview mit der Berliner Zeitung. Auf dem Eiland selbst hieß es damals und heißt es noch heute: Wer einmal hier war, der kommt immer wieder oder – nie.

Hendel liefert – alles in Schwarz-Weiß – historische und aktuelle Aufnahmen in Fülle: Meer, Wellen, Strand, stürmische Wetter. Wer die Insel liebt, dem ist das alles nicht neu, aber wahrscheinlich den Preis eines Kino-Tickets allemal wert. Dazu aktuelle Informationen: Seit Jahren gibt es Knatsch zwischen dem Bürgermeister und dem Ortspfarrer. Beide kommen immer wieder ins Bild und zu Wort. Ohne dass der unkundige Zuschauer allerdings begriffe, worum die hartnäckige Kontroverse sich eigentlich überhaupt dreht.

Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann hatte auf der Insel einen Wohnsitz und wurde dort 1946 auch begraben. Dass er sich vom Dritten Reich widerspruchslos hofieren ließ – Goebbels setzte ihn auf die sogenannte Gottbegnadeten-Liste besonders schützenswerter Künstler – kommt im Film nicht eindeutig zum Ausdruck. Dafür wird dem Dichter aber immerhin postum gratuliert, dass er sich infolge rechtzeitigen Ablebens zumindest mit dem neuen Regime nach 1945 nicht mehr arrangieren musste.

Zu Inge Keller – der Grande Dame des DDR-Berliner Theaters – kommt ihre Tochter, die Schauspielerin Barbara Schnitzler, zu Wort und erklärt: Den Nationalpreis (II. Klasse) der DDR hätte ihre Mutter 1977 nur bekommen, weil sie dem Künstlerprotest gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 fern geblieben wäre. (Dass Inge Keller 1961 bereits mit dem Nationalpreis I. Klasse geehrt worden war, wird nicht erwähnt.) Bei der Preisverleihung hätte die Mutter Staats- und Parteichef Honecker ihren Wunsch antragen können, auf Hiddensee (wo Baustopp verordnet war) ein Feriendomizil zu errichten. Was gewährt wurde. In ihrem jugendlichen Sturm und Drang hätte die Tochter seinerzeit gedrängt, den Preis nicht anzunehmen. Jetzt im Film und im Haus auf der Insel zeigt sich Barbara Schnitzler mit der Mutter zumindest in dieser Frage offenbar wieder im Reinen. Na ja, des Menschen Auffassungen entwickeln sich halt. Auch wenn manche das im vorliegenden Fall vielleicht eher als bigott bezeichnen würden.

Welche Beziehung Walter Felsenstein, der weltberühmte Opernregisseur und 1947 Begründer der Komischen Oper in der Berliner Behrenstraße, der auf Hiddensee bestattet ist, zur Insel hatte, erfährt der Kinobesucher leider auch nicht.

„Hiddensee“, Regie und Drehbuch: Annekatrin Hendel; derzeit in den Kinos.

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„[…] Sandra Hüller als Erika und Hanns Zischler als Thomas Mann. […] Mit dieser Besetzung hat Pawlikowski die Partie schon gewonnen, bevor sie richtig beginnt“, bemerkte Andreas Kilb in der FAZ und traf damit den Nagel auf den Kopf. Für seinen Film „Vaterland“ wurde der Pole beim diesjährigen Filmfestival in Cannes mit dem Regiepreis geehrt.

1949 reiste Thomas Mann aus seinem US-amerikanischen Exil ins geschlagene, weitgehend zerstörte und besetzte Deutschland, um in Frankfurt am Main (Geburtsstadt Goethes) und in Weimar (Lebensmittelpunkt des Dichterfürsten) jeweils einen Goethe-Preis in Empfang zu nehmen. Beide (sich politisch im aufschäumenden Kalten Krieg antagonistisch gegenüber stehende) Seiten hofierten ihn zum Zwecke der Vereinnahmung. Doch während er die östliche Offerte einer Präsidentschaft der Akademie der Künste ablehnte und ihm im deutschen Westen ein vergleichbares Angebot gar nicht unterbreitet und er wegen seines Exils auch angefeindet wurde, führte man ihn in den USA, so zeigt der Film, längst unter „Stalins fünfte Kolonne“. Zwischen noch mehr Stühlen konnte man wahrlich kaum sitzen.

Doch das ist nur die Rahmenhandlung. Der eigentliche Nukleus des Films ist das Psychogramm einer toxischen Familie, deren Ursprung und permanenter Transmissionsriemen der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann höchstselbst war. Und was Hüller/Zischler da an Kammerspiel abliefern, ist ganz großes Kino.

Apropos Andreas Kilb: Eine andere seiner Bemerkungen – „[…] ein Oberst Tulpanow (den es wirklich gab)“ – könnte darauf schließen lassen, das es ihm an historischer Kenntnis über die Sowjetische Besatzungszone in den ersten Nachkriegsjahren mangelt, denn anderenfalls wäre ihm der Tulpanow gewiss ein Begriff. Doch solchem Mangel ließe sich ja durchaus abhelfen – zum Beispiel durch einen Klick hier.

Tulpanow sprach fließend Deutsch, war hochgebildet und im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands als oberster Kulturfunktionär (und nicht bloß, wie es im Film heißt, als Propagandaoffizier) ebenso hoch geachtet. In Pawlikowskis Darstellung erscheint der Russe als ziemlich grobschlächtig und offenbar dem Wodka stark zugeneigt, denn kaum sind die Gläser am Banketttisch zu Ehren Thomas Manns geleert, greift er schon wieder zur Flasche. Auch darf er auf eine Art und Weise mit Goethe witzeln, die einem sowjetischen Kulturoffizier – zumal auf deutschem Boden und nur so kurz nach Kriegsende – schwerlich über die Lippen gegangen wäre; Tulpanow begrüßt Thomas Mann mit den mephistophelischen Worten: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, / die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Ein Schelm, wer Arges dabei denkt, und sich womöglich an polnische, die östlichen Nachbarn betreffende Stereotype erinnert fühlt.

„Vaterland“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Paweł Pawlikowski; derzeit in den Kinos.