Nach ein paar Regenschauern und einer grundstürzenden Landtagswahl sieht die Welt schon wieder anders aus. Selbst ein Sommer mit Temperaturen von 38 bis 40 Grad Celsius fällt schnell dem bewussten Vergessen anheim, man sagt auch Verdrängen dazu.
Manche bringen es in dieser Disziplin zur Meisterschaft. Der Hitzesommer? Schon klar, so was sollte sich möglichst nicht wiederholen, aber müssen wir realistisch nicht doch davon ausgehen, dass es sich um eine verrückte Wetterkapriole handelte?
Jetzt mal ganz nüchtern: Hitzewellen und Fluten, auch extreme Kältewinter, hat es immer wieder gegeben, auch in jüngeren Jahrzehnten. Die Kosten, die dabei für Industrie und Landwirtschaft entstehen, sind natürlich enorm, da wird der Staat helfen müssen. Tragisch auch das Sterben so vieler älterer Mitbürger in Wohnungen und Heimen, die tatsächlich noch immer nicht mit Klimaanlagen ausgestattet sind. Aber wenn der Sommer eines gezeigt hat: Wir sind auf einem guten Weg, Klimaanlagen verkaufen sich wie geschnitten Brot …
Inzwischen haben wir September, das Schlimmste scheint überstanden. Die Leiden der Monate Mai, Juni, Juli, August verschwimmen nicht nur den Schönrednern wie trügerische Luftspiegelungen in der Sahara. Die Bilder eines zum Rinnsal geschrumpften Rheins werden im Jahresrückblick einen attraktiven Platz einnehmen, Schrecken verbreiten sie dann nicht mehr, geschweige denn Aufbruchsstimmung in ein Zeitalter sorgsameren Umgangs mit dem Grundelement allen Lebens, dem Wasser.
In gewisser Weise ist Deutschland (darin anderen europäischen Ländern nicht unähnlich) seit geraumer Zeit in einen Bartleby-Modus gefallen. Bartleby? Richtig, das war der Bürogehilfe in Herman Melvilles Novelle „Bartleby der Schreiber“, der ursprünglich ein sehr verlässlicher Mitarbeiter war (darin der alten Bundesrepublik nicht unähnlich), später aber zum Totalverweigerer wurde (darin heutigen Tendenzen nicht unähnlich).
Bartlebys berühmte Antwort auf alle ihm übertragenen Aufgaben lautet: „I prefer not to …“, was ich mit „Ich würde lieber nicht …“ übersetzen möchte.
Deutschlands Bartleby-Gegenwart umfasst unter anderem
- den überfälligen Umbau der Landwirtschaft nach Prinzipien, die das Grundwasser schonen: „Ich würde lieber nicht …“
- die überfällige Umwandlung von steingrauen Hauswüsten in begrünte Straßen mit viel Schatten: „Ich würde lieber nicht …“
- die Verschleuderung von wertvollem Wasser an Großindustrie und Mineralwasserkonzerne: „Ich würde lieber nicht …“
- die endgültige Abschaffung des Verbrennungsmotors: „Ich würde lieber nicht …“
- ein forciertes Ende für fossile Energieträger: „Ich würde lieber nicht …“
- eine forcierte Umwandlung naturferner Wirtschaftswälder in brandresistente Mischwälder: „Ich würde lieber nicht …“
- Verzicht auf Flugreisen in ultraheiße, wasserarme Länder: „Ich würde lieber nicht …“
- Verzicht auf ultrabewässerte Sportanlagen (z. B. Reitturniere, Fußballstadien) in Zeiten der Dürre: „Ich würde lieber nicht …“
- Verzicht auf Schotter und Stein in biologisch toten Vorgärten: „Ich würde lieber nicht …“
Selten ist die Kombination deutscher Erkenntnis- und Handlungslähmung so ruchbar geworden wie in der Hitze des Sommers 2026. Dabei ist die Handlungslähmung seit den Zehnerjahren notorisch, sicher auch unter dem Einfluss der Schuldenbremse. Sie wirft ihren Schatten auf viele Bereiche – Infrastruktur, Bildung, Verteidigungsfähigkeit sowie über jene Lebensfragen, die unter „Umwelt“ subsummiert werden. Die To-do-Listen reichen schon jetzt für den Rest des Jahrhunderts. „Ich würde lieber nicht …“, ist zum Kernsatz für unterlassene Hilfeleistung geworden – Hilfe für die Natur, für den Menschen.
An der Erkenntnislähmung arbeiten Armeen professioneller Badfluencer, sei es auf elektronischem Wege, sei es in traditionellen Talkshows für das Rentnerpublikum. Kürzlich bei Maischberger warf Ulf Poschardt, Autor eines Buches mit dem Titel „Shitbürgertum“, der Grünen Ricarda Lang vor: „Ihr müsst euch überlegen, ob ihr Verantwortung dafür übernehmen wollt, wie die Debatten geführt worden sind.“
Ins gleiche Horn blies Spiegel-Kolumnist Ullrich Fichtner: „Wer die Erde retten will, muss mehr anbieten als Daueralarm und Vorwürfe.“
Soll heißen: Die wahren Schuldigen der aus den Fugen geratenen Klimaentwicklung sind diejenigen, die vor dieser Entwicklung gewarnt haben. Markus Lanz ging, November 2022, die Letzte-Generation-Sprecherin Carla Rochel hart an, ihre Forderung nach mehr Klimaschutz sei „Erpressung“.
Eine Untersuchung der Initiative „Klima vor acht“ ergab, dass die ARD seit Januar 2026 exakt 0,95 Prozent des Gesamtprogramms dem Thema Klima gewidmet hat, beim ZDF waren es 0,82 Prozent. Es ist wohl so: In Sachen journalistisches Problembewusstsein macht den Öffentlich-Rechtlichen so schnell keiner was vor. Was ist schon tödliche Hitze gegen Sommerinterviews in klimatisierten Studios und die Frage nach der Rente ab 63?
Poschardt, Fichtner, Lanz stehen für eine Art Realitätsverweigerung, wie sie für die Klimadebatte und die Ablehnung jeglicher Konsequenzen üblich ist: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Kanzler Merz redete im Juli beiläufig von „Wetterereignissen“. Der Klimawandel, den man jahrzehntelang nicht wahrhaben wollte, kann unmöglich eines Tages derart brutal zutage treten wie in diesem Sommer …
Ulf Poschardt, früher ein begabter Autotester, verantwortete im Magazin der Süddeutschen die legendären Fake-Interviews des Hollywood-Reporters Tom Kummer – ungeachtet ernstzunehmender Warnungen. Ullrich Fichtner verteidigte aggressiv die getürkten Storys seines Starreporters Claas Relotius im Spiegel, obwohl ihm starke Hinweise für ihre Falschheit vorlagen. „Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum“, heißt es in Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“.
Die Anfeindungen und Schuldzuweisungen dieses Jahres wirken anachronistisch und befremdend, je weiter man die Klima- und Umweltdebatten zurückverfolgt. 1962 erschien Rachel Carsons „Silent Spring“ als erster Hinweis auf das bereits einsetzende Vogelsterben. Inzwischen hat es beängstigende Ausmaße angenommen. Aktuelle Zählungen ergaben, dass – ein Beispiel – in Berlin seit 2021 über 70 Prozent aller Haussperlinge verschwunden sind.
1972 veröffentlichten die Wissenschaftler des „Club of Rome“ ihre Epoche machende Untersuchung „Die Grenzen des Wachstums“. Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre schlugen die neugegründeten Grünen in Deutschland Alarm, zunächst mit Rabatz, später zunehmend staatstragend.
Im März 2001widmete die angesehene Schweizer Kulturzeitschrift du ein ganzes Heft dem „Wasser. Das Thema des Jahrhunderts“. Die Fragilität der bestehenden Verhältnisse im „Wasserschloss Schweiz“ mit seinen Gletschern, Schneemassen und gewaltigen Stauseen gab schon damals Anlass zur Sorge. Der Klimawandel vollzog sich unerbittlich, die Verhältnisse kippten in kleinen und bald immer größeren Schüben, und der Mensch trug unbeirrt das Seine zum Schlechten bei.
Die „Wissensshow“-Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim zählte jüngst die Trockenjahre auf, die für volkswirtschaftliche Schäden von 35 Milliarden Euro und mehr gesorgt haben: 2013, 2018, 2019, 2020, 2022, 2026. Dazwischen lagen Jahre mit verheerendem Hochwasser, 2021 im Ahrtal, 2024 in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz.
Was denken die Herren Lanz, Poschardt oder Fichtner, wie sich die Menschen, denen das Leben und die Erhaltung von Landschaften am Herzen liegt (vulgo: Klimaschützer), verhalten sollen: Sollen sie schweigend hinnehmen, den Vorrang des Profitdenkens anerkennen, der Weisheit des Marktes vertrauen?
Es war die geschmähte Ampel-Koalition, die den Wassermangel als „existenzielle Bedrohung“ erfasste und sich im März 2023 zu einer „Nationalen Wasserstrategie“ aufraffte. Sie listet 78 Einzelmaßnahmen auf, darunter 38 „prioritäre Aktionen“. Davon umgesetzt ist dreieinhalb Jahre später – nichts.
du zitierte 2001 unter anderem Ueli Bundi, seinerzeit stellvertretender Direktor der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung und Gewässerschutz. „Am Schluss“, sagt Bundi, „landet man stets beim Gleichen. Man redet vom Wasser, vom Klima, man redet von der Energie und kommt immer und immer wieder auf die gleichen Grundmechanismen: Wirtschaftswachstum, Komfortansprüche, Produktionsweisen, Wertvorstellungen.“
Dem ist nach 25 Jahren nichts hinzuzufügen.
Schlagwörter: Bartleby-Modus, Detlef Hartlap, Hitzewellen, Klimawandel, Umwelt, Wassermangel


