Ein Berliner in Paris.
Der Frankreichkorrespondent Kurt Tucholsky

von Lothar Baier

Diesen Essay – die Schreibweise des Originals wurde beibehalten – publizierte die Weltbühne unter dem Titel „Erholung vom Vaterland. Der Frankreichkorrespondent Kurt Tucholsky“ in ihren Ausgaben 16 und 17/1993 – als Vorabdruck aus dem Taschenbuch „Die verleugnete Utopie“ von Lothar Baier, das im Oktober des nämlichen Jahres im Aufbau Verlag erscheinen sollte.

Der Autor schied 2004 aus dem Leben.

Für die Genehmigung des Aufbau Verlages zum Nachdruck bedanken wir uns herzlich.

Die Redaktion

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen. / Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist. / Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen / sagt keine Tafel, was verboten ist …“[1] Park Monceau heißt das kleine Gedicht, mit dem Kurt Tucholsky eine erste Huldigung an Paris darbrachte. Die liberale Vossische Zeitung und die Weltbühne hatten Tucholsky im Jahr 1924 mit Korrespondenzaufträgen ermöglicht, sich in Frankreich niederzulassen. Ein sich befreit Fühlender stöhnt erleichtert auf: hinter sich gelassen hat er den lästigen Broterwerb als Jurist in einer Berliner Bank und das verkrampfte, inflationsgeschüttelte Deutschland. Tucholsky hat seinen euphorischen Ankunftsgefühlen nicht nur in solchen hübschen Versen freien Lauf gelassen. Auch die erste aus Frankreich nach Berlin übermittelte journalistische Prosa scheint vom frischen frankophilen Schwung beflügelt gewesen zu sein. Im Gegensatz zum Gedicht „Park Monceau“ blieb sie ungedruckt, der Weltbühne-Herausgeber Siegfried Jacobsohn lehnte ihre Veröffentlichung[2] rundheraus ab: zum Glück, räumte ihr Verfasser später ein, als er Distanz zu seinen eigenen Gefühlsausbrüchen gewonnen hatte. 1928 zog Tucholsky in einem Artikel für die Vossische Zeitung eine Zwischenbilanz seiner Arbeit als Korrespondent: „Ich sitze jetzt bald vier Jahre in Frankreich. In den ersten acht Tagen ging ich im Taumel umher, die eisernen Ketten der Inflation waren gefallen, und mir war mein Schwergewicht abhanden gekommen. Nach zwei Monaten verstand ich alles – hätte mich jemand gebeten, ihm eine Monographie über Frankreich zu schreiben, ich hätte angenommen; aber zum Glück hat mich keiner gebeten. Nach einem halben Jahr begann sich das Bild langsam zu verdunkeln, die Fäden liefen wirr, da waren Widersprüche, die ich nicht zu lösen vermochte … Nach drei Jahren verstand ich garnichts mehr.“[3]

Ein Korrespondent, der im Geschäft bleiben will, darf niemals zu erkennen geben, daß er etwas Neues und Fremdes nicht versteht. Das Land, aus dem er berichtet, hat ihn nicht mit Widersprüchen zu verwirren. Vom ersten Tag seiner Anwesenheit an liegt es vor ihm wie ein abgegriffenes Buch, dessen Inhalt er bereits auswendig kennt und aus dem er nur noch zu zitieren braucht. Tucholskys Pariser Korrespondententätigkeit verlief in diesem Sinn ganz kontraproduktiv. Der Ehrgeiz, Objektivität vorzutäuschen, war ihm fremd. Der Berichterstatter Tucholsky stiehlt sich nicht aus dem Bild davon, das er von den Zuständen im anderen Land entwirft, sondern bleibt in ihm präsent mit seinen besonderen Vorlieben, mit seiner Neugier, aber auch mit seinen Abneigungen und seinen Wissenslücken. Gelegentlich hat er die Bedingungen der Berichterstattung selbst zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht und dabei den journalistischen Auftrag, mit dem die Korrespondenten hinausgeschickt wurden, einer beißenden Kritik unterzogen, einer Kritik, die allem Anschein nach auch und gerade im Zeitalter der elektronischen Medien nichts von ihrer Berechtigung verloren hat:

„Die deutschen Verleger verlangen von ihren Auslandskorrespondenten zunächst diesen wüsten Haufen von Nachrichten mit dem ganzen Anhängsel der Pressestimmen; sie verlangen ferner etwas, das sie für besonders lebendig und instruktiv halten: unpolitische faits divers. Auch diese faits divers sind in den allerseltensten Fällen vom Berichtenden selbst beobachtet; sie sind wiederum aus Zeitungen abgeschrieben und geben, Kopie einer Imitation, blasse, schiefe, unrichtige Bilder. Diese Sensation war gar keine Sensation, das Tagesgespräch war ein Feuilleton, und die Wahrheit sieht ganz anders aus. Die faits divers sind auch schuld daran, daß die eine Nation die andre für einen Haufen tobsüchtig gewordener, ewig ehebrechender, halbirrer, sonderlinghafter, unter völlig desperaten Umständen lebender und mit Revolvern herumfuchtelnder Menschen hält.“[4]

Ein Blick auf die Auswahl der Meldungen, die in der Rubrik „Aus aller Welt“ auftauchen, zeigt, daß die zeitgenössische Welt nach wie vor als Monstrositätenkabinett vorgeführt wird, in dem lauter Amokschützen, Mörder kleiner Mädchen, Verursacher bizarrer Unfälle und drogensüchtige Stars ihr Unwesen treiben. Im Zeitalter verschärfter Medienkonkurrenz zählt nur der Unterhaltungswert der Auslandsnachrichten, die auf den Markt geworfen werden, nicht ihre politische, gesellschaftliche, kulturelle Bedeutung: andere Länder sind folglich nur dann der Beachtung wert, wenn sie häufig spektakuläre Vorfälle produzieren. Eine Nation darf die andere mit noch mehr Recht als zu Tucholskys Zeit für eine Ansammlung gewalttätiger Irrer und rekordsüchtiger Sonderlinge halten, nur fragt es sich, ob es zur Übermittlung der entsprechenden faits divers der Einrichtung des Auslandskorrespondenten überhaupt noch bedarf: denn die internationalen Nachrichtenagenturen bedienen den Markt der vermischten Meldungen schnell und umfassend.

Der Schriftsteller Niklaus Meienberg, der als Korrespondent Schweizer Zeitungen viele Jahre in Frankreich verbrachte und dabei die Arbeit seiner Kollegen beobachten konnte, hat einmal sarkastisch für die Abschaffung der teuren Auslandsposten, etwa in Paris, plädiert: Da der Durchschnittskorrespondent seine Meldungen ohnehin aus Fernsehinformationen und der Lektüre der großen Zeitungen zusammenstückelt, kann er das, nach Meienberg, auch in der heimischen Redaktion erledigen, vorausgesetzt, man installiert ihm dort die notwendigen heimischen Anschlüsse und versorgt ihn per Express mit den gewohnten Zeitungen. Eine andere Möglichkeit wäre: „Die Korrespondenten verlassen, turnusgemäß, ihre feinen Wohnungen und lassen sich eine ganz andere Luft um die Nase streichen.“[5]

Tucholsky hat seinerzeit nicht extra aufgefordert werden müssen, aus den vier Wänden seiner gewiß nicht ärmlichen Wohnungen herauszugehen. Das lag aber nicht nur an seiner Neugier, sondern auch an dem Konkurrenzdruck, der unter den nach Paris entsandten Berichterstattern herrschte. Über dreißig deutsche Zeitungskorrespondenten arbeiteten vor 1933 in der französischen Hauptstadt, darunter ausgewiesene Schriftsteller wie Walter Mehring, Walter Hasenclever, Friedrich Sieburg. Mit dem nachlässigen Zusammenstoppeln politischer Korrespondenzen war es im Angesicht solch qualifizierter Konkurrenz nicht getan. Tucholsky sollte gemäß dem Auftrag, mit dem er nach Paris geschickt worden war, auch keine schnellen politischen Lagebeurteilungen verfassen, sondern über das gesellschaftliche und kulturelle Leben des Nachbarlandes berichten.

Unter „Kultur“ verstanden Tucholsky und seine Auftraggeber etwas anderes als das, was heute unter den Strich des Feuilletons gesetzt zu werden pflegt. Berichte von Galapremieren der Comedie Francaise und von mondänen Vernissagen wurden nicht erwartet und nicht geliefert. Dafür ging der Berichterstatter in den Zirkus und führte mit den Brüdern Fratellini in der Garderobe ein langes Gespräch, suchte die unscheinbaren Theater auf, in denen populäre Komödien gespielt wurden, um herauszufinden, was den Lachnerv des kleinbürgerlichen Publikums reizt, sah sich in der Ausstellung malender Eisenbahner um. Und „Gesellschaft“ wurde nicht nur bei offiziellen Empfängen und in teuren Restaurants, sondern auch bei einer gastronomischen Ausstellung in Dijon, bei der Wallfahrt nach Lourdes, im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Liga für Menschenrechte, in Vorortzügen und Arbeiterkneipen beobachtet.

„Mittags lange Unterhaltung mit dem Kneipenwirt. Locarno? Die französischen Schulden in Amerika? Die neue Poesie? Nein, aber die Katze war lungenkrank, denken Sie nur, und da kenne ich aus dem Kriege einen Stabsarzt, der verkehrt hier im Lokal, und der hat mir diese kleinen gelben Pillen gegeben, hier, sehen Sie? Und davon ist die Katze gesund geworden. Die Gäste, die mit der Lunge nicht in Ordnung sind, nehmen die Pillen jetzt auch, und seitdem essen sie viel mehr. Die Katze liegt unterdessen auf dem ‚Zinc‘, dem Schanktisch, und schnurrt mit halbgeschlossenen Augen. Sie ist geheilt und hat den Arzt längst vergessen.“[6]

Die freundliche kleine Skizze, mit leichter Hand hingetuscht, verrät etwas von dem Aufatmen des Autors, der sich, in Frankreich „vom Vaterland“ und den Scharmützeln mit Politik und Justiz ausruhend, Alltagsbegebenheiten widmen kann. Doch auch am Pariser Tresen hebt Tucholsky ein wenig den Zeigefinger in Richtung deutsche Leser und weist sie sanft zurecht: Ihr seid im Irrtum, wenn Ihr glaubt, die Franzosen unterschieden sich dadurch von den Deutschen, daß sie unentwegt politisieren. Es ist eines der Merkmale dieser Berichterstattung, daß sie auch die unscheinbarste Gelegenheit dazu nutzt, Lesern die Stereotypen auszureden, die über die Franzosen im Umlauf waren. Sie porträtiert die „leichten Romanen“ als Menschen, die schwerer miteinander ins Gespräch kommen als die deutschen Reisenden im Zug zwischen Berlin und Halle. Wenn die Stereotypen zur Seite weichen, kommt nicht das große Einerlei zum Vorschein, es schälen sich vielmehr die vielen feinen Unterschiede heraus, die Denken und Verhalten bestimmen. „Es ist alles so anders“, heißt der häufig wiederkehrende Refrain der an die Berliner Redaktionen geschickten Artikel. Können zwei Nachbarvölker, über so viele Differenzen in den vorherrschenden Lebensgewohnheiten und Auffassungen hinweg, friedlich miteinander auskommen?, lautet Tucholskys explizit und implizit immer wieder gestellte Frage.

Die Stimmung zwischen Frankreich und Deutschland war angespannt, als Tucholsky im April 1924 in Paris eintraf. Gerade erst war die französische Besetzung des Ruhrgebiets aufgehoben worden, die bürgerkriegsähnliche Zustände heraufbeschworen und die kaum vernarbten Wunden des Weltkriegs wieder hatte aufbrechen lassen. Auf beiden Seiten war das Massensterben an Maas und Somme noch in frischer Erinnerung. Auftritte des französischen Regierungschefs Raymond Poincare, des Kriegspräsidenten, der die Deutschen erklärtermaßen nicht ausstehen konnte, hatten jenseits des Rheins den Eindruck hervorgerufen, ganz Frankreich bebe vor Deutschenhaß. Nun wurde Poincare gerade im Jahr 1924 abgewählt und durch den Linksliberalen Edouard Herriot ersetzt, und die Leser der Vossischen Zeitung durften einem Artikel des Pariser Korrespondenten Kurt Tucholsky die dick unterstrichene Versicherung entnehmen: „Der Franzose haßt den Deutschen nicht“.

„Strecken wir die Hände aus: sie würden ergriffen werden. Nur wissen wir nichts voneinander, sind uns fremd und so weit voneinander entfernt. Sähe der Franzose die Hand: er ergriffe sie. In den Schulen und auf den Universitäten, in Gesellschaft und auf der Straße: ich bin viel Gleichgültigkeit, dumpfer Unaufgeklärtheit, Unwissenheit und politischer Unkenntnis begegnet. Haß nicht. Man sollte ihn auch in Deutschland abbauen.“[7] Tucholsky schrieb nicht nur gegen deutsche Ressentiments an, sondern gab sich auch Mühe, in seinem Gastland Unkenntnis über die Nachbarn abzubauen und um Verständnis für die bedrängte Situation kritischer Geister im Weimarer Deutschland zu werben. Als ehemaliger Schüler des Französischen Gymnasiums in Berlin beherrschte er die Sprache ausreichend, um mündlich und schriftlich in Frankreich intervenieren zu können. In der nach dem ersten Weltkrieg gegründeten Monatszeitschrift Europe stieß er auf einen Artikel von André Suarès, dessen Deutschlandbild er für völlig veraltet hielt, und schickte eine Replik an die Redaktion der heute noch erscheinenden Zeitschrift:

„Wir sind dort, in einer Republik ohne Republikaner, in einer Demokratie ohne Demokraten, in der Minderheit, verharren unschlüssig, isoliert am Rand der Nation. Was uns nottut, sind keine verstaubten, aus dem Jahr 1913 stammenden Abhandlungen, es ist die tatkräftige Hilfe unserer französischen Freunde. Was uns nottut, ist der Beistand unserer Kameraden und eine einsichtsvolle Sympathie, die die Gefahren und den Schicksalsweg unserer Epoche erfaßt. Was wir mit Nachdruck wünschen, ist Europa, und zwar ein Europa über allen Fahnen, au-dessus de la melee, außerhalb der Bücher und jenseits der einen oder anderen ‚Barriere‘.“[8]

Tucholskys ungewöhnlich feierlich vorgetragene Beschwörung Europas stammt aus dem Jahr 1925. Im Jahr darauf begann das politische Eis zwischen Frankreich und Deutschland zu brechen: die beiden Außenminister Aristide Briand und Gustav Stresemann setzten gegen erhebliche Widerstände in ihren Ländern die Annäherung zwischen Paris und Berlin durch und wurden dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Tucholsky traute dem Frieden nicht ganz, der da aus heiterem Himmel ausgebrochen war, nannte die deutsch-französische Annäherung gar eine „fade Salonangelegenheit“. Als wenig später Alfred Kerr und Thomas Mann mit großem Pomp an der Seine empfangen wurden, erlag der Berichterstatter Tucholsky nicht dem allgemeinen Versöhnungstaumel, sondern fragte nüchtern nach dem Nutzeffekt repräsentativer Begegnungen. Er schätzte ihn eher gering ein, weil dabei zu sehr darauf geachtet werde, daß kein „unvorsichtiges Wort“ über die Lippen kommt, während es doch nur die unvorsichtigen Worte sind, wie er anmerkte, die „etwas zuwegebringen“. Thomas Manns Auftritt in Paris sorgte immerhin dafür, daß die fünfundzwanzig Jahre lang unübersetzt gebliebenen Buddenbrooks alsbald in französischer Übersetzung erschienen, 1929, im Jahr der Nobelpreisverleihung an Thomas Mann.

Beim Überblick über die Kommentare, die Tucholsky im Lauf seiner Pariser Jahre zur Entwicklung der Stimmungslage zwischen Frankreich und Deutschland verfaßte, fällt eine allmähliche Ernüchterung des Blicks und Verdüsterung des Tons auf. Zwar blieb er seiner tiefen Zuneigung zur französischen Lebensart treu, aber die frankophile Leichtigkeit der Anfangszeit wich zunehmend der Skepsis gegenüber den Chancen einer umfassenden Verständigung. Im Juli 1928, vier Jahre nach der Ankunft in Frankreich, zog Tucholsky in der Weltbühne diese Zwischenbilanz:

„Die Kluft zwischen diesen beiden Völkern ist sehr, sehr groß. Sie ist zu überwinden. Aber um sie zu überwinden, muß man den Mut haben, ihre Existenz anzuerkennen. Es gibt keine Therapie ohne eine saubere Diagnose. Ich habe in den ersten Jahren meines französischen Aufenthalts geglaubt, daß sich diese beiden Völker ergänzen. Das ist theoretisch richtig, aber sie werden es niemals tun, weil sich Öl und Wasser eben nicht vermischen. Wahrscheinlich können wir nur sehr schwer zusammenarbeiten. Aber das ist kein Grund, sich gegenseitig mit Kieferschüssen zu beweisen, wer recht hat. Hier gibt es kein ‚Recht‘ – hier kann es hur Aufhebung der absoluten Souveränität geben, liebevolles Versenken in das Wesen des anderen und eine gesunde Selbstkritik.“[9]

Der zehnmonatige Zwischenaufenthalt in Berlin im Jahr 1927, den Tucholsky einlegte, um die Nachfolge des verstorbenen Siegfried Jacobsohn als Herausgeber der Weltbühne anzutreten und dann die Geschäfte an Carl v. Ossietzky zu übergeben, hat in den späteren Berichten aus Paris Spuren hinterlassen. Die unbeschwerten kleinen Skizzen sind seltener geworden. Tucholsky sah für die Weimarer Republik zunehmend schwarz, und entsprechend überschattet erschien ihm die Zukunft der deutsch-französischen Nachbarschaft. Doch die Betonung der Kluft, die beide Völker trennt, ist nicht frei von der Ambivalenz, die bis heute das grenzüberschreitende Verhältnis kennzeichnet. Auf der einen Seite die Klage über den großen trennenden Abstand, auf der anderen Seite das Festhalten am Abstand als einer Quelle anregender Auseinandersetzungen: „Wie spannungsreich, aber wie fruchtbar auch war beispielsweise in der Vergangenheit der Konflikt deutscher und französischer Wissenskulturen, die Konkurrenz deutscher und französischer Geistesarbeiter!“, schreibt der Soziologe Wolf Lepenies. „Wieviel ginge verloren, wenn auf einmal die romanische Wertschätzung sozialer und geistiger Formen nicht mehr eine Sehnsucht deutscher Intellektueller, wenn deutsch-romantische Vernunftkritik nicht mehr ein Refugium französischer Cartesianer wäre!“[10]

Schon Heines deutsch-französische Bilder leben von dem Schwanken zwischen der Befürchtung, die wechselseitige Unkenntnis könne „blutige Folgen“ haben, und der Scheu vor einer die belebenden Unterschiede löschenden allzu erfolgreichen Annäherung. Zum Alptraum wird die Annäherung, wenn sie, wie Deutschland. Ein Wintermärchen es ausmalt, in Form der Germanisierung der Franzosen stattfindet: „… Sie philosophieren und sprechen jetzt / von Kant, von Fichte und Hegel, / sie rauchen Tabak, sie trinken Bier, / und manche schieben auch Kegel. / Sie werden Philister ganz wie wir / und treiben es endlich noch ärger; / sie sind keine Voltairianer mehr, / sie werden Hengstenberger.“ Tucholsky hat sich, in Prosa und ohne mildernde Ironie, fast hundert Jahre später im schwedischen Exil ganz ähnlich ausgedrückt, wobei die Rolle des protestantischen Theologen Hengstenberg, von Heine als „schwarzer Pfaffe“ tituliert, an Heidegger übergegangen ist: „Das, was die Franzosen heute machen, ist eine Sünde am Geist: sie tragen Brillen und germanisieren. Es gibt keinen noch so blöden, philosophischen deutschen Schwindel, der dort nicht schwer begeisterte Adepten fände. Heidegger! Ein Philosoph, der nur aus Pflaumenmus besteht …“[11]

Eine Germanisierung ganz anderer Dimension hat Tucholsky dann nicht mehr mitansehen müssen: sein geliebtes Paris überschwemmt von uniformierten couillons, wie er die Deutschen von Schweden aus zu umschreiben pflegte, um sie nicht beim Namen nennen zu müssen, und sein Korrespondentenkollege Friedrich Sieburg, mit dem er freundschaftlich umgegangen war, als Propagandaredner im Dienst der nationalsozialistischen Okkupanten. Während Sieburg, unter gnädiger Ausklammerung seiner Periode als „Kämpfer und Nationalsozialist“, wie er sich im besetzten Paris beim Publikum vorstellte, posthum zum Klassiker der deutschen Frankreichkunde erhoben wurde, steht die Anerkennung Kurt Tucholskys als eines der genauesten deutschen Chronisten der französischen zwanziger Jahre noch aus.

Ihre außerordentliche dokumentarische Bedeutung verdankt diese Berichterstattung paradoxerweise nicht nur der scharfen Beobachtung, sondern auch einigen ausgeprägten blinden Flecken in der Optik ihres Urhebers. Daß in den zwanziger Jahren in Frankreich in den Bildenden Künsten, im Film und in der Literatur Umwälzungen stattgefunden haben, deren Wirkungen weit über die Landes- und Epochengrenzen hinausreichten, ist seiner Korrespondenz nicht zu entnehmen. Der Begriff Surrealismus zum Beispiel taucht nirgendwo auf, die Namen Aragon, Artaud und Breton sucht man in den Kulturberichten vergebens. In Deutschland hatte Tucholsky mit den dadaistischen und anderen Avantgarden nichts anfangen können und nahm sein Desinteresse an den aktuellen Kunstentwicklungen unbesehen nach Paris mit. Erst durch die Autorität des von ihm geschätzten Romanisten Ernst Robert Curtius ließ er sich davon überzeugen, daß es sich lohnt, einmal einen Blick in die Bücher Prousts, Valerys und Gides zu werfen. Einen bedeutenden Platz haben Frankreichs große Schriftsteller in Tucholskys literarischem Pantheon niemals eingenommen.

Solche Lücken lassen sich heute jedoch verschmerzen, denn das Frankreich Prousts, Valerys und der Surrealisten ist längst keine Terra incognita mehr. Es herrscht auch kein Mangel an ausschweifenden, von hohen Standpunkten aus unternommenen Betrachtungen über den französischen und den deutschen Geist. Aber wie sich das, was man gern als „politische Kultur“ hochhält, im Frankreich der zwanziger Jahre von weiter unten gesehen ausnahm, darüber ist bei Sieburg und Co. wenig zu erfahren. Um so mehr bei Tucholsky. Was er sich an Gide-Lektüre und an Besuchen avantgardistischer Galerien gespart hat, das hat er als unermüdlich aufnehmender und mit den heimischen Verhältnissen vergleichender Zeitgenosse wettgemacht. Wieviel herrliche, nicht nur amüsante, sondern auch bezeichnende Anekdoten aus dem Leben der französischen Gesellschaft sind auf diese Weise dem Vergessen entrissen und den Nachgeborenen als Anschauungsunterricht in Sachen Moral und Zivilisation zur Verfügung gestellt!

Da gab es beispielsweise in Paris einen Minister, der seinen Spaß daran hatte, sich einmal die Woche in einem speziellen Etablissement von jungen Mädchen gegen Bezahlung durchprügeln zu lassen. Das Hobby des Ministers blieb der Presse nicht verborgen, besonders das Organ der extremen Rechten, die Action Française, machte einen großen Skandal daraus, in der Hoffnung, der Regierung insgesamt eins auswischen zu können. Es passierte aber nichts, nachdem sich die öffentliche Aufregung gelegt hatte: Der Minister blieb im Amt und in der Académie Française, und der deutsche Chronist Tucholsky fand das richtig so, denn niemand hat dem Minister nachweisen können, daß seine masochistischen Neigungen der Amtsführung geschadet hatten. In Deutschland hingegen, in Preußen zumal, hat zur gleichen Zeit eine sittlich entrüstete Denunziation genügt, um einen Minister zu Fall zu bringen. Der sozialdemokratische Innenminister Grzesinski hatte seinen Hut nehmen müssen, weil an die Öffentlichkeit kam, daß er mit einer Frau zusammenlebte, mit der er nicht verheiratet war. „Das öffentliche Leben Frankreichs ist keineswegs hehrer als das deutsche“, bemerkt Tucholsky unter Hinweis auf die bei Politikern übliche Korruption, aber es ist nicht so verlogen. Das öffentliche Deutschland ist im Vergleich dazu ein „Fibelland, ein Land ohne Humor, ein Land für Kinder, für die Dummen, angefüllt mit Unwahrheit bis oben hin“[12]. Es steht zu fürchten, daß alle inzwischen über dieses Land hinweggezogene Modernisierung und Verwestlichung der moralischen deutschen Kinderkrankheit noch nicht ganz Herr geworden ist.

Tucholskys Frankreichberichterstattung hält Szenen aus einer schon fern gerückten Vergangenheit fest, auf eine Weise jedoch, die ihre Verknüpfung mit der Gegenwart außerordentlich erleichtert. Weil sie weder an die Tagesaktualität fixiert war noch ihr Heil in der welthistorischen Spekulation suchte, ist sie leicht lesbar und nachprüfbar geblieben. Sie erlaubt es den nachgeborenen Lesern, den langwierigen Prozeß der Annäherung an eine andersartige gesellschaftliche Realität mitzuvollziehen und von ihrer Gegenwart her zu beurteilen, inwieweit ihr Verfasser langwelligen, bis in unsere Tage beobachtbaren unterschiedlichen Entwicklungen auf die Spur gekommen ist und worin seine Einschätzungen dem geschichtlichen Augenblick verhaftet blieben und ihre Geltung eingebüßt haben.

„Sage mir, wie ein Land mit seinen schlimmsten politischen Gegnern umgeht, und ich will dir sagen, was für einen Kulturstandard es hat“, war eine von Tucholskys oft wiederholten politischen Maximen. In seiner Berichterstattung aus Frankreich hat er daraus ein intellektuelles Verfahren gemacht, das beispielhaft geblieben ist. Statt daß sich der linke Schriftsteller Tucholsky vorwiegend unter Gleichgesinnten aufhielt und umtat, besah er sich besonders die radikal rechte und nationalistische Szene in Frankreich. Wer wissen will, mit welchen schmutzigen Tricks, aber auch mit welcher Intelligenz die antiparlamentarischen Nationalisten der Action Française damals vorgingen, der kann sich bei Tucholsky aus erster Quelle unterrichten. Die Leser der Weltbühne und der Vossischen Zeitung wurden damals nachdrücklich davor gewarnt, die intellektuelle Qualität der extremen Rechten in Frankreich zu unterschätzen und dabei ihren Einfluß zu überschätzen. Solange ein besorgniserregender „französischer Nationalismus“ ein Lieblingsthema gehobener deutscher Stammtische ist, die vor Selbstgerechtigkeit bersten, und daneben eine intelligente Neue Rechte weitgehend unbeachtet ihre Fäden knüpft, bleibt Tucholskys Warnung aktuell.

 

Aus: Lothar Baier. Die verleugnete Utopie. Zeitkritische Texte. Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verlag 1993.

© Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 1993, 2008.

 

[1] – Kurt Tucholsky, Park Monceau. In: Tucholsky, Gesammelte Werke. Band 1-10, Reinbek 1975, Band 3, S. 378.

 

[2] – „Ja, gewiß möchte ich lieber im Pantheon begraben liegen, als Dich zum Pariser Korrespondenten haben“, schrieb Jacobson am 1. 5. 1924 an Tucholsky. In: Briefe an Tucholsky. München -Hamburg 1989, S. 166.

 

[3] – Kurt Tucholsky, Der Ruf auf der Straße. In: Gesammelte Werke. Band 6, S. 166.

 

[4] – Kurt Tucholsky, Auslandsberichte. In: Gesammelte Werke. Band 4, S. 120.

 

[5] – Niklaus Meienberg, „Das Schmettern des gallischen Hahns. Reportagen aus Frankreich“, Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied, 1976.

 

[6] – Kurt Tucholsky, Republik wider Willen. In: Gesammelte Werke. Ergänzungsband 2. Reinbek 1989, S. 307.

 

[7] – Kurt Tucholsky, Deutsches Tempo. In: Gesammelte Werke. Ergänzungsband 1911-1932. Reinbek 1985, S. 502 f.

 

[8] – Kurt Tucholsky, D’une autre barriere. In: Europe, Nr. 28, April 1925, S. 503 ff. [Übersetzung – L.B.].

 

[9] – Kurt Tucholsky, In: Gesammelte Werke. Band 9, S. 117 f.

 

[10] – Wolf Lepenies, „Fall und Aufstieg der Intellektuellen in Europa“, Neue Rundschau 1/1991, S. 17.

 

[11] – Kurt Tucholsky, Die Q-Tagebücher. 1934-1935. Reinbek 1985, S. 256.

 

[12] – Kurt Tucholsky, Bettschnüffler. In: Gesammelte Werke. Band 8, S. 68.