Der Tag – Licht und Leben

von Frank-Rainer Schurich

In der ganz alten Zeit wurde nur der Tagesanbruch Tag genannt, wovon noch die Formulierung „es tagt“ im Sinne von „es wird hell“ kündet. Später war der Tag die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, was ja Sinn ergab.

Die etymologischen Spurenverfolger erklären übereinstimmend, dass das Wort Tag vom indogermanischen dhegṷh abgeleitet werden kann, was so viel wie „brennen“ oder „hell sein“ bedeutet. Am Tag war es also regelmäßig hell.

Später dehnte man den Begriff des Tages auf die ganzen 24 Stunden aus, die die Erde braucht, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen, was bekanntlich den Wechsel zwischen Tag und Nacht hervorzaubert. Und weil die Menschen im Laufe ihrer Entwicklung immer schlauer wurden, hatten sie kein Problem damit, mit zwei Tag-Begriffen zu operieren. Der Tag, wo es hell ist, und der Tag als jene 24 Stunden, in denen hell und dunkel sich abwechseln.

Und weil’s am richtigen Tag immer schön hell ist, dominierte in unserer Sprache begrifflich alsbald der 24-Stunden-Tag. Man trifft sich in 14 Tagen und nicht in 14 Nächten. Wenn man das Letztere zu einer Person sagte, mit der man keinen vertrauten Umgang hätte, würde eine solche Formulierung höchste Verwunderung hervorrufen, wenn nicht Schlimmeres. Obwohl die Indogermanen oft nach den Nächten rechneten. Noch heute bedeutet fortnight im britischen Englisch 14 Tage. „A fortnight today“ heißt folglich „heute in 14 Tagen“, und fortnightly nicht mehr und nicht weniger, dass „alle 14 Tage“ etwas erscheint oder stattfindet.

Im Deutschen hat sich das aber nicht durchsetzen können. Stattdessen wurde „tagen“ im weiteren Verlauf der Sprachentwicklung auch als „verhandeln“ umgedeutet, was wohl aus der deutschsprachigen Schweiz zu uns herübergeweht ist.

Friedrich Schiller lässt im Schauspiel „Wilhelm Tell“ (zweiter Aufzug, zweite Szene) den Pfarrer Rösselmann sagen: „So lasst uns tagen nach den alten Bräuchen / Des Lands […]“, und der Landsmann Werner Stauffacher aus Schwyz sagt daraufhin: „Wohl, lasst uns tagen nach der alten Sitte, / Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.“

Und dabei ist es dann geblieben. Es wird, völlig unlogisch, nicht nur am Tag getagt, sondern auch bei Nacht, obwohl das dann eigentlich „genächtigt“ heißen müsste – was heute aber eine ganz andere Semantik besitzt. Und wenn man genug getagt hatte, konnte man sich – wieder eine Neuschöpfung! – „vertagen“, eine Lehnübersetzung vom französischen ajourner.

Der Sprachaufstieg des Tages erklomm weitere Höhen. Im 17. Jahrhundert kam das „Tagebuch“ hinzu – im Sinne eines Journals. Und noch heute kann man, wenn man will, das Tagebuch auch nachts führen. Berühmt sind das Reisetagebuch für Charlotte von Stein, das Goethe während seines Italientrips (1786-1788) verfasste, und die Tagebücher von Literaturnobelpreisträger Elias Canetti, die der allerdings „Aufzeichnungen“ nannte und die ein intellektuelles Tagebuch darstellen – zum Zwecke der eigenen Gewissenserforschung.

In der Literatur gibt es ebenso großartige Tagebücher, zum Beispiel die „Lebensnotizhefte“ der Großmutter Clara in dem Roman „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende.

Ab dem 18. Jahrhundert gab es dann „Tagegelder“, die, wenn es später um deutsche Abgeordnete ging, wohlklingender zu „Diäten“ gemacht worden sind. Diät – das klingt wie Leiden, Hungern und „Schmalhans ist Küchenmeister“, während bei Tagegelder das Volk ja auf die Idee kommen könnte zu denken, dass die lieben Volksvertreter für ihr Herumsitzen am Tage und für nichtssagende Reden eine Menge Geld bekommen. Das stimmte nun wirklich nicht, denn oft tagen sie nicht nur auch des Nachts, sondern bis in den frühen Morgen.

Schon um 1790 war auch die „Tagesordnung“ zum herrschenden Sprachgewirr dazugekommen, ebenfalls eine Lehnübersetzung aus dem Französischen (ordre du jour). Interessanterweise wird das französische jour sowohl mit Tag übersetzt, als auch mit Licht, Öffnung zum Himmel und Fenster und im übertragenden Sinne mit dem wunderschönen Wort „Leben“, das eben aus unseren Tagen (und Nächten) besteht.

Daneben gibt es noch den Tagebau, aber keinen Nachtbau, den Tagelöhner, der heute mehr im Bereich der Zeitarbeit, neudeutsch Arbeitnehmerüberlassung, angesiedelt ist (obwohl nach Marx eigentlich er die Arbeit gibt) und das Tagwerk. Letzteres war ursprünglich ein altes Feldmaß. Mit einem Gespann schaffte man, an einem Tag etwa 35 Ar zu pflügen, das sind 3500 Quadratmeter. Viel besser allerdings, als jeden Tag 35 Ar mit Gaul und Pflug zu pflügen, schmecken dem Menschen Tagliatelle, die als schmale Bandnudeln im Italienischen aber eine gänzlich andere Etymologie haben.

Der Schriftsteller und Politiker Ernst Toller hat in seinem expressionistischen Drama „Hinkemann“ geschrieben: „Jeder Tag kann das Paradies bringen, jede Nacht die Sintflut.“ Dem muss entgegengesetzt werden, dass es auch andersherum kommen kann.

Und um zum Schluss eine sehr viel grundsätzlichere Frage ins Spiel zu bringen: Der Tag ist zwar 24 Stunden lang, aber wie breit ist er eigentlich?