29. Jahrgang | Nummer 14 | 31. August 2026

Vier Gedichte

von Axel Reitel

Roter Stein

 

Roter Stein vom Ettersberg, Roter Stein, nicht Nacht,

Nacht, schwarze Limousine,

Sechstürig wie der Tod, der sein Reich in Mohnblüten hat.

Roter Stein der weißen Schatten, grau wie Rauch,

Grausame Blume Wahrheit, wie Wasser

Nach dem Bade der geretteten Haut

Die Geretteten weckt die Frühe der Träume

Wie ein tanzendes und frostiges Licht.

Roter Stein Holunder, aufgehoben habe ich dich,

nicht Nelke, nicht Mohn,

Tag im Monat Juley, im Herzen die Gnade der späten Geburt, doch bang

Drang eine Stimme, beauty face,

Aus einer Limousine schwarz am Ohr vorbei:

Heute kommt kein Zug mehr an! (Und lachte und fuhr weiter)

Roter Stein der weißen Schatten, grau wie Rauch,

Schwarze Stimmen sind zu hören, schwarze Schatten

Ein neues Nachtlied, Nelke Mohn, klingt wie ein uralt Lied heran –

Im Walde schlafen wieder die Vögel

die toten Generäle ruhen mit ihren Toten auch

unten in den Städten spürest du

von solchen Morden kaum einen Hauch.

Alles behind und long ago, die Nächte haben bunte Lichter, Neon, Mohn,

kaum noch Juden, ’n paar Maudits, die’s auch nicht übersteh’n,

Bis dahin ab ins Dancehouse Funny, Veilchenschlager, Trips und Phon.

Ach, Roter Stein vom Ettersberg, Holunder, Remember,

Alles auf einmal – auf meinem Vertiko im Kreis von Steinen aus

Solingen, Sarajevo, Jericho,

Liegst du so friedlich, draußen rufen die Vögel

über keinem Wipfel ist Ruh’.

 

Exkursion

 

Ich, sagte sie, atme.

Ich, sagte er, erfinde das Rad.

Es blieb von ihnen eine dünne Spur.

 

Wieviel Liebe überlebt den langen pandemischen Winter?

 

Wieviel Liebe überlebt den langen pandemischen Winter?

Wird es heißen,

die Pandemie ist vorüber, die Welt blieb der Liebe treu?

Oder wandelt Vernunft sich zum Zugvogel

und zurückbleibt die Religion Egomanie?

Liegt der Himmel unter deinen eigenen Interessen?

Siehst du in der Politik den tätigen Feind?

Es hieß, der Krieg war vorüber, die Welt verliebte sich neu.

Truman verhinderte vierunddreißig Atombomben auf China.

Wie froh war ich, Chi, als ich dich gestern sah,

was klang wie krachendes Glas liegt in den Ohren,

so sehr es uns reut.

Wird es der längste Film, den alle auf der Welt gemeinsam sehen?

Was gibt man allen uns zu verstehen?

Defoe floh nach Oxford, wo die Seuche keinen auch nur berührt,

obwohl von ihrem himmelschreienden lästerlichen Hang

das Virus auf die ganze Nation übersprang.

Kommt unsere Welt noch in Gang, wo die Trauben darauf warten,

in den Mund uns zu fallen im erhaltenen Menschenrechtsgarten?

Was ist nie zu viel gesagt? Was ist viel zu wenig gefragt?

Wie wir mit Covid-19 geschlagen wurden

und drei Prozent der Menschheit starben?

Ab ovo ist nicht drin, doch macht nur ovo Sinn.

Erhalten wir uns. Freilich wird viel Liebe überleben,

daß es heißt,

überleben Liebende die Liebe vielleicht nicht,

geht sie erreichbar voran und strahlt als immerwährendes Licht.

 

Epilog

 

Das Böse wandert,

die Freiheit steht nicht still,

wer für sich mäandert,

braucht weder Druck noch Drill.

Übernahme aus Poesiealbum 369, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2022, mit freundlicher Genehmigung des Autors.