In den letzten Jahren werde ich häufig vermittels meiner Beschäftigung mit den „Ostdeutschen“ auf die DDR „zurückgeworfen“. Das war mein Staat und ich wollte ihn verbessern, damit er meinem Bild von ihm ähnlicher werde. Er kam mir durch Flucht in den Westen abhanden. So wie Volker Braun im Gedicht „Das Eigentum“ lakonisch schrieb: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.“ Immer wieder musste ich gegen gewollte oder ungewollte Missverständnisse erklären: Ich wollte die DDR nicht erhalten, wie sie war. Mir fehlt jene DDR, in die wir die real-existierende hätten verwandeln können.
Aber ist das schon meine ganze Identität? Ich fühle mich der Region Osteuropa verbunden, nicht nur professionell, als Politikwissenschaftler, der sich mit der Geschichte und Gegenwart jener Region umfassend beschäftigt hat, sondern auch biografisch. Meine Mutter kommt aus einer Gegend, wo Osteuropa, wo Russland immer nahe war, aus Stallupönen, im Osten Ostpreußens gelegen. Und die Familie meines Vaters? Sie kommt aus der Altmark, aus Salzwedel und Umgebung. Und ich weiß, hier wurde bis ins frühe 18. Jahrhundert nicht nur Deutsch gesprochen, sondern auch „Polanisch“, ein westslawischer Dialekt. Salzwedel hieß in dieser Sprache „Ljosdit“, was wohl von „les“ – Wald – abgeleitet worden ist.
Die Burg Salzwedel war einer der Ausgangspunkte der „deutschen Ostexpansion“, welche die Stammesverbände der Slawen, verdrängte, deren Herrschersitze zerstörte oder übernahm. Germanen und Slawen lebten lange nebeneinander und mischten sich wohl auch. Und von Westen her kamen Franzosen und Holländer, von Norden die Dänen und auch Schweden. Friedlich häufig, kriegerisch manchmal. Eine Melange ist auf diesen Wegen entstanden: Deutschland, aber normal.
Ich bin von meinem familiären Ursprung her nahe den Slawen. Also ein deutschsprechender Russe, äh, Pole, wie Arnulf Baring uns mal abqualifizieren zu müssen meinte. Und auf dem Alexanderplatz verspürte er den heißen Hauch der asiatischen Steppe. Hunnengefahr! In seinen Sprüchen schwang ein altes, altdeutsches, Sentiment mit: „Alles was an Schlechtem die Ostgebiete“ Deutschlands heimsuchte, war slawischen Ursprungs, so erinnerte Ingar Solty kürzlich in einem Interview an dieses tiefsitzende Vorurteil ehrwürdigen Alters. Und im 20. Jahrhundert nahm „der Russe“ die Gestalt des Bösen an, bis hin zum „Untermenschen“ in der Nazi-Propaganda. Und in einem der beiden deutschen Staaten, dem westlichen, lebte dieses Feindbild nach 1945 fort, offensichtlich auch in einem kultivierten Historiker wie Baring, und feierte nach 1990 fröhliche Urständ.
Aus diesem Salzwedel und weg von meinen Vorfahren, die Bauern, Handwerker und Angestellte waren, zog ich dann in die weite Welt. Zuerst nach Berlin, Hauptstadt der DDR, zum Studium, dann nach Moskau, zur Aspirantur, schließlich zurück und danach in das ganze Berlin, jenes nach dem Mauerfall. Dann trieb es mich nach Prag, an die ehrwürdige Karls-Universität. Auch dort spürte ich meine Wurzeln, nicht die slawischen, aber die reformsozialistischen. Unter meinen Kolleginnen und Kollegen waren solche, die vor dem 21. August 1968 für einen anderen Sozialismus kämpften und nach dem Zerbrechen des Traums ihre Arbeit verloren, Jan, Michal, Alena, Miroslav. Der Sturm der Geschichte trieb mich dann ins Rheinland. Im Verhalten der Angestellten meines dortigen Instituts untereinander und zu mir spürte ich die Verwandtschaft mit der in meinem Osten verlorengegangenen „arbeiterlichen Gesellschaft“. Schließlich kamen lange Jahre in der kaiserlichen Residenzstadt Wien. Wieder spürte ich eine andere Geschichte. Hier knüpfte ich eine erneute Verbindung mit dem „Osten“. Galizien, der Balkan – intensiv präsent, nicht nur in Wien am Rennweg.
Was ist meine Identität? Was bewirkt sie? Wo ist ihr Sitz, in meinem Körper?
Jedenfalls weiß ich, was sie nicht ist. Sie ist nicht konturenscharf, lässt sich nicht an die Wand nageln. Sie liegt nicht in meinem Blut verborgen oder, modern gesprochen, nicht in meinen Genen. Sie ist in meinem Gefühl, meinen Werten, meinem Denken, selbst in meinen Verhaltensroutinen beheimatet.
In der Aspirantur, 1975-1978, habe ich übrigens auch gespürt, dass ich deutsch sozialisiert bin, also nicht nur ostdeutsch, abgelesen am Maßstab des erlebten andersartigen Alltagsverhalten meiner neuen Umgebung. In Wien nach 2005 vermutete ich sogar einmal, dass meinem Verhaltenskodex von einem, nun ja, preußischen Impuls geformt wurde. Nicht einfach das Streben nach Übersichtlichkeit, Ordnung, auch mein Arbeitsethos. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Das erlebte Andere lässt die eigenen Routinen und ihre möglichen Ursprünge deutlicher hervortreten.
Ich verstehe aus meinen biografischen Wanderungserfahrungen heraus sogar die Angst vor dem Fremden, das offenbar viele Wähler der AfD angesichts der Einwanderung nicht nur anders aussehender und unverständlich sprechender, sondern sich auch sich anders verhaltender Menschen empfinden. Was ich dagegen ablehne, ist die Mobilisierung dieser Ängste für eine Politik, die alles Fremde weghaben will. Dieser enge Nationalismus ist gefährlich für unser Zusammenleben. Besonders wenn er sich als „Patriotismus“ verkleidet. Er ist auch in keinem Sinne normal, jedenfalls nicht für eine aus Wanderungs- und Fluchtbewegungen über Jahrhunderte entstandene deutsche Gesellschaft.
Und ich stehe entschieden auf gegen eine Aufrüstung, für deren Legitimierung uralte Russophobien instrumentalisiert werden. Dabei werde ich nicht nur durch meine vielgestaltige, dem Osten neugierig zugewandte, Identität getragen. Diese Aufrüstung ist gefährlich, selbst wenn sie in den Krieg – den sie zu verhindern behauptet – dann doch nicht schlafwandelt. Sie ist auch schädlich wegen der Vergeudung von nationalem Reichtum, der dann für andere, dringendere Aufgaben fehlt. Sie tritt an die Stelle der erforderlichen sozialen und ökologischen Transformation zur Sicherung der menschlichen Fortexistenz auf unserem wunderschönen, einsamen blauen Planeten.
Aus dem vielfachen Nachdenken und Sprechen über unsere Identität auf der Angora, dem Marktplatz der Demokratie, kann vielleicht doch eine andere Politik entstehen. Das wäre meine Hoffnung.
Schlagwörter: Deutsch, Dieter Segert, Herkunft, Identität, Slawen

