29. Jahrgang | Nummer 14 | 31. August 2026

Sichtweisen von Frauen auf Frauen

von Viola Schubert-Lehnhardt

Die Wienerin Samra Kljajic studierte internationale Entwicklung, folgte dann jedoch ihrer Leidenschaft für Geschichte. Das vorliegende Buch beginnt sie mit der Frage „Wer oder was ist eigentlich eine Femme fatale?“ Sie verfolgt im Text deren Spuren von der historisch als erste belegten unkonventionell und selbstbestimmt auftretenden Frau, Lilith (altorientalischer weiblicher Dämon), über weitere Personen, die weibliche Macht besaßen, nutzten und verloren.

Da Herrschaft als männliches Privileg verstanden wurde (und teilweise noch wird) wurden deren Spuren häufig aus der Geschichte getilgt; die Frauen mit Hilfe von Gerüchten diffamiert oder als absolute Ausnahmeerscheinungen erklärt.

Schon die Mythen der Antike sind nicht neutral. Sie schufen Hierarchien, sortierten die Welt, definierten, wen eine Kultur zu verehren und wen zu verachten habe. Trotzdem gab es Königinnen/regierende Frauen, die uns bis heute mehr oder weniger bekannt sind – Kleopatra nahezu allen, die chinesischen und japanischen Kaiserinnen in unserem Kulturkreis kaum. Insofern ist es hervorhebenswert, dass diese nicht nur ebenfalls ausführlich besprochen werden und dass es zu allen Damen Bilder gibt.

Der folgende Abschnitt beginnt mit der Frage, wie man eigentlich Königin wird – die Wege waren durchaus unterschiedlich. Vielfach gaben die Frauen sich einen männlichen Titel, um ihren Machtanspruch zu untermauern. Dies gilt auch für die uns bekannten englischen Königinnen, von denen uns vor allem die im Nachhinein verbreiteten Skandale bekannt sind. Dass sie auch „Architektinnen des Friedens“ waren, so die Überschrift eines Kapitels, taucht in der männlich dominierten Geschichtsschreibung dagegen kaum auf. Hierzu schätzt die Autorin ein, dass weibliche Herrschaft nicht trotz, sondern wegen dynastischer Krisen möglich wurde und dass Mutterschaft weibliche Macht ermöglichte, jedoch auch begrenzte. Weiterhin waren diese Frauen Wegbereiterinnen des kulturellen Austausches, da sie Kultur, Tradition und Gewohnheiten ihres Herkunftslandes in die Ehe einbrachten. Durch die von ihnen erwarteten Teilnahmen an Pilgerreisen, wohltätigen Stiftungen und religiösen Praktiken wurden sie teils zu moralischen Vorbildern, beziehungsweise konnten als Vermittlerinnen wirken, indem sie Fürbitten entgegen nahmen und im Hintergrund so Einfluss ausüben konnten.

Häufig waren Frauen jedoch im sogenannten „Heiratskarussel“ gefangen, es ging also selten um romantische Liebensentscheidungen, sondern um die Regelung von Besitz, Erbe und sozialer Sicherheit.

Im weiteren beschäftigt sich die Autorin mit Mätressen, Kurtisanen und Spioninnen – allen voran Mata Hari.

Die Autorin hat dieses Buch ausgerechnet am 8. März vollendet und deutet dies als Zeichen dafür, dass die Geschichte aller Frauen noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Einen weiteren Beitrag dazu leistet die freie Journalistin und Podcasterin Rebekka Endler. Sie beschäftigt sich mit unserer Wahrnehmung beim Umgang mit Nachrichten über Frauen von der Antike bis heute. Dabei analysiert sie sowohl Grabenkämpfe innerhalb feministischer Richtungen, als auch zwischen anderen marginalisierten Gruppen. In Deutschland spielen dabei sowohl fake news als auch der gesellschaftliche Rechtsruck eine maßgebliche Rolle.

Zu Beginn geht sie darauf ein, wie eigentlich ein bestimmter Kanon entsteht. „Wer entscheidet, welches Wissen in einer Gesellschaft entsteht, archiviert und an die nächste Generation weitergegeben wird?“ Ein Problem der Moderne ist dabei, dass häufig die Quellen von Mitteilungen nicht bekannt seien und Inhalte nur noch als Hashtags im Äther herumflögen, anstatt dass „frau“ an konkrete „Akteur*innen“ und deren Forderungen anknüpfen würden. Feministische Gedanken verlören so ihr Aktivierungspotential und würden zu hohlen Floskeln …

Auch die Auswahl bestimmter Ereignisse durch die Medien bestimme beziehungsweise verzerre unsere Wahrnehmung – so wurden in Zeiten solcher gravierender Ereignisse wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine und Corona vor allem Schlagzeilen dazu gemacht, dass die finnische Premierministerin Tanzmoves veröffentlicht habe und ähnliches. Ein weiteres Beispiel sei die Berichterstattung über Greta Thunberg – vielfach werde nicht über deren Umweltengagement berichtet, sondern über einzelne Sätze, die sie irgendwo in einem anderen Zusammenhang gesagt habe.

Andere Frauen, die wir als Heldinnen kennen, werden „glattgeschliffen“ (hier nennt sie Rosa Parks), so dass die Komplexität der Person nicht mehr sichtbar wäre. Momente der Unvollkommenheit werden nicht anerkannt, Frau müsse stets perfekt sein, um ihr zu glauben respektive sie als Opfer anzuerkennen.

Diese verzerrte Berichterstattung beginne bereits bei unseren Erzählungen über Ur- und Frühmenschen, denen eine nicht belegte rigorose Trennung der Geschlechter unterstellt würde. Es setze sich fort bei Übersetzungen antiker Literatur – Frauen läsen bestimmte mythologische Erzählungen ganz anders als Männer, deren Übersetzungen würden jedoch weniger beachtet. Es gibt keinen geschlechtsneutralen Umgang mit Literatur, lautet ihr Fazit – und: Mehr Bildung ist notwendig, um diese Sichtweisen zu verändern.

Samra Kljajic: Femme Fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte. dtv Verlagsgesellschaft, Münschen 2026, 400 Seiten, 15,00 Euro.

Rebekka Endler: Witches, Bitches, IT-Girls: Wie patriarchale Mythen uns bis heute prägen. Rowohlt Verlag, Berlin 2025, 464 Seiten, 25,00 Euro.