Der grundlegende Irrtum im europäischen Denken besteht in der Annahme, Russland werde eher eine Niederlage, seinen Niedergang und seinen Zerfall hinnehmen, als sein derzeitiges Waffenarsenal einzusetzen. Dabei geht es […] um Atomwaffen […].
Dmitri Trenin, Präsident des Russian International Affairs Council (RIAC)
Oktober 1962 – ein, wenn nicht der Höhepunkt des ersten Kalten Krieges. 1959 hatten die USA begonnen, in der Türkei atomar bestückte Mittelstreckenraketen (medium-range ballistic missiles, MRBM) vom Typ Jupiter zu stationieren, insgesamt 15 Systeme (weitere 30 in Italien), die über eine Reichweite von mehr als 2400 Kilometern und jeweils einen 1,44 Megatonnen-Sprengkopf verfügten. Sie konnten binnen Kurzem strategische Ziele und wichtige Städte in der Sowjetunion erreichen. Einschließlich Moskau.
Der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow soll davon im Mai 1962 bei einem Staatsbesuch in Bulgarien erfahren haben. Moskau, das seinerzeit noch über kein vergleichbares Arsenal an atomaren Interkontinentalraketen und Langstreckenbombern verfügte, reagierte unverzüglich – mit dem Versuch, seinerseits atomare Mittelstreckenraketen auf Kuba zu installieren. Vorgesehen waren 40 Flugkörper mit Reichweiten bis zu 4500 Kilometern und mit Sprengköpfen in Stärke von je einer Megatonne. Insgesamt sollte ein Expeditionsheer von 40.000 Mann entsandt werden, Panzereinheiten und modernste Luftabwehrsysteme eingeschlossen. Auch vier Jagd-U-Boote mit zusammen 22 Torpedos, darunter je Schiff auch ein atomarer, waren nach Kuba in Marsch gesetzt worden; die Einsatzfreigabe war vor dem Start der Mission erteilt worden.
Im Oktober 1962 kam es zur Eskalation bis an den Rand eines Nuklearkrieges:
15. Oktober: Ein US-Höhenaufklärer vom Typ U-2 fotografiert über Kuba. Bei der Auswertung der Aufnahmen werden Mittelstreckenraketen entdeckt.
16. Oktober: Präsident John F. Kennedy beruft eine geheime Beratungsgruppe (Executive Committee of the National Security Council, kurz ExComm) ein. Bei deren Debatten in den folgenden Tagen zieht Kennedy auch ein Tauschangebot in Erwägung: Bei einem Abzug der sowjetischen MRBM von Kuba könnten im Gegenzug die amerikanischen Jupiter aus der Türkei verschwinden.
18. Oktober: Kennedy empfängt, was bereits länger zuvor vereinbart worden war, den sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko. Der Präsident wiederholt, er beabsichtige keine Invasion Kubas, und betont, es werde „schwerwiegende Folgen“ haben, falls die Sowjetunion offensive Boden-Boden-Raketen nach Kuba bringen sollte. Gromyko erklärt mit Nachdruck, dass die von der Sowjetunion an Kuba gelieferten Waffen lediglich defensiver Natur seien, und berichtet nach Moskau, im Hinblick auf Kuba sei die amerikanische Haltung vollkommen zufriedenstellend.
22. Oktober: Kennedy informiert die Öffentlichkeit über die sowjetischen Raketen und verkündet eine Seeblockade gegen Kuba. Er warnt: „Es wird die Politik unseres Landes sein, jeden Abschuss einer Atomrakete von Kuba aus gegen irgendeine Nation der westlichen Hemisphäre als einen Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten Staaten anzusehen, der einen umfassenden Vergeltungsschlag gegen die Sowjetunion erfordert.“ – Kuba ansteuernde Schiffe mit Ladungen für das sowjetische Expeditionskorps werden daraufhin von Moskau zurückbeordert.
26. Oktober: Chruschtschow erklärt sich bereit, die MRBM im Falle einer Verzichtserklärung Washingtons bezüglich einer Invasion Kubas abzuziehen.
27. Oktober („schwarzer Samstag“): Kennedy erreicht die Nachricht, Chruschtschow habe öffentlich erklärt, die sowjetischen Raketen im Falle eines Abzugs der Jupiter aus der Türkei heimzuholen. Am gleichen Tag kommt es zu militärischen Zwischenfällen: Über Kuba wird von der dortigen sowjetischen Luftabwehr (wie schon 1960 tief in der UdSSR bei Swerdlowsk/Jekaterinburg) eine U-2 abgeschossen, der Pilot kommt ums Leben. – Im Bereich der Seeblockade hatte die US-Marine die vier U-Boote entdeckt und zwei davon mittels Übungswasserbomben zum Auftauchen veranlasst. (Ein drittes entkam Richtung Heimat.) Am 27. Oktober 1962, nach viertägiger Jagd durch US-Schiffe, ist der Kommandant des letzten U-Bootes, so wird das Magazin The National Interest Jahrzehnte später berichten, entschlossen, den Abschuss des Atomtorpedos freizugeben. (Das hätte wahrscheinlich einen nuklearen Weltkrieg ausgelöst.) Erst nach einer Auseinandersetzung an Bord kommt es dazu nicht, sondern das Boot taucht ebenfalls auf.
Ein Kompromiss zwischen den USA und der UdSSR zur Beilegung der Krise kommt trotzdem zustande: Abzug der sowjetischen MRBM gegen Invasionsverzicht der USA bezüglich Kuba (öffentlich erklärt) und gegen Abzug der Jupiter aus der Türkei (geheim zugesagt).
In der Folge verlässt das sowjetische Expeditionskorps die Zuckerrohrinsel. 1963 halten auch die USA ihre Zusage ein: Die Jupiter werden aus der Türkei rückverlegt; dito aus Italien.
Nachbemerkung: Während der Krise waren die sowjetischen Mittelstreckenraketen auf Kuba noch nicht einsatzfähig. Gleichzeitig drängten Militärs Kennedy zu einem Bombardement Kubas mit anschließender Invasion, was dieser jedoch ablehnte. Erst Jahrzehnte später wurde bekannt, was die Amerikaner erwartet hätte: Zum Schutz ihrer Raketen gegen einen Angriff von US-Bodentruppen hatte Moskau auch zwei Regimenter mit jeweils 80 nuklearen Marschflugkörpern (Reichweite rund 180 Kilometer; Sprengkraft zwischen fünf und zwölf Kilotonnen) sowie weitere Einheiten mit Kurzstreckenraketen (Reichweite etwa 40 Kilometer; Sprengkraft zwei Kilotonnen) nach Kuba verlegt. Und diese Atomwaffen waren einsatzbereit. – Robert McNamara, Verteidigungsminister in Kennedys Kabinett, resümierte in dem 2003 erschienenen Dokumentarfilm „The Fog of War“: „Ich möchte sagen […], dass wir am Ende Glück hatten. Es war Glück, das einen Atomkrieg verhindert hat.“
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Am 21. Juli 2026 verbreitete das russische Staatsmedium RT DE einen Beitrag des Politologen Dmitri Rodionow und stellte ihn unter die Überschrift: „Nuklearer Ring um Russland: Die NATO zieht Atomwaffen an den russischen Grenzen zusammen“. Der Beitrag war zuvor auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen, dort allerdings unter dem Titel „Как разорвать ядерное кольцо вокруг России“ („Wie der nukleare Kreis um Russland zu durchbrechen ist“).
In Gestalt der NATO war die Sowjetunion während des ersten Kalten Krieges seit den 1960er Jahren nicht nur mit drei feindlichen Atommächten (USA, Großbritannien, Frankreich) konfrontiert, sondern mit etlichen weiteren NATO-Mitgliedstaaten, in denen die USA taktische Kernwaffen lagerten, die mit nationalen Kampfbombern der betreffenden Staaten zum Einsatz gebracht werden sollten. Dieses System der sogenannten nuklearen Teilhabe (siehe Blättchen 10/2020 [1] und 11/2020 [2]), beschlossen 1957, existiert in fünf NATO-Staaten bis heute. Worauf Rodionow verweist, ohne die Staaten konkret beim Namen zu nennen: Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande, Türkei. (Ankara soll jedoch seit einigen Jahren keine nationalen Trägermittel mehr attachiert haben.) Und was den Grad der gegenseitigen Feindseligkeit zwischen der NATO und Russland anbetrifft, so wird das Niveau des ersten Kalten Krieges spätestens seit Moskaus Invasion in der Ukraine im Jahre 2022 deutlich übertroffen. Seither nutzt die NATO die Gelegenheit, Russland durch militärische Unterstützung der Ukraine sowie durch weitreichende wirtschaftliche Sanktionen direkt zu schwächen – mit dem erklärten Ziel, der nuklearen Supermacht eine strategische Niederlage beizubringen.
Darüber hinaus, so Rodionow ebenfalls, sind seit einigen Jahren zunächst in Rumänien und dann auch in Polen US-Raketenabwehrsysteme vom Typ Aegis Ashore stationiert, mit deren Mk-41-Abschussanlagen auch nukleare Tomahawk-Marschflugkörper (Reichweite bis zu 2500 Kilometer) gestartet werden können (siehe dazu Blättchen 4/2019 [3] und 5/2019 [4]). Das sei laut Radionow „nur eine Frage der operativen Anlieferung der erforderlichen Sprengköpfe, sofern diese nicht sogar bereits vor Ort sind [Hervorhebung – S.].“ Für die letztere Mutmaßung liegen zumindest bis dato allerdings keine belastbaren Indizien vor.
Den Fokus seines Beitrages legt Rodionow auf aktuelle Entwicklungen in weiteren NATO-Staaten:
– Litauen und Lettland hätten ihre Absicht bekundet, Kräfte zur „nuklearen Abschreckung“ auf ihrem Territorium zu stationieren. Dazu müsse Litauen Artikel 137 aus der Verfassung streichen, der ein Verbot der Stationierung von Massenvernichtungswaffen, einschließlich Atomwaffen, im Land vorsehe. Das litauische Parlament habe sich bereits für die Aufhebung dieses Verbots ausgesprochen.
– Der finnische Präsident Alexander Stubb habe die vom Parlament verabschiedeten Änderungen des Atomenergiegesetzes und des Strafgesetzbuchs gebilligt, mit denen das Verbot der Einfuhr, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes von Atomwaffen auf finnischem Staatsgebiet aufgehoben worden sei.
– Estland sei bereit, auf seinem Staatsgebiet Flugzeuge der NATO-Verbündeten aufzunehmen, die Atomwaffen transportieren könnten – dies habe der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur erklärt. Damit würde dem Land de facto der Einstieg in die nukleare Teilhabe der NATO ermöglicht.
– Polen habe erneut an seine nuklearen Ambitionen erinnert. Der Leiter des polnischen Büros für Sicherheit, Bartosz Grodecki, habe nach Gesprächen mit dem stellvertretenden US-Verteidigungsminister Elbridge Colby geäußert, dass die USA ihre Bereitschaft bekundet hätten, Polen in das System der nuklearen Teilhabe aufzunehmen.
– „Ein weiterer Standort für US-Atomwaffen könnte Schweden werden.“ Rodionow meint, das wäre durchsetzbar, obwohl sich die damals regierende Sozialdemokratische Arbeiterpartei im Mai 2022, als der Beitrittsprozess Stockholms zur NATO gerade erst eingeleitet wurde, offiziell gegen die Stationierung von Atomwaffen auf dem Staatsgebiet ausgesprochen habe.
Verwunderlich ist, dass Rodionow in seiner Auflistung nicht auch diesen Sachverhalt benennt: Handfeste Indizien sprechen dafür, dass die USA 2025 erstmals seit 17 Jahren wieder landgestützte Atomwaffen nach Großbritannien verlegt haben, auf die Luftwaffenbasis Lakenheath in Suffolk. Darüber berichtete unter anderem das Magazin Newsweek am 22. Juli 2025. Wahrscheinlich handelt es sich um Bomben vom neuesten Typ B61-12. (zu diesem Waffensystem Blättchen 23/2017 [5].)
Für Rodionow steht demzufolge fest: „Die NATO rückt Atomwaffen näher an die Grenzen Russlands heran.“ Und RT DE legte mit seiner Überschrift, die NATO ziehe an den Grenzen Russlands Atomwaffen zusammen, noch eine Schippe drauf. Propaganda übertreibt bekanntlich gern. Auf allen Seiten. Gern auch maßlos …
Fakt ist, dass Washington den atomaren Möchtegernen an der NATO-Ostflanke, mit direkten Grenzen zu Russland, bisher die kalte Schulter zeigt. Selbst von Colby verlautbarte nach seinem Gespräch mit Grodecki im Juli 2026 auf X lediglich: „Ich hatte heute die Ehre, Minister Bartosz Grodecki im Pentagon willkommen zu heißen. Wir führten ein sehr produktives Gespräch zu zahlreichen Themen, darunter die Verstärkung der amerikanischen Truppenpräsenz in Polen und die Weiterentwicklung von ‚NATO 3.0‘.“
Mehr noch: Die Trump-Regierung hat die erklärte Absicht ihrer Vorgängerin unter Joseph Biden gecancelt, ab 2026 konventionelle Offensivsysteme in Deutschland zu stationieren. Darunter Hyperschallraketen vom Typ Dark Eagle, die mit ihrer Reichweite (bis zu 3000 Kilometer), Treffgenauigkeit und extrem kurzen Vorwarnzeit strategische Ziele im europäischen Teil Russlands bedroht hätten. An einer weiteren Zuspitzung der Beziehungen zu Russland, speziell auf strategischer Ebene, besteht in Washington derzeit augenscheinlich kein Interesse. Anderenfalls würden sich die USA selbst einem erhöhten existenziellen Risiko aussetzen.
Trotzdem ist Rodionows einzige Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage, wie die nukleare Einkreisung Russlands zu durchbrechen sei, „russische Raketen [überall – S.] dort zu stationieren, wo dies möglich ist“. Alles so, „wie in den angespanntesten Jahren des Kalten Krieges“.
In Belarus war es möglich und ist bereits geschehen. Allerdings tangiert diese Stationierung taktischer Kernwaffen Russlands die Sicherheitsinteressen der USA nicht unmittelbar. Dafür käme, wenn es denn unbedingt landgestützte Atomwaffen substrategischer Reichweite sein sollten, nach wie vor tatsächlich nur Kuba infrage – ein Land, dass von den USA unter Trump gerade auf eine Art und Weise geschurigelt, ja erdrosselt wird, dass es einem entsprechenden Ersuchen Moskaus möglicherweise noch zügiger zustimmte als weiland Fidel Castro.
Demnächst also Kuba-Krise 2.0?
Man wird sehen …
PS: Heute stehen Moskau andererseits völlig andere Waffensysteme zur Verfügung als 1963, um die USA vor ihrer Haustür atomar zu bedrohen. Schon 2012 soll etwa ein russisches Träger-U-Boot der Akula-Klasse mit strategischen Atomraketen wochenlang im Golf von Mexiko unterwegs gewesen sein, ohne dass es von der U-Boot-Abwehr der USA aufgespürt worden wäre.