29. Jahrgang | Nummer 14 | 31. August 2026

„Mehr Russen töten!“

von Karl Wimmler

Nicht alle haben sich aufgeregt. Nicht weil viele Bürger einverstanden wären mit den Ausfälligkeiten des FAZ-Journalisten Michael Martens, sondern weil eine erhebliche Zahl an Menschen nicht mehr zuhört, wenn die Leitmedien ihre immergleichen Berichte über das tägliche Sterben in der Ukraine, selten über jenes in Russland, ebenso täglich in ihren Medien auf und ab vom Stapel lassen. Für das offizielle Deutschland gehört Pöbeln gegen Russland inzwischen zum guten Ton, bei dem viele inzwischen weghören. Fassungslos waren hingegen Pazifisten, Kriegsgegner, Humanisten, Sozialisten, Kommunisten und andere Menschen mit kritischem Blick auf die Weltlage.

„Können Sie uns Europäern konkret sagen, was wir tun können, um ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten?“ Nach einer Pause: „Mehr russische Soldaten, natürlich,“ fragte Michael Martens am 8. August 2026 Ukraines Wolodymyr Selenskij in Anwesenheit des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić in Belgrad. Ohne sich anzumaßen, für „uns Europäer“ zu sprechen geht’s für einen FAZ-Journalisten nicht. Er reiht sich damit ein in die deutschen Eliten, die immer unverblümter als „Führer der EU“, vulgo „Europas“, auftreten und deren Kanzler mit der minimalsten Zustimmung der Bevölkerung in Kürze mit der „stärksten Armee“ der EU-Länder „kriegstüchtig“ sein will. Auch wenn das in den letzten Wochen bereits oft zitiert wurde, muss es hier wiederholt werden: Martens beließ es nicht bei seinem Aufruf zur Tötungsunterstützung. Auf den Sturm der Entrüstung antwortete er: „Wie werden Kriege beendet? Indem Soldaten getötet und die Infrastruktur des Gegners zerstört wird. Lest Memoiren aus dem 2. Weltkrieg. Seht, was Russland mit der Ukraine macht. Nur wenn die freie Welt mehr russische Soldaten töten kann, als Putin ersetzen kann, wird er gezwungen, ihn zu beenden.“

Wenn dieser Mann auf den Zweiten Weltkrieg und Memoiren verweist, ist unklar, ob er weiß, wovon er spricht. Wurden damals doch bekanntlich viel mehr Sowjetbürger, vulgo „Russen“, getötet als Deutsche. Haben die Deutschen gesiegt? FAZ-Logik? Eine Zeitlang davor hatte er erklärt: „Vor der Reise nach Breslau hatte ich beschlossen, mich an keinen politischen Diskussionen über Israel zu beteiligen, sollten solche aufkommen. Als Deutscher und Nachkomme eines Offiziers im Stab der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hielt ich es für angebracht, zu schweigen.“ – Was immer er aus den Memoiren oder Erzählungen seines Großvaters entnommen hat, der Kommissarbefehl dürfte es nicht gewesen sein. Und die Vernichtung von Millionen Weißrussen, Russen und anderen zivilen Sowjetbürgern veranlassten diesen Mann nicht zum Schweigen gegenüber „Russen“. Diese bleiben für ihn wohl die Untermenschen, die sie für die Wehrmacht waren. Deutsche Verbrechen gab es allerhöchstens an Juden. Die geopolitische Rücksicht wie gegenüber den Israelis gilt für die Russen nicht, auch weil Leute wie Martens die Ergebnisse des Nürnberger Prozesses, bei dem nicht der Holocaust im Mittelpunkt stand, offenbar nie zur Kenntnis genommen haben.

Die FAZ setzte mit einem Dementi noch eins drauf: Es sei „nicht die redaktionelle Linie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten“. So weit hat sich diese Journaille bereits barbarisiert, dass sie dementieren muss, was aus ihrem täglichen Buchstabensalat geschlossen werden kann. Und auch sie verteidigt die klassische deutsche Reduzierung der NS-Herrschaft auf die Judenvernichtung und deren Umpolung auf die Unterstützung Israels.

Insbesondere seit dem Anschluss der DDR wurden die Verbrechen des NS-Staats auf den Holocaust eingeschränkt, um damit freie Hand sowohl für innenpolitisches Kujonieren jeglicher Opposition zu bekommen („Antisemitismus!“) als auch außenpolitisch zu glauben, damit mit weißer Weste glänzen zu können („Vergangenheit vorbildlich bewältigt“).

Nur nehmen eine solche Wiedergutwerdung Deutschlands immer weniger Menschen und Staaten seinen Eliten ab. Noch dazu, wenn der Journalist eines führenden Mediums des Landes seine angebotene Tötungsbeihilfe justament in einem Land verkündet, das im vergangenen Jahrhundert mehrmals seine einschlägigen Erfahrungen mit der deutschen Tötungsindustrie gemacht hat. Weshalb der serbische Präsident Vučić verstört auf Martens antwortete: „Was das Töten angeht – ich hoffe, dass das Töten aufhört.“ Und hat Martens daran gedacht, was passiert, wenn ukrainische oder russische Soldaten den Titel seines Buches aus dem Jahr 2011 zu Gesicht bekommen: „Heldensuche – Die Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte“? Aber wahrscheinlich war da nur der untadelige Großvater gemeint, der „als Offizier im Stab der Wehrmacht“ sicherlich nur „seine Pflicht erfüllt“ hat.