I. Eine verhängnisvolle Fahrt im Trabbi
Fünf Studenten der TH Ilmenau hatten 1979 Wind davon bekommen, dass im Harz etwas mit Chanson im Gange sei. Wir, Jazz- und Folkfans, sattelten den Trabbi. Wenn ein Grünspan an der Straße stand, warfen wir dem fünften Mitfahrer auf dem Hintersitz eine Decke über den Kopf. Er duckte sich, die Nase ans Tesla-Tonband gedrückt (sowas hatten Technik-Studenten immer dabei!). So kamen wir ins Kloster. Wurden eingelassen. Nachdem ich ein Lied vorstellte, durften wir sogar teilnehmen. Es war eine Vertonung aus dem Reclam-Büchlein „Zigeunerlieder“. Ich sang über die Brüste einer jungen Dame. Thommy Riedel meinte: „Das kann man schon machen, ein Frauenlied von einem Mann gesungen. Das mit den Brüsten ist aber doch etwas gewagt“. Damals. Heute? Wär voll im Trend. Ich war der Zeit also 50 Jahre voraus. Und seit 50 Jahren bin ich chansonsüchtig, so süchtig, wie man nur sein kann.
II. Edelsänger und Schwartenhälse
Da waren sie alle, die Rang und Namen hatten und irgendwann zu Preisträgern befördert wurden zu den Nationalen Chansontagen in der DDR: Piatowski & Rieck aus Rostock, Hans-Eckardt Wenzel aus Berlin, Stephan Krawczyk aus Gera, Joachim Schäfer, Ilona Schlott, Hubertus Schmidt und Susanne Grütz aus Leipzig mit ihrem Poeten Andreas Reimann. Und all die anderen. Dazwischen die Schwartenhälse und Straßenmusikanten wie Jens-Paul Wollenberg und die Huywäldler, Alt-Folkies und Brachialromantiker wie Jürgen B. Wolff mit Konzertinen und Dudelsäcken, dazu Kabarettisten wie Rainer Schulze. Im kleinen Kellerraum stand eine Truhe, dort setzte sich der Sänger, bereit zum Sängerkrieg, genau wie auf der Wartburg und dann wurde wettgejodelt und der Edel-Conférencier Wolfgang Schlemminger überreichte danach kleine Orden aus gebranntem Ton und kommentierte trefflich das Gehörte. Etwas Ansporn musste sein! Als Krönung winkte der jährliche Kreativitätspokal. Im Hintergrund saß Werner Bernreuther vor seinem Notizblock und fischte die besten Stücke heraus für die Abschlussveranstaltung. Im Nebengelass surrte Schlemmingers Tonband über die ganze Nacht im Aufnahmemodus, ein Mikrofon baumelte über der Truhe. Später wird Major Kolbe vom Infomationskombinat hinter diesem Wäschekorb voller Bändern her sein. Aber noch hat sie „Schlemmi“ in sicherer Verwahrung.
III. Zwei Enthusiasten: Schlemminger und Skibba
Es begann mit dem Dirigenten Eitelfriedrich Thom. Der versammelte in den 60er Jahren einige Geiger um sich und Wolfgang Schlemminger wurde als Violonistensohn die Ehre zuteil, auf die Pauke zu hauen. Als Paukist. Geübt, so wird erzählt, habe er zu Hause, indem er rhythmisch auf die Kissen schlug. Offenbar reichte das für ein Telemann-Orchester, wenn man so ein gutes Gefühl für Rhythmus und Sprache hat wie Schlemminger. Das Orchester gab ab 1968 Konzerte im Refektorium. Eitelfriedrich hatte die feste Absicht, die Klosterruine zu retten. Die war kurz vor dem Abriss und man plante sowas wie Garagenbau oder Gartenlauben auf dieser Fläche. Im Einsatz des NAW (Nationales Aufbauwerk – damals wurde tatsächlich aufgebaut, heute wird dekonstruiert) räumten sie an Wochenenden Schutt und Steine weg und der Paukist griff abends am Lagerfeuer zur Gitarre, sang einige Jahre später im Duett mit Wolf-Dieter Skibba. Die Begeisterung steigerte sich, man lud im Sommer Freunde ein, sogar Gerhard Schöne kam mal und aus diesen Treffen entstand die Idee der Chansontage. Auch das Duett war chansonsüchtig geworden und Wolf-Dieter ist es bis heute.
Die Zutaten zu einem Chansontreffen waren neben einem Eröffnungskonzert auch Beratung: Es kamen Theaterfachdozent Bernd Guhr, dazu Texter und Dramaturgen, vor allem Werner Bernreuther, der ab 1980 die künstlerische Leitung übernahm. Beate Grüning und Edelgard Niendorf von den Kulturkabinetten erledigten Organisation und Finanzierung. Eitelfriedrich war angetan davon, was sich in seinem Kloster so alles tat.
Dann wurde es ernst. Bernreuther, den wir heute den „Guru der ostdeutschen Liedermacher“ nennen, nahm sie alle unter seine Fittiche, nachdem er ihnen die Federn ausgerissen hatte. Sprich: mit Kritik nicht sparte. Seine „Schüler“ waren unter anderen Krawczyk, Schmidt, Norbert Bischoff, Frank Viehweg, ich auch. Nicht alle, die in Michaelstein dabei waren, haben ihre Preisträgerschaft den Chansontagen zu verdanken, die aber waren ein wichtiger Eckpfeiler.
IV. Ein Major vom Informationskombinat
Das konnte nicht lange gut gehen. Thommy Riedel hatte wohl sein Spezialgewächs vergessen: „Knoblauch hält die Schnüffler fern.“ Ulrich Kolbe (der Vater des Lyrikers Uwe Kolbe) reiste an, stellte sich vor als Mitarbeiter des Kulturministeriums. Bernreuther hatte hastig eine Vorstellungsrunde auf der Wiese einberufen und die meisten vorgewarnt, wer Kolbe sei. Der Major war also enttarnt, bevor er seine Legende spinnen konnte.
Unter dem Titel „Fliegenfalle“ sind seine gesammelten Werke über die Chansontage im MfS-Archiv nachlesbar – mit Teilnehmerlisten, „Portraits“ und „Analysen“. Es beginnt mit der Bemerkung, dass nur Schmidt/Grütz mit ihrem Repertoire dem Chanson zugeordnet werden könnten. Chanson (französisch) bedeutet in unserer Sprache Lied. Der Major hatte sicher nur Russisch gelernt. Sein 10-Punkte-Plan zur Unterwanderung der Chansontage ging insoweit auf, als nicht ein einziger dieser Punkte umgesetzt wurde. Dass der Genosse Spott aus der Kreiszentrale die Tage eröffnete und ihnen damit auch noch einen offiziellen Anstrich gab, sollte unterbleiben. Der Genosse Spott ließ sich aber vom Major nichts vorschreiben. Zu Bernreuther sagte er: „Mach dein Ding, ich halt’ dir den Rücken frei.“
Dass die Adressenlisten mit den Teilnehmern vervielfältigt wurden, damit man sich auch mal so treffen kann, hat ihm auch nicht gefallen. In der DDR – sich einfach mal so treffen? Ja, Züge fuhren und Busse auch. Pünktlicher als heute. Sehr missmutig machte ihn, welche Achtung die Teilnehmer dem Krawczyk (er hatte ja „nur“ den Preis des Kulturministers erhalten) und dem Reimann entgegenbrachten. Man müsse gestählte Genossen Liedermacher einladen, um die Richtung vorzugeben. Was dann auch geschah mit Jürgen E., den man das ganze Wochenende links liegen ließ. Später kam ein noch gestählterer Genosse Liedermacher, der sein Parteibuch allerdings schon abgegeben hatte und sein Auftrittsverbot genoss: Reinhold Andert. Er sang längst auf der Gegenspur und sammelte die Kollegen für seine Glasnost-Nächte auf dem Prenzlauer Berg.
Ja, und Schlemmis Wäschekorb voller Tonbänder? Alle Beweise auf einem Fleck! Der Major hat es nicht geschafft, wenigstens das zu erledigen. Offenbar war der Gestählteste von allen, er selbst, weich geworden und verschaffte gar dem Schwartenhals Jens-Paul Wollenberg mit seinem Dichterprogramm in Berlin „Muggen“, um den Singeklubs mal zu zeigen, wie man’s richtig macht. Das zur Theorie, die Liederszene sei aus der verordneten FDJ-Singeklub„bewegung“ hervorgegangen. Vielleicht umgekehrt?
V. Das Telemann-Orchester
Zu den Chansonkonzerten platzte das Refektorium aus allen Nähten. Zum Telemann-Orchester kamen weniger. Ein Drittel. Eitel Friedrich ärgerte sich darüber. Erzählte sein einstiger allertreuester Geiger Helge Scholz, zu den 50sten angereist mit Thommy Riedel. Auf seine Art bewahrt er das Andenken an den Telemann-Stockschwinger.
Das Kloster stand. Die Partei, deren ordentliches Mitglied Eitel Friedrich als braver Katholik war, stand hinter ihm. Major Kolbe im Nacken, der zuerst zwar mahnte in seiner streng geheimen Schriftenreihe „Fliegenfalle“: „Man kann sie besser kontrollieren, wenn sie einmal jährlich herkommen.“ Da die Zersetzungsmaßnahmen keine Früchte trugen, wurde der behördliche Hebel angesetzt. Auch über Eitel Friedrich. Das Verhältnis zu den Chansonniers verschlechterte sich zunehmend, da aber der Major in den allermeisten Teilnehmern Staatsfeinde sah, wurde das Verbot 1984 über den Rat des Kreises und die Partei durchgesetzt.
Nun reicht es manchmal aus, die richtige Frage zu stellen. Beate Grüning lag sie auf der Zunge: „Was wäre, wenn ein anderes Kulturhaus die Chansontage übernähme?“
Nur, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wurde die Möglichkeit nicht gleich verworfen. Wer würde sich sowas aufbürden?
Beate hatte offenbar schon ein Ass im Ärmel. Sie fanden dann von 1986 bis nach der Wende im Dorfkulturhaus Langeln statt.
1984. Gorbatschow führte Glasnost ein. Was Bernreuther im Kloster vorbereitet hatte, trug Früchte. Norbert Bischoff erhielt einen Preis bei den Nationalen Chansontagen, Susanne Grütz mit Hubertus Schmidt gleich zwei, das Duo Sonnenschirm auch. Dazu kamen Stefan Töpelmann und Thomas Riedel, ich ebenfalls. Im Land gärte es. Mit Zersetzung und Verboten kam man nicht mehr weiter. Major Kolbe verbuchte das vorläufige Ende der Chansontage zwar als Erfolg, war aber gescheitert.
Jens-Paul Wollenbergs Münzenberger Gevattern-Combo wurde endgültig verboten. Er zog um nach Leipzig. Und sang weiter.
VI. Das Chanson in der Diktatur?
Alles war kontrolliert. Die Presse. Der Rundfunk. Die Schallplattenfirma. Das Chanson war relativ frei. Die Freiräume dafür haben auch in den Chansontagen im Kloster ihre Ursache. Im Gegensatz zur Kollektivierung gab es hier eine ausgeprägte Individualität. Der Enthusiasmus von Wolfgang Schlemminger und Wolf-Dieter Skiba und der anderen „Verrückten“, die nicht ins Schema passten, strahlte aus. Gerade am Wochenende zu den Fünfzigsten erzählten einige Damen von ihren Konzerterlebnissen und wie wichtig sie damals waren. Was wäre das sonst für ein stumpfsinniges Land gewesen? Sie beschrieben, wie Hubertus Schmidt beim Schlussakkord seine Hände wie Adlerflügel auf die Klaviertasten herabstürzen ließ und wie sie das begeisterte. Daran erinnert man sich noch nach über 40 Jahren!
Heute? Die Zensur ist zurück. Abweichende Meinungen und Cancel-Unkultur … Der Meinungskorridor! Passen wir da noch durch? Hauptsache, die Demokratie wird mal wieder verrettet. Wird höchste Zeit für das Chanson!
VII. Fünfzig Jahre her, und nun?
Die Ilmenauer Informatik-Studenten hatten mit ihrem Tonband das Abschlusskonzert von 1979 mitgeschnitten. Für Techniker eine einfache Übung. Bernreuther ließ sich das Band aushändigen. Wegen Urheberrechten. Wir hassten ihn heiß und innig dafür, schließlich kostete es 30 Ostmark. Und die Mühe – umsonst. Nicht ganz. Wir gründeten noch vor Ort die Folkband „Feuertanz“. Die gibt es bis heute.
Später wurde dieser Bernreuther mein bester Lehrer. Er hat den ostdeutschen kritischen Geistern auf die Bühne geholfen, hat gezeigt, wie es geht – und wie nicht. Hat die Zunge gespitzt, dass man noch schärferen Paprika spuckt. Nach der Wende wurde das bedeutungslos. Die Idee der Chansontage flackerte immer mal wieder auf und nun, zum Fünfzigsten, hatte der Enthusiast Wolf-Dieter Skibba mit einer Gruppe um den Leiter des Klosters Peter Grunewald, Friedman Quast und Thommy Riedel den Traum noch einmal wahr gemacht: Dreieinhalb Stunden Konzert. Wer hält sowas aus? Die Michaelsteiner! Eine Melange aus Erinnerung, Geschichte, rundherum Poster und Bilder, ein Fotodurchlauf per Beamer, Lieder und Chansons. Schön, dass die Alten von damals dabei waren wie Klaus Schäfer und Rainer Schulze sowie die jungen Songschreiber auch: Hübsches Mädel singt, schnafter Bursche spielt auf der e-Gitarre dazu. Und auch Jens-Paul Wollenberg, der immer mit zum „Inventar“ gehörte. Diesmal als Duo Kaboros mit der Akkordeonistin Kati Pongratz.
Das heute schmucke Kloster und sein Umfeld ist der ideale Ort, diese Tradition zu bewahren. Es ist ein unermesslicher Reichtum, den würden wir in unserem (noch) reichen Land verschenken. Wie Mönche, die mit der Hand Bücher abschrieben, mit der Initiale beginnend und Ausschmückungen am Rande. Wie Nonnen, die Heilkräuter züchteten im tiefsten Bewusstsein, wie Kosmos und Körperlichkeit zusammenwirken. Mühsame Kleinstarbeit. So ist das Chanson. Jeder Ton, jede Silbe will gesetzt sein vor dem Schlussakkord, wenn die Hände wie Adlerflügel auf die Tasten herabstürzen.
Oder wollen wir auch das der KI überlassen?
Der Eitelfriedrich-Thom-Preis wurde während des Konzertes an Wolf-Dieter Skibba vergeben. Gratulation! Der Geist des Taktstockschwingers schwebte am Wochenende als Ruhloser unterm Gewölbe des Refektoriums. Als der Wernigeröder Rainer Schulze seinen Schlussakkord ansetzte, stürzte die Erscheinung des Dirigenten auf die Tasten des Flügels und verwob die Ewigkeit mit der Gegenwart. Er ist also noch da und hat sich mit den Schwartenhälsen wieder versöhnt. Gönnen wir ihm den Frieden und nutzen das von ihm gerettete Kloster weiter fürs Singen!
Schlagwörter: Chanson, DDR, Dieter Kalka, Kloster Michaelstein, Singebewegung, Telemann-Orchester

