Diesmal: Heesters und Hopp, zwei Stars, jeder auf seiner Bühne: Max Hopp liest und spielt „Der Hauptmann von Köpenick“ – im Berliner Ensemble / „Na also. Geht doch“ mit Nicole Heesters – im Renaissance Theater
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BE: Handstreich im Rathaus
Eilmeldung der Täglichen Rundschau am 17. Oktober anno 1906: „Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern ein Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse, und fuhr in einer Droschke davon.“ – Der als preußischer Offizier verkleidete Mensch war ein Schuster namens Wilhelm Voigt; der wegen diverser Gaunereien im Knast saß und nach Entlassung ohne Papiere dastand. Aber: Ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit keinen Pass, kein Geld, kein „ordentliches Leben“. Die Verwaltungsbürokratie wirkt unerbittlich, undurchschaubar, kafkaesk – man kennt das.
Diese Not treibt den armen Teufel in höllische Verzweiflung, lässt heiligen Zorn hochkochen gegen die ungerechte Ordnung in der Welt und gewitzte Kühnheit blühen. Damit gelingt, blindes Strammstehen vor der Allmacht einer Uniform vorausgesetzt, der Handstreich im Ratsamt.
Carl Zuckmayer machte aus der „Köpenickiade“ eine saftige Satire auf wilhelminische Gehorsamkeit: „Vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus; der Mensch vom Leutnant aufwärts.“ Doch das Stück von 1931 greift übers Groteske weit hinaus und wird, getarnt als „deutsches Märchen“, zur Gesellschafts-, zur tragisch umflorten Menschenkomödie. Verfilmt und vielfach gespielt mit Staraufgebot zeigt sie jetzt das BE als furiose Einmann-Show: „Max Hopp liest und spielt: Der Hauptmann von Köpenick“; die opulente Vorlage perfekt eingekürzt auf zwei Stunden.
Max Hopp, Protagonist unter Frank Castorf, Dimiter Gotscheff oder Barrie Kosky und hier sein eigener Regisseur, sitzt, Passagen lesend, am Tisch, der auch ein Thron sein kann. Oder ein Podest, auf dem er tänzelt, wenn er nicht an der Rampe kleine Slapsticks liefert. Immer genau der jeweiligen Situation entsprechend. Und mit Stimmwechsel und Gestik die immerhin zahlreich auftretenden, sehr gegensätzlichen Figuren mit ihren Dialekten (Männlein oder Weiblein) genau charakterisierend, sozial wie psychologisch; und obendrein die vielfältigen Situationen plastisch markierend. Großes minimalistisches Verwandlungstheater. Virtuose Stimmakrobatik. Kontrapunktisch gestützt von der Saxophonistin Doris Decker.
Herzenswärme, Tapferkeit und die unstillbare Sehnsucht nach Menschenwärme einer geschundenen Kreatur in kalter Zeit. Zum Heulen. Und zum Lachen. Das Publikum ist hin und weg. Theaterglück. – Ein doppelt Hoch auf Hopp & Voigt!
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Renaissance Theater: Kopf hoch trotz allem
Sie ist eine Frau; nicht Dame im späten mittleren Rentenalter. Üppige, blond ondulierte Lockenpracht, vom Stirnband gebändigt. In die Jahre gekommene Designerbrille, aber mit Signalwirkung. Offenkundig eine Kreative mit alternativem Einschlag. Ausgeleierte Strickjacke, aufgerissenes Hemd, Jeans mit Löchern am Knie (die jugendliche Mode). Alleinstehend. Alleinlebend im Altbau, verwohnt, verkramt, vollgestopft mit Möbeln aus allen Lebensphasen (Bühne/Ausstattung: Elmar Goerden).
Das ist – leicht derangiert, nicht unsympathisch – „Bettgeflüster“, die ehemalige langjährige Souffleuse am städtischen Theater. Dort erhielt sie ihren lieb oder giftig gemeinten Spitznamen.
Wie sie wirklich heißt, lässt Kerstin Specht ungesagt in ihrem locker gestrickten Stück „Na also. Geht doch“. Werbewirksamer Untertitel: „Komödie“. Dabei ist es ein Mono-Drama, tragisch grundiert, obendrauf Sahnehäubchen aus Witz, Ironie, Sarkasmus.
Es ist die Lebensbeichte einer zuletzt (und eigentlich meist immer) einsamen namenlosen Theater-Souffleuse – beherzt im Komisch-Grotesken wie in all den aufblitzenden Angst- und Wutmomenten gespielt von der großen deutschen Schauspielerin Nicole Heesters.
Für den Einstieg in ihr Solo konstruierte die Autorin eine alberne Situation: Da meldet sich eines Tages – warum auch immer – die Ex-Kollegin Starschauspielerin („immer oben“) zum Tee-Besuch bei ihrer Ex-Kollegin Souffleuse („immer unten“). Sie kommt und bleibt – als Leiche. Herzinfarkt oder so. Wir sehen sie nur noch hingestreckt als Puppe auf dem Sofa. Und als Auslöser für die absurde Idee der als Freizeit-Bildhauerin dilettierenden Flüstertüte, ihr im Beruf ewiges, nunmehr totes „Oben“ mit Kunstharz zu übergießen. Um die derart Konservierte (mit Suppenkelle und Wischlappen als Werkzeug) quasi mumifiziert in den Spind zu stellen. Kurioser Triumph einer Überlebenden …
Glücklicherweise hält man sich nicht länger auf mit chemisch-technischen Sachen, sondern nimmt die Sache zum Vorwand, im gelegentlichen Disput mit der Toten den Lebensrücklauf der Souffleuse Namenlos loszutreten. Gelistet werden die wenigen erfüllten (Männer!) und die vielen unerfüllten Wünsche (u.a. auch Männer), die verpassten Gelegenheiten, die Fehlleistungen (Einschlafen im Souffleurkasten), die Glücksmomente (mit Augapfel und Ohren ganze Szenen retteten) oder die öde Berufsroutine – immer bloß auf Fehler der anderen warten. Beständig aber wird ein Grundproblem umkreist: Das Klarkommen mit der bitter gefühlten Unsichtbarkeit im Job, der keine rechte Berufung wurde, und im Privaten, der Verlorenheit sowie der Angst davor. Es soll ein gelungenes, allgemein als erfolgreich angesehenes Leben gewesen sein. Wäre schön; wars aber nicht. Leider.
Immer wieder setzt die Heesters zwischen die spaßigen, komischen, rührenden und traurigen Episoden die krachenden oder auch ganz in sich gekehrten Momente der Verzweiflung über dieses „Leider“. Das macht die 90 Minuten eindringlich, stark, spannend. Macht das Tragikomische.
Freilich, gelegentlich wird der Betrieb durch den Kakao gezogen, wird über Regisseure, Autoren gelästert, über Künstlerallüren und Publikumsmarotten. Doch Regisseur Elmar Goerden und seine Protagonistin wollten die Sache nicht ausmalen zu einer Art Backstage-Komödie. Sie wollten anderes.
Das dabei sehr besondere Kunststück: Nicole Heesters, die auch königlich als Lady aufzutreten weiß, ist hier ganz anders. Ist, trotz forsch emanzipatorischer und frech ordinärer Attitüden –eine vom Leben vernachlässigte, Verbitterung wegsteckende, eine letztlich erschöpfte arme Frau.
Schlagwörter: Berliner Ensemble, Max Hopp, Nicole Heesters, Reinhard Wengierek, Renaissance-Theater

