Vor kurzem fragte mich ein Kölner Freund, ob wir nicht mal in einer Gruppe von Freunden über „die Welt nach dem Westen“ diskutieren wollten. Der Titel des Buches von Daniel Marwecki machte mich neugierig: Was kommt denn nach dem Westen für eine Welt?
Zuerst wird das „Geheimnis der westlichen Herrschaft“ behandelt. Der Westen von dem hier die Rede ist, ist kein geografischer Begriff, der globale Süden auch nicht. Niall Ferguson wird zitiert, mit der „Genieerzählung“, dass es die „liberalen Institutionen“ seien, die den Westen groß gemacht hätten. Dem wird entgegengesetzt, dass damit die westliche Unterwerfungsgeschichte der Welt verdrängt werden solle. Aber Marwecki teilt auch nicht eine andere Meistererzählung über den Westen, dass sein Aufstieg allein durch die Ausbeutung der übrigen Welt zustande gekommen sei. Für ihn sind der industrielle Kapitalismus und der militärisch potente Nationalstaat die wesentliche Grundlage der westlichen Vorherrschaft, die er in ihrer Blüte im 19. Jahrhundert ansiedelt.
Das heutige Interregnum, zwischen einer vom Westen kolonisierten und nach seinen Regeln dominierten Welt und der Zukunft einer Welt nach dem Westen, ist gewissermaßen das Chaos, in der sich die neuen Regeln der Zukunft erst herausbilden. Marwecki sieht noch keine klaren Konturen der Zukunft, aber er strebt eine „historisch informierte Gegenwartsanalyse“ an. Und die gelingt ihm auch ganz gut.
Der erste Schritt ist die Analyse dessen, was den Westen groß gemacht hat. Der zweite und dritte Schritt sind eine Darstellung der Sprengung des Kolonialsystems und des Aufstiegs der asiatischen Mächte, vor allem Chinas. Ergebnisse dieser funktionierenden Brechung der Dominanz des Westens zeitigen sich nach dem Rezept, das den Westen ursprünglich stark gemacht hat. Sie gelingen dort, wo nicht nur der eine Teil des Weges, die Bildung von Nationalstaaten, gegangen wird, sondern auch die nachholende und überholende Industrialisierung.
Nebenbei wird im Buch auch noch die russische Revolution und der nachfolgende Bau des Staatssozialismus historisch eingeordnet: Der Kalte Krieg sei ein Großkonflikt zwischen zwei Varianten der Modernisierung gewesen, zwischen Liberalismus und Kommunismus, in der beide versucht hätten, die Befreiungsbewegung der Kolonialvölker für sich zu instrumentalisieren. Das geschah über Entwicklungspolitik, Wahlbeeinflussung und Putsche. Es wird unter anderen an den von der CIA und anderen westlichen Geheimdiensten unterstützten Putsch gegen den indonesischen Präsidenten Sukarno von 1965 erinnert, dem „etwa eine Million Menschen“ zum Opfer fielen. Die „Jakarta-Methode“ (Vincent Bevins) sei auch in Lateinamerika angewandt worden.
Die De-Kolonisierung war die erste Revolte gegen den Westen und schuf vor allem viele neue Nationalstaaten. Was den zweiten Teil des Weges in die Welt nach dem Westen anbetrifft, so wird das im dritten Kapitel unter der Überschrift „Ostasien und die Industrialisierungsmission“ behandelt. Von defensiver und nachholender Industrialisierung wird geschrieben. Aber nicht alle früheren Kolonien hatten Erfolg. Koloniale Muster prägen den Handel des Westens mit vielen von ihnen. Aus den neuen Nationalstaaten Afrikas und Lateinamerikas werden wie zu kolonialen Zeiten immer noch vor allem Bodenschätze und Landwirtschaftsprodukte exportiert. Ostasien kennt im Unterschied dazu viele erfolgreiche wirtschaftliche Aufstiege: Japan, Südkorea, China.
Die Überschrift des Abschnitts zum Aufstieg Chinas lautet: „Mit Marx in den Kapitalismus“. Es sei ein „staatlich angeleiteter Kapitalismus“, unter Führung der kommunistischen Partei. Der Erfolg basiere auf einem kapitalistischen Entwicklungsstaat mit chinesischen Charakteristika: Auf die Anziehung von ausländischem Kapital, preiswerten, gut ausgebildeten Arbeitskräften und sei an eine entwickelte Infrastruktur gebunden, technologisch führend. Der Autor kann sich auf eigene Eindrücke stützen, denn er lehrt seit einigen Jahren Internationale Politik an der University of Hong Kong.
Im Buch wird auch über viele Kriege und Aufstände berichtet, die den Abstieg des Westens begleiten. Über das Scheitern des war on terror, den „arabischen Frühling“, die Kriege in der Ukraine und Gaza. Vom Krieg gegen den Iran konnte Marwecki noch nichts wissen. Russland führt in der Ukraine nach eigener Bekundung (Karaganow) einen Krieg gegen den Westen und diese Deutung fällt im globalen Süden auf fruchtbaren Boden – auch wegen der Doppelmoral des Westens, die sich in anderen Kriegen zeigt, vor allem im Gaza-Krieg. In diesen Kriegen zeige sich ein Prozess der De-Zivilisierung, in der eine Normalisierung der Auslöschung ganzer als feindlich markierter Gesellschaftsgruppen droht.
Damit wird die Dringlichkeit dessen, was Marwecki ein „würdevolles Abstiegsmanagement“ nennt, sichtbar. Es gehe darum, den Übergang in eine Welt ohne Dominanz des Westens ohne größere Eskalation zu gestalten. Auch für diesen Weg liefert Marwecki interessante Orientierungen, die ich hier nur noch aufzählen möchte: Er plädiert für Neutralität, Nichtaggressivität bei gleichzeitiger Sicherung der Verteidigungsfähigkeit europäischer Staaten und warnt: „Rüstung ohne eine positive Vision von der Zukunft wird sich im Nachhinein als Kriegsvorbereitung herausstellen“. Der bereits begonnene Konflikt zwischen dem aufsteigenden China und den absteigenden USA wird vom Systemkonflikt USA-Sowjetunion unterschieden, weil er ein Konkurrenzkampf zwischen zwei Varianten des Kapitalismus sei, in Zeiten der ideologischen Erschöpfung. Für Deutschland und die EU insgesamt gilt es, die eigene Außenpolitik „nicht nach alten Überlegenheitsphantasien auszurichten“. Ein Blick von außen, von Kishore Mahbubani, einem öffentlichen Intellektuellen Singapurs, zeigt einen möglichen Weg, nämlich selbst für seine Sicherheit sorgen, aus der NATO aussteigen, sich von den USA emanzipieren, eine Politik betreiben, die eine Vorstellung davon hat, welche Stellung „Europa“, also die EU, im Jahr 2050 in der Welt einnehmen will.
Nötig ist also eine Umkehr: Ein würdevolles Abstiegsmanagement nach außen und eine neuer Gesellschaftsvertrag nach innen, der die Zugänge zum Wohlstand egalitärer gestaltet, damit die durch die zunehmende Ungleichheit in Gefahr stehende Demokratie erhalten werden kann.
Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert. Ch.Links Verlag, Berlin 2025, 288 Seiten, 24,00 Euro.
Schlagwörter: Daniel Marwecki, Dieter Segert, Kolonialismus, Machtpolitik, Westen


