Diesmal: „Es ist nur eine Phase, Hase“ – Komödie im Rathaus Reinickendorf (Kudamm-Komödie) / „Splitter“ – Theater Strahl (am Bahnhof Ostkreuz) / Abschied und Willkommen im Gorki Theater
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Komödie: Clinch zu viert
Zum 50. Geburtstag ab in die Altersteilzeit mit hübscher Abfindung; da sagen manche: Es gibt Schlimmeres. Für Belletristik-Lektor Michael (Götz Otto) ist es die Katastrophe. Es kratzt am Ego, okay. Dennoch: Es fehlt ihm erstaunlicherweise an Fantasie für Alternativen. Und das ist der Auslöser für heftige Rangeleien mit Gattin Christiane (Katja Studt). Sie befürchtet quälendes Abhängen des Gatten als Sofakartoffel.
Soweit die Ausgangslage der den Schwank grüßenden Komödie „Es ist nur eine Phase, Hase“ von Stefan Vogel nach dem gleichnamigen, von Florian Gallenberger 2021 erfolgreich verfilmten, drei Jahre zuvor erschienenen Bestseller von Maxim Leo und Jochen Gutsch, den beiden langjährigen Star-Kolumnisten der Berliner Zeitung.
Doch ein auch noch so krachiges Gezänk im ehelichen Duett allein ist nicht abendfüllend. Quartett muss her. Also Auftritt der Geburtstagsgäste: Das bestens befreundete, gleichfalls ermüdend lange verheiratete Paar Klaus (Thorsten Nindel) und Heike (Nicola Ramnsom). Ihr Geschenk liefert die Grundlage für das mit Allotria und kabarettistischem Witz prall gefüllte Spektakel: Es ist, natürlich, was zu lesen. Titel wie zu vermuten: „Es ist nur eine Phase, Hase“. Ein Trostbuch für Alterspubertierende!
Das liefert eine Fülle von Stichworten, was für Querelen aufkommen (können) bei Menschen jenseits des halben Hunderts. Besonders bei Männern, doch auch bei Frauen. Aber eigentlich ist es ein Männerbuch. Und so haben vor allem Michael und Klaus viel mit sich, mit ihren beruflichen Ärgernissen, ihren Trieben und Damen zu klären und zu vertuschen. Was den plötzlich aus ihren eingefahrenen Lebensbahnen gestürzten Vierer durchrüttelt bis an die Schmerzgrenze. Und sogar drüber.
Es sind die Irrungen und Wirrungen einer verspäteten Midlife-Krise. Man soll so leben, wie man sich fühlt. Aber wie fühlt man sich eigentlich, was geht noch, was gar nicht? Und noch dazu in der Ehe oder außerhalb. Das sind so Fragen, da fliegen schnell die Fetzen, da ballern Klischees, blühen Allerweltsweisheiten. Und das Publikum fiebert mit bei den routiniert arrangierten Wortgefechten (Regie Ute Willing). Registriert aufgeregt den jeweiligen Punktstand im Gegeneinander. Oder eben auch Miteinander. Denn alles löst sich am Ende auf in Wohlgefallen. Und womöglich sieht mancher zu Hause nächstes ein bisschen klarer.
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Theater Strahl: Einübung in Empathie
DDR, was war das doch gleich? Keine Ahnung, war vor meiner Zeit. – Das kann man immer wieder hören; etwa auf Schulhöfen. Da kann man doch was gegen tun, sagten sich Jana Heilmann, Yasmina Hempel und Marcus Thomas vom „Strahl“.
Thomas hatte als Kind noch das Ende der DDR in der DDR erlebt, Jana war mit den Eltern vor 1989 rüber gemacht in den Westen, Yasmina kam erst nach der Wende zur Welt. Ein Trio mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Selbst Erlebtes mischt mit dem, was sie so gehört und auch gelesen haben über diese Zeit. Oder was in ihren Familien oder unter Freunden davon erzählt wurde. Wobei die Zeit weit gespannt bleibt: Nachkriegsdeutschland, Teilung, Mauerbau, die brutalen Zwänge hier, die freiheitlichen Verlockungen dort, Mauerfall, die Euphorie, die Ernüchterungen.
Die kollektive Stückentwicklung „Splitter“ reißt ein komplexes Geschichtspanorama an. Und zugleich auf. Durch konkrete Geschichten, gegossen in ein Kaleidoskop dramatischer, komischer, auch sehr schmerzlicher Kurzszenen. So entfaltet sich vor dem Hintergrund des Historischen das Persönliche. Als Splitter gelebten Lebens; als Versuch, diesem nachzuspüren, seinen Temperaturen, Stimmungen, Wahrnehmungsgegensätzen. Die einen blieben, Faust geballt in der Tasche oder auch begeistert, andere wollten um jeden Preis raus. – Um jeden Preis? Gerade auch das, Kosten und Nutzen von Zuspruch und Einspruch, wird u.a. durch eine Publikumsbefragung eindrucksvoll demonstriert.
„Splitter“, inszeniert von Anna Vera Kelle mit Tempo, Witz, Gesang, Live-Musik und Band-Einspielungen (Renft „Zwischen Liebe und Zorn“), die unterhaltsame Mitmach-Show bleibt – trotz gelegentlicher Schübe mit leerem Regie-Aktionismus – eine herausfordernde Einübung in Empathie. Wie war das mit der „alten Tante DDR“ und ihren Leuten? Dazu die provokante Frage an die „Nachgeborenen“: Wie hättet ihr euch verhalten? – Stillhalten, Mitmachen, Vorteile genießen? Viele haben sich trotz aller Beschränkungen wohlgefühlt, die DDR war ihnen Heimat. Oder besser keinerlei Kompromiss, gegen den Strom schwimmen und ausgegrenzt werden?
Thomas zum Beispiel hatte eine behütete, fröhliche DDR-Kindheit. Geburtstagsfeiern, Pflaumenkuchen. Fahnenappelle? Kein Problem. Kein Ausreiseantrag. Keine Stasi wie bei Jana, deren Familie litt unter der bösen „Tante DDR“ mit ihren Schikanen für „negativ feindliche Elemente“.
Der Wirklichkeiten und Gewissheiten sind viele, zu allen Zeiten. Und nicht einfach ist’s, sich zurecht zu finden. Die Jugend zwischen 14 und 18, das Kernpublikum von „Strahl“, entsprechend zu sensibilisieren – dafür Respekt.
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Gorki Theater: Glanz im Gehen, Fragen vorm Kommen
Dreizehn Jahre regierte Shermin Langhoff das Gorki Theater mit harter und vor allem mit geschickter Hand. Sie formierte ein tolles Ensemble; Regisseure feierten ästhetische Vielfalt. Man entwickelte ein so genanntes postmigrantisches Theater, das neuen Stimmen und Themen Raum gab und zum Sichtbarmachen bislang eher unbekannter Lebensläufe und Milieus beitrug. Das Gorki glänzt. Drei Tage lang, vom 12. bis zum 14. Juni wird Abschied gefeiert. – Die Auswahl der Dernieren zum Spielzeitende gibt noch einmal einen typischen Ausschnitt aus dem Gorki-Programm: – „Unser Deutschlandmärchen“, am 26. Mai, 1. Juni (Blättchen, Heft 12/2024 [1]); „Zukunftsmusik“, am 24. Mai, 2. Juni (Blättchen, Heft 6/2026 [2]); „Dschinns“, am 27. Mai, 4. und 9. Juni (Blättchen, Heft 5/2023 [3]).
Was kommt: Die neue Intendantin Cagla Illk wird das kleinste Berliner Ensemble- und Repertoiretheater extrem öffnen in Richtung Performance, Musik, Tanz, Film, Bildende Kunst. Und die Spielorte erweitern ins benachbarte Palais am Festungsgraben. Der Text und das, was wir herkömmlich „Stück“ nennen, soll künftig eine untergeordnete Rolle spielen. Das Gorki werde „das neue Gorki“, rief die Neue. Also ein anderes. Und sie gab der Presse Stichworte wie „offener, fragiler, politischer Ort, global, postdisziplinär“. Von nun an dominiere das „Denken der Körper“. Die Ostberliner Konkurrenz (BE, DT) kann sich entspannt zurücklehnen. – Wir bleiben neugierig.
Zu guter Letzt noch ein besonderer Hinweis für Kenner und Liebhaber auf eine Preziose in der Volksbühne: Zum letzten Mal Marthaler in Berlin! Mit seinem traurig schönen, komischen Happening in ruinösen Zeiten „Wachs und Wirklichkeit“. Am 5. Juni (Blättchen, Heft 7/2025 [4]).