29. Jahrgang | Nummer 9 | 18. Mai 2026

Der Sowjetsoldat vom Treptower Park

von Maritta Adam-Tkalec

Nikolai Massalow barg im Endkampf um Berlin ein Mädchen aus MG-Feuer. Das Ehrenmal erinnert auch an diese Heldentat. Doch das Gedenken an die Befreier ist gestört.

Ein Kran rollt am Ehrenmal im Treptower Park dicht an den Hügel, auf dem die zwölf Meter hohe Skulptur eines sowjetischen Soldaten steht – das Hakenkreuz zu seinen Füßen hat er zertreten, im linken Arm trägt er ein kleines Mädchen, das Schwert in der rechten Hand hält er gesenkt. Der Kampf gegen deutsche Wehrmacht, SS-Verbände sowie fanatische Volkssturmkinder und -opas ist lange vorbei. Nun wird der Soldatenheld zerlegt und abtransportiert.

Das war Anfang Oktober 2003, niemand erregte sich angesichts des Abbaus – keine Proteste kritischer Bürger, die eine endgültige Demontage befürchteten. Eine heute nicht mehr vorstellbare Normalität, die Bronzefigur sollte restauriert werden.

Das Misstrauen gegenüber russophoben Kräften, die das Gedenken an die Befreiung und der Dank für die Befreier schon immer geärgert hat, ist vor allem im Osten groß. Seit Putin-Russland seine ukrainischen Nachbarn vor vier Jahren überfiel und mit Krieg quält, gibt es immer wieder neue Ansinnen, die sowjetischen Ehrenmale „umzuwidmen“, zu „kontextualisieren“ oder ganz abzuräumen.

Dabei steht doch beides als deutlich voneinander zu unterscheiden da: zum einen der russische Krieg gegen die Ukraine, zum anderen der deutsche Überfall auf die Sowjetunion von 1941, der sich am 22. Juni zum 85. Mal jährt. Nach vier Jahren Kampf und 27 Millionen sowjetischen Todesopfern endete der Große Vaterländische Krieg am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Karlshorst. Die Befreiung der Deutschen von ihren nationalsozialistischen Volksgenossen durch die Rote Armee war und bleibt eine sowjetische Großtat.

Als der Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann vor 22 Jahren zu Füßen des abgebauten Soldatenmonuments sagte, man gebe sich „große Mühe, dem Respekt, den dieses Denkmal verdient, gerecht zu werden“, entsprach dies der völkerrechtlich verbrieften Pflicht Deutschlands, die sowjetischen Ehrenmale zu pflegen. Die rund 70 Tonnen schwere Siegerfigur reiste in eine Metallbauwerkstatt in Samtens auf Rügen, anschließend nach Schöneiche bei Berlin. Die Rundum-Restaurierung kostete elf Millionen Euro.

Kein Rost am Helden! Und mit einem solchen, als Person bekannten, hat man es wahrhaftig zu tun: Nikolai Massalow, 1922 im sibirischen Dorf Wosnessenka geboren, war 22, als er mitten in der Schlacht um den Berliner Stadtkern stand. Die hatte am 27. April 1945 begonnen und sollte den jungen Sergeanten zum Leitbild für den Sowjetsoldaten vom Treptower Park machen.

Er gehörte zum 220. Garderegiment, hatte in Stalingrad gekämpft und an der Oder. In den letzten Apriltagen 1945 rückte seine Einheit an einem der am heftigsten umkämpften letzten Frontabschnitte am westlichen Ufer des Landwehrkanals vor. Am anderen Ufer lag SS. Stalin hatte den Befehl ausgegeben, bis zum 1. Mai den Reichstag zu erobern. Im Bunker am Anhalter Bahnhof zitterten 12.000 Menschen und hofften, die Kämpfe zu überleben.

Es war am 30. April, als Massalow dort, wo die Potsdamer Straße über eine Brücke den Landwehrkanal quert, ein Kind weinen hörte. Er holte beim Kommandeur die Erlaubnis, es bergen zu dürfen. Unter dem Feuer deutscher MGs kroch er zu dem Mädchen, das neben seiner toten Mutter saß, und holte es aus der Kampfzone. Die etwa Dreijährige wurde dem Roten Kreuz übergeben. Sie konnte später nicht mehr ausfindig gemacht werden.

Es gibt mehrere ähnliche Geschichten, aber allein diese ist belegt. Marschall Georgi Schukow, Generalstabschef der Roten Armee, erwähnt sie in seinen Erinnerungen. Der Magistrat von Ost-Berlin ernannte Massalow 1965 zum Ehrenbürger; der Senat übernahm ihn 1991 nicht in die Ehrenbürgerliste Gesamtberlins. Spätere Versuche, ihm wieder die verdiente Ehre zukommen zu lassen, prallten ab.

Massalow selbst blieb bescheiden und sagte wiederholt, er sei kein Held, viele sowjetische Soldaten hätten Ähnliches vollbracht. An den Moment erinnerte er sich genau: „Ich hörte das Kind weinen und konnte einfach nicht anders. Es hatte blonde Haare, die an der Stirn leicht gekräuselt waren. Immer wieder fummelte es am Gürtel seiner Mutter herum und rief: ‚Mutter, Murmel!‘“

Am 10. Dezember 2003 wurde an der Südostecke der Potsdamer Brücke eine schlichte Gedenktafel eingeweiht. Massalows Tat wird dort kurz beschrieben. Die Zeremonie fand bei der Berliner Politprominenz kein Interesse, es nahmen Dr. Peter Jahn, damaliger Leiter des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst (inzwischen umbenannt), Oberst A. Karasajew, stellvertretender Verteidigungsattaché der russischen Botschaft, der Attaché Ilja Kruglow und Jörn Jensen, ehemals Bezirksbürgermeister von Tiergarten, teil.

Mit der Planung der großen Gedenkstätte im Treptower Park hatte die sowjetische Militäradministration ein Jahr nach Kriegsende begonnen. Der Bildhauer Jewgeni Wutschetitsch entwarf die Bronzefigur des Soldaten mit dem Mädchen im Arm. Der Soldat sollte stellvertretend für die siegreiche Sowjetarmee stehen, das Mädchen, angelehnt an die Tat Massalows, für die geretteten Völker, das zertretene Hakenkreuz für den niedergerungenen Faschismus, das Schwert für die militärische Stärke der Roten Armee.

Ursprünglich hatte Wutschetitsch statt des Schwertes eine bronzene Kalaschnikow vorgesehen. Angeblich wollte Stalin die symbolische Überhöhung durch das Schwert. Modell für Figur und Gesicht fand der Bildhauer nicht bei Massalow: Im August 1946 beobachtete der Künstler bei einem Sportfest sowjetischer Soldaten im Stadion Buschallee in Berlin-Weißensee einen Athleten. Nach einem Geländelauf sprach er den Soldaten Iwan Odartschenko an – nach ihm modellierte Wutschetitsch die Figur.

Alles, was im Treptower Park bis zur Eröffnung am 8. Mai 1949 gebaut wurde, ist monumental und symbolbeladen angelegt: Der Soldat misst mit Hügel und Sockelpavillon 30 Meter Höhe und wiegt siebzig Tonnen. Der künstlich angelegte Grabhügel greift die im 4. Jahrtausend v. u. Z. in den Steppen zwischen dem Kaspischen Meer und dem heutigen Russland/Ukraine entstandene und bis ins Mittelalter gebräuchliche Praxis auf, bedeutende Tote unter weithin sichtbaren Aufschüttungen zu begraben, den Kurganen.

60 Bildhauer, 200 Steinmetze und 1200 Arbeiter waren beim Bau des Treptower Ehrenmals im Einsatz. Kritik an der Gigantomanie in Zeiten der Not begegnete Stadtkommandant Kotikow unmissverständlich: „Es gibt keinen Stein, der zu kostbar, keine Erde, die zu teuer, und keine Mühe, die zu groß wäre, um den Söhnen des Sowjetvolkes, die ihr Leben im Kampf gegen die deutschen Faschisten hingeben mussten, ein ehrendes Denkmal zu errichten.“

Nikolai Massalow starb 2001 als 79-Jähriger in seinem Dorf Tjaschin in Sibirien. Wutschetitsch, gebürtiger Ukrainer, wurde weltbekannt durch seine allegorisch-monumentalen Werke. Vor dem UN-Hauptquartier in New York steht seine Skulptur „Schwerter zu Pflugscharen“. Auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd (ehemals Stalingrad) ragt seit 1967 auf einem Kurgan-Hügel die Figur „Mutter Heimat ruft“, dort mit erhobenem Schwert Richtung Westen blickend. Sie misst bis zur Spitze 82 Meter und ist die meistbesuchte Gedenkstätte Russlands. Hunderttausende sowjetische Soldaten kostete die Kriegswende 2200 Kilometer östlich von Berlin das Leben. Etwa 150.000 Deutsche blieben tot auf dem Schlachtfeld.

Auch das erste Modell für die hoch über Kiew aufragende „Mutter Ukraine“ stammte von Jewgeni Wutschetitsch. Mit dem Treptower Ehrenmal des Ukrainers hadern viele seiner Landsleute heute, sie mögen das gesamtsowjetische Gedenken an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg nicht mehr, als Russen und Ukrainer gemeinsam Großes leisteten. Der russische Überfall auf ihre Heimat hat es ihnen gründlich verleidet.

Anstoß nehmen auch viele Deutsche vor allem an den Stalinzitaten, die in Goldschrift an den 16 weißen Sarkophagen entlang der Zuwege zum Ehrenhügel zu lesen sind: Es handelt sich um Tagesbefehle – Worte des Mannes, der die Sowjetunion diktatorisch regierte und zahllose Verbrechen an seinem eigenen Volk beging, aber dessen Streitmacht letztlich die entscheidenden Schlachten gegen Hitlerdeutschland gewann: vor Moskau, in Stalingrad, am Kursker Bogen, um Leningrad, an den Seelower Höhen und in Berlin. Und die Auschwitz befreite.

Den Toten zu Ehren entstanden die drei großen Berliner Ehrenmale: erst das im Tiergarten mit seinen Panzern und Haubitzen, dann die im Treptower Park und in der Schönholzer Heide. Alle diese Stätten sind zugleich Friedhöfe. Die sowjetische Seite hatte allein in der Schlacht um Berlin 80.000 Tote zu betrauern, ein Großteil fand in diesen Gedenkstätten seine letzte Ruhe.

1992 sicherte die Bundesrepublik im deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsabkommen den Erhalt zu: „Die auf deutschem Boden errichteten Denkmäler, die den sowjetischen Opfern des Krieges und der Gewaltherrschaft gewidmet sind“, sowie die Kriegsgräber würden geachtet und stünden unter dem Schutz deutscher Gesetze, heißt es da.

An der Tafel an der Potsdamer Brücke kann man übrigens leicht Blumen niederlegen. Für den Ehrenbürger Massalow

Berliner Zeitung, 09.05.2026. Übernahme mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages.