Was Propagandabilder bilden wollen

von Dieter Segert

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Information und Propaganda? Wenn wir informiert werden, wird uns überprüfbarer Stoff zum Nachdenken gegeben. Propaganda will im Unterscheid dazu eine Ruhigstellung des Denkens erreichen. Sie will nicht, dass Leser sich ein eigenes Urteil bilden, sondern dass sie sich dem vorgeprägten Urteil des Journalisten und seines Massenmediums anschließen.

Diese Zurichtung versucht propagandistische Akteure darüber zu erreichen, dass sie neue Begriffe bilden oder aber gebräuchliche umdefinieren. Wie es in Orwells Roman „1984“ heißt: „Frieden ist Krieg!“, „Freiheit ist Sklaverei!“ Die durch bestimme Erfahrungen und mit jenen verbundenen Emotionen geprägten Begriffe sollen umkodiert werden.

Propaganda kommt nicht nur in autoritären Regimen vor. Sie schleicht sich auch in die Öffentlichkeit demokratischer Staaten ein. Der allerdings wichtige Unterschied besteht darin, dass Diktaturen versuchen, eigenständiges Denken von Untergebenen zu bestrafen; in Demokratien zielen die propagandistischen Akteure darauf, das eigenständige Denken der Bürger zu erschweren. Aber auch hier geht es darum, Herrschaft zu befestigen.

In diesem Text sollen einige Beispiele dafür angebracht werden, wie durch Bilder verbale Feindbildkonstruktionen von Medien, die dem Mainstream, also der gewünschten Meinungsbildung, verpflichtet sind, bei ihrer Leserschaft verankert werden sollen. Bilder leisten für diese bezeichnete Umkodierung von Begriffen einen wichtigen Beitrag. Sie sind sogar besonders geeignet für Propaganda, weil sie ihre Botschaften unter Ausschaltung des Nachdenkens, einfach auf den ersten Blick hin, vermitteln.

Dafür gibt es in den letzten Jahren in unseren Medien viele Beispiele. Ich habe einige aktuelle ausgewählt, die darauf zielen, hegemoniale Positionen zu Krieg und Frieden zu befördern. So schreibt Berthold Kohler einen Kommentar in der FAZ vom 8. April über die zwischen den Kriegsparteien im Iran auf Vermittlung von Pakistan gerade erreichte Waffenruhe: „Die Mullahs können sich als Sieger fühlen“. Dazu kommt ein Foto von jubelnden Anhängern der theokratischen Führung Irans, die ein Bild von Ali Chamenei mit sich tragen, welcher ja bekanntlich gleich in der Anfangsphase des Krieges ermordet worden war. Also vor über einem Monat. Ein Bild also, so kann man vermuten, welches keine aktuelle Ansicht zeigt, das aber eine deutliche Botschaft übermittelt.

Man fragt sich natürlich besorgt, warum ein solcher Akzent durch den Kommentator, der einer der vier Herausgeber der „FAZ“ ist, gesetzt wird. Schließlich können sich alle Seiten über die Waffenruhe freuen, falls die denn hält: Sowohl die Unternehmen, deren Schiffe jetzt wieder durch die Straße von Hormus kommen, als auch die arabischen Nachbarstaaten, die jetzt auf ein Ende des Beschusses durch iranische Raketen und Drohnen hoffen können, vor allem aber die Iraner, deren Brücken, Kraftwerke und Wohnhäuser zwei Wochen lang vor der Vernichtung geschützt sind. Vielleicht hätten die PKW-Fahrer weltweit ebenso Grund zur Freude?

Ein zweites, von mir ausgewähltes, Propagandabild stammt vom 7. April Es war wieder in der bereits erwähnten Zeitung abgedruckt. Hiermit wird ein Bericht über den Besuch des US-Vizepräsidenten Vance in Budapest geschmückt. Dort sind der Gastgeber, Victor Orbán, und sein Besucher, unter der Überschrift „Das letzte Aufgebot gegen die Brüsseler Bürokraten“, versammelt. Orbán wird maximal ungünstig dargestellt. Überflüssig festzustellen, dass er mir ebenfalls nicht sympathisch ist, aber deshalb muss man doch nicht alle Höflichkeit vergessen und ihn besonders ungünstig abbilden: Mit offenem Jackett, aus dem sein Bauch quillt, und einem Kopf, der auf ein sehr ausgeprägtes Doppelkinn aufsetzt. [Zum Foto] Der ungarische Ministerpräsident ist jetzt über 60 Jahre alt. Da gerät der Körper schon mal außer Form. Welche Botschaft soll uns dieses ungünstige Foto vermitteln? Vielleicht diese: Ein fetter Politiker, der aus der körperlichen Form gerät, weil er sich immer nur an EU-Geldern bereichert hat?

Soweit zwei aktuelle Beispiele, denen man viele frühere zuordnen könnte. Wahrscheinlich fallen der aufmerksamen Leserschaft sofort die vielen Putin-Bilder ein, in denen der russische Präsident immer verschlagen, hinterlistig oder anders unfreundlich schaut. Ich habe mir einen Beitrag von Christoph Cöln aus n-tv am 28. Mai 2025 rausgesucht. In ihm finden sich drei Bilder: Da kommt zuerst ein listiger Putin, dann ein Bild des „Kettenhunds“ Medwedew, lächerlich gemacht durch eine geschmacklose Sonnenbrille, schließlich der Sprecher des Präsidenten (tituliert als „Kremlsprecher“), Peskow, der unter der Überschrift präsentiert wird: „Verlautbarungen im Einklang mit der DARVO-Methode (DARVO=„Deny, Attack, Reverse Victim and Offender“) [Zu den Bildern].

Worum geht es in diesem Propaganda-Stück? In dem Beitrag heißt es: „Putin oder seine Handlanger im Kreml drohen dem Westen. So ging das in unschöner Regelmäßigkeit in den vergangenen drei Jahren. Der völkerrechtswidrige Überfall Russlands auf die Ukraine, den Diktator Wladimir Putin ausdrücklich als Vernichtungsfeldzug des Nachbarlandes, seiner Sprache und Kultur versteht, wird vom Kreml stetig mit Versuchen von Desinformation und psychologischer Manipulation flankiert.“

Kürzlich war das erneut zu beobachten. Da hatte Bundeskanzler Friedrich Merz beinahe im Vorbeigehen einen fundamentalen Kurswechsel in der deutschen Ukrainepolitik angekündigt. Er sprach davon, die Reichweitenbeschränkungen für deutsche und westliche Waffen, die bereits an die Ukraine geliefert worden sind, aufzuheben.

Auf die Merz-Äußerung reagierte der Kreml. Dies seien „ziemlich gefährliche Entscheidungen, wenn es sie gegeben hat“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. In der Rhetorik des russischen Regimes ist somit Merz derjenige, der eskaliert.“

Da also ist die verbale Botschaft, die vermittelt werden soll. Russland erklärt, dass eine deutsche Entscheidung den Ukraine-Krieg in gefährlicher Weise eskaliert und n-tv dreht das um: Es sei der russische Staat, der versuche zu eskalieren. Deshalb wird Putin auf dem beigelegten Bild auch mit einem Mikrofon dargestellt, als ein Akteur der psychologischen Kriegsführung.

Besser zum faktischen Anlass hätte wohl ein Bild von Kanzler Merz beim Verkünden einer Entscheidung gepasst, die droht, den Stellvertreterkrieg tatsächlich zu eskalieren, weil dann Raketen aus Deutschland strategische Ziele in Russland bedrohen. Aber diese Assoziation sollte offenbar verhindert werden.

Ein weiteres „schönes“ Beispiel für Propagandabilder findet sich in der Frankfurter Rundschau vom 22. April 2025. Dort wird in einem Beitrag von Marcus Giebel unter der Überschrift „Drohung aus dem Kreml: Diese Nato-Staaten hat Putin im Visier“ darüber berichtet, wie der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR Sergei Naryschkin Polen und die baltischen Staaten vor der russischen Reaktion auf einen potentiellen NATO-Angriff auf Russland oder seinen Verbündeten Belarus warnt. Das wird mit einem Bild des Betreffenden garniert, in dem dieser, den Kopf auf seine Hand gestützt, mit leicht geschlossenen Augen in die Ferne schaut, irgendeinen Punkt fixiert. Und die Unterschrift des Bildes? „Wen nimmt er ins Visier?“ Als „Visier“ benennt Wikipedia u.a. eine „Zielvorrichtung bei Feuerwaffen“. Das soll wohl auch die Assoziation sein, die dem Leser untergeschoben werden soll.

Wenn man etwas zurücktritt und sich die Aussage des bezeichneten hohen russischen Beamten auf ihren tatsächlichen Gehalt anschaut, dann kann man verstehen: Hier wird nicht der Angriff, sondern eine Verteidigung gegen einen erfolgten NATO-Angriff angekündigt. Die „Drohung aus dem Kreml“ erweist sich als legitimer Hinweis auf eine Reaktion gegenüber einer möglichen militärischen Gefährdung Russlands.

Als allgemeine Lehre möchte der Autor dieses Textes folgendes vorschlagen: Propagandabilder versuchen eine komplexe Botschaft zu transportieren, uns dazu zu verlocken, uns jener politischen Vorgabe gedankenverloren anzuschließen. Wir als mündige Leser sollten jene bildliche Botschaft zunächst entschlüsseln. Noch wichtiger ist dann der nächste Schritt im Nachdenken über das Ziel dieser bildlich-emotionalen Propagandaattacke: Sie soll untergründig existente Feindbilder befestigen.

Doch in Demokratien sind wir diesem propagandistischen Angriff nicht ohne Schutz ausgeliefert. Wir können der offenen wie der verdeckten Propaganda in vielen unserer Medien durch kritische Aufmerksamkeit, Auswahl unserer Informationsquellen und eigenständiges Urteilen entgegentreten.