Nachhaltig ist ein Vierteljahrhundert vergangen

von Joachim Lange

Unser Autor Joachim Lange hat vor 25 Jahren nicht nur ausführlich fürs Freie Wort über den Premierenzyklus des Meininger Rings berichtet. Er war auch im Vorfeld zu einem Probenbesuch samt Interview mit Christine Mielitz in Meiningen und bekam dabei einen speziellen Auftrag …

 

Als Kirill Petrenko im April 2001 im Graben des Meininger Theaters den Taktstock hob, begann mit den ersten Tönen des Rheingold-Vorspiels ein Theatercoup, der bis heute seines Gleichen sucht. Das erste Mal wagte da jemand, Richard Wagners Ring-Vierteiler an vier aufeinander folgenden Tagen herauszubringen. Also ohne die auch in Bayreuth üblichen Pausentage vor „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Christine Mielitz war so kühn (um nicht zu sagen verrückt), als regieführende Intendantin ein so halsbrecherisches Unternehmen zu riskieren. Künstlerisch, logistisch und überhaupt war das ein Balanceakt auf dem Hochseil über den Abgründen des deutschen Stadtheatersystems. Das Meininger Theater hat zwar eine große Geschichte – gehört aber nicht zu den großen Häusern mit den entsprechenden Budgets und Ressourcen. Die streitbare, im Osten Deutschlands groß gewordene Theaterfrau krönte mit diesem Wurf ihre Meininger Intendanz. Dass so etwas nur als Chefsache geht, ist eh klar.

Ein Ring, so meinte sie damals im Gespräch an einem Probentag, führe jedes Haus an seine Grenze: „Der Ring ist Wahnsinn, heller Wahnsinn, aber als Wahnsinn war er auch gedacht und nicht als bequem herzustellendes Objekt.“ so die Mielitz, die wusste, was sie wollte. Und es auch konnte.

Sie hatten die österreichische Künstlerlegende Alfred Hrdlicka als Ausstatter an ihre Seite geholt. Im Garben hatte sie einen Dirigenten wie Kirill Petrenko, auf dessen steile Karriere man damals schon getrost wetten konnte. Der machte denn auch aus zwei Thüringer Orchestern einen Ring-Klangkörper. Er schaffte es mit platzbedingt ausgedünnten Streichern, und dem damit auch für Schwächen ungetarnten Orchester, sowohl die Klangwogen zu entfachen, als auch erstaunlich intime kammermusikalische Momente zu gestalten. Vor allem in der „Walküre (mit den Meiningern) und im „Siegfried“ (mit der Thüringischen Philharmonie Gotha-Suhl, die auch noch den ersten Akt der „Götterdämmerung“ übernahm) erreichte er eine beeindruckende, suggestive Dichte  – so der damals formulierte Eindruck, der der Erinnerung daran entspricht.

Der Zufall der Spielplanplanung (wenn es denn einer war) lieferte jetzt kurz vorm Silberjubiläum des Meininger Ring-Wunders eine wirklich aparte Pointe, die man so gar nicht erfinden könnte. Genau zu derselben Zeit, als der aktuelle GMD der Hofkapelle Killian Farell (auch auf die Karriere des 22 Jahre jüngeren, irischen Wiedergänger Petrenkos darf man getrost wetten!) in Meiningen aus der Bilderwelt von Markus Lüpertz ein packendes „Rheingold“-Ereignis zu machen begann, startete Petrenko in der Salzburger Felsenreitschule am Pult der Berliner Philharmoniker ebenfalls mit dem Vorspiel am Rhein. Mit seinem aktuellen „Rheingold“ zelebrierte er die Rückkehr dieses deutschen Luxusorchesters par excellence zu den von Herbert von Karajan 1967 etablierten Osterfestspielen in Salzburg nach den 13 Jahren „Fremdspielen“ zu Ostern im Festspielhaus Baden-Baden.

Petrenko ist seit Meiningen der Ring-Dirigent (neben – so viel Fairness muss sein – Christian Thielemann). Er glänzte in Bayreuth mit dem spektakulären Frank-Castorf-Ring und dann in München mit dem des wiederholten Meininger-Regiegastes Andreas Kriegenburg. Dass Petrenko jetzt in Salzburg mit dem russischen Regieaufsteiger Kirill Serebrennikov dessen für die nächsten Jahre geplanten Oster-Ring stemmt, gehört zu den Dingen in der Welt der Oper, die man sich kaum besser denken kann.

Dafür hat der bejubelte Pultstar von heute die Nibelungenhämmer in der Philharmonie einspielen lassen. Vor 25 Jahren ließ der junge Petrenko ziemlich authentisch in einer Meininger Schmiede hämmern. An jenem Probentag, an dem sich die Mielitz zwischen ihrer energiestrotzenden Probenarbeit die Zeit für ein Interview nahm, durfte der Autor für den Dirigenten mal kurz den Chauffeur spielen. Es ging vom Theater in eine Meininger Schmiede. Dorthin hatte Petrenko so viele Hämmer und Ambosse transportierten lassen, wie er für die solitäre Übergabe der Klangerzeugung vom Orchester an das außermusikalische Nibelungen-Gehämmere brauchte. Die Einspielung, die da entstand, war so immerhin gut geschmiedet (und aufgezeichnet), dass sie auch jetzt beim Lüpertz-„Rheingold“ verwendet werden konnte. Das ist mal eine Art von Nachhaltigkeit über die man getrost schmunzeln kann.