Innovationen in der Medizin
– Herausforderungen an Nachdenken und Entscheiden

von Viola Schubert-Lehnhardt

Bettina Schöne-Seifert ist Medizinerin und Philosophin, hat den Lehrstuhl für Medizinethik an der Universität Münster inne und war Gründungsmitglied des Nationalen Ethikrates sowie des nachfolgenden Deutschen Ethikrates. Insofern ist sie einem wissenschaftlichen Publikum seit langem bekannt. Mit dem vorliegenden Buch will sie jedoch eine breite Öffentlichkeit ansprechen, denn Medizinethik sei ein „nicht unwichtiger Teil unseres Lebens, unserer Kultur und unseres Umgangs miteinander“. Medizinethische Fragen gehörten zu unserem Alltag, weil alle Menschen eines Tages Patienten werden könnten beziehungsweise Angehörige seien. Das Buch stellt daher im ersten Teil mit kurzen Storys zwölf aktuelle Streitfragen vor, beschreibt die Kontroversen, dahinterstehende Interessen und zieht ein Fazit. Dieses enthält auch die persönliche Position der Autorin, wobei sie die Leserschaft ausdrücklich auffordert, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Der zweite Teil liefert die Theorie zu grundlegenden medizinethischen Fragen. Er kann eigenständig gelesen werden und ist nicht Bedingung für das Verständnis des ersten Teiles.

Behandelt im ersten Teil werden folgende Probleme: Organspende, Optimierungsmedizin, Embryonenethik, Regenbogenfamilien, Hilfe beim Suizid als ärztliche Aufgabe und zulässige Sterbewege, Todesverständnis, Alternativmedizin, Pflicht zur Impfung, Vertrauen in künstliche Intelligenz – alle Themen mit Fragezeichen versehen. Immer wieder verweist die Autorin darauf, dass das Nichtbeschäftigen Einzelner mit bestimmten Fragen zwar für diese folgenlos bleiben kann, jedoch nicht für die Gesellschaft. Insofern müsste diese Beziehungsverhältnis geregelt werden – entsprechend neuer medizinischer Erkenntnisse immer wieder neu. Dabei spielten sowohl Vertrauen als auch Gerechtigkeitsaspekte (Individualrechte versus Gemeinwohl; Triage) eine zentrale Rolle, ebenso wie die Frage, was eigentlich unser Menschsein ausmache (dies insbesondere bei Themen wie Neuro-Enhancement und Todeskriterien). Ebenso seien Fragen nach der Würde des Menschen, Verständnis von (Patienten-)Autonomie und -Selbstbestimmung wichtige Aspekte, die in Überlegungen und Entscheidungen einbezogen werden müssen. Religiöse Überlegungen seien dagegen in einer konfessionsneutralen Gesellschaft als Grundlage für Vorschriften ungeeignet.

Brennend aktuell sind Schöne-Seiferts Einschätzungen zum Nutzen von künstlicher Intelligenz für Behandlungsvorschläge: zum einen muss jedes Mal entschieden werden, ob und wieviel über den Einsatz von KI dem Patienten mitgeteilt werden muss – oder ob solche Aufklärung das Vertrauen des Patienten in den behandelnden Arzt eher untergräbt. Zum anderen verweist Schöne-Seifert darauf, dass wenn man KI grundsätzlich als Adressat von Vertrauen akzeptiere, dann auch als Träger von Verantwortung. Damit wären allerdings nicht die Hersteller, Kontrolleure, Anbieter oder Anwender von KI rechtlich oder moralisch verantwortlich für mögliche KI-Fehler, sondern ausschließlich diese selbst. Mindestens unter Schadenersatzaspekten eine höchst fragwürdige Konstellation.

Auch beim Einsatz von Chatbots (zur Patienteninformation im Internet) laute die Frage nicht, ob diese für medizinische Ratschläge eingesetzt werden sollen, sondern wie das so passieren könne, dass es den Menschen nütze.

Dennoch ist dieses Buch hervorragend geeignet, sich in aktuelle medizinethische, uns alle tangierende Lebensfragen einzulesen und gibt in seinem Anhang vielfältige Anregungen zur weiteren Lektüre.

 

Bettina Schöne-Seifert: Leben, Körper, Tod. Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik, Wallstein Verlag, Göttingen 2025, 348 Seiten, 28,00 Euro.