29. Jahrgang | Nummer 7 | 6. April 2026

Identität als Krücke oder Imponderabilien im Luftverkehr

von Jutta Grieser

Zunächst musste der dritte Stuhl vom Podium abgeräumt werden. Der dritte Mann, der zum dritten Mal zum „Perspektivwechsel“ ins Theater Ost nach Adlershof eingeladen hatte, hing noch in Zürich fest oder am Himmel über Berlin: Jedenfalls war Holger Friedrich, der Unternehmer und Verleger, Opfer des Streiks am BER, der die Flugpläne so durcheinandergebracht hatte wie der Krieg im Nahen Osten. Alles hängt mit allem zusammen, es gibt kein fremdes Leid.

Dass die dritte Gesprächsrunde erkennbar weniger Zuspruch fand als die beiden ersten, war zu erwarten. Nach Jakob Augstein (Freitag) und Matthias Döpfner (Springer) hätte Friedrich schon Putin oder den Papst einladen müssen, um die gleiche Aufmerksamkeit zu erfahren. Stattdessen hatte er jedoch Behzad Karim Khani und Per Leo zum Gespräch gebeten, die beiden Herausgeber der Weltbühne, die in Friedrichs Haus erscheint. Das angesprochene Publikum fürchtete eine Art Redaktionskonferenz, worauf nicht jeder und jede Lust zu haben schien. Die Ahnung, ich greife im Urteil bereits vor, erfüllte sich leider über weite Strecken.

Die beiden Protagonisten – promovierter Historiker und Schriftsteller der eine, geboren 1972 in Erlangen; der andere, 1977 in Teheran zur Welt gekommen, in den achtziger Jahren mit den Eltern ins Ruhrgebiet geflüchtet, erfolgreicher Buchautor und blitzgescheiter Feingeist – saßen zunächst ziemlich verloren auf dem Podium herum. In Ermangelung äußerer Impulse erzählten sie sich wechselseitig, wie sie sich kennengelernt und welche Schwierigkeiten sie mit der Rezeption der deutschen Geschichte hatten oder haben. Und dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk in seiner Berichterstattung von der Oscar-Verleihung vom Appell des Schauspielers Javier Bardem „No to war – and free Palestine“ einfach den zweiten Teil weggeschnitten hatte. Und was links sei und was Westalgie.

Mit der Feststellung „Wir sind Schriftsteller“ entschuldigte man sich, keine Lösungsvorschläge für die Weltprobleme zu haben – man könne sie beschreiben, mehr nicht …  So tropfte die Zeit dahin. Khani: „Soll ich jetzt was sagen?“ Leo: „Ja, mach mal, kommentiere meinen Kommentar!“

Nach 37 Minuten kam der erste Zwischenruf aus dem Publikum. „Das Geschwafel geht mir auf den Sack!“, rief eine Frau in der ersten Reihe. Ihre Nachbarn redeten beruhigend auf sie ein. Nicht um „Ingrid“ auf die biologische Unmöglichkeit hinzuweisen, sondern um sie um Höflichkeit gegenüber den beiden sich mühenden Intellektuellen zu ersuchen.

Nach weiteren zwanzig Minuten – die Uhr zeigte 20:26 – griff die am Rande stehende Intendantin ein. Sie war sich der Notwendigkeit einer dringenden Hilfestellung bewusst. Intellektueller Leerlauf selbst auf höchstem Niveau wirkt eher wie Melisse und nicht wie Methamphetamin, vulgo eher als Downer denn als Upper, wie man in der Szene sagt. Kathrin Schülein, Kämpferin für das Theater wie für unterhaltsame Spannung auf der Bühne, versuchte also das dahinfließende Geplätscher ein wenig in geordnete Bahnen zu lenken, indem sie feststellte, dass auf der Bühne der Westen säße und im Publikum der Osten, der – mit Blick auf den Titel der Gesprächsreihe – von den beiden vielleicht eher wissen wolle, wie sie etwa auf das unsägliche Wirken der Treuhand und dessen Folgen blickten. Der eine verwies darauf, ein Nicht-Linker zu sein, der andere erklärte sich zum Anarcho-Kommunisten, doch dann schwebte, gottlob, zwar nicht der Allmächtige, aber zumindest der HErr des Abends herein: mit lederner Tragetasche, die er stets mit sich führt, und ohne Socken, wie man ihn kennt. Man sah es Holger Friedrich an, dass er seit morgens um drei unterwegs war. Er setzte sich auf den wieder herbeigeholten Stuhl – als Ostdeutscher zwischen den westdeutschen Schlaumeier und den westdeutschen Bürgerschreck, wie er explizit erklärte.

Die beiden waren mindestens so dankbar wie das Publikum, denn plötzlich bekam das Gespräch Struktur, Tempo und Witz. Es muss hier nicht detailliert wiedergegeben werden – das kann man sich alles auf YouTube anschauen, denn die Berliner Zeitung zeichnete auch diesmal alles auf und stellte es ins Netz. Damit den erklärten Intentionen des eigentlichen Kopfes der Berliner Zeitung, der Ostdeutschen Allgemeinen und der Weltbühne folgend: Man muss reden! Nicht übereinander, nicht über die Köpfe, sondern miteinander. Und zwar mit Respekt.

Die drei auf der Bühne demonstrierten es. Auch wenn Friedrich gelegentlich ironisch in seine Reaktion auf Leos Feststellungen einfließen ließ, dass dem da wohl die Schulbildung der DDR fehle …

Es kamen zwei Möbel ins Gespräch: das Sofa, auf dem der bekennende Besserwessi bereits eingangs den bequemen, saturierten, trägen Westen verortet hatte, und der Tisch. Friedrich sprach über die Erfahrung, dass der globale Osten (und Süden) vom Tisch des reichen Westens (und Nordens) bewusst ferngehalten werde und nunmehr zum Schluss gekommen sei, dass es wohl besser wäre, sich selbst einen zweiten, einen eigenen Tisch zu bauen. Und wenn die dort sich versammelnde Gemeinde die interessantere Runde werde, mit den besseren Gerichten und Getränken und den kreativeren Gedanken, die offen ausgetauscht würden, dann verlöre die andere Tafel weiter an Attraktivität.

Dieser Gedanke hatte was für sich.

Und dann brachte der Autofahrer Friedrich, der mal Germanistik studiert hatte, noch eine weitere Metapher ins Gespräch. Er schaue lieber nach vorn durch die Frontscheibe als in den Rückspiegel, denn der sei kleiner. Man merkte schon, dass die drei in der Literatur bewandert sind, denn Bilder und Sprache unterschieden sich vom gängigen Journalistendeutsch. Vielleicht allerdings ist das auch der Webfehler der neuen Weltbühne: Sie ähnelt mehr der seinerzeitigen Zeitschrift für Literatur und Kultur Sinn und Form und weniger der Weltbühne von Maud von Ossietzky, Hans Leonhard, Hermann Budzislawski und Peter Theek, die den journalistischen Olymp in der DDR pflegten – eine intellektuelle Pralinenschachtel, die für jeden Geschmack etwas bereithielt.

Warum das Bekenntnis zur ostdeutschen Herkunft, wurde Friedrich gefragt. Sei das nicht der Blick in den Rückspiegel? Nein, sagte Friedrich, Identität ist wie eine Krücke, auf die man sich stützt.

Und wenn man angekommen ist, dann braucht man sie nicht mehr und wirft sie weg, erkundigte sich Leo.

Keineswegs, dann ist es ein Erinnerungsstück, eine Reliquie. Und die halte man in Ehren.

Nach mehr als drei Stunden war Schluss, die Leute auf dem Podium waren so müde wie die im Saal verbliebenen. Die Zahl der Fragen aus dem Publikum war darum endlich, die Antworten zumeist unbefriedigend. Wie ist das mit den Kriegen gegen den Iran, im Nahen Osten und im nahen Europa? Wie kommen wir zu Abrüstung und Frieden? … Die kollektive Ratlosigkeit, da muss man die drei Männer auf dem Podium ausdrücklich in Schutz nehmen, war nicht deren Fantasielosigkeit geschuldet, sondern den Imponderabilien im aktuellen Geschehen, weit größeren als denen im Luftverkehr zwischen Zürich und Berlin.

Noch weiß man nicht, wann und mit wem die vierte Runde im Theater Ost stattfinden wird. Vielleicht zur Abwechslung auch mal mit einer Frau? Nur so als Anregung.